Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund Groß-Berlin (FDGB Groß-Berlin) war eine gewerkschaftliche Organisation, die ab 1945 zunächst in allen vier Besatzungssektoren Berlins als Einheitsgewerkschaft der verschiedenen politischen Richtungen der Arbeiterbewegung – bei vorherrschendem Einfluss zunächst der KPD und dann der SED – existierte. Der FDGB Groß-Berlin spielte wegen des Viermächte-Status von Berlin eine eigenständige Rolle neben dem FDGB der sowjetischen Besatzungszone, bis er 1952/53 als dessen Berliner Bezirksorganisation in den FDGB der DDR eingegliedert wurde.

1948 hatte der FDGB Groß-Berlin über 700.000 Mitglieder. Nach einem vor dem Hintergrund der scharfen Zuspitzung des Ost-West-Konflikts und der Teilung Berlins geführten Fraktionskampf spaltete sich 1948 der sozialdemokratische Flügel mit Unterstützung der Besatzungsmächte in den drei Westsektoren unter dem Namen Unabhängige Gewerkschaftsorganisation (UGO) vom FDGB Groß-Berlin ab. Diese Spaltung lieferte den äußeren Anlass für das Ende der Interzonenkonferenzen der deutschen Gewerkschaften im August 1948. Aus der UGO ging im Juli 1950 der Berliner Landesbezirk des DGB hervor.

Geschichte

Gründung als Einheitsgewerkschaft Mit dem Befehl Nr. 2 der SMAD wurde am 10. Juni 1945 für die sowjetischen Besatzungszone und Berlin rund vier Wochen nach Kriegsende neben der Gründung von Parteien auch die Bildung von Gewerkschaften gestattet. Am 15. Juni trat eine Gruppe von Gewerkschaftern, zu der unter anderen der frühere Sekretär des Bundesvorstandes des ADGB Hermann Schlimme, Bernhard Göring vom ehemaligen AfA-Bund und der kommunistische Gewerkschafter Roman Chwalek gehörten, unter dem Namen Vorbereitender Gewerkschaftsausschuss für Groß-Berlin mit einem Gründungsaufruf an die Öffentlichkeit.

In dem Aufruf hieß es, dass sich die Bildung neuer freier Gewerkschaften „unter Zusammenfassung aller früheren Richtungen“ vollziehen solle. Den Gewerkschaften wurden in dem Aufruf neben der „Vertretung der Arbeiter und Angestellten im Rahmen der Bestimmungen der Besatzungsbehörden“ auch explizit politische Aufgaben zugewiesen, insbesondere der „entschlossene Kampf gegen die nazistische Ideologie und das Gift des deutschen Militarismus“, die „Säuberung aller Posten in Stadtverwaltung und Betrieben von aktiven faschistischen Elementen“ und die „Erziehung der Arbeiterschaft im Geiste des Antifaschismus, des demokratischen Fortschritts und zur Erkenntnis ihrer sozialen Lage“.Der Aufruf ist vollständig abgedruckt in Horst Bednareck, Albert Behrendt, Dieter Lange (Hrsg.): Gewerkschaftlicher Neubeginn. Dokumente zur Gründung des FDGB und zu seiner Entwicklung von Juni 1945 bis Februar 1946. Berlin 1975, S. 8–11.

Zu diesem Zeitpunkt bestand unter sozialdemokratischen und kommunistischen Gewerkschaftern eine weitgehende Einigkeit darüber, dass es nicht erneut wie vor 1933 zu einer Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung in politische bzw. weltanschauliche Richtungen und auch nicht zu einer neuerlichen Herausbildung der über 100 ehemaligen Berufsverbände kommen dürfe, die oft nebeneinander in einem Betrieb unterschiedliche Beschäftigtengruppen organisiert hatten.Siehe Siegfried Mielke, Peter Rütters (Hrsg.): Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund 1945 bis 1949/50. Gründung, Organisationsaufbau und Politik (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Band 15). Bonn 2011, S. 63. Trotz ihrer Vorbehalte gegenüber dem Prinzip der Einheitsgewerkschaft unterzeichneten auch die früheren Funktionäre der Hirsch-Dunckerschen bzw. der christlichen Gewerkschaftsbewegung Ernst Lemmer und Jakob Kaiser den Aufruf und arbeiteten in dem Ausschuss mit.Siehe Horst Bednareck, Albert Behrendt, Dieter Lange (Hrsg.): Gewerkschaftlicher Neubeginn. Dokumente zur Gründung des FDGB und zu seiner Entwicklung von Juni 1945 bis Februar 1946. Berlin 1975, S. XVIII.

Zu Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten kam es in dem Gründerkreis vor dem 15. Juni vor allem hinsichtlich der Frage, wie scharf in dem Gründungsaufruf die passive Haltung der Gewerkschaftsführer im Jahr 1933 kritisiert werden sollte.Siehe Horst Bednareck, Albert Behrendt, Dieter Lange (Hrsg.): Gewerkschaftlicher Neubeginn. Dokumente zur Gründung des FDGB und zu seiner Entwicklung von Juni 1945 bis Februar 1946. Berlin 1975, S. XXI f. Während die Sozialdemokraten es ablehnten, von „Verrat“ zu sprechen, erklärten die Kommunisten die von den Sozialdemokraten sowie Kaiser und Lemmer favorisierte Formulierung, dass „auch die damalige Führung der Arbeiterschaft“ nicht „ohne Schuld“ sei, für unannehmbar. Als Kompromiss war in dem Aufruf mit Blick auf den 1. Mai 1933 schließlich vom „schwärzesten Tag in der Geschichte der Arbeiterbewegung“ die Rede. Lemmer und vor allem Kaiser lehnten es außerdem ab, in dem Aufruf den Klassencharakter der Gewerkschaften zu betonen.

Für den 17. Juni lud der Ausschuss zu einer gewerkschaftlichen Gründungskonferenz in das Neue Stadthaus ein, an der über 500 Menschen – überwiegend ehemalige Gewerkschaftsfunktionäre aus der Zeit vor 1933 – teilnahmen. Chwalek erklärte hier, dass sich jeder Kollege, der an dem Neuaufbau teilnehmen wolle, darüber klar sein müsse, dass es sich dabei „nicht um die Weiterführung der Gewerkschaftseinrichtungen, die vor 1933 bestanden“ haben, handele: „Wir können nicht heute beginnen, wo wir 1933 aufgehört haben.“Zitiert nach Horst Bednareck, Albert Behrendt, Dieter Lange (Hrsg.): Gewerkschaftlicher Neubeginn. Dokumente zur Gründung des FDGB und zu seiner Entwicklung von Juni 1945 bis Februar 1946. Berlin 1975, S. XXIV f.

Organisationserfolge und erzwungene Beschränkung auf Berlin mini|Roman Chwalek auf der Rednertribüne vor dem Berliner Schloss bei der Maikundgebung 1946 Bereits bis Ende Juli 1945 konstituierten sich die Vorstände der 18 vorgesehenen FDGB-Mitgliedsverbände und zudem in allen 20 Berliner Bezirken Bezirksausschüsse des FDGB. Zur Nutzung als Sitz des Vorstandes wurde dem FDGB Groß-Berlin auf seinen Antrag hin vom Berliner Magistrat das ehemalige ADGB-Gebäude in der Inselstraße/Wallstraße übergeben.Siehe Wolfgang Blumenthal, Elke Keller, Karlheinz Kuba: Mit den Groschen der Mitglieder. Gewerkschaftshäuser in Berlin 1900 bis 1933. Berlin 2004, S. 64. Als Zeitung des FDGB erschien ab Herbst 1945 Die freie Gewerkschaft, ab 1947 die Tribüne. Im September 1945 hatte der FDGB Groß-Berlin 140.000 Mitglieder, Ende 1945 bereits knapp 275.000. Bis Ende 1946 wuchs die Mitgliederzahl auf etwa 490.000 an. An der vom Berliner FDGB organisierten Kundgebung am 1. Mai 1946 beteiligten sich rund 500.000 Menschen.Siehe Landesbezirk Berlin des DGB (Hrsg.): FDGB/UGO/DGB. Berliner Gewerkschaftsgeschichte von 1945 bis 1950. 2. Auflage, Berlin 1971, S. 56.

Schwerpunkte der Tätigkeit des FDGB Groß-Berlin waren anfänglich unter anderem die Wiederingangsetzung der Produktion, die Durchsetzung der gewerkschaftlichen Mitbestimmung in den Betrieben und auch in der Verwaltung (Bildung von gewerkschaftlichen Beiräten in den Abteilungen des Magistrats), der Aufbau einer neuen einheitlichen Sozialversicherung (Versicherungsanstalt Berlin) und die Einrichtung einer einheitlichen arbeitsrechtlichen Aufsicht (ab September 1945 Hauptamt für Arbeitsschutz beim Magistrat). Mit Blick auf den Neuaufbau von Verwaltung und Justiz wandte sich der Berliner FDGB vehement gegen eine Erneuerung des „antidemokratischen“ Berufsbeamtentums.

Im Sommer 1945 erhob der Vorbereitende Gewerkschaftsausschuss, dessen Organisationsmodell zumindest in den Ländern der SBZ weitgehend übernommen wurde, den Anspruch, den Neuaufbau der Gewerkschaften über Berlin hinaus zu koordinieren. Dieser Führungsanspruch wurde aber zunächst von der SMAD mit Rücksicht auf den Viermächte-Status der Stadt als verfrüht zurückgewiesen.Siehe Siegfried Mielke, Peter Rütters (Hrsg.): Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund 1945 bis 1949/50. Gründung, Organisationsaufbau und Politik (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Band 15). Bonn 2011, S. 29. Später legte vor allem die französische Besatzungsmacht gegen alle Versuche einer Zentralisierung in der Alliierten Kommandantur bzw. im Alliierten Kontrollrat ihr Veto ein. An den Kongressen des FDGB der sowjetischen Zone, die ab 1946 stattfanden, durften die Berliner Delegierten auf Anweisung der Kommandantur nur als Beobachter bzw. als Gastdelegierte ohne Stimmrecht teilnehmen. Somit blieb der FDGB in Berlin eine selbständige Organisation und gehörte als solche später auch dem Weltgewerkschaftsbund an. Er nahm außerdem mit eigenen Vertretern ab 1946 an den gewerkschaftlichen Interzonenkonferenzen teil.

Vorherrschaft der SED und Formierung der Opposition mini|Erste Gewerkschaftswahl seit 1933 in einem Betrieb in Berlin-Britz im Januar 1946 Die erste Stadtdelegiertenkonferenz des Berliner FDGB sollte ursprünglich bereits am 23. September 1945 stattfinden, verzögerte sich aber wegen der fehlenden Zustimmung vor allem der britischen Vertreter in der Alliierten Kommandantur bis zum Februar 1946. Von den schließlich im Januar 1946 gewählten Delegierten gehörten 312 der KPD, 276 der SPD und drei der CDU an, 14 waren parteilos.Siehe Landesbezirk Berlin des DGB (Hrsg.): FDGB/UGO/DGB. Berliner Gewerkschaftsgeschichte von 1945 bis 1950. 2. Auflage, Berlin 1971, S. 54. Von der Delegiertenkonferenz am 2./3. Februar 1946 wurde ein Vorstand gewählt, dem 14 Kommunisten, 13 Sozialdemokraten und drei CDU-Mitglieder angehörten. Den Vorsitz übernahmen Roman Chwalek (1. Vorsitzender, KPD), Hermann Schlimme (2. Vorsitzender, SPD) und Ernst Lemmer (3. Vorsitzender, CDU). Nach der Gründung der SED im April 1946 traten neben den Kommunisten auch die meisten sozialdemokratischen Vorstandsmitglieder der neuen Partei bei, wodurch die SED 24 Vorstandsmitglieder stellte, SPD und CDU aber nur noch jeweils drei.Siehe Landesbezirk Berlin des DGB (Hrsg.): FDGB/UGO/DGB. Berliner Gewerkschaftsgeschichte von 1945 bis 1950. 2. Auflage, Berlin 1971, S. 55.

Seit dem Herbst 1946 formierte sich eine sozialdemokratisch geführte, aber auch von der CDU und der LDP unterstützte Opposition innerhalb des Berliner FDGB, die seit 1947 zunächst informell als „Unabhängige Gewerkschaftsopposition“ (UGO) auftrat. Sie verfolgte das Ziel, die dominierende Stellung der SED in der Führung des FDGB Groß-Berlin zu beseitigen, und zwar zunächst durch den Versuch, die Organisation „'von innen' zu erobern“.Siegfried Mielke, Peter Rütters (Hrsg.): Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund 1945 bis 1949/50. Gründung, Organisationsaufbau und Politik (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Band 15). Bonn 2011, S. 65. Gewerkschaftspolitisch verlangte diese Strömung im Sinne der sozialdemokratischen Gewerkschaftskonzeption in erster Linie eine finanzielle und satzungsmäßige Autonomie der Einzelgewerkschaften. Sie stützte sich anfänglich vor allem auf die Gewerkschaft der kaufmännischen und Büro- und Verwaltungsangestellten (GkB), in deren Vorstand die UGO eine Mehrheit hatte. Im September 1947 erhielt die UGO von der amerikanischen Militärregierung die 1945 beschlagnahmte Ribbentrop-Villa in der Lentzeallee in Dahlem zur Verfügung gestellt, die sie unter dem Namen „Wilhelm-Leuschner-Haus“ nutzte.Siehe Landesbezirk Berlin des DGB (Hrsg.): FDGB/UGO/DGB. Berliner Gewerkschaftsgeschichte von 1945 bis 1950. 2. Auflage, Berlin 1971, S. 86.