mini|Kugelmannplatz in Wardenburg Der Kugelmannplatz ist ein zentraler öffentlicher Platz und ein Gedenkort in Wardenburg im Landkreis Oldenburg (Niedersachsen). Der Platz wurde im Jahr 2009 offiziell eingeweiht. Er dient dem Gedenken an die jüdische Familie Kugelmann, die im Nationalsozialismus verfolgt und im Holocaust ermordet wurde.

Geographie

Name Der Platz ist nach der Familie Kugelmann benannt, welche die einzige jüdische Familie war, die vor und während der Zeit des Nationalsozialismus in Wardenburg ansässig war. Über drei Generationen hinweg war die Familiengeschichte eng mit dem Ort verbunden. Die Benennung soll die Erinnerung an die Kugelmanns und ihr Schicksal dauerhaft im öffentlichen Raum bewahren.

Lage und Umgebung Der Kugelmannplatz befindet sich im Zentrum Wardenburgs. Südlich des Platzes verläuft die Friedrichstraße, westlich der Gartenweg als Fußweg und östlich der Verbindungsweg. Das Umfeld des Platzes ist durch verschiedene Gewerbebetriebe und Dienstleistungsangebote geprägt. Dazu gehören unter anderem ein Lebensmittelmarkt, ein Raumausstatter und eine Sparkassenfiliale.

Nördlich des Platzes befindet sich die 2018 eröffnete „Neue Mitte“ mit einer Apotheke, einer Bäckerei und mehreren Arztpraxen. Direkt an der Nordseite des Platzes befindet sich die Zentrale der Biologischen Schutzgemeinschaft Hunte Weser-Ems.

Geschichte der Familie Kugelmann in Wardenburg Anfänge der Familie in Wardenburg (1861 bis 1933) Die Familie Kugelmann war seit 1861 in Wardenburg ansässig. Daniel Kugelmann (1827–1914) kam als wandernder Schlachtergeselle nach Wardenburg und gründete dort gemeinsam mit seiner Ehefrau Friederike (1835–1903), geborene Hattendorf, eine Metzgerei an der Oldenburger Straße. Über mehrere Generationen war die Familie in Wardenburg ansässig und nahm am gesellschaftlichen Leben des Ortes teil. So engagierten sich Familienmitglieder unter anderem beim Litteler Erntefest sowie der Feuerwehr und waren Mitglied in Wardenburger Vereinen, darunter auch im heute noch bestehenden Wardenburger Turnverein.

Daniel und Friederike Kugelmann hatten fünf Kinder: Julius (1862–1942), Emma (1863–1942), Louis (1865–1942), Semmi (1867–1942) und Elise (1870–1942). Emma heiratete Isaak Baumgarten (1862–1925) und zog mit ihm nach Thedinghausen, wo das Paar einen Sohn namens Hermann Harry (1896–1942) bekam. Die übrigen Geschwister blieben in Wardenburg. Louis Kugelmann heiratete Frieda Königsthal (1878–1942). Aus der Ehe gingen die Töchter Selma (1913–2008) und Erna (1919–1942) sowie zwei bereits im Säuglingsalter verstorbene Kinder hervor. Semmi Kugelmann heiratete Rosa Wiesenfeld (1869–1938). Das Paar hatte drei Kinder: Hugo (1893–1915), Luise (1897–1942) und Gertrud (1908–1985).

Die Familie von Louis Kugelmann wohnte an der Oldenburger Straße. An der Stelle des damaligen Wohn- und Geschäftshauses befindet sich heute das Gebäude Oldenburger Straße 232, in dem eine Apotheke untergebracht ist. Auch die Schlachterei der Familie befand sich dort. In unmittelbarer Nähe, an der heutigen Oldenburger Straße 228, lebte die Familie von Julius Kugelmann. Das Gebäude wird heute unter anderem von einem Versicherungsbüro und der Touristinformation Wardenburgs genutzt.

Alltag im nationalsozialistischen Wardenburg bis zur Deportation (1933 bis 1940) Bereits Ende der 1920er Jahre geriet die Familie Kugelmann zunehmend ins Visier völkischer und antisemitischer Gruppierungen wie der NSDAP, der DNVP und des Stahlhelms, die in Wardenburg über erheblichen politischen Einfluss verfügten. Die NSDAP war in Wardenburg bereits seit 1928 die stärkste politische Kraft. 1931 versuchte die Partei, das Schlachten von Tieren durch jüdische Metzger zu verbieten.

Am 1. April 1933 wurde die Metzgerei der Familie Kugelmann im Rahmen des reichsweiten Boykotts jüdischer Geschäfte von zwei SA-Posten blockiert. Am 19. Juli 1933 wurde Semmi Kugelmann in der Nähe von Sandkrug zusammengeschlagen und ausgeraubt. Die Oldenburgische Staatszeitung bezeichnete den Vorfall drei Tage später als „Judenschwindel“ und forderte, Kugelmann in ein Konzentrationslager zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt waren die ersten Konzentrationslager nach der nationalsozialistischen Machtübernahme bereits eingerichtet worden. Beispielsweise befand sich nur etwa 40 Kilometer westlich von Wardenburg das KZ Esterwegen.

Auch in den folgenden Jahren war die Familie antisemitischen Übergriffen ausgesetzt. Wiederholt wurden die Fenster der beiden Wohnhäuser eingeschlagen. Bereits 1933 verlor Semmi Kugelmann seine Tätigkeit als Viehaufkäufer. Auch Elise Kugelmann wurde ihre Anstellung als Köchin im Wardenburger Schützenhof aufgrund ihrer jüdischen Identität gekündigt.

Während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Oldenburger Synagoge zerstört, die von der Familie Kugelmann regelmäßig besucht worden war. Am folgenden Tag wurden Louis und Julius Kugelmann in ihren Häusern in Wardenburg aufgesucht und nach Oldenburg gebracht. Dort wurden die jüdischen Männer aus Oldenburg und der näheren Umgebung auf dem Pferdemarkt zusammengetrieben. Anschließend mussten sie durch die Oldenburger Innenstadt an der zerstörten Synagoge vorbei zum Gerichtsgefängnis marschieren.

Am darauffolgenden Tag wurden die meisten der dort festgehaltenen jüdischen Männer zum Oldenburger Hauptbahnhof gebracht und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Insgesamt wurden an diesem Tag etwa 980 Menschen deportiert. Louis und Julius Kugelmann blieben aufgrund ihres Alters zunächst von der Deportation verschont. Beide waren zu diesem Zeitpunkt über 70 Jahre alt und konnten deshalb zunächst nach Wardenburg zurückkehren.

Die zunehmende politische und wirtschaftliche Ausgrenzung sowie der damit verbundene Druck zwangen die Familie schließlich dazu, ihre beiden Häuser im Jahr 1940 weit unter Wert zu verkaufen. Damit endete das jahrzehntelange Leben der Familie Kugelmann in Wardenburg.

Verfolgung und Ermordung von Julius und Elise Kugelmann Die beiden unverheirateten und kinderlosen Geschwister Julius und Elise Kugelmann mussten 1940 nach dem Verlust des Wohnhauses Wardenburg verlassen und wurden in ein Massenquartier in Hamburg eingewiesen. In Wardenburg wurde zu dieser Zeit verbreitet, die Geschwister würden in ein Altenheim gebracht. Von Hamburg aus wurden Julius und Elise Kugelmann zunächst in das Ghetto Theresienstadt und am 21. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet. Julius Kugelmann war zu diesem Zeitpunkt 80 Jahre alt, Elise Kugelmann 72 Jahre.

Verfolgung und Ermordung von Emma Kugelmann und ihrer Familie Emma Baumgarten, geborene Kugelmann, wurde im Alter von 78 Jahren gemeinsam mit ihrem 46-jährigen Sohn Hermann Harry Baumgarten, dessen 43-jähriger Ehefrau Wilhelmine Baumgarten (1898–1942), geborene Franke und der 18-jährigen Tochter Ilse Baumgarten (1923–1942) am 27. oder 28. April 1942 in das Ghetto Zamość deportiert und ermordet. Ehemann Isaak Baumgarten starb bereits 1925 in Thedinghausen.

Verfolgung und Ermordung von Louis Kugelmann und seiner Familie mini|Stolperstein für Erna Kugelmann in Leipzig (Richard-Lehmann-Straße 33) Die Tochter Selma Kugelmann zog 1933 nach Leipzig, wo sie im Juni 1938 David Leon Grünberg (1901–1978) heiratete. Dessen Familie besaß die polnische Staatsangehörigkeit. Selmas jüngere Schwester Erna lebte und arbeitete seit 1937 ebenfalls in Leipzig und zog später nach Gleiwitz. Selma und David Grünberg wurden 1938 im Rahmen der sogenannten Polenaktion aus dem Deutschen Reich abgeschoben. Beide überlebten den Holocaust. Sie wurden 31 Monate lang von einer ukrainischen Bauernfamilie in Kolomea versteckt und lebten dort unter schwierigen Bedingungen in einem Kellerraum. 1949 emigrierten sie in die Vereinigten Staaten und ließen sich in New York nieder.

Im April 1940 wurden Louis und Frieda Kugelmann aus Wardenburg vertrieben. Zunächst fanden sie bei ihrer Tochter Erna in Gleiwitz Unterkunft. Gemeinsam mit Erna wurden sie am 15. Mai 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Louis Kugelmann war zu diesem Zeitpunkt 76 Jahre alt, Frieda Kugelmann 63 Jahre und Erna Kugelmann 22 Jahre.

Verfolgung und Ermordung von Semmi Kugelmann und seiner Familie mini|Stolperstein für Gertrud Kugelmann in Berlin (Kollwitzstraße 74) Der Sohn Hugo Kugelmann fiel im Ersten Weltkrieg. Nach 1933 zogen die Schwestern Luise und Gertrud Kugelmann nach Berlin. Ihre Eltern Semmi und Rosa Kugelmann folgten ihnen im April 1937, da sie im Oldenburger Land keine wirtschaftliche und soziale Perspektive mehr sahen. Rosa Kugelmann starb im Juli 1938 in Berlin. Ihrer Tochter Gertrud gelang es 1939, ein Visum für Australien zu erhalten. Sie emigrierte dorthin und überlebte dadurch den Holocaust. mini|Stolperstein für Semmi Kugelmann in Berlin (Kollwitzstraße 74) Am 1. oder 2. November 1941 wurde Semmi Kugelmann von Berlin aus in das Ghetto Litzmannstadt in Łódź deportiert. Er starb dort am 26. Februar 1942 im Alter von 74 Jahren an den Folgen von Hunger und Krankheit. Am 28. März 1942 wurden auch seine Tochter, die 44-jährige Luise Kugelmann, und deren 23-jähriger Sohn Hugo Willy Kugelmann von Berlin aus deportiert. Luise Kugelmann wurde im Lager Piaski ermordet. Hugo Willy Kugelmann starb am 29. Juli 1942 im Konzentrationslager Majdanek.

Geschichte des Kugelmannplatzes Verdrängung und Beginn der Aufarbeitung Im September 1947 berichtete die Wardenburger Lokalpresse erstmals über die Ermordung der Familie Kugelmann. Das Schicksal der Familie war der Wardenburger Bevölkerung jedoch bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt. Die öffentliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Familie und der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung setzte in Wardenburg, wie auch in vielen anderen Gemeinden, nur langsam ein.

Beispielsweise wurde 1970 anlässlich der 700-Jahr-Feier in einer veröffentlichten Darstellung die Tätigkeit der Gestapo in Wardenburg als gering dargestellt. Die Familie Kugelmann wird lediglich in einem Nebensatz erwähnt, wonach sie „auf höheren Befehl ihre Heimat verlassen musste“.

Bis in die 1980er Jahre wurde das Thema weitgehend öffentlich verdrängt. Formen des Gedenkens, sofern sie stattfanden, berücksichtigten das Schicksal der während der nationalsozialistischen Herrschaft Verfolgten häufig nicht. Ein Beispiel hierfür ist der Umgang mit dem Gedenkort Tillyhügel.

Öffentliche Kontroverse von 1985 Überregionales Aufsehen erregte Wardenburg im März 1985 aufgrund des Umgangs der Gemeinde mit der Erinnerung an ihre Opfer des Nationalsozialismus. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Oldenburg hatte unter Beteiligung von Werner Vahlenkamp Holocaustüberlebende aus dem Oldenburger Land nach Deutschland eingeladen. Anlässlich des 40. Jahrestages der Befreiung forderten die Wardenburger Jungsozialisten der SPD, eine Straße oder einen Platz in Wardenburg nach Menschen zu benennen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt worden waren. Zudem beantragten sie im Gemeinderat mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zusammenzuarbeiten, die inzwischen 73-jährige Selma Kugelmann, die mittlerweile unter dem Namen Meyerstein in New York lebte, nach Wardenburg einzuladen und die Kosten für ihre Reise und Unterbringung zu übernehmen.

Bereits im Jahr zuvor hatte Gertrud Kugelmann, die inzwischen den Familiennamen Lewy trug, aus Australien Oldenburg besucht. Da sie einen großen Teil ihrer Kindheit im Oldenburger Stadtteil Osternburg verbracht hatte, übernahm die Stadt Oldenburg die Kosten für ihren Besuch.