Die Neue Münchner Gruppe war ein loser Zusammenschluss junger Filmemacher, der sich um 1964 in München-Schwabing bildete und sich bis etwa 1972 wieder auflöste. Sie entstand im Gefolge des Oberhausener Manifests von 1962, entwickelte sich aber parallel zum Neuen Deutschen Film und setzte dessen gesellschaftskritischem Programm ein unterhaltendes, sinnliches und genrenahes Kino entgegen, das sich an der französischen Nouvelle Vague und am amerikanischen B-Movie orientierte.

Eine feste Mitgliedschaft, ein Statut oder eine gemeinsame Produktionsbasis gab es nicht. Zeitgenossen und Forschung rechnen der Gruppe Klaus Lemke, Rudolf Thome, Max Zihlmann, May Spils, Werner Enke, Marran Gosov, Dieter Geissler, Martin Müller und Eckhart Schmidt zu.

Bezeichnung Der Ausdruck geht auf den Aufsatz Ansichten einer Gruppe zurück, den der Filmkritiker Enno Patalas 1966 als Chefredakteur der Zeitschrift Filmkritik veröffentlichte. Patalas knüpfte dabei an einen älteren Text des Kritikers Wilfried Berghahn an, der bereits 1963 von einer „Münchner Schule“ gesprochen hatte.

Das Wort „Gruppe“ ist dabei mit Vorbehalt zu lesen: Gemeint war ein Bekanntenkreis, der dieselben Schwabinger Lokale, Schneideräume und Drehstäbe teilte, nicht eine Organisation mit Manifest und Mitgliedschaft.

Geschichte Ausgangslage Den Anstoß gab das Oberhausener Manifest, das am 28. Februar 1962 bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen verkündet wurde: 26 junge Autoren erklärten „Opas Kino“ für tot und forderten die Freiheit von kommerziellen und ideologischen Rücksichten. Die Oberhausener setzten sich institutionell durch – 1965 entstand das Kuratorium junger deutscher Film, das öffentliche Fördermittel vergab – und wurden damit selbst zu einer Instanz, die über den Zugang zu Geld und Festivals verfügte.

Der Münchner Kreis sah darin eine neue Fassung des Alten: An die Stelle von „Opas Kino“ sei ein ebenso lehrhafter „Problemfilm“ getreten. Der Dissens war weniger politisch als ästhetisch – er betraf die Frage, was ein Film sein soll.

„Zweites Oberhausener Manifest“ 1965 verfassten Rudolf Thome, Klaus Lemke, Max Zihlmann, Peter Nestler sowie Jean-Marie Straub und Danièle Huillet ein Flugblatt, das sie im eigenen Kreis als „zweites Oberhausener Manifest“ bezeichneten. Es wurde nie veröffentlicht und diente vor allem der Selbstverständigung; Anlass waren unter anderem die Verdrängung ihrer Filme durch die Oberhausener und deren Vetternwirtschaft bei der Mittelvergabe. Thome beschrieb die Absicht später so:

Im selben Jahr gründeten Thome, Lemke und Zihlmann die Produktionsfirma Alexandra-Film, benannt nach der kanadischen Schauspielerin Alexandra Stewart, in die Zihlmann verliebt war. Das Produktionsmodell war betont billig: kurze Drehzeiten, Originalschauplätze in Münchner Wohnungen und auf der Straße, kleine Stäbe, Freunde und Laien vor der Kamera.

Erfolg und Ende Der kommerzielle Höhepunkt kam 1968, als May Spils’ Debüt Zur Sache, Schätzchen nach einem Drehbuch von Werner Enke, der auch die Hauptrolle spielte, ein Millionenpublikum erreichte und zu einem der erfolgreichsten deutschen Filme des Jahrzehnts wurde. 1970 wurde ihr gemeinsamer Film Nicht fummeln, Liebling mit dem Ernst-Lubitsch-Preis ausgezeichnet.

Der Erfolg war zugleich das Ende: Ein Teil der Autoren ging in die kommerzielle Komödie, ein Teil zum Fernsehen, ein Teil zerstreute sich geografisch. Um 1972 bestand der Kreis als erkennbares Milieu nicht mehr. Bezeichnend ist Thomes Weg: Als sein langjähriger Drehbuchautor Zihlmann 1973 nicht von Schwabing nach West-Berlin mitziehen wollte, entwickelte der Regisseur aus dieser Not das Verfahren der dialogischen Improvisation, dem er treu blieb.

Ästhetik In Abgrenzung vom Oberhausener Programm lehnte die Gruppe drei Züge ab:

die revolutionäre gesellschaftspolitische Ideologie als verbindlichen Inhalt, den streng akademisch-intellektuellen Zugriff auf den Stoff, Perfektionismus und rigides Drehbuch als Produktionsnorm.

An deren Stelle trat ein experimentelles und emotionales Kino, das aus dem lockeren Schwabinger Lebensgefühl erwuchs: die Handlung auf einen Vorwand reduziert, der Dialog zur Improvisation geöffnet, die Genremuster des amerikanischen Kinos – Film noir, Gangsterfilm, Komödie – mit Ironie und Leichtigkeit benutzt. Eckhart Schmidt umschrieb das Gesuchte als ein Kino, das „wilder und ungebärdiger und zugleich publikumsnäher“ sei. May Spils formulierte ihre Haltung knapper: Sie wolle vor allem „kein verstaubtes Kino machen“.

Gemeinsam blieb beiden Richtungen der Ausgangsimpuls: das westdeutsche Kino zu verjüngen, das Studiosystem zu überwinden und dem französischen Autorenfilm zu folgen. Uneins waren sie darüber, wozu.

Mitglieder

Dem Kreis nahe standen der Kameramann Niklaus Schilling, der für Lemke und Thome drehte, und die Schauspielerin Uschi Obermaier, die bei Thome debütierte.

Filme (Auswahl) 1967: 48 Stunden bis Acapulco, Regie: Klaus Lemke 1967: Jet Generation, Regie: Eckhart Schmidt 1967: Negresco****, Regie: Klaus Lemke 1968: Detektive, Regie: Rudolf Thome 1968: Engelchen oder die Jungfrau von Bamberg, Regie: Marran Gosov 1968: Zur Sache, Schätzchen, Regie: May Spils 1970: Nicht fummeln, Liebling, Regie: May Spils 1970: Rote Sonne, Regie: Rudolf Thome 1972: Rocker, Regie: Klaus Lemke

Rezeption Jahrzehntelang blieb die Gruppe am Rand der Filmgeschichtsschreibung: In Überblicksdarstellungen erschien sie als Fußnote zum Neuen Deutschen Film oder wurde der Unterhaltungsproduktion zugeschlagen. Das Interesse kehrte allmählich zurück – über Einzelarbeiten zu Zur Sache, Schätzchen (eine Seminararbeit von Christian Ganzer, 1994; eine Abschlussarbeit von Louisa Manz, 2012) und über die Neubewertung der Filme Lemkes und Thomes auf Retrospektiven.

Die erste zusammenfassende Untersuchung ist die Monografie Mit Nonchalance am Abgrund. Das Kino der „Neuen Münchner Gruppe“ (1964–1972) des amerikanischen Germanisten Marco Abel, die 2024 im transcript Verlag erschien. Abel behandelt den Zusammenschluss nicht als Nebenzweig des Neuen Deutschen Films, sondern als eigenständige Linie des westdeutschen Nachkriegskinos, deren demonstrative Leichtigkeit eine bewusste Haltung gewesen sei und nicht deren Fehlen.

Literatur

Weblinks Neue Münchner Gruppe – Abriss der Gruppengeschichte auf fvgnet.de Mit Nonchalance am Abgrund – Verlagsseite zur Monografie von Marco Abel

Einzelnachweise Neue Münchner Gruppe auf fvgnet.de, abgerufen am 14. August 2026. Filmwissenschaft – Übersicht der Forschungsarbeiten zu Zur Sache, Schätzchen und zur Neuen Münchner Gruppe auf der Website von Werner Enke, abgerufen am 14. August 2026. Marco Abel: Mit Nonchalance am Abgrund. Das Kino der „Neuen Münchner Gruppe“ (1964–1972). transcript, Bielefeld 2024, ISBN 978-3-8376-5195-9.

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