mini|Michael Lerner bei der Occupy-Oakland-Bewegung im November, 2011 Michael Phillip Lerner (geboren 7. Februar 1943 in Newark; gestorben 28. August 2024 in Berkeley) war ein US-amerikanischer Rabbiner, politischer Aktivist, Autor und Publizist.
Er gründete zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Nan Fink Gefen im Jahre 1986 die progressive jüdische Zeitschrift Tikkun, deren Herausgeber er auch war. Als Rabbiner wirkte er in der Beyt-Tikkun-Synagoge in Berkeley, Kalifornien. Er war ein Vertreter des Jewish Renewal. Bekannt wurde Lerner durch seine Beteiligung an der US-amerikanischen Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg.
Leben und Wirken mini|Rabbi Lerner Michael Lerner wurde im Newarker Stadtteil Weequahic geboren als Sohn des Richters Joseph H. Lerner (1914–2008) und Beatrice I. Lerner, geborene Hirschman (gest. 1992), einer Beraterin von Politikern.Michael Lerner, 81, Is Dead; Founder of a Combative Jewish Magazine, The New York Times, 6. September 2024, auf nytimes.com Er hatte eine jüngere Schwester, Trish Vradenburg (1946–2017). Als Kind besuchte er die private, vom interkonfessionellen Christentum geprägte Far Brook Country Day School.Marion Küstenmacher, Tilman Haberer, Werner Tiki Küstenmacher: Gott 9.0. Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-06546-5, S. 165 Sein jüdisches Elternhaus war stark von jüdischer Kultur und dem zeitgenössischen jüdischen Selbstverständnis geprägt, und er nahm dreimal wöchentlich Hebräischunterricht.Michael Lerner: The Politics of Meaning: Restoring Hope and Possibility in an Age of Cynicism. 1997, S. 258–259. Rückblickend schrieb er, dass er sowohl die christlich-religiöse Kultur an seiner Schule als auch deren religiöse und geistige Traditionen schätzte.Judith Mahoney Pasternak: Remembering Michael Lerner, 1943-2024, Jewish Voice of Conscience, The Independent, 7. September 2024, auf indypendent.org Nach einem Wechsel schloss er die öffentliche Weequahic High School 1960 ab.Distinguished Weequahic Alumni (PDF), S. 3, auf weequahicalumni.org
1972 erwarb er an der University of California, Berkeley, einen Doktorgrad in Philosophie und promovierte 1977 am Wright Institute in Berkeley im Bereich der klinischen und sozialen Psychologie (PhD in Clinical/Social Psychology)., auf tikkun.org An der University of California engagierte sich Lerner in der Studentenbewegung und wurde zu einer führenden Persönlichkeit des dortigen Free Speech Movements. Er war Vorsitzender der „Free Student Union“ und leitete von 1966 bis 1968 die Berkeley-Gruppe der Students for a Democratic Society (SDS).
Nach seiner Promotion zog Lerner nach Hartford, Connecticut, und lehrte bis 1975 Philosophie am Trinity College. Anschließend kehrte er nach Berkeley zurück und arbeitete im „Field Studies Program“ der University of California, wo er bis 1976 Rechts- und Wirtschaftswissenschaften unterrichtete. Danach lehrte er ein Jahr lang Soziologie an der Sonoma State University und gab dort unter anderem Kurse zur Sozialpsychologie.
1976 gründete Lerner das „Institute for Labor and Mental Health“,Institute For Labor & Mental Health, Berkeley, CA. Tax-exempt since March 1979, EIN: 94-2527904. Propublica, Nonprofit Explorer, auf projects.propublica.org eine Nonprofit-Organisation. Ziel der Einrichtung war es, mit der Arbeiterbewegung zusammenzuarbeiten und die psychologischen und gesellschaftlichen Bedingungen der US-amerikanischen Gesellschaft zu untersuchen.
1979 erhielt Lerner ein Forschungsstipendium des National Institute of Mental Health (NIMH). Damit untersuchte er unter anderem Möglichkeiten, Gewerkschaftsvertreter für die Prävention psychischer Erkrankungen auszubilden. In weiteren Untersuchungen beschäftigte er sich mit den psychologischen Grundlagen der US-amerikanischen Politik und Gesellschaft. Dabei entwickelte er die These, dass eine „spirituelle Krise“ sowohl politischen Wandel als auch psychische Belastungen in der amerikanischen Gesellschaft beeinflusse. Diese Überlegungen übertrug er später auch auf wirtschaftliche Fragestellungen.
Nach zwanzig Jahren des Studiums, darunter drei Jahre als Student am Jewish Theological Seminary, erhielt Lerner 1995 die Rabbinerordination.Leslee Goodman: At-One-Ment: in Conversation with Rabbi Michael Lerner Daily Good. Mar 30, 2019, auf dailygood.org Unter dem Einfluss seiner Lehrer, den Rabbanim Abraham Joshua Heschel und Zalman Schachter-Shalomi, sowie der neo-chassidischen jüdischen Erneuerungsbewegung gründete Rabbi Lerner 1996 die Synagoge Beyt Tikkun in Berkeley.Rabbi Michael Lerner’s Obituary. In: beyttikkun.org.
Im Februar 2009 gab Lerner bekannt, dass er an Lungenkrebs erkrankt sei, und thematisierte die Erkrankung in zahlreichen Publikationen. Im März 2009 unterzog er sich erfolgreich einem thoraxchirurgischen Eingriff.Rebecca Spence: Tikkun's Founder: 'I Have Cancer,' Give to My Cause., Jewish Daily Forward, 4. März 2009, auf forward.com Lerner starb 2024 im Alter von 81 Jahren in seinem Zuhause in Berkeley. Zuletzt litt er an einer Herzinsuffizienz und nahm, wie im Rahmen des California End of Life Option Act vorgesehen, die assistierte Sterbehilfe in Anspruch.
Privates Lerner war mehrfach verheiratet, in erster Ehe mit Theirrie Cook, mit der er einen Sohn hatte. Seine zweite Frau war Nan Fink Gefen.Jo Ellen Green Kaiser: Remembering Rabbi Michael Lerner, religious and political visionary. Founding editor of the left-wing Jewish magazine Tikkun, Lerner’s ideas about a politics of meaning brought him a national following and a fan, for a time, in Hillary Clinton. The Jewish News of Northern California, Sept. 23, 2024, auf berkeleyside.org Von 1998 bis zur Scheidung im Jahr 2014 war er mit Debora KohnHoliday Reflections from our Rabbi, auf jhslf.org verheiratet und ab 2015 mit Cat Zavis;Rabbi Cat Zavis Biography, Beyt Tikkun, auf beyttikkun.org die beiden trennten sich 2024.Emily Langer: Michael Lerner, activist rabbi who founded Tikkun magazine, dies at 81., The Washington Post, 6. September 2024, auf washingtonpost.com
Die „Seattle Seven“ Nach der Auflösung beziehungsweise dem Zerfall der „Students for a Democratic Society“ gründete Lerner im Januar 1970 gemeinsam mit anderen Aktivisten die Seattle Liberation Front (SLF). Die Organisation entstand aus dem Umfeld der radikalen US-amerikanischen Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg. Die SLF war eine politische Gruppe der radikalen Anti-Vietnamkriegsbewegung in Seattle, sie bestand bis etwa Ende 1971.
Die „Seattle Seven“ waren sieben Aktivisten, die 1970 im Zusammenhang mit einer von der SLF organisierten Demonstration in Seattle angeklagt wurden.Tom Byers: Seattle Legal Defense., The New York Review, 11. Februar 1971, auf nybooks.com Die Demonstration fand am 17. Februar 1970 statt und richtete sich gegen die Urteile im Prozess gegen die „Chicago Seven“. Unter dem Namen „The Day After“ fanden an diesem Tag in mehreren US-amerikanischen Städten Protestaktionen statt. In Seattle eskalierte die Demonstration vor dem Bundesgerichtsgebäude zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.Walt Crowley: Seattle Liberation Front, HistoryLink.org
Am 16. April 1970 erhob eine Grand Jury der Bundesregierung Anklage gegen acht Aktivisten wegen einer Verschwörung zur Anstiftung zu einem Aufruhr. Angeklagt wurden neben Lerner Michael Abeles, Joe Kelly, Jeff Dowd, Susan Stern, Charles „Chip“ Marshall III, Roger Lippman und Michael Justesen. Da Justesen sich der Verhaftung entzog und untertauchte, wurden die sieben verbliebenen Angeklagten als „Seattle Seven“ bekannt.Walt Crowley: Grand jury indicts Seattle Liberation Front (SLF) leaders on April 16, 1970, for conspiracy to riot in planning February demonstration., HistoryLink.org, auf historylink.orgKit Bakke: Protest on Trial: The Seattle 7 Conspiracy. Washington State University Press, 2018, ISBN 978-0-874-22356-9.Professor Henry Buechel telling Seattle Liberation Front member to leave his classroom, University of Washington, Seattle, February 11, 1970, University of Washington Libraries Der Prozess begann am 6. November 1970 vor dem Bundesbezirksgericht in Tacoma unter dem Vorsitz des Bundesrichters George H. Boldt. Von Beginn an kam es zu Spannungen zwischen dem Gericht, den Angeklagten und ihren Unterstützern. Die Angeklagten nutzten das Verfahren wiederholt, um auf politische Fragen im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg und der staatlichen Verfolgung der Antikriegsbewegung aufmerksam zu machen. Gleichzeitig kam es zu Störungen des Gerichtsverfahrens und Auseinandersetzungen über den Zugang von Zuschauern zum Gerichtssaal.
Der Prozess erregte landesweit Aufmerksamkeit. Während des Verfahrens bezeichnete der damalige FBI-Direktor J. Edgar Hoover Lerner öffentlich als „einen der gefährlichsten Kriminellen der Vereinigten Staaten“. Lerner selbst war jedoch nicht wegen einer unmittelbaren Beteiligung an den Gewalttätigkeiten während der Demonstration angeklagt. Im Verlauf des Verfahrens geriet zudem die Rolle des FBI bei der Eskalation der Proteste in den Mittelpunkt. Spätere Aussagen von Bundesagenten und FBI-Informanten führten zu Vorwürfen, dass das FBI durch seine Informanten und Agenten zur Eskalation der Proteste beigetragen habe.Rick Anderson: , Seattle Weekly, 4. Mai 2010
Die Spannungen nahmen im Verlauf des Prozesses zu, sodass Boldt am 10. Dezember 1970 die Geschworenen entließ und das Verfahren wegen der Beeinträchtigung des Prozessablaufs für gescheitert erklärte. Er erklärte ein MistrialEin „Mistrial“ (deutsche Übersetzung meist „Fehlprozess oder ungültiger Prozess“) ist ein Gerichtsverfahren, das von einem Richter vor einer endgültigen Entscheidung für ungültig erklärt wird. Ursächlich sind ein schwerer Verfahrensfehler, unvorhergesehene Probleme oder wenn sich die Geschworenen nicht einigen können. und leitete zugleich ein Verfahren wegen „Missachtung des Gerichts“ () gegen die Angeklagten ein. Bei einer weiteren Eskalation im Gerichtssaal griffen US Marshals ein. Richter Boldt verhängte daraufhin gegen alle sieben Angeklagten Haftstrafen wegen Missachtung des Gerichts.The Police Threat To Political Liberty. (PDF; 4,6 MB), National Anti-Repression Monitoring Project (NARMIC), American Friends Service Committee, 1979, S. 87 Lerner wurde anschließend in das Bundesgefängnis Terminal Island in San Pedro, Kalifornien, überstellt. Dort war er mehrere Monate inhaftiert. Ein Bundesberufungsgericht (United States Court of Appeals for the Ninth Circuit) hob später seine Verurteilung wegen Missachtung des Gerichts auf und ordnete seine Freilassung an. Das von Boldt erklärte „Mistrial“ beendete die ursprüngliche Strafverfolgung wegen der Verschwörung zur Anstiftung eines Aufruhrs nicht unmittelbar. Die Anklage führte jedoch zu keiner Verurteilung. Die strafrechtlichen Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Aufruhr wurden schließlich von der Bundesregierung fallengelassen.
Das sogenannte Lerner Act Im Zusammenhang mit Lerners politischer Tätigkeit verabschiedete der Bundesstaat Washington ein Gesetz, das der University of Washington die Beschäftigung von Personen untersagte, denen möglicherweise illegale politische Aktivitäten vorgeworfen werden konnten. Lerners Vertrag an der Universität wurde daraufhin nicht verlängert. Das Gesetz wurde später vom Obersten Gerichtshof des Bundesstaates Washington () für ungültig erklärt.
Veröffentlichungen (Auswahl) The New Socialist Revolution.Delacorte Press, New York 1973, ISBN 978-0-440-06372-8. Surplus Powerlessness: The Psychodynamics of Everyday Life and the Psychology of Individual and Social Transformation. Institute for Labor & Mental Health, Oakland 1986, ISBN 978-0-935933-01-7. The Socialism of Fools: Anti-Semitism on the Left. Institute for Labor & Mental Health, Oakland 1992, ISBN 978-0-935933-05-5. Jewish Renewal: A Path to Healing and Transformation. Putnam Adult, New York 1994, ISBN 0-399-13980-X.