mini|Abdul Kabir (2021)

Mawlawi Abdul Kabir (; * vermutlich um 1963) ist ein afghanischer Politiker und führendes Mitglied der Taliban. Seit Januar 2025 ist er Minister für Flüchtlinge und Rückkehrer in der international nur teilweise anerkannten Regierung des Islamischen Emirats Afghanistan. Von Oktober 2021 bis Januar 2025 war er amtierender stellvertretender Ministerpräsident für politische Angelegenheiten. Während der ersten Herrschaft der Taliban war er unter anderem Gouverneur der Provinz Nangarhar, Leiter der Ostzone und stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates. Von April bis November 2001 nahm er zeitweise die Aufgaben des Ministerpräsidenten wahr.

Frühes Leben

Zu Abdul Kabirs frühem Leben existieren nur wenige gesicherte Angaben. Auch Geburtsjahr und Geburtsort werden in den Quellen unterschiedlich angegeben. Der Sanktionsausschuss des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen gibt sein Geburtsjahr mit etwa 1963 und als möglichen Geburtsort Pul-e Chumri oder den Distrikt Baghlan Jadid in der Provinz Baglan an. Seine Familie stammt demnach ursprünglich aus dem Distrikt Neka in der Provinz Paktia. Kabir gehört dem paschtunischen Stamm der Zadran an.

Nach Angaben des Afghanistan Analysts Network (AAN) stammt seine Familie aus Paktia, während Kabir selbst in Baglan aufwuchs, wohin sein Vater bereits vor den jahrzehntelangen Kriegen in Afghanistan gezogen war.

Über seine Ausbildung und seinen Werdegang vor dem Aufstieg der Taliban liegen nur wenige belastbare Informationen vor. Spätestens in den 1990er Jahren gehörte er zum engeren Umfeld der Taliban und entwickelte enge Beziehungen zu deren Gründer Mohammed Omar.

Karriere

Während der ersten Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 bekleidete Kabir mehrere hochrangige Ämter. Nach Angaben der Vereinten Nationen war er zweiter stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates mit Zuständigkeit für Wirtschaftsfragen, Gouverneur der Provinz Nangarhar und Leiter der östlichen Zone des Taliban-Regimes.

1996 ernannte Mohammed Omar ihn zum Gouverneur von Nangarhar. Kabir entwickelte dort eine langfristige regionale Machtbasis und blieb auch nach dem Sturz der Taliban eng mit den östlichen Provinzen verbunden.

Nach dem Tod des damaligen Vorsitzenden des Ministerrates Mohammad Rabbani im April 2001 übernahm Kabir vorübergehend dessen Aufgaben. Er fungierte damit in den letzten Monaten der ersten Taliban-Herrschaft als amtierender Regierungschef.

Nach dem Zusammenbruch des Taliban-Regimes im November 2001 ging Kabir in den Untergrund. Im April 2002 erklärte Abdul Razzak, ein früherer Anhänger des islamistischen Politikers Gulbuddin Hekmatyār, gegenüber der Associated Press, er habe Kabir kurz zuvor in Paktia getroffen. Dieser soll gemeinsam mit dem ägyptisch-kanadischen Al-Qaida-Mitglied Ahmed Khadr aus Nangarhar dorthin geflohen sein.

Im Mai 2002 wurde Kabir erneut Mitglied der Taliban-Führung. Während des anschließenden Aufstandes leitete er zunächst die politische Kommission der Organisation und später deren militärische Operationen in Ostafghanistan.

Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete im Juli 2005, Kabir sei im pakistanischen Nowshera festgenommen worden. Zusammen mit ihm seien sein Bruder Abdul Aziz, Mullah Abdul Qadeer, Mullah Abdul Haq und ein weiteres nicht identifiziertes Mitglied der Taliban-Führung verhaftet worden. Die Umstände dieses Berichts und eine mögliche spätere Freilassung blieben unklar.

Am 19. Juli 2006 führte der US-Abgeordnete Roscoe Bartlett Kabir in einer Rede im Kongress der Vereinigten Staaten unter mutmaßlichen früheren Terrorverdächtigen auf, die von der US-Regierung nicht mehr als unmittelbare Bedrohung angesehen würden.

Trotz dieser Berichte zitierten Medien 2007 Geheimdienstmitarbeiter mit der Einschätzung, Kabir und andere hochrangige Taliban hielten sich in Nord-Wasiristan in Pakistan auf und planten während des Ramadan eine Offensive im Südosten Afghanistans.

Im Oktober 2007 berichtete Xinhua unter Berufung auf die Zeitung Daily Afghanistan, Kabir sei zum Taliban-Kommandeur für die Provinzen Nangarhar, Laghman, Kunar und Nuristan ernannt worden. Die Vereinten Nationen führen ihn ebenfalls als Mitglied des höchsten Taliban-Führungsrates im Jahr 2009 und als militärischen Befehlshaber der Ostzone auf.

Im Februar 2010 berichteten mehrere Medien erneut über Kabirs Festnahme in Pakistan. Sie soll aufgrund von Geheimdienstinformationen erfolgt sein, die nach der kurz zuvor erfolgten Festnahme des hochrangigen Taliban-Führers Abdul Ghani Baradar gewonnen worden waren. Kabir wurde später wieder freigelassen.

Nach Angaben des Afghanistan Analysts Network wurde Kabir um 2012 von seinen Führungsaufgaben in Ostafghanistan entbunden, weil er zu unabhängig von der in Pakistan ansässigen Taliban-Führung gehandelt habe. Einige Jahre später kehrte er jedoch als einflussreiches Mitglied des höchsten Führungsrates zurück. Er spielte unter anderem eine wichtige Rolle dabei, Kommandeure in Ostafghanistan dazu zu bewegen, zunächst Akhtar Mansur und nach dessen Tod Hibatullah Achundsada als Taliban-Führer anzuerkennen.

Kabir gehörte später der politischen Kommission der Taliban an und beteiligte sich an Verhandlungen im Rahmen des Friedensprozesses. 2020 wurde er als Mitglied der Taliban-Delegation für die innerafghanischen Gespräche in Doha genannt. Er war auch an der politischen Arbeit rund um das Doha-Abkommen zwischen den Taliban und den Vereinigten Staaten beteiligt.

Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021 wurde Kabir Mitglied des Führungsrates und am 4. Oktober 2021 zum amtierenden stellvertretenden Ministerpräsidenten für politische Angelegenheiten ernannt.

Vom 17. Mai bis zum 17. Juli 2023 übernahm Kabir vorübergehend die Aufgaben des amtierenden Ministerpräsidenten Mohammed Hassan Achund, während dieser sich wegen gesundheitlicher Probleme in Kandahar aufhielt.

Als stellvertretender Ministerpräsident war Kabir insbesondere mit politischen und diplomatischen Angelegenheiten betraut. Er leitete die politische Kommission der Taliban-Regierung und traf wiederholt ausländische Diplomaten und Vertreter internationaler Organisationen.

Am 9. Januar 2025 ernannte Taliban-Führer Hibatullah Achundsada Kabir nach der Ermordung seines Vorgängers Khalil Haqqani zum amtierenden Minister für Flüchtlinge und Rückkehrer. Gleichzeitig verlor Kabir sein Amt als stellvertretender Ministerpräsident für politische Angelegenheiten. Am 18. Januar übernahm er das Ministeramt offiziell.

Politische Ausrichtung

Das Afghanistan Analysts Network beschrieb ihn 2016 als einen der am stärksten politisch orientierten Führer der Taliban und hob seine politische Gewandtheit, sein organisatorisches Geschick und seine umfangreichen persönlichen Netzwerke hervor. Kabir habe während des Aufstands auch die rücksichtslose Tötung afghanischer Zivilisten durch Taliban-Kämpfer kritisiert. Auch bei den innerafghanischen Verhandlungen wurde er aufgrund seiner politischen Erfahrung in die Verhandlungsdelegation aufgenommen.

Während der Verhandlungen in Doha entwickelte er sich zu einem der Taliban-Funktionäre mit größerer Erfahrung im Umgang mit ausländischen Regierungen. Seine zeitweilige Ernennung zum amtierenden Ministerpräsidenten im Jahr 2023 wurde teilweise auf diese diplomatische Erfahrung zurückgeführt.

Seine politische Position unterscheidet sich damit teilweise von stärker militärisch oder ideologisch ausgerichteten Teilen der Taliban. Kabir vertritt jedoch weiterhin die grundlegende politische und religiöse Ordnung des Islamischen Emirats. Als stellvertretender Ministerpräsident erklärte er unter anderem, Afghanistan müsse nach den islamischen Grundsätzen der Taliban regiert werden und alle Amtsträger seien dem obersten Taliban-Führer verpflichtet. 2024 erklärte er zudem, Forderungen internationaler Gesprächspartner, die nach Auffassung der Taliban im Widerspruch zur Scharia stünden, würden nicht akzeptiert.

Sanktionen und Vorwürfe

Am 25. Januar 2001 wurde Kabir vom Sanktionsausschuss des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen auf die Liste der mit den Taliban verbundenen Personen gesetzt. Als Begründung wurden seine damaligen Positionen als zweiter stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates, Gouverneur von Nangarhar und Leiter der Ostzone genannt.

Die Vereinten Nationen erklärten später, Kabir sei während des Taliban-Aufstands an terroristischen Aktivitäten in Ostafghanistan beteiligt gewesen und habe im Namen der Taliban Gelder von Drogenhändlern eingezogen. Zudem wurde er als Mitglied des höchsten Taliban-Führungsrates geführt.

Die Angaben der Vereinten Nationen führten außerdem aus, Kabir sei für den Angriff auf afghanische Parlamentarier in der Provinz Baglan im November 2007 verantwortlich gewesen.

Weblinks

Abdul Kabir Mohammad Jan beim Sanktionsausschuss des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (englisch)

Einzelnachweise

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