Kobes ist eine erstmals im März 1925 in der Neuen Rundschau erschieneneFranziska Schößler, Sarah Thiery: Kobes (1925) und die Inflationsnovellen. In: Andrea Bartl, Ariane Martin, Paul Whitehead (Hrsg.): Heinrich Mann-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. J.B. Metzler, Berlin 2022. ISBN 978-3-476-05807-2. S. 105–108. Hier S. 105. Novelle von Heinrich Mann. Als Einzelausgabe kam das Werk 1925 im Propyläen Verlag in einer Auflagenhöhe von 5000 Exemplaren heraus.

Kurzbeschreibung Der im Herrschaftsbereich des legendären Wirtschaftsmagnaten Kobes arbeitende Referent Dr. Sand wittert seine Aufstiegschance, als er eine US-Unternehmergattin heimlich zum Kobes-Büro führt, weil ihr Mann dort weilt. Durch einen Türspalt beobachtet Sand, wie der mutmaßliche Kobes sich für einen globalen Geschäftsabschluss von der Frau sexuell demütigen lässt. Sand nutzt dieses und anderes Wissen für eine Erpressung: Er lässt sich zum Propagandachef und Generalvertreter des „Kobesmythos“ ernennen, den er als neue Religion etablieren will. Zur Inszenierung dieses Kults organisiert Sand eine Massenveranstaltung mit dem Varieté-Künstler Dalkony als Kobes-Double. Die Vorführung gipfelt in einem grausamen Exzess, bei dem das Publikum in Wahnsinn versinkt. Sand wird durch einen Trick entmachtet und zum Aufzugführer degradiert. Während das System Kobes als unpersönliche Macht weiterbesteht, endet Sand isoliert in einem steckengebliebenen Aufzug, in dem ein Revolver für ihn bereitgelegt wurde, damit er sich das Leben nimmt. Dalkony arbeitet als Kobes-Double weiter und darf die US-Unternehmergattin bei deren nächsten Kobes-Besuch beglücken.

Inhalt Ein „Wildling“ will dem Wirtschaftsmagnaten Kobes die Botschaft „Gewählt ist Kobes“ überbringen. Der Bote hat es eilig: „Ich bin früher da als Telegraf, Telefon, früher als die Luft“, denkt er, doch kommt er nicht weit in „Kobes‘ labyrinthischem Gebäude, das an kafkaeske Konstruktionen erinnert“:Schößler/Thiery, Kobes (1925) und die Inflationsnovellen, S. 106. Er wird aufgrund seines auffälligen Verhaltens mit zwei Schüssen als vermeintlicher Attentäter niedergestreckt. „Kein nennenswerter Vorfall, nichts, was hier aus dem Rahmen fiele. Die zusammengeströmten Beamten zogen von selbst ab; Befehl nicht notwendig. Die zusammengeströmten Rayonchefs blieben in der Halle versammelt, seltene Gelegenheit, alle gemeinsam Zigarren zu rauchen“ und sich über die jeweiligen von ihnen geleiteten Ressorts auszutauschen: Völkisches, Ersparnisse, Parlamentarisches, Propaganda, Kulturelles, Auswärtiges, Soziales. „Wir haben erst 60000 Selbstmorde erreicht“, beklagt sich beispielsweise der Rayonchef für Soziales: „Aus öffentlichen Mitteln oder durch Wohltätigkeit des In- und Auslandes leben zwanzig Millionen. Leben immer noch […]. Kann irgendeine Propaganda bewirken, daß sie sämtlich Selbstmord verüben? […] Abbau des Lebens“, fordert er: „Wir sind die Wirtschaft. Leben müssen nicht Menschen, sondern die Wirtschaft.“ Der Propaganda-Rayonchef macht das in eine Wand versenkte Radio an, aus der die Radiostimme von Kobes ertönt, in der Kobes seine eigene Bescheidenheit hervorhebt und später zu den Zuhörern meint: „Arbeiten! Viel mehr arbeiten sollt ihr! Nicht für Geld, nein, für die Sache!“. In die melodische Radiostimme stimmen die Rayonchefs singend ein. „‚Kobes gibt es nicht‘, sang der Rayonchef für Völkisches noch hinzu. Auf Proteste erwiderte er gereizt: ‚Kobes ist nicht existent. Er ist eine mythische Erfindung, die Personifizierung von Naturkräften, sagen wir Sonnengott. Das Volk liebt so was auch heute noch. […]‘ Auf weitere Proteste: ‚Haben Sie ihn gesehen? Na also‘“.

Kurz bevor die Radiostimme von Kobes‘ mythischem Reichtum schwärmt und die „Kobesmythe“ als „neue Religion“ bezeichnet, treten zeitgleich eine US-amerikanische Dame und Dr. Sand, „Referent für Varietétheater“ und somit „Untergebener des Rayonchefs für Propaganda“, in die Halle zu den Rayonchefs. Die Dame wagt es, Kobes persönlich sprechen zu wollen: „Eine Verrückte […] aber keine landläufige. Sieht unbedingt nach Geld aus und will hier irgend etwas. Winkst du, Schicksal?“, fragt Sand sich, sieht in ihr eine Aufstiegsmöglichkeit an seinen Vorgesetzten vorbei: „Ich stehe Ihnen restlos zur Verfügung mit allem, was ich bin und kann“, sagt Sand, gibt sich geheimnisvoll, erfährt von der Dame: „Mein Mann ist bei Mister Kobes“, und sie müsse dorthin. Sand versteckt die seiner Einschätzung nach somit bedeutsame US-Unternehmergattin vorerst in einem Archiv, seinem „Zettelkasten“, bis „die Luft rein ist“, läuft dem Sozial-Rayonchef in die Arme, der sofort eine Verhaltensänderung Sands feststellt: „Nur ein geheimes Machtgefühl konnte jemanden hier so frech machen.“ Kurzzeitig mutmaßt der Sozial-Rayonchef, Sand müsse Kobes kennengelernt haben. „Dieser großschädelige Wicht sollte erblickt haben, was keinem noch über den Weg ging? […] Unmöglich war kein Wunder.“ Als im „Kobes‘ labyrinthischem Gebäude“ Dienstschluss ist, holt Sand die US-Unternehmergattin aus seinem „Zettelkasten“, in dem er – neben seiner nunmehrigen Verbindung zur US-Dame – seine Chance sieht: „Keine Persönlichkeit Deutschlands, die hier nicht ihren Akt hätte. Persönlichkeit, Idee, Leistung, Verwendbarkeit: nichts fehlt.“ Sand denkt, mit dem Wissen aus diesen Personen-Dossiers könne er „alle hier demütigen, sie überholen und an die Spitze gelangen. Sie werden auf dem Bauch rutschen, ich bin Vizepapst. Oder soll ich das Ganze hier in die Pfanne hauen? Vielleicht will der Weltgeist nichts Geringeres von mir, als daß ich diese fürchterliche Veranstaltung, Geißel der Menschheit und ihr Gegenbeweis, stillege, ja dem Erdboden gleichmache. […] Titanischer Vorsatz! Ringen, Auge in Auge, Stirn an Stirn, mit dem Herrn der Heerscharen, mit Kobes in leiblicher Gestalt! Ihm ein Wagnis aufzwingen, dessen unermeßliche Folgen“ – Sand denkt den Gedanken nicht zu Ende.

Sand schleust die US-Unternehmergattin durch die Gänge von „Kobes‘ labyrinthischem Gebäude“, bis hin zu einem als großes Wartezimmer gestalteten Aufzug, der allerdings leicht defekt ist, so dass nur die US-Unternehmergattin in das Büro von Kobes gelangt, während Sand lediglich durch einen Schlitz der Aufzugtür Zeuge der Geschehnisse wird: „Der ungebügelte Herr in Schwarz“ muss in Sands Augen Kobes sein, denn der andere anwesende Mann wird, als er zu lachen beginnt, von der US-Unternehmergattin angeherrscht: „Sei still!“ Er gehorcht, worauf seine Gemahlin ihn weiter anschnauzt, er hätte sie mitnehmen müssen, unabhängig davon, ob Kobes das gewünscht hätte oder nicht. Als der mutmaßliche Kobes das Wort ergreift, verspottet sie ihn: „Oh, Mister Kobes! Was haben Sie für eine komische Stimme! Im Radio sprechen Sie nicht so hoch, wie eine Pfeife!“ Der mutmaßliche Kobes meint daraufhin, die Radiostimme stamme von einem Double, und die beiden Männer setzen die Erörterung ihrer Geschäftspläne fort, in denen es darum geht, die „ganze Welt“ zu „vertrusten“. Die US-Unternehmergattin drückt dem mutmaßlichen Kobes mehrfach ihre Bewunderung aus, findet ihn „schön“ und meint: „Sie wissen, was Lebensgenuß ist!“ Sie erklärt ihm, sie liebe ihn, und ihr Mann sekundiert, er dürfe das Geschäft nicht abschließen, „außer Sie schlafen mit meiner Frau.“ Die entrüsteten Erklärungen des mutmaßlichen Kobes, er sei Familienvater und habe „Achtung vor Familie und Moral“, nützen ihm nichts: „Kobes in seiner ungebügelten Trauergestalt stand stumm gebeugt vor der Dame“ und muss für den ungeschildert bleibenden Sexualakt herhalten.

Als nicht nur Kobes, sondern auch die beiden US-Bürger aus dem Büro verschwunden sind, gelingt Sand es endlich, sich aus dem Lift zu befreien, voller Vorfreude auf seinen Triumph angesichts allgemeiner Erpressbarkeiten: „Mitten in Schwindel und Schweißausbrüchen der Lebensgefahr hatte er zu fühlen bekommen, daß er dennoch stärker sei als die Mächtigen. Er war Ohrenzeuge ihres Elends geworden, er, den nichts Menschliches in Versuchung führte! Was vermochte denn gegen ihn jener Kobes!“ Der mutmaßliche Kobes kehrt zurück. „Wie durch den Staub geschleift, ein armer Überrest. Streit von Begier und Vorurteil hatte diese große Kraft erschüttert! Hatte seine Knochen verrenkt, sein schlichtes Kleid zu Fetzen zerknüllt. Sein Gesicht war lang, und unwillkürliche Zuckungen kräuselten es. Als er einen Menschen im Zimmer erblickte, rief er: ‚Helfen Sie mir!‘“ Sand versteht das umfangreicher, als der mutmaßliche Kobes es eigentlich meint. Sand erklärt dem mutmaßlichen Kobes: „‚Ich biete Ihnen unerhörte Gewinnchancen. Sie werden in den Stand gesetzt, die neue Religion, nach der unser ganzer Erdteil in furchtbaren Zuckungen ringt und die Sie auf radiotelegrafischem Wege Ihrer Kundschaft vorankündigen, sofort greifbar zu machen, ja, ohne weiteres in Betrieb zu nehmen.‘ ‚Welche neue Religion?‘ Kobes spielte den Unbeteiligten. ‚Den Kobesmythos‘, erklärte jener. […] ‚Bieten Sie mir Gegenwerte, wenn ich den Kobesmythos groß aufziehe‘“, fordert Sand, überreicht dem mutmaßlichen Kobes sein Konzept in einem Umschlag: „Sie haben das Recht, den Inhalt zu lesen, sobald Sie diesen Vertrag unterschrieben haben. Der Vertrag bestimmt, daß ich an die Stelle meines Chefs rücke. […] Durch den Vertrag werde ich Generalvertreter des Kobesmythos. Täuschen Sie sich nicht: damit sind Sie und Ihre gesamten Unternehmungen mir ausgeliefert. Ich mache den Gott und kann ihn stürzen.“ Die beiden Männer betreten den als Wartezimmer gestalteten Lift und beginnen ihre Vertragsverhandlungen. „So fuhren sie denn auf und nieder. Geschäftlich stark interessiert auf und nieder. Persönlich in Atemnähe auf und nieder. Auf Mord ineinander verbissen immer im Schacht auf und nieder.“