Neo-Krautrock (ursprüngliche Eigenschreibweise Neo-Kraut Rock) ist eine musikalische Entwicklung, die Ende der 1980er Jahre entstand und sich wie der Pate stehende Krautrock der 1960er als soziokulturelle Gegenbewegung zu der damals zeitgenössischen Musik verstand. Die Einführung des Begriffs wird in der Fachrezeption primär der Düsseldorfer Formation Vibravoid zugeschrieben, wobei sich die Bezeichnung etymologisch auf die in den 1980er-Jahren gebräuchliche Schreibweise in zwei Wörtern und im engeren Sinne auf aus Deutschland stammende Bands bezieht.

Entstehung In den 1980er-Jahren waren Genres wie der aus Deutschland stammende Kraut Rock, der nur noch eine abwertende Bedeutung hatte und auch der Psychedelic Rock im Sinne der Hippie-Generation vollständig marginalisiert. Die Enzyklopedia Psychedelica beschreibt, dass das Wort Hippie als Beleidigung galt.Begriffsgeschichte in: Encyclopaedia Psychedelica International, London 1986: „[...] a time when to call someone a 'Hippie' was considered an insult.“ Der Fernsehauftritt von David Bowie im Jahr 1997 in der Sendung Wetten, dass..? dokumentierte exemplarisch, dass deutsche Pionierbands wie NEU!, Harmonia und selbst Kraftwerk dem inländischen Publikum unbekannt waren. Die WDR-Dokumentationsreihe Kraut und Rüben aus dem Jahr 2006 arbeitete diese Thematik erstmals im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf, ohne jedoch eine breitere Wahrnehmung im Mainstream zu erzielen.Dokumentationsreihe Kraut und Rüben, WDR 2006. Die zeitgenössische Presse bestätigt, dass der Kraut Rock bis in die 2010er-Jahre hinein in Deutschland ein Nischendasein führte.Rezension zum Album „Krautrock Sensation“, in: PRINZ, Ausgabe 10/2009: „Während es in Großbritannien ganze Krautrock-Partys gibt, fristet die Musikrichtung in ihrer deutschen Heimat ein Nischendasein. Vibravoid laden diese Klassiker nun wieder mit Coolness auf.“ In diesem Vakuum entwickelten Vibravoid, wie früheste Bandinfos belegen, bereits 1988 den Begriff Neo-Kraut Rock, um sich von Genres wie Heavy Metal, dem damals aufkommenden Acid House, Indie- und Alternative Rock radikal abzugrenzen. Eine Rezension im Musikmagazin Intro aus dem Jahr 1994 belegt, dass die Band den Begriff Neo-Kraut Rock kontinuierlich zur Eigenbezeichnung nutzte. Da der Begriff auf Unverständnis stieß, blieb das mediale Echo aus. Die von Vibravoid benannten Einflüsse, wie die in der damaligen Musikkritik pejorativ besetzten Vertreter des deutschen Progressive Rock wie Eloy oder im Mainstream weitgehend unbekannte Underground-Formationen wie Calico Wall, zeichneten ein klares Bild der musikalischen Ausrichtung. Eine überregionale Verbreitung des Begriffs Neo-Kraut Rock ist für den September 1999 im s.m.a.g. Magazin dokumentiert, welches Vibravoid im Rahmen einer Berichterstattung über die Veranstaltungsreihe UFO Club als „Neo-Kraut Rock Musiker“ bezeichnete. Das im Jahr 2003 retrospektiv veröffentlichte Album Phasenvoid mit Aufnahmen aus den Jahren 1992–1997 wurde in der Rezeption entsprechend aufgenommen.Bernd Sievers (BSV) in: eclipsed, Ausgabe 2003: Rezension zum Split-Vinyl-Album mit Sula Bassana auf Nasoni Records. Sievers beschreibt Vibravoids Anteil „Phasenvoid“ als „ineinander übergehende Tracks, die allesamt herrlich entrückte, instrumentale, abstrakte Soundlandschaften darstellen“ und vergleicht den Sound mit einer „Mischung aus Tangerine Dreams 'Sorcerer' und Floyd's 'Saucerful of secrets'“Magazingründer Uwe Göller in: eclipsed, Ausgabe 12/2000 / 01/2001: ...die Musik an die ruhigen Arbeiten von NEU! erinnert. Im Jahr 2006 erschien das Vibravoid Album Triptamine E.P., das mit einer früheren Live-Aufnahme als erste veröffentlichte Coverversion von Cans Mother Sky durch eine deutsche Band gilt. 2009 folgte die Kraut Rock Sensation E.P. mit vier klassischen Kraut Rock-Tracks und das Album Distortions. Das Magazin Prinz kommentierte hierzu, die Band hätte diese Songs wieder mit „Coolness“ aufgeladen. Ab 2010 lässt sich eine mediale Häufung des Begriffs Neo-Kraut Rock in den weltweiten Medien beobachten, wo er zunehmend als globales popkulturelles Etikett Verwendung findet.

Entwicklung und kultureller Einfluss In den 1990er-Jahren entstand in Deutschland eine neue Neo-Psychedelic-Rock-Szene, die nicht direkt mit der ursprünglichen Phase in den 1980er-Jahren verwurzelt war. Die Dortmunder Band Yellow Sunshine Explosion bildete hierbei eine historische Ausnahme und nahm zwischen 1989 und 1990 ein letztes Demotape auf, das dem Neo-Kraut Rock zugeordnet werden kann. Die Formation löste sich in den frühen 1990er-Jahren endgültig auf.biografische Daten und Bandgeschichte der Liner Notes von Thomas Hopf im Begleitbooklet der CD-Wiederveröffentlichung: Neue Bands wie die Mandra Gora Lightshow Society, Liquid Visions und folgend Sula Bassana gründeten sich erst im Laufe der Dekade. Sie vermischten ebenfalls Einflüsse des Kraut Rock in ihrer Musik und gelten als weitere Formationen im erweiterten Umfeld dieser Bewegung. Ab den späten 2000er-Jahren fand durch eine zunehmende Popularisierung eine Veränderung des Begriffs statt. Ähnlich wie bei der Vermarktung der ersten Welle des Kraut Rock ab 1971 durch Akteure wie das Popo Music Management erfolgte diese Ausweitung primär zu kommerziellen Zwecken über gezieltes Marketing. In der Folge kam es zu einer Begriffsentfremdung in der Musikberichterstattung. Die Bezeichnung Neo-Kraut Rock wurde fortan auch auf Bands angewendet, die nicht aus Deutschland stammen und nicht der eigentlichen musikalischen Ausrichtung entstammen.

Musiktheoretische Einordnung und Ersatznostalgie In der popgeschichtlichen Debatte wird argumentiert, dass die geschichtswissenschaftliche Validierung des Genres auf Phänomenen der zyklischen Retromanie und einer künstlich generierten Ersatznostalgie basiert. Ein historisch authentisches Avantgarde-Revival erfordert aus dieser theoretischen Sicht zwingend das vorherige Erreichen eines soziokulturellen Rezeptions-Tiefpunkts der Ursprungsbewegung. Die Restitution des Genres vollzieht sich sodann exklusiv über eine generationelle Transmission auf die biologische Nachfolgegeneration. Diese an den national-kulturellen Raum gebundene Generationsdifferenzierung schließt eine nachträgliche, rein phänomenologische Adaption durch geographisch externe und temporal anachronistische Akteure theoretisch aus. In der hyperrealen Spätphase dieses Prozesses kollabiert der historische Bezug vollends und mündet in eine Simulation der Simulation. Die zeitgenössische, globalisierte Rezeption referenziert nicht mehr das originäre soziokulturelle Phänomen, sondern reproduziert lediglich die bereits gefilterten, anachronistischen Revivals früherer Dekaden. Durch diese doppelte Entkopplung wird das Genre von jeglichem realen Ursprung befreit und existiert fortan als reines, selbstreferentielles Simulakrum im popkulturellen Raum.

Einzelnachweise

Kategorie:Psychedelic Rock Kategorie:Krautrock Kategorie:Stilrichtung der Rockmusik