Muränenfang ist der Titel einer 1960 in der Sammlung Sieg über die Dämmerung veröffentlichten Erzählung von Gabriele Wohmann, die von der Existenzangst eines Kindes während einer Muränenjagd handelt.

Inhalt Die an der Küste eines südlichen tropischen oder subtropischen Landes spielende Kurzgeschichte untergliedert sich in drei Abschnitte: Das Gespräch zwischen dem Mann, dem Muränenjäger, und dem Kind am Eingang der Höhle. Die Naturbeobachtungen des Kindes von der Felsklippe aus. Seine wütende Reaktionen auf sein „Ausgeschlossensein“.

Zu Beginn der Handlung erklärt der Muränenjäger dem Kind, mit „einer Stimme, die schwankt[-] vor mordlüsterner Erregung“, dass er Muränen „auflauern“ will, die sich bei der nächsten Welle aus ihrem Versteck „vorwagen“ werden und er zeigt ihm die „schwarze feuchte Schlucht, die kalte sonnenlose“, und das Kind riecht „die fischige Gier, die aus der Höhle“ dringt. Es fühlt sich „nicht glücklich in dem rohen, blutrünstigen Dunstkreis der Muränen“ und klettert die Klippe hinauf, um dort das Ende der Jagd abzuwarten.Gabriele Wohmann: Muränenfang. In: Horst Bingel (Hrsg.): Deutsche Prosa. Erzählungen seit 1945. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 54.

Oben, in der Sonne an einem blauen Himmel, beobachtet das Kind die Tiere an der Küste: den „steifen Ernst der unbewegten Pinguine“, die zierlichen Guanovögel, Seelöwen, hört „[f]eindseliges Geschrei von Pelikanen“, ihr „boshaftes, gefräßiges Gelächter“. Bedrohlich sinken sie in „unerbittlichen Spiralen tiefer, tiefer, tödlicher“ und stoßen dann, „hungrige, mörderische Blitze, unvermittelt herab“ und packen ihre Beute und verschlingen sie, wieder aufsteigend.

In dieser Situation sucht das Kind mit „angstgeweiteten Augen“ nach dem Mann, aber eine „hochpeitschende Welle“ verschlägt seinen „Hejj“-Ruf. Dann sieht es unten in der kalten, nassen, salzigen „Gruft“, das „aalglatte Geschlängel“, vor der „schwarzen Höhle“ das Netz mit „sterbenden Muränen“ und die auf dem Wasser schwimmende Mütze des Jägers. Das Kind sieht, riecht und hört „sein Ausgeschlossensein“ und schleudert „wütend, zitternd“ mit dem Ruf „Hejj“ Steine auf „die träg bewegte Mütze“.Gabriele Wohmann: Muränenfang. In: Horst Bingel (Hrsg.): Deutsche Prosa. Erzählungen seit 1945. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 55.

Rezeption und Interpretation Gabriele Wohmann war in den 1970er und 1980er Jahren eine erfolgreiche, viel gelesene Autorin und gilt als eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der Kurzgeschichte in Deutschland. Nach Reich-Ranickis Einschätzung, gibt es im „Bereich der Kurzgeschichte […] im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die Gabriele Wohmann auch nur gleichkommen“.Marcel Reich-Ranicki: Bitterkeit ohne Zorn. In: zeit.de. 21. Juli 1967 ScheidgenIlka Scheidgen: Fünfuhrgespräche. Zu Gast bei Günter Grass, Peter Härtling, Herta Müller, Peter Rühmkorf, Dorothee Sölle, Arnold Stadler, Carola Stern, Martin Walser, Gabriele Wohmann, Eva Zeller, Kaufmann. Lahr, 2008, S. 178. und KrauseTilman Krause: Die Gréco an der Schreibmaschine. In: welt.de. 19. Mai 2012. schließen sich diesem Urteil an: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte“, bzw. als „Königin der Kurzgeschichte“.

Literaturkritiker zählen wesentliche Teile von Wohmanns Werk der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung zu. Viele ihrer Romane und Erzählungen handeln von Familien- und Paarbeziehungen (Der Schwan, Wenn der Wolf geht, Sonntag bei den Kreisand, Der Antrag) und von der Situation des Kindes in der Welt der Erwachsenen (Die Klavierstunde, Paulinchen war allein zu Haus). Bingel hat den Muränenfang in das Kapitel Verwundbare Kindheit seiner Erzählsammlung aufgenommen: „Das Kind ist der Angst, der Bedrohung, dem Unverständnis von seiten der Erwachsenen ausgesetzt“.Horst Bingel: Nachwort. In: Horst Bingel (Hrsg.): Deutsche Prosa. Erzählungen seit 1945. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 379.

Zwar sind zu Wohmanns Hunderten von Erzählungen und Kurzgeschichten nur wenige Einzelrezensionen bekannt, aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu ihren Themen und Stilmerkmalen, die auch auf die zuerst 1960 im Sammelband Sieg über die Dämmerung veröffentlichte Erzählung Muränenfang zutreffen: Die „zentrale Situation […] ist das Beziehungsgefüge in der Familie oder in Kleingruppen, wobei sich die Konstellationen, jeweils nur leicht verändert, wiederholen“. Wohmanns Texte setzen sich „aus minutiös beschriebenen Kleinszenen oder Dialogen zusammen, die genaue Beobachtung ersetzt die klärende Reflexion“.Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg 1992, S. 455. Die Analyse der Verhältnisse von Menschen untereinander habe die Autorin bei Tschechow gelernt, seine ruhige Art der Konfliktbeschreibung sei auch die ihre.Jörg Sundermeier: Nachruf Gabriele Wohmann. Die begnadete Vielschreiberin. taz, 24. Juni 2015 https://taz.de/Nachruf-Gabriele-Wohmann/!5206651/ Als „Diagnostikerin des privaten Alltags“ könne man sie mit der Kanadierin Munro, dem Amerikaner Updike oder der Engländerin Simpson vergleichen.Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags. Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf

Hinck verweist in seiner Untersuchung auf Bergsdorfs („Die ganz normale Katastrophe des Alltäglichen“) Bemerkung, dass sich Wohmann auf die Wirklichkeit nicht politisch agitierend, sondern psychologisch sondierend einlässt und führt weiter aus, Wohmanns Feld sei, wenn sie sich mit „der Rolle der Frau und mit den Fragen der Erziehung“ auseinandersetze, nicht „die Gesellschaftskritik, die auf durchgreifende Änderungen dringt, sondern die Enthüllung zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten und menschlicher Unzulänglichkeiten“. Wohmann betreibe „keine Denunziation, sondern Nachbarschafts-Diagnose, die insgeheim und ganz ohne moralische Appelle auf therapeutische Wirkung setzt“.Walter Hinck: Gabriele Wohmann zum Siebzigsten Rebellion gegen die Behaglichkeit. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html

Nach Eichmann-Leutenegger trifft Wohmanns Blick, der oft als „böser Blick“ bezeichnet worden sei, in ihren psychologischen Skizzen ungemein scharf. Ihre Diagnose falle „bissig“ aus, „jeder noch so unscheinbare Tic gerate ans Tageslicht.“.Beatrice Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf.

In einem Interview widerspricht Wohmann dem Bild von ihr als unpolitische Autorin: „[D]ass Politik wichtig ist und in meinem Leben eine große Rolle spielt, sollte man schon merken. Kritiker haben mich oft festgelegt auf »kleine Alltagsnöte in unserem kleinen Alltag«. Aber auch in den Alltagsgeschichten spielt ja etwa Erziehung eine Rolle – das ist ja nun nicht unpolitisch. Politisch sein, kann ja auch bedeuten, nicht mit allem einverstanden zu sein.“Georg Magirius. Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html

Im Muränenfang verbindet die Autorin die Alltagshandlung einer Fischjagd mit der Problematik des Lebens und des Todes und des Kampfes in der Natur, an dem zwei Menschen als Akteur und Beobachter beteiligt sind. Wohmann erklärte in einem Interview, dass Gespräche über religiöse und existentielle Fragen Teil ihrer Sozialisation waren: „Das Beunruhigende liege in unserer Existenz, in unserer Vergänglichkeit. Das hat mir tatsächlich schon als Kind zu schaffen gemacht: Wenn schöne Dinge vorbei waren – furchtbar! […] Es geht alles vorbei“.Georg Magirius. Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html

Veröffentlichungen Muränenfang. In: Sieg über die Dämmerung. Erzählungen. Piper (Serie Piper Nr. 98), München 1960.https://doczz.net/doc/5907041/sämtliche-erzählungen-von-gabriele-wohmann In: Horst Bingel (Hrsg.): Deutsche Prosa. Erzählungen seit 1945. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 54–55.

Anmerkungen

Kategorie:Werk von Gabriele Wohmann Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Erzählung