Ländliches Fest ist der Titel einer 1968in der Sammlung Ländliches Fest erschienenen satirischen Erzählung von Gabriele Wohmann. Sie handelt von einer sommerlichen Abend-Veranstaltung, bei der die formelhaften Plaudereien der Gesellschaft von den Nachrichten über ein tot aufgefundenes Kind überlagert werden, welche zunehmend die Gedanken der Erzählerin besetzen.
Inhalt In der Erzählung von einem bürgerlichen Abendfest, an dem die Erzählerin mit ihrem Freund teilnimmt, herrscht anfänglichGabriele Wohmann: Ländliches Fest. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 140–148. ein collageartiges Stimmengewirr aus Begrüßungs- und Dankeszeremonien (Guten Abend, Frau Lampada. Nett, dass sie doch noch gekommen sind. Ich konnte mich gerade noch so eben frei machen.), Einladungen zum Essen und Trinken, Komplimenten über das Fest und die Kochkünste (Es freut mich sehr, dass es Ihnen gefällt, Sie übertreiben, meine Beste. Das Rezept, liebe Signora, verrate ich Ihnen auch noch eines Tages), Konversation über Kultur (Diese Antike und so weiter. Hier wurde doch wenigstens gelebt. Wie diese Leute damals bauen konnten. Ich sage: BAUEN; New Brutalism. Diese Bibelautoren, die wussten doch so weit Bescheid), Sprachen (Eine Sprache erlernt man, indem man sie liebt), Reisen (eine ewige Stadt, nicht wahr. Und in diesem Land diese ländlichen Feste, einmalig, diese bösartigen, wohlschmeckenden Fische, diese Lohndiener), Schriftsteller und Literatur (ihr Mann schreibt unaufhörlich Sachen über die Négritude. Scrittore, das, was der Herr ist, beginnt mit einem sogenannten unreinen »s«. Jedoch an einem Gedicht über einen schönen Tod hat ihm von jeher am meisten gelegen), Aufforderungen zum Tanz (Jetzt legen wir aber mal eine Sohle aufs Parkett), Eifersüchteleien (Geht er etwa zu der Blonden), Tratsch und Lästereien (Dem Idealisten ist so manches aufgegangen, wissen Sie, als er längs der Tiber getigert ist, Das bleibt aber unter uns. Das nennt man nicht Tanzen, das sind Rüttelbewegungen).
Diese die Erzählerin umschwirrenden Gesprächsfetzen durchziehen Nachrichten von einem an einem Bahndamm zwischen Brennnesselstauden von einem Werkstudenten gefundenen toten Kind und Gerüchten über Verletzungen, Ursachen und Untersuchungsergebnisse (Das tote Kind beherrscht seine Landessprache schon ganz gut. Rigor mortis. Denken Sie nur einen Moment an die Lage er Eltern. Sie haben das Kind in die Brennnesselstauden geworfen, vielleicht auf der Durchreise. Tot nach einem schönen Tod im Grünen). Das Schicksal des Kindes beschäftigt die Erzählerin, während ihr Freund immer wieder versucht, sie zum Tanzen zu animieren.
Im letzten Teil der ErzählungGabriele Wohmann: Ländliches Fest. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 149–153. tritt die Ich-Erzählerin in den Vordergrund. Sie überdenkt und kommentiert den Tod des Kindes und seine existentielle Situation, bis sie die Nachricht erreicht, dass das Kind an einer Bronchitis gestorben ist. Dieses Untersuchungsergebnis stellt die Ordnung wieder her, „wie es üblich ist“. „Wir machen weiter, weiter mit den Veränderlichkeiten der Adjektive, weiter mit dem schönen Blick ins nun dunkle Grün all der Säulen, der Pinien, der Schafherden, der Stauden, schöner grüner Tod, Aufhören von Hustenkitzel, schöne Krawatten, schönes blondes Haar, und vor lauter Erschöpfung, vielleicht bei Aphasie – die dem Kind die Möglichkeit nahm, Umwelteindrücke in Empfindungen umzusetzen – vor Schwäche nur geringer Juckreiz in den Brennnesseln. Gott wurde nicht um Hilfe angegangen. […] Wo ist da jemand, der da lebt und den Tod nicht sähe, der seine Seele errette aus des Todes Hand? […] Schön kühlt es jetzt ab, schönes Gebüsch, schön wenn man einen Freund hat, wir warten ab, wir haben es mal wieder geschafft: schöne Todesarten, so lange man lebt.“Gabriele Wohmann: Ländliches Fest. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 252, 253.
Rezeption und Interpretation Gabriele Wohmann war in den 1970er und 1980er Jahren eine erfolgreiche, viel gelesene Autorin und gilt als eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der Kurzgeschichte in Deutschland. Nach Reich-Ranickis Einschätzung, gibt es im „Bereich der Kurzgeschichte […] im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die Gabriele Wohmann auch nur gleichkommen“.Marcel Reich-Ranicki: Bitterkeit ohne Zorn. In: zeit.de. 21. Juli 1967 ScheidgenIlka Scheidgen: Fünfuhrgespräche. Zu Gast bei Günter Grass, Peter Härtling, Herta Müller, Peter Rühmkorf, Dorothee Sölle, Arnold Stadler, Carola Stern, Martin Walser, Gabriele Wohmann, Eva Zeller, Kaufmann. Lahr, 2008, S. 178. und KrauseTilman Krause: Die Gréco an der Schreibmaschine. In: welt.de. 19. Mai 2012 schließen sich diesem Urteil an: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte“, bzw. als „Königin der Kurzgeschichte“.
Literaturkritiker zählen wesentliche Teile von Wohmanns Werk der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung zu. Viele ihrer Romane und Erzählungen handeln von Familien- und Paarbeziehungen (Der Schwan, Wenn der Wolf geht, Der Antrag, Sonntag bei den Kreisands) und von der Situation des Kindes in der Welt der Erwachsenen (Die Klavierstunde, Paulinchen war allein zu Haus, Muränenfang).
Zwar sind zu Wohmanns Hunderten von Erzählungen und Kurzgeschichten nur wenige Einzelrezensionen bekannt, aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu ihren Themen und Stilmerkmalen, die auch auf die 1967 entstandene und zuerst 1968 im Sammelband „Ländliches Fest“ zutreffen: Die „zentrale Situation […] ist das Beziehungsgefüge in der Familie oder in Kleingruppen, wobei sich die Konstellation, jeweils nur leicht verändert, wiederholen“. Wohmanns Texte setzen sich „aus minutiös beschriebenen Kleinszenen oder Dialogen zusammen, die genaue Beobachtung ersetzt die klärende Reflexion“. Rötzers Beschreibung Wohmanns kann auf die Erzählerin im ländlichen Fest übertragen werden: „Viele Gestalten sind Projektionen des eigenen Konflikts der Autorin: Sie durchschaut die antiintellektuelle Bürgerlichkeit, aber sie kann nicht das Stützkorsett bürgerlicher Lebensformen und Sozialordnungen ablegen.“Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg 1992, S. 455. Die Analyse der Verhältnisse von Menschen untereinander habe die Autorin bei Tschechow gelernt, seine ruhige Art der Konfliktbeschreibung sei auch die ihre.Jörg Sundermeier: Nachruf Gabriele Wohmann. Die begnadete Vielschreiberin. taz, 24. Juni 2015 https://taz.de/Nachruf-Gabriele-Wohmann/!5206651/ Als „Diagnostikerin des privaten Alltags“ könne man sie mit der Kanadierin Munro, dem Amerikaner Updike oder der Engländerin Simpson vergleichen.Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags. Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf
Hinck verweist in seiner Untersuchung auf Bergsdorfs („Die ganz normale Katastrophe des Alltäglichen“) Bemerkung, dass sich Wohmann auf die Wirklichkeit nicht politisch agitierend, sondern psychologisch sondierend einlässt und führt weiter aus, Wohmanns Feld sei, wenn sie sich mit „der Rolle der Frau und mit den Fragen der Erziehung“ auseinandersetze, nicht „die Gesellschaftskritik, die auf durchgreifende Änderungen dringt, sondern die Enthüllung zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten und menschlicher Unzulänglichkeiten“. Wohmann betreibe „keine Denunziation, sondern Nachbarschafts-Diagnose, die insgeheim und ganz ohne moralische Appelle auf therapeutische Wirkung setzt“.Walter Hinck: Gabriele Wohmann zum Siebzigsten Rebellion gegen die Behaglichkeit. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
Nach Eichmann-Leutenegger trifft Wohmanns Blick, der oft als „böser Blick“ bezeichnet worden sei, in ihren psychologischen Skizzen ungemein scharf. Ihre Diagnose falle „bissig“ aus, „jeder noch so unscheinbare Tic“ gerate ans Tageslicht.Beatrice Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf.
In einem Interview widerspricht Wohmann dem Bild von ihr als unpolitische Autorin: „[D]ass Politik wichtig ist und in meinem Leben eine große Rolle spielt, sollte man schon merken. Kritiker haben mich oft festgelegt auf »kleine Alltagsnöte in unserem kleinen Alltag«. Aber auch in den Alltagsgeschichten spielt ja etwa Erziehung eine Rolle – das ist ja nun nicht unpolitisch. Politisch sein, kann ja auch bedeuten, nicht mit allem einverstanden zu sein.“Georg Magirius in: Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
Im Ländlichen Fest verbindet die Autorin die Alltagshandlung einer Party, die schematisierten Gesprächs- und Gesellschaftsformen mit der Thematik des Lebens und des Todes, ausgehend von einem anfänglich vermuteten Verbrechen an einem Kind. Wohmann erklärte in einem Interview, dass Gespräche über religiöse und existentielle Fragen Teil ihrer Sozialisation waren: Das Beunruhigende liege „in unserer Existenz, in unserer Vergänglichkeit. Das hat mir tatsächlich schon als Kind zu schaffen gemacht: Wenn schöne Dinge vorbei waren – furchtbar! […] Es geht alles vorbei“.Georg Magirius in: Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
Veröffentlichungen Ländliches Fest. Entstehungsjahr: 1967. Erstveröffentlichung: 1968. Weitere Publikationen in Erzählsammlungen:https://archiv.georgmagirius.de/download/buch_frau_saemtliche_Erzaehlungen.pdf Ländliches Fest und andere Erzählungen. Luchterhand Verlag Berlin/Neuwied, 1968. Selbstverteidigung. Prosa und anderes. Luchterhand Verlag Darmstadt/Neuwied, 1971. Nachrichtensperre. Ausgewählte Erzählungen. Aufbau Verlag Berlin/Weimar, 1978. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Bd. 2. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1979.
Anmerkungen
Kategorie:Werk von Gabriele Wohmann Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Erzählung