Das Jesuitenkolleg Jarosław (, auch Kolegium św. Jana w Jarosławiu) war eine Bildungs- und Ordensniederlassung der Jesuiten in Jarosław (Jaroslau) in Polen-Litauen – im heutigen Südosten Polens. Die Stiftung des Kollegs erfolgte 1571 durch die damalige Besitzerin der Stadt, Zofia Kostka. Die ersten Jesuiten kamen in den 1570er Jahren nach Jarosław; 1575 wurde eine Schule für weltliche Schüler eröffnet. Das Kolleg bestand bis zur Aufhebung des Jesuitenordens im Jahr 1773.

Das Kolleg entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum des jesuitischen Bildungswesens in der historischen Roten Rus und im östlichen Teil der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik. Neben dem Unterricht für weltliche Schüler wurden zeitweise auch philosophische und theologische Studien für Angehörige des Jesuitenordens angeboten.

Zum historischen Ensemble gehörten das vierflügelige Kolleggebäude und die ursprünglich den Heiligen Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten geweihte Kollegkirche, die heutige Corpus-Christi-Kirche. Das polnische Nationale Institut für Kulturerbe – Narodowy Instytut Dziedzictwa – bezeichnet das Ensemble als den ältesten erhaltenen Jesuitenkomplex Polens.

Geschichte Gründung und Beginn des Schulbetriebs Die Gründung des Kollegs stand im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Jesuitenordens in der polnisch-litauischen Adelsrepublik während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Besitzerin Jarosławs, Zofia Odrowąż (verheiratet mit Jan Kostka), stellte 1571 Besitz und Mittel für die Errichtung eines Jesuitenkollegs zur Verfügung.

Zeitgenössische und spätere Darstellungen nennen unterschiedliche Daten für die tatsächliche Ankunft der Jesuiten in Jarosław. Eine neuere bauhistorische Untersuchung lokalisiert die Ankunft der ersten Jesuiten in der Stadt bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1573. Sie kamen demnach aus dem Jesuitenkolleg in Poznań und bezogen zunächst ein hölzernes Gebäude auf dem sogenannten Grodzisko.

Der geregelte Schulbetrieb ist für den Zeitraum 1575 bis 1773 nachgewiesen. Auch das Museum Jarosław nennt 1575 als Beginn der Ausbildung der örtlichen Jugend durch die Jesuiten.

Errichtung des Kollegkomplexes Der Bau des gemauerten Kolleggebäudes begann 1580, der Bau der zugehörigen Kirche 1582. Planung und Bauleitung werden dem italienischen Jesuitenarchitekten Giuseppe Brizio zugeschrieben. Die Kirche wurde am 24. April 1594 den Heiligen Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten geweiht.

Das Kolleg wurde 1599 als vierflügeliger und zweigeschossiger Gebäudekomplex fertiggestellt. Seine vier Flügel umschlossen einen Innenhof und waren auf der Hofseite durch offene Arkadengänge erschlossen. Das Ensemble nahm den nördlichen Teil des historischen Stadtbergs ein.

Brände und bauliche Veränderungen Bereits 1600 wurde der kurz zuvor fertiggestellte Komplex durch einen großen Stadtbrand schwer beschädigt. Zwei Flügel des Kollegs und das Dach der Kirche wurden zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte hauptsächlich zwischen 1605 und 1609. Dabei entstanden zusätzliche Gebäude sowie ein Uhrturm am Kolleg.

Ein weiterer Brand im Jahr 1625 zerstörte die Dächer von Kirche und Kolleg; auch die Schulräume brannten aus. Die Anlage wurde zwischen 1625 und 1628 wiederhergestellt.

An Umbau und Wiederherstellung des Ensembles war der italienische Jesuitenarchitekt Giacomo Briano beteiligt. Unter dem seit 1671 als Rektor amtierenden Jesuiten und Architekten Bartłomiej Nataniel Wąsowski wurde der Komplex zusätzlich befestigt. Die bis dahin offenen Arkaden des Erdgeschosses wurden zugemauert, diejenigen des Obergeschosses verglast.

Bildungswesen Das Jesuitenkolleg diente zunächst der schulischen Ausbildung weltlicher Jugendlicher. Der Unterricht orientierte sich an der humanistischen Bildungstradition der Jesuiten. Zu den Lehrinhalten gehörten unter anderem Latein, Grammatik, humanistische Fächer, Philosophie und Theologie.

Neben der allgemeinen Schule entwickelte sich Jarosław zeitweise auch zu einem Ausbildungsort innerhalb des Jesuitenordens. Weitere Studiengänge für Jesuiten wurden hier eingerichtet, die später selbst als Lehrer tätig werden sollten. Außerdem bestanden zeitweise Studienangebote in Philosophie, Moraltheologie und Kontroverstheologie.

Zum Bildungsangebot gehörten außerdem Musik und Theater. Neben der eigentlichen Jesuitenschule existierten eine Musikschule, in der Instrumentalspiel, Gesang und Musiktheorie unterrichtet wurden. Schüler wurden auch zum Verfassen von Gedichten, zum Gesang und zu Theateraufführungen angeleitet.

Rektor Bartłomiej Wąsowski regte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Gründung einer Militärakademie am Kolleg anregte. Das Vorhaben wurde jedoch nicht verwirklicht.

Stellung innerhalb des jesuitischen Bildungswesens Die Schule in Jarosław gehörte zu den früh gegründeten Jesuitenschulen der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Eine Darstellung zur Geschichte des jesuitischen Bildungswesens nennt als Eröffnungsjahre unter anderem Pułtusk 1568, Vilnius 1570, Poznań 1573 und Jarosław 1575.

Das Museum Jarosław bezeichnet die Schule als die erste jesuitische Bildungseinrichtung in der damaligen Rus. Neben Jugendlichen aus Jarosław besuchten auch Angehörige des Adels das Kolleg.

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts entstand in Jarosław eine zweite Jesuitenniederlassung bei der Kirche der Muttergottes „im Felde“ (Najświętszej Marii Panny na Polu). Sie ist von dem älteren Kolleg St. Johannes zu unterscheiden.

Aufhebung und Nachnutzung Nach der Ersten Teilung Polens von 1772 gehörte Jarosław zum habsburgischen Herrschaftsgebiet. Mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 endete die Tätigkeit des Kollegs. Die österreichische Verwaltung verwendete die ehemaligen Kolleggebäude anschließend für staatliche und militärische Zwecke. Im Kolleg wurden eine Verwaltungsstelle und Kasernen eingerichtet; die ehemalige Jesuitenkirche diente zunächst als Lager. 1804 wurde die ehemalige Kollegkirche zur Pfarrkirche von Jarosław bestimmt und dem Fronleichnam beziehungsweise Corpus Christi geweiht.

Zerstörung und heutiger Bestand Während der Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs brannte das ehemalige Kolleggebäude 1914 aus. Zwischen 1921 und 1923 wurden drei der ursprünglich vier Flügel abgebrochen. Erhalten blieb der westliche Flügel, in dem sich früher Teile der Jesuitenschule befunden hatten. Das Gebäude wurde anschließend als Pfarrhaus genutzt. 1924 wurde zusätzlich der Gebäudeteil abgebrochen, der das Kolleg mit der Kirche verbunden hatte. Der erhaltene westliche Flügel ist zweigeschossig und unterkellert. An seiner rückwärtigen Fassade sind noch drei Arkaden der ehemaligen Kreuzgänge sichtbar. An der Südostecke schließt ein mehrgeschossiger Turm an.

Architektur und städtebauliche Bedeutung Das ursprüngliche Kolleg war als vierflügeliger, zweigeschossiger Gebäudekomplex um einen rechteckigen Innenhof angelegt. Die Hofseiten waren durch Arkadengänge erschlossen. Gemeinsam mit der Kirche und den zugehörigen Nebenbauten bildete das Kolleg eine großmaßstäbliche Anlage im nördlichen Bereich des Stadtbergs.

Eine bau- und stadtgeschichtliche Untersuchung hebt hervor, dass die Wahl des erhöht gelegenen Bauplatzes bewusst erfolgte. Die Lage ermöglichte eine weite Sicht über das Umland und verlieh dem Jesuitenensemble zugleich eine städtebaulich dominante Stellung.

Die Pläne Giuseppe Brizios entstanden kurze Zeit nach dem Beginn des Baus der römischen Jesuitenkirche Il Gesù. Das Nationale Institut für Kulturerbe weist insbesondere bei der ehemaligen Kollegkirche auf deutliche Einflüsse dieses römischen Vorbildes hin.

Bedeutung des Jesuitenkollegs Jarosław Das Jesuitenkolleg Jarosław gehört zu den frühen Einrichtungen des Jesuitenordens im östlichen Teil der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Seine Bedeutung beruhte auf der Verbindung von Ordensniederlassung, Schule, weiterführenden Studien sowie musikalischer und theatralischer Ausbildung.

Der historische Komplex ist außerdem ein wichtiges Zeugnis der frühen Jesuitenarchitektur in Polen. Trotz erheblicher Verluste des Kolleggebäudes im 20. Jahrhundert sind mit der ehemaligen Kollegkirche, dem westlichen Kollegflügel, Teilen der Arkaden und dem Turm wesentliche Bestandteile des Ensembles erhalten. Das polnische Nationale Institut für Kulturerbe bewertet die Anlage als den ältesten erhaltenen Jesuitenkomplex Polens.

Literatur Borowiejska-Birkenmajerowa, Maria; Paszenda, Jerzy: Lokalizacja warownego zespołu jezuickiego w Jarosławiu i problem grodziska. In: Teka Komisji Urbanistyki i Architektury, Bd. 4, 1970. Gottfried, Kazimierz: Jezuici w Jarosławiu. Jarosław 1933. Hołub, Janusz: Dawne kolegium oo. Jezuitów. Kolegiata Bożego Ciała w Jarosławiu. Jarosław 2004, ISBN 978-83-921651-0-1 Leń, Krzysztof: Jezuickie kolegium św. Jana w Jarosławiu 1573–1773. Wyższa Szkoła Filozoficzno-Pedagogiczna „Ignatianum“, Kraków 2000, ISBN 83-88209-10-8 Paszenda, Jerzy: Dzieje fundacji i budowy kościoła św. Jana w Jarosławiu 1568–98. In: Biuletyn Historii Sztuki, Jg. 33, Nr. 1, 1971, S. 3–11. Paszenda, Jerzy: Kościół św. Jana w Jarosławiu w wiekach XVII i XVIII. In: Biuletyn Historii Sztuki, Jg. 33, 1971. Pelczar, Roman: Szkolnictwo jezuickie w Jarosławiu 1575–1773 r. In: Nasza Przeszłość. Studia z dziejów Kościoła i kultury katolickiej w Polsce, Bd. 84, 1995, S. 13–47, DOI:10.52204/np.1995.84.13-47. Załęski, Stanisław: Jezuici w Polsce. Kraków 1900–1906.

Weblinks Narodowy Instytut Dziedzictwa – Dawne kolegium jezuickie św. Jana Muzeum w Jarosławiu – Jarosław (nie) do poznania Nasza Przeszłość – Roman Pelczar: Szkolnictwo jezuickie w Jarosławiu 1575–1773 r. Universitätsbibliothek Heidelberg – Biuletyn Historii Sztuki 33 (1971)

Einzelnachweise

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