mini|Endla-Theater (2024) mini|Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Jugendstil-Gebäude Das Theater Endla ist ein staatliches Repertoiretheater in der westestnischen Stadt Pärnu.

Das Theater geht auf den 1875 gegründeten Gesang- und Spielverein Endla zurück und ist seit 1911 als Berufstheater tätig. Es gilt als drittältestes professionelles Theater Estlands. Der Verein erhielt den Namen Endla nach dem Endla-See in Mittelestland. Der Name verweist auf die estnische Sagenwelt, in der der See und seine Umgebung eine für das Nationalbewusstsein der Esten bedeutende Rolle spielen.

Über die Theatergeschichte hinaus besitzt das Endla-Theater eine besondere Bedeutung für die estnische Nationalgeschichte. Am 23. Februar 1918 wurde vom Balkon des damaligen Theater- und Vereinshauses erstmals öffentlich das Manifest an alle Völker Estlands verlesen, die Unabhängigkeitserklärung der Republik Estland. Der aus Pärnu stammende Abgeordnete des Provisorischen Landtags des Gouvernements Estland Hugo Kuusner (1887–1942) verlas den Text am Abend vor einer auf dem Rüütli plats versammelten Menschenmenge.

Das heutige Theatergebäude aus den 1960er Jahren befindet sich am Keskväljak 1 im Zentrum Pärnus. Es verfügt über einen großen Saal mit 572 Plätzen und die Studiobühne Küün mit bis zu 150 Plätzen.

Geschichte Anfänge Die Theatertradition in Pärnu reicht bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück. Bereits 1824 wurde dort eine vollständig estnischsprachige Theateraufführung gezeigt.

1875 gründeten Handwerker, Kaufleute und Intellektuelle in Pärnu nach dem Vorbild des Vanemuine-Vereins in Tartu einen Gesang- und Spielverein. Der Verein erhielt nach dem Endla-See in Mittelestland den Namen Endla. Zu seinen Zielsetzungen gehörten neben dem Gesang die Aufführung von Theaterstücken und die volkspädagogische Tätigkeit.

1898 wurde der erfolgreiche Reeder und Kapitän August Klein (1865–1940) zum Vorsitzenden des Vereins gewählt. Unter seiner Führung gewann das Vereinsleben an Bedeutung; zugleich wurde der Bau eines eigenen repräsentativen Hauses vorangetrieben.

Das Theatergebäude von 1911 Das erste eigene Theater- und Vereinshaus entstand am Rüütli plats im Zentrum Pärnus. Den grundlegenden Raumplan lieferte der Architekt und Ingenieur Georg Hellat, die architektonische Ausführung übernahmen Alfred Jung und Erich von Wolffeldt im Jugendstil. Der Bau vereinte Theater-, Vereins- und Geschäftsräume.

Die feierliche Eröffnung fand am statt. Am folgenden Tag wurde August Kitzbergs Drama Libahunt („Der Werwolf“) erstmals aufgeführt. Mit der Eröffnung des Hauses begann die Geschichte des Endla als professionelles Theater.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich das Endla zu einem festen Bestandteil des estnischen Theaterlebens. Das Repertoire umfasste neben der Schauspielkunst unter anderem Komödien, Operetten und weitere musikalische Bühnenformen. Zu den frühen künstlerisch prägenden Leitern gehörten Aleksander Teetsov und Karl Jungholz.

Das Endla und die Ausrufung der Republik Estland Bereits am 23. Februar 1918 erreichte der Text der estnischen Unabhängigkeitserklärung Pärnu, des später als Manifest an alle Völker Estlands bekannten Dokuments. Am Abend wurde er auf dem Balkon des Endla-Theater- und Vereinshauses von dem Abgeordneten Hugo Kuusner öffentlich verlesen. Die Verlesung erfolgte gegen 20 Uhr vor einer auf dem Rüütli plats versammelten Menschenmenge.

Damit wurde das Manifest in Pärnu erstmals öffentlich verlesen. Die eigentliche staatliche Unabhängigkeitserklärung war Teil eines politischen Prozesses, der sich in den folgenden Tagen an mehreren Orten Estlands vollzog. Der 24. Februar wurde später als estnischer Unabhängigkeitstag zum staatlichen Gedenktag.

Zerstörung des historischen Gebäudes im Zweiten Weltkrieg Im September 1944 wurde das historische Endla-Gebäude während der Kämpfe und des Rückzugs der deutschen Wehrmacht schwer beschädigt. Am Folgetag geriet das benachbarte Schulgebäude in Brand; das Feuer griff auf das Endla über. Am selben Abend wurde Pärnu zudem von sowjetischen Flugzeugen bombardiert.

Das Gebäude wurde nach Kriegsende nicht wiederaufgebaut. Zwar existierte nach dem Krieg ein Wiederaufbauprojekt, doch entschieden sich die zuständigen sowjetestnischen Behörden schließlich für einen Neubau an anderer Stelle. In der Architekturgeschichtsschreibung wird neben den städtebaulichen und wirtschaftlichen Umständen auch die politische Symbolik des Gebäudes für die Republik Estland als möglicher Grund für den Verzicht auf einen Wiederaufbau genannt: Der Balkon blieb für die Esten Erinnerungsort der estnischen Unabhängigkeit.

Die Ruinen wurden am 6. März 1961 gesprengt. Auf dem früheren Standort befindet sich heute ein Hotel. An die historische Bedeutung des Ortes erinnert ein Denkmal, das den Balkon des ehemaligen Endla-Gebäudes in annähernder Originalgröße rekonstruiert. Das Denkmal wurde 2008 eingeweiht.

Neubau am Zentralplatz Nach der Zerstörung des historischen Gebäudes arbeitete das Ensemble zunächst in provisorischen Räumlichkeiten, unter anderem im Gebäude der Pärnuer Filiale der Eesti Pank.

Der Neubau wurde nach einem 1959 fertiggestellten Entwurf des Architekten Ilmar Laasi errichtet und am 3. November 1967 eröffnet. Er entstand am neu angelegten Keskväljak und war ursprünglich nicht ausschließlich als Theater, sondern als Kombination aus Theater und städtischem Kulturhaus konzipiert. Der Bau folgte einer für die Sowjetunion typischen Typenbaulösung.

Der heutige Bau ist ein sachlich-modernistischer, symmetrisch gegliederter Baukörper. Zu den charakteristischen Elementen gehören die große Fensterfläche an der Hauptfassade, das geschwungene Vordach über dem Haupteingang sowie die durch Rundfenster und Lisenen gegliederten Seitenfassaden.

Entwicklung seit 1967 Mit dem Neubau verbesserten sich die technischen und räumlichen Voraussetzungen des Theaters erheblich. Der große Saal verfügt über rund 600 Plätze und eine vollwertige Drehbühne.

1968 begann die bis heute bestehende regelmäßige Sommerspielzeit des Endla. Sie nutzt die besondere Bedeutung Pärnus als estnischer Kur- und Urlaubsort an der Ostsee und wurde zu einem charakteristischen Bestandteil des Profils des Theaters. In späteren Jahren kamen auch spezielle Freilichtproduktionen außerhalb des Theatergebäudes hinzu.

Das Theater entwickelte sich während der sowjetischen Zeit zu einem vielseitigen Repertoirehaus. Nach der Wiederherstellung der estnischen Unabhängigkeit wurde das Gebäude umfassend modernisiert. Die Arbeiten begannen 2001; die Wiedereröffnung des renovierten Hauses erfolgte am 8. Dezember 2001.

Im Zuge des Umbaus entstand die Studiobühne Küün. Der Name („Scheune“) erinnert an die einfachen, scheunenartigen Räume, die im 19. Jahrhundert für Theateraufführungen in Pärnu genutzt worden waren. Die Bühne wurde am 22. Dezember 2001 eröffnet.

Gegenwart Das Endla ist heute ein staatlich gefördertes und renommiertes Repertoiretheater. Sein Spielplan reicht von der Weltklassik und der estnischen Dramatik bis zu zeitgenössischen Bühnenwerken, Komödien und musikalischen Produktionen. Die Sommerspielzeit und gelegentliche Freilichtaufführungen gehören zu den Besonderheiten des Hauses.

Neben dem großen Saal bespielt das Theater die Studiobühne Küün mit bis zu 150 Plätzen. Nach Angaben der Eesti Teatri Agentuur gibt das Endla jährlich etwa 330 Vorstellungen, davon rund 280 im festen Theaterbetrieb.

Zum Haus gehören außerdem weitere öffentliche Einrichtungen und Veranstaltungsangebote, darunter ein Café und eine Galerie. Das Theater ist damit nicht nur Spielstätte, sondern auch ein kultureller Veranstaltungsort für die Stadt Pärnu.

Einzelnachweise

Weblinks

Offizielle Website des Endla-Theaters Eintrag des Endla-Theaters bei der Eesti Teatri Agentuur

Kategorie:Theater (Estland) Kategorie:Pärnu Kategorie:Gegründet 1911