Betty Goudsmit-Oudkerk (* 2. April 1924 in Amsterdam; † 14. Juni 2020 ebenda) war eine jüdische niederländische Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende während des Zweiten Weltkriegs.

Werdegang

Elisabeth „Betty“ Oudkerk wurde als zweitjüngstes Kind von Leendert Oudkerk (1883–1940) und Henriëtte Hamburger (1888–1943) in eine jüdische Familie in Amsterdam geboren. Sie wuchs zusammen mit ihren vier Geschwistern Gerrit (1918–1943), Aron „Nol“ (September 1920–1943), Helene „Leny“ (geboren 1923) und Jacob „Jaap“ (geboren 1928) in der Wohnung über dem elterlichen Textilgeschäft auf. Ihre Mutter war Musiklehrerin, ihr Vater betrieb bis zu seinem Tod (aufgrund einer Hirnblutung) ein Textil- und Kurzwarengeschäft an der Ecke „Tweede Jan van der Heijdenstraat“ und „Van Woustraat“ 68–72. Nach seinem Tod führte Betty Oudkerks Mutter das Geschäft allein weiter. Betty Oudkerk besuchte die Amsterdamer Hauswirtschaftsschule am Zandpad, wo sie sich mit Sieny Kattenburg anfreundete. Ihre Freundschaft bestand lebenslang.

Leben während der deutschen Besatzung der Niederlande Während der Besetzung der Niederlande durften Betty Oudkerk, ihre Freundin Sieny Kattenburg und die anderen jüdischen Schülerinnen ab dem Sommer 1941 die Hauswirtschaftsschule nicht mehr besuchen, da die Nationalsozialisten jüdischen Kindern den Besuch nicht-jüdischer Schulen verboten hatten. Die siebzehnjährige Betty Oudkerk und ihre Schulkameradinnen fanden Aufnahme in der Kinderkrippe (offiziell Vereeniging Zuigelingen-Inrichting en Kinderhuis, „Vereinigung für Säuglingsfürsorge und Kinderheim“) an der Plantage Middenlaan in der Plantagebuurt. Sie begann dort eine zweijährige Ausbildung zur Kinderbetreuerin und liebte die Arbeit mit den Kindern. Ab dem 15. September 1941 durften dort auf Anordnung der Besatzer nur noch jüdische Kinder untergebracht werden, und nur jüdische Betreuerinnen waren ab diesem Zeitpunkt beschäftigt.

Im Jahr 1942 wurde das Geschäft der Familie Oudkerk enteignet, beschlagnahmt und von der Witwe von Hendrik Koot übernommen. Koot war ein Kollaborateur mit den deutschen Besatzern und Mitglied der WA, des paramilitärischen Flügels der niederländischen Nazi-Partei NSB, der bei Unruhen ums Leben gekommen war.

Widerstandstätigkeit mini|Hollandse Schouwburg (2024) Die Kinderkrippe lag gegenüber dem Theater Hollandsche Schouwburg auf der anderen Straßenseite am Rande des historischen Amsterdamer Judenviertels. Ab Ende Juli 1942 diente die Schouwburg als Sammelplatz für Juden vor dem Weitertransport in das Durchgangslager Westerbork oder das KZ Herzogenbusch. Im Oktober 1942 wurde die Kinderkrippe offiziell zu einer Außenstelle der Schouwburg, was die Bedingungen dort grundlegend änderte. Die verängstigten Kinder bis dreizehn Jahre wurden von ihren in der Schouwburg festgehaltenen Eltern getrennt und zunächst bis zu ihrer Deportation in der Krippe untergebracht. Walter Süskind und die Leiterin Henriëtte Pimentel baten einen kleinen Kreis von Betreuerinnen, bei der Rettung von Kindern zu helfen; zu ihnen gehörte auch Betty Oudkerk.

mini|Lageplan der Gebäude und der Haltestelle Betty Oudkerk rettete unter Einsatz des eigenen Lebens gemeinsam mit anderen rund 600 Kindern das Leben, indem sie sie aus der Kinderkrippe schmuggelten. Anfänglich brachten sie vor allem Säuglinge in Taschen zum Hauptbahnhof und übergaben sie an Mitglieder des Widerstands, die sie auf Verstecke im Land verteilten. Daneben arbeiteten sie mit studentischen Widerstandsgruppen um Piet Meerburg aus Amsterdam oder Utrecht zusammen. Sie warteten, bis die Straßenbahn vor der Schouwburg hielt und einen kurzen Moment den Eingang der Kinderkrippe vor den Soldaten verbarg, die vor dem ehemaligen Theater Wache hielten. Sie starteten dann mit den Kindern einen Spaziergang, gingen mit ihnen entweder zum Gebäude der jüdischen Gemeinde in der Plantage Parklaan, zu einem nahen unbebauten Grundstück oder in Richtung der Portugiesischen Synagoge und ließen dort einige zurück. Diese Kinder wurden dann wie verabredet von den Studenten im Widerstand aufgenommen und in Sicherheit gebracht, meist in die Provinzen Limburg oder Friesland.

Am 26. Juli 1943 wurden fast alle Mitarbeiter der Kinderkrippe deportiert, nur Betty Oudkerk, Sieny Cohen-Kattenburg und Virrie Cohen blieben und starteten fieberhafte Rettungsaktionen für die verbliebenen Kinder. Bei der letzten Razzia in Amsterdam vom 28. auf den 29. September 1943 wurde auch die Krippe geräumt. Betty Oudkerk konnte sich auf dem Dachboden des benachbarten Lehrerseminars verstecken. Anschließend tauchte sie – ebenso wie Sieny Cohen-Kattenburg und Virrie Cohen – unter und überlebte den Krieg versteckt zunächst bei ihrer Schwester Leny und dann an verschiedenen anderen Orten.

Betty Oudkerk verlor durch den Holocaust einen Großteil ihrer Familie: Ihre Mutter starb im Januar 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau, ihr Bruder Gerrit kam im Februar 1943 im KZ Auschwitz um, ebenso wie ihr Bruder Aron im Oktober 1943. Auch ihre Großmutter wurde ermordet.

Weiteres Leben Nach dem Krieg heiratete Betty Oudkerk Ende Mai 1946 den aus Groningen stammenden jüdischen Abraham „Bram“ Goudsmit (1921–2005) und arbeitete im Amsterdamer Krankenhaus Binnengasthuis und später bei der Bergstichting, einem jüdischen Kinderheim in Laren. Sie zog mit ihrem Mann in das damalige Mandatsgebiet Palästina, kehrte aber schon 1949 gemeinsam mit ihm zurück. Nach ihrer Rückkehr in die Niederlande widmete sie sich dem Familienleben und unterstützte ihren Mann beim Aufbau eines Immobiliengeschäfts. Zudem betrieb sie eine Zeit lang ein eigenes Hotel. Mit Bram Goudsmit hatte sie fünf Kinder. Anfang der siebziger Jahre unternahmen sie und ihr Mann ausgedehnte Reisen und kauften mehrere Häuser im Ausland, darunter eines in der Schweiz.

Den Großteil ihres Lebens sprach Betty Goudsmit-Oudkerk kaum über ihre Erlebnisse während des Holocausts. Erst vier Jahre vor ihrem Tod ließ sie auf Drängen ihrer Kinder ihre Geschichte schriftlich festhalten. Im Jahr 2016 wurde ihre Lebensgeschichte von Esther Göbel und Henk Meulenbeld mit dem Buch Betty, een joodse kinderverzorgster in verzet („Betty: Eine jüdische Kinderbetreuerin im Widerstand“) veröffentlicht.

Im Jahr 2016 wurde Betty Goudsmit-Oudkerk mit der internationalen Ehrung „Juden retteten Juden“ von B’nai B’rith ausgezeichnet. Gelegentlich trat sie bei Gedenkfeiern, Vorträgen und Erinnerungsveranstaltungen auf, sprach bei der Eröffnung jüdischer Kulturstätten und nahm an der Einweihung des Nationaal Holocaust Museum teil, in dessen Gebäude sich früher die Hervormde Kweekschool (reformiertes Lehrerseminar) befunden hatte, an der Johan van Hulst unterrichtete und sich an der Rettung der jüdischen Kinder beteiligte. In Interviews äußerte Betty Goudsmit-Oudkerk, wie wunderbar es sei, dass 600 Kinder gerettet wurden, aber auch, wie schrecklich es sei, dass Tausende weitere nicht in Sicherheit gebracht werden konnten. Sie habe stets das Gefühl gehabt, dass sie mehr hätte tun müssen – ein Gefühl, das sie ihr Leben lang begleitet habe.

Im Jahr 2025 erschien das Buch Für Angst blieb keine Zeit von Elle van Rijn, das auf dem Leben von Betty Goudsmit-Oudkerk beruht.

Literatur Esther Göbel, Henk Meulenbeld: Betty, een Joodse kinderverzorgster in verzet. Gibbon Uitgeefagentschap 2016, ISBN 978-9-4913-6371-9 Elle van Rijn: Für Angst blieb keine Zeit. (Übersetzung: Gaby van Dam) Piper 2025 (Originaltitel De crèche) ISBN 978-3-4920-6620-4

Einzelnachweise Betty Goudsmit-Oudkerk - Rescuer of Jewish Children. In: artworkarchive.com. Abgerufen am 15. August 2026

Betty Goudsmit-Oudkerk. In: joodsamsterdam.nl. Abgerufen am 15. August 2026

De Hollandsche Schouwburg als deportatieplaats. In: Joods Cultureel Kwartier. Abgerufen am 15. August 2026

Michael Thaidigsmann: Nachruf: »Eine mutige und starke Frau«. In: Jüdische Allgemeine vom 18. Juni 2020. Abgerufen am 15. August 2026

DVerzetsstrijdster Betty Goudsmit-Oudkerk overleden. In: NOS Nieuws der Nederlandse Omroep Stichting vom 15. Juni 2020. Abgerufen am 15. August 2026

Hanneloes Pen: Betty Goudsmit-Oudkerk (1924-2020) redde honderden Joodse kinderen van deportatie. In: Het Parool vom 15. Juni 2020. Abgerufen am 15. August 2026

Goudsmit Abraham. In: spurenimvest.de. Abgerufen am 16. August 2026

Peter de Waard: Betty Oudkerk was 18 jaar toen ze baby’s redde uit de handen van de nazi’s. In: De Volkskrant vom 12. Juli 2020. Abgerufen am 16. August 2026

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