Die Flämischen Mennoniten waren eine im 16. Jahrhundert entstandene Gruppierung innerhalb der evangelischen Freikirchenkonfession Mennoniten. Die Bezeichnung Flämische Mennoniten war mehr eine konfessionelle als eine ethnische Kategorie.

Die Gemeinde entstand aufgrund einer Teilung in Flämische und Friesische Mennoniten. Die Flämischen spaltet sich in zwei weitere Gruppen: die Altflämische Mennoniten ("Oude Vlamingen", auch Huiskoopers) und "Jonge Vlamingen" (auch Contra-Huiskoopers). Es waren damals viele der flämischen Mennoniten aus dem heutigen Belgien.

Geschichte Zu Lebzeiten Menno Simons’ spalteten sich die niederländischen Täufer in zwei Gruppen: die Mennoniten und die „Waterlander“. Der Hauptstreitpunkt zwischen diesen beiden Gruppen war die Kirchenzucht; die Waterländer vertraten hierbei einen gemäßigten, die Mennoniten einen strengeren Standpunkt bezüglich des Verständnisses von Pazifismus, des Verhältnisses zur Kultur in der Umgebung, der Einstellung zu Eheschließungen mit Nicht-Mennoniten, der Lebensführung usw. Im Jahr 1567, kurz nach der Bildung dieser beiden Gruppen, spalteten sich die Mennoniten in eine „friesische“ und eine „flämische“ Fraktion auf. Auch hier war die Kirchenzucht der entscheidende Punkt: Die Friesen waren eher nachsichtig, die Flamen hingegen etwas strenger. Nicht lange nach dieser Spaltung begannen sich beide Gruppen weiter aufzuspalten – wiederum maßgeblich geprägt durch die Haltung zur Kirchenzucht. Die „Alten Flamen“ hielten an den strengeren Ansichten der Vergangenheit fest, während sich die „milden“ Flamen den weniger strengen Friesen annäherten. Auch unter den Friesen näherten sich die „alten Friesen“ im Bestreben, alte Bräuche zu bewahren, den Flamen an, wohingegen die „neuen Friesen“ eine Annäherung an die nachsichtigeren Waterländer vollzogen. Unter dem Einfluss des Sozinianismus und der Remonstranten verlagerte sich die Auseinandersetzungen in den Niederlanden von der Kirchenzucht hin zur Glaubenslehre. Im Jahr 1664 formierten sich praktisch alle niederländischen Gruppen neu zu zwei Lagern: den „Zonisten“, die die Notwendigkeit einer korrekten Glaubenslehre betonten, und den „Lammisten“, die den inneren, persönlichen Glauben in den Vordergrund stellten. Diese beiden Gruppierungen blieben bis zur napoleonischen Ära getrennt; dann verlagerte sich das Hauptinteresse auf die Notwendigkeit der Ausbildung von Führungskräften. Aufgrund erheblicher Mitgliederschwunde war keine der beiden Gruppen mehr in der Lage, den Betrieb eines Predigerseminars zu finanzieren, so schlossen sich die beiden Gruppen 1811 zur Algemene Doopsgezinde Sociëteit zusammen und finanzierten gemeinsam das Amsterdamer mennonitische theologische Seminar. In der Folgezeit kam es innerhalb der niederländischen Kirche zu keinen weiteren Spaltungen.

Flämische Mennoniten in Westpreußen und ihre Nachkommen Die Mennoniten aus der Weichsel-Niederung in Polen, die ursprünglich aus dem unteren Rheingebiet stammten, gehörten zusammen mit jenen aus Gdańsk (Danzig), Elbląg (Elbing), und Żuławy Gdańskie (Danziger Werder) und ließen sich in der zweiten Hälfte der 1540er Jahre in diesem größeren Gebiet nieder.Unruh, Benjamin Heinrich (Hrsg.) (1955). Die niederländisch-niederdeutschen Hintergründe der mennonitischen Ostwanderungen im 16., 18. und 19. Jahrhundert, S. 154 Im Küstengebiet von Danzig bis Elbing waren flämische Mennoniten unter den Mennoniten in der Überzahl.Horst Penner: Weltweite Bruderschaft. Karlsruhe: Heinrich Schneider, 1952. S. 75 Die Gemeinden der flämischen Mennoniten im Gebiet des Weichselwerder waren Ellerwald, Fürstenwerder, Heubuden, Ladekopp, Rosenort und Tiegenhagen.Horst Penner: Weltweite Bruderschaft. Karlsruhe: Heinrich Schneider, 1952. S. 72 Diese Gegend in Westpreußen war zum Teil von Deutschen bewohnt. In den Żuławy Malborskie war die Glaubensgemeinschaft der „flämischen Mennoniten“ vorherrschend, in den Żuławy Elbląskie die der „friesischen Mennoniten“.Horst Penner: Weltweite Bruderschaft. Karlsruhe: Heinrich Schneider, 1952. S. 75 Gruppen flämischer und friesischer Mennoniten gehörten zu den ersten Einwanderern; sie zogen später auch weiter nach Russland.Jacob Quiring: Die Mundart von Chortitza in Süd-Russland. Druckerei Studentenhaus München 1928 Der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen war eher religiöser als ethnischer Art.Penner, Nikolai (2009): The High German of Russian Mennonites in Ontario. Waterloo, Ontario, Canada: University of Waterloo. https://dspacemainprd01.lib.uwaterloo.ca/server/api/core/bitstreams/b5704f93-a1cb-4c5d-a9df-321982e49203/content In Westpreußen und Ostpreußen gab es zahlreiche mennonitische Gemeinden. Reimer unterscheidet sechs westpreußische Kerngruppen nach Familien: die flämischen Landgemeinden, die friesischen Landgemeinden, die friesischen Gemeinden in der oberen Weichsel-Niederung, die altflämischen Gemeinden, die flämische Gemeinde im Stadtgebiet von Danzig und der städtische Teil der Gemeinde von Elbing sowie die friesische Gemeinde von Danzig-Neugarten.Unruh, Benjamin Heinrich (Hrsg.) (1955). Die niederländisch-niederdeutschen Hintergründe der mennonitischen Ostwanderungen im 16., 18. und 19. Jahrhundert, S. 61 Im Küstengebiet von Danzig bis Elbląg dominierten unter den Mennoniten einst die „flämischen Mennoniten“, während im Weichseltal die „friesischen Mennoniten“ vorherrschten.Horst Penner: Weltweite Bruderschaft, Heinrich Schneider, Karlsruhe, 1952, S. 75 Der Wechsel von Niederländisch zu Hochdeutsch als Gottesdienstsprache erfolgte bei den „friesischen Mennoniten“ bereits früher, was wahrscheinlich auf hochdeutsche Flüchtlinge in derselben Region zurückzuführen war.Penner, Nikolai (2009): The High German of Russian Mennonites in Ontario. Waterloo, Ontario, Canada: University of Waterloo. https://dspacemainprd01.lib.uwaterloo.ca/server/api/core/bitstreams/b5704f93-a1cb-4c5d-a9df-321982e49203/content In Dziewięć Włók gab es eine Gemeinde der „flämischen Mennoniten“.Horst Penner: Weltweite Bruderschaft, Heinrich Schneider, Karlsruhe, 1952, S. 72 Ukraine/Russland Die erste Siedlung der Kolonie Chortitza in der Ukraine wurde 1789 von mennonitischen Siedlern aus Westpreußen gegründet und bestand aus mehreren Dörfern. Die meisten der frühen mennonitischen Siedler in der Ukraine waren flämische Mennoniten aus der nördlichen Deltaregion (Nehrung).https://era.library.ualberta.ca/items/54ae60d4-a104-48bf-99a4-7fde5aa54af7/view/8e1e655a-71a9-4b2b-b724-0ed48ccb1089/Cox_Christopher_D_201501_PhD.pdf S. 27f. Die meisten Bewohner der Kolonie Chortitza stammten aus Żuławy Malborskie (Großes Werder).Heinrich Siemens: Plautdietsch — Grammatik, Geschichte, Perspektiven. Bonn 2012, S. 65 ISBN 978-3-981197853 Die Konfession Flämische Mennoniten bildete die Mehrheit in der Kolonie Chortitza, während sich die friesischen Mennoniten separat in derselben Kolonie in Kronsweide, Schönwiese, Kronsgarten und Einlage niederließen. Sommerfelder, Reinländer Mennoniten Gemeinde, Evangelical Mennonite Mission Conference und Gospel Mennonite Church entstammen Chortitza.

Zu den Tochterkolonien im Nordosten Russlands gehörte Arkadak (mit den Dörfern Wladmirowka, Borisopol, Dmitrowka, Marianowka, Wjasemskoje, Leonidowka und Lidjewka).

Zu den Tochterkolonien in der Ukraine gehörten Judenplan, Großfürstenland (mit den Dörfern Georgstal, Sergejewka, Alexandertal, Michaelsburg, Olgafeld und Rosenbach), Bergtal (mit den Dörfern Bergtal-Bodnja, Schönfeld, Schöntal, Heubuden und Friedrichstal), Tschornoglas (mit dem Dorf Gerhardstal), Borsenko (mit den Dörfern Nowo-Sofiewka, Mariapol, Blumenfeld, Steinau, Hamburg, Neubergtal, Hoffnungsort), Nikolaipol (mit den Dörfern Nikolaipol, Eichenfeld-Dubowka, Morosowo, Adelsheim-Dolinowka, Warwarowka, Tschistopol, Paulsheim-Pawlowka, Nadeshdowka [Iwangorod] und Jenelowka), Neplujewka (Starosawodskoje und Kislitschwewataja), Kusmitzky (mit dem Dorf Alexandrowka), Andreasfeld (mit dem Dorf Andreasfeld), Neu-Schönsee (mit dem Dorf Neu-Schönwise), Eugenfeld (mit dem Dorf Eugenfeld), Baratow (mit den Dörfern Nowaja-Chortitza und Wodjanaja), Schlachtin (mit den Dörfern Selenopol und Kamenopol), Neurosengart (mit den Dörfern Neurosengart und Kronsfeld), Wiesenfeld (mit dem Dorf Wiesenfeld), Miloradowka (mit den Dörfern Miloradowka und Jekaterinowka), Ignatjewo (mit den Dörfern New Jork, Nikolajewka, Ignatjewo, Leonidowka, Romanowka, Jekaterinowka und Alexejewka), Borissowo (mit den Dörfern Ljubomirowka, Kondratjewka und Nioklaipol), Naumenko (mit Grigorjewka, Petrowka, Wassiljewka und Jelenowka, gemischter Hintergrund aus Chortitza und Molotschna), Zentral (mit dem Dorf Zentral) und Sadowaja (mit dem Dorf Anna). Die mennonitische Siedlung Jazykowo war eine Tochter-Siedlung von Chortitza und umfasste mehrere Dörfer. Die Kolonie Fürstenland wurde von Siedlern aus Chortitza gegründet.

Dialekt Żuławy Malborskie war sprachlich in die jeweiligen Dialektgebiete „Werderisch“ und „Niederungisch“ unterteilt, wobei ersteres mit dem Molotschna-Plautdietsch verwandt war und letzteres mit dem Chortitza-Plautdietsch, das Teil des Nehrungischen war.Heinrich Siemens: Plautdietsch — Grammatik, Geschichte, Perspektiven. Bonn 2012, S.51 ISBN 978-3-981197853 Die Mennoniten ließen sich in Westpreußen vor allem in den drei Regionen „Nehrung“ (an der Ostsee), „Werder“ (Inseln im Weichseldelta) und „Niederung“ (südlich der Werder) nieder, wo sie den jeweiligen lokalen plattdeutschen Dialekt als Alltagssprache übernahmen.https://era.library.ualberta.ca/items/54ae60d4-a104-48bf-99a4-7fde5aa54af7/view/8e1e655a-71a9-4b2b-b724-0ed48ccb1089/Cox_Christopher_D_201501_PhD.pdf S. 27f. Eine Reihe von Wörtern, die auf der Weichselnehrung erst im 20. Jahrhundert bekannt wurden, waren in Danzig und auf dem Weichselwerder bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts gebräuchlich. Die meisten Gründer der Molotschna-Kolonie und der Chortitza-Kolonie waren flämische Mennoniten, die Werdersch sprachen.Jacob Quiring: Die Mundart von Chortitza in Süd-Russland. Druckerei Studentenhaus München 1928 Die Kolonie Chortitza in der Ukraine (damals in Russland) und das Plautdietsch wiesen keine wesentlichen sprachlichen Unterschiede zur ursprünglichen Nehrungsmundart (Nehrungisch) auf. Bis 1880 hatte sich dies gewandelt. Vorher waren die auffälligsten Merkmale (wie beispielsweise /eiw/ anstelle von /au/) auf die Weichselnehrung beschränkt. Die palatalisierten Vokale im Chortitza-Plautdietsch stammen aus dem Ostflämischen.Heinrich Siemens: Plautdietsch — Grammatik, Geschichte, Perspektiven. Bonn 2012. ISBN 978-3-981197853. Nehrungisch und Chortitza-Plautdietsch palatalisieren Velarvokale. Im Ostflämischen wird das lange /o/ als /y.ə/ ausgesprochen, und im Chortitza-Plautdietsch steht das lange /o/ vor /g, k und ch/. Nehrungisch und Chortitza-Plautdietsch haben die Pluralendung /-en/, möglicherweise beeinflusst durch das Niederländische. In der gesamten Sowjetunion hatten die Chortitza-Plautdietsch-Substantive im Maskulinum und Neutrum nur noch den Nominativ und einen Objektfall (in der Dativform), im Femininum nur noch einen Fall (im Nominativ), Plural-Substantive hatten nur noch den Objektfall. Unter den Altkolonier-Mennoniten ist es relativ häufig, Wörter aus dem Russischen oder Polnischen zu verwenden, im Gegensatz zur Verwendung neuerer Lehnwörter. Viele Sprecher von Plautdietsch weisen Merkmale sowohl des Chortitza- als auch des Molotschna-Plautdietsch auf. Chortitza-Plautdietsch wird in Mexiko in Altkolonie und Blumenau gesprochen.Brandt, S. 252"