Attius Labeo (auch Accius Labeo) war ein römischer Dichter und Übersetzer des 1. Jahrhunderts n. Chr., der ausschließlich durch eine Erwähnung bei Aulus Persius Flaccus und die dazu überlieferten Scholien bezeugt ist. Die antiken Quellen stellen ihn als Verfasser stark kritisierter lateinischer Übertragungen der Ilias und Odyssee dar.

Über Labeos Leben ist nichts bekannt. Die einzige antike Erwähnung findet sich in der ersten Satire des Persius (1,4 und 1,50). Die Scholien zu diesen Versen identifizieren den dort genannten Labeo bzw. Attius als einen Dichter, der die homerischen Epen ins Lateinische übertragen habe.

Die Scholien charakterisieren ihn als poeta indoctus („ungelehrter Dichter“) und kritisieren seine Übersetzungsmethode als wörtlich, sinnverfehlend und stilistisch misslungen.

Die Homerübersetzungen Nach dem Scholion zu Persius 1,4 soll Labeo sowohl die Ilias als auch die Odyssee „Wort für Wort“ übersetzt haben. Als Beispiel überliefert das Scholion den Vers:

Der Vers gibt Homer, Ilias 4,35, wieder (ὠμὸν βεβρώθοις Πρίαμον Πριάμοιό τε παῖδας; „mögest du Priamos und die Kinder des Priamos roh auffressen“). Die Wortwahl – etwa manducare („essen, kauen, fressen“) und pisinnus („kleines Kind“) – gilt als auffällig niedrig und unliterarisch und wird in den Scholien als Beleg für die schlechte Qualität der Übersetzung angeführt.

Persius und die Kritik an Labeo In Persius 1,4 erscheint Labeo als Beispiel für misslungene Dichtung. Persius fragt rhetorisch, ob seine eigenen Verse von „Polydamas und den Trojanerinnen“ nicht dem „Labeo“ vorzuziehen seien.

In Vers 50 spricht Persius von der „Ilias des Attius“ (Ilias Atti), die „von Nieswurz berauscht“ sei (ebria veratro). Die Scholien erklären dies als Spott über die schlechte Qualität der Bearbeitung und deuten die Erwähnung der Nieswurz als Anspielung auf ein Heilmittel gegen geistige Verwirrung.

Die Forschung identifiziert den in Vers 4 genannten Labeo und den in Vers 50 genannten Attius allgemein als dieselbe Person.

Überlieferungsprobleme Die Scholien zu Persius sind selbst eine spätere Überlieferungsstufe. Ihre Angaben könnten auf verlorene Zwischenquellen zurückgehen. Besonders problematisch ist die Behauptung, Fulgentius habe Labeo in einem Werk namens Etymologiae erwähnt. Ein solches Werk ist von Fulgentius nicht bekannt, und Labeo erscheint in seinen erhaltenen Schriften nicht. Es wurde daher vermutet, dass hier Isidor von Sevilla und dessen Etymologiae gemeint sein könnten.

Rezeption Der Name Labeo wurde in der englischen Renaissance offenbar auch als satirische Chiffre für einen missbilligten Dichter verwendet. Joseph Hall bezeichnete in seinen Satires (1597) einen von ihm angegriffenen Dichter als „Labeo“ und forderte ihn auf: „Schäm dich! Oder schreib besser; oder, Labeo, schreib überhaupt nichts.“ Es wurde vermutet, dass Hall damit auf den von Persius verspotteten römischen Dichter Attius Labeo anspielte. Auch John Marston verwendete wenig später in Pygmalion's Image die Figur eines „Labeo“. Darin wurde eine Anspielung auf Shakespeare vermutet; diese Deutung ist jedoch umstritten.

Literatur Edward Courtney: The Fragmentary Latin Poets. Oxford University Press, Oxford 2003, S. 350. Martin Schanz, Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur. Zweiter Teil. Die Zeit der Monarchie bis auf Hadrian. C. H. Beck, München 1980, S. 506. Elizabeth Winkler: Shakespeare Was a Woman and Other Heresies. Simon & Schuster, 2024, S. 66ff. Prosopographia Imperii Romani (PIR) ² A 1358.

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