Herbert Leon Kessler (* 20. Juli 1941 in Chicago, Illinois) ist ein US-amerikanischer Kunsthistoriker und Mediävist. Seine Forschung gilt der Kunst des Mittelalters von der Spätantike bis zum ausgehenden Mittelalter, insbesondere der frühchristlichen und jüdischen Kunst, der byzantinischen Kunst, der karolingischen Buchmalerei, dem mittelalterlichen Rom sowie der Theorie mittelalterlicher Bilder und dem Verhältnis von Text und Bild. Von 1976 bis 2013 lehrte er an der Johns Hopkins University in Baltimore, wo er seit 2013 Professor Emeritus für Kunstgeschichte ist.
Leben und akademische Laufbahn
Kessler wurde 1941 in Chicago geboren. Er studierte Kunstgeschichte an der University of Chicago, wo er 1961 den Bachelorabschluss erwarb. Anschließend studierte er an der Princeton University und schloss dort 1963 mit dem M.F.A. sowie 1965 mit dem Ph.D. ab.
In Princeton war der Byzantinist Kurt Weitzmann sein akademischer Lehrer. Kesslers Dissertation behandelte illuminierte Bibelhandschriften des 9. Jahrhunderts. Aus dieser Forschung ging später seine Monographie The Illustrated Bibles from Tours (1977) hervor. Darin untersuchte er karolingische Bibeln aus Tours und versuchte, anhand ihrer gemeinsamen Bildtradition zugrunde liegende Vorlagen zu rekonstruieren.
1964/65 war Kessler Junior Fellow am Dumbarton Oaks Center for Byzantine Studies in Washington, D.C. Daraus entwickelte sich eine jahrzehntelange Verbindung zu der Forschungsinstitution. 1965 kehrte er an die University of Chicago zurück und lehrte dort bis 1976. Von 1973 bis 1976 leitete er das Department of Art History; 1975/76 war er außerdem University Director of Fine Arts.
1976 wechselte Kessler an die Johns Hopkins University. Dort war er bis 2013 Professor im Department of the History of Art und mehrfach Vorsitzender des Departments. 1998/99 amtierte er als Dekan der Zanvyl Krieger School of Arts and Sciences. Seit 2013 wird er von der Universität als Professor Emeritus geführt.
Daneben nahm Kessler zahlreiche Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte wahr. Dazu gehörten unter anderem die Harvard University, die École des hautes études en sciences sociales in Paris, das Williams College, die Emory University, die Bibliotheca Hertziana in Rom und die Università Ca’ Foscari in Venedig. Von 2014 bis 2022 war er Invited Professor an der Masaryk-Universität in Brünn.
Forschung
Kesslers wissenschaftliches Werk umfasst mehrere miteinander verbundene Forschungsfelder. Die American Academy of Arts and Sciences nennt als Schwerpunkte die frühchristliche und jüdische Kunst, die karolingische Handschriftenillumination sowie die kirchliche Ausstattung Italiens bis zum Ende des Mittelalters. Hinzu kommen seine Arbeiten zu den theoretischen Grundlagen mittelalterlicher Bildproduktion und zum Verhältnis zwischen Text und Bild.
Seine frühen Arbeiten standen methodisch unter dem Einfluss Kurt Weitzmanns. Dessen als picture criticism bezeichnete Methode behandelte Bildüberlieferungen in Analogie zur philologischen Textkritik: Bildzyklen, Kopien und Varianten wurden miteinander verglichen, um verlorene Vorlagen und Traditionslinien zu rekonstruieren. Dieser Ansatz prägte insbesondere The Illustrated Bibles from Tours und die gemeinsam mit Weitzmann veröffentlichte Untersuchung The Frescoes of the Dura Synagogue and Christian Art.
In späteren Arbeiten verlagerte Kessler den Schwerpunkt zunehmend von der Rekonstruktion bildlicher Überlieferungen auf die Funktion, Wahrnehmung und Erfahrung mittelalterlicher Kunst. Ein wiederkehrendes Thema ist dabei die Frage, wie religiöse Kunst Unsichtbares oder Göttliches sichtbar machen kann, ohne das Dargestellte mit Gott selbst gleichzusetzen. Diese Problematik steht unter anderem im Zentrum von Spiritual Seeing: Picturing God's Invisibility in Medieval Art (2000).
Weitere Arbeiten behandeln das Verhältnis von Bildern zu Schrift, Inschriften, Exegese und Liturgie. Kessler untersucht mittelalterliche Bilder dabei nicht lediglich als Illustrationen von Texten, sondern als Medien, die selbst theologische und intellektuelle Argumente entwickeln können.
Mit Seeing Medieval Art (2004) und besonders Experiencing Medieval Art (2019) weitete er diesen Ansatz auf die Wahrnehmungsbedingungen mittelalterlicher Kunst aus. Neben Malerei und Skulptur berücksichtigt er dort auch liturgische und funktionale Objekte, Materialität, Herstellungsprozesse, räumliche Zusammenhänge, Bewegung und körperliche Erfahrung.
Seine 2024 erschienene Aufsatzsammlung Visible Truth: Medieval Art as Intellectual Sight führt mehrere dieser Themen zusammen. Die darin versammelten Studien behandeln unter anderem mittelalterliche Bildtheorie, Darstellungen Christi, jüdisch-christliche Bildbeziehungen, die Funktion von Bildbeischriften sowie mittelalterliche Theorien des Sehens.
Wissenschaftliche Organisation und Wirkung
Neben seiner Lehr- und Publikationstätigkeit war Kessler in zahlreichen wissenschaftlichen Organisationen tätig. 1991 wurde er zum Fellow der Medieval Academy of America gewählt. Von 2007 bis 2010 gehörte er deren Präsidium an und war 2009/10 Präsident der Akademie.
1995 wurde Kessler in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.
Er war außerdem an wissenschaftlichen Zeitschriften, Konferenzen und Ausstellungsprojekten beteiligt. Seit der Gründung der kunsthistorischen Zeitschrift Convivium im Jahr 2014 gehörte er zu deren Herausgebern. 2021 widmete ihm die Zeitschrift unter dem Titel Objects Beyond the Senses. Studies in Honor of Herbert L. Kessler einen eigenen Band.
Ein ausführlicher wissenschaftlicher Rückblick auf seine Laufbahn sowie ein Publikationsverzeichnis erschienen im selben Band in Adrien Palladinos Beitrag Herbert L. Kessler. A Visionary Interpreter of Medieval Visual Culture.
Beziehungen zu Brünn und Mitteleuropa
Eine besondere institutionelle Verbindung entwickelte Kessler seit 2013 zur Masaryk-Universität in Brünn. Seine Zusammenarbeit begann dort unter anderem mit der Vorlesung Cotton Genesis in situ. In den folgenden Jahren war er an Lehrveranstaltungen, Tagungen und Publikationsprojekten des Centre for Early Medieval Studies beteiligt und wirkte am Aufbau der Zeitschrift Convivium mit.
2016 erschien in Brünn eine tschechische Übersetzung seines Buches Neither God nor Man. Seit 2014 war Kessler dort als Invited Professor tätig.
Am 26. Oktober 2023 verlieh ihm die Masaryk-Universität die Ehrendoktorwürde im Fach Geschichte der mittelalterlichen Kunst. Die Universität würdigte damit sowohl seine wissenschaftliche Arbeit als auch seine langjährige Zusammenarbeit mit der Brünner Mittelalterforschung.
Am 30. Mai 2024 erhielt Kessler einen weiteren Ehrendoktortitel der Universität Poitiers. Die Auszeichnung würdigte seine wissenschaftliche Laufbahn und seine langjährigen Beziehungen zum dortigen Centre d'études supérieures de civilisation médiévale (CESCM).
Auszeichnungen und Ehrungen
1972/73: Guggenheim-Stipendium 1991: Fellow der Medieval Academy of America 1995: Fellow der American Academy of Arts and Sciences 2013: Diploma honoris causa der Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität 2021: Gold Medal der Fundación Santa María la Real, Aguilar de Campoo 2023: Ehrendoktor der Masaryk-Universität in Brünn 2024: Ehrendoktor der Universität Poitiers
Schriften (Auswahl)
Monographien
French and Flemish Illuminated Manuscripts from Chicago Collections. Newberry Library, Chicago 1969. The Illustrated Bibles from Tours. Princeton University Press, Princeton 1977. mit Kurt Weitzmann: The Cotton Genesis. Princeton University Press, Princeton 1986. mit Kurt Weitzmann: The Frescoes of the Dura Synagogue and Christian Art. Dumbarton Oaks, Washington, D.C. 1990. mit Paul E. Dutton: The Poetry and Paintings in the First Bible of Charles the Bald. University of Michigan Press, Ann Arbor 1997. mit Johanna Zacharias: Rome 1300: On the Path of the Pilgrim. Yale University Press, New Haven 2000. Spiritual Seeing: Picturing God's Invisibility in Medieval Art. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2000. Old St. Peter's and Church Decoration in Medieval Italy. Centro Italiano di Studi sull'Alto Medioevo, Spoleto 2002. Seeing Medieval Art. University of Toronto Press, Toronto 2004. Neither God nor Man: Texts, Pictures, and the Anxiety of Medieval Art. Rombach, Freiburg im Breisgau 2007. Experiencing Medieval Art. University of Toronto Press, Toronto 2019. Visible Truth: Medieval Art as Intellectual Sight. Editum – Ediciones de la Universidad de Murcia, Murcia 2024, ISBN 978-84-10172-13-5.
Herausgeberschaften und Gemeinschaftswerke
Hrsg.: Kurt Weitzmann: Studies in Classical and Byzantine Manuscript Illumination. University of Chicago Press, Chicago 1971. mit Marianna S. Simpson: Pictorial Narrative in Antiquity and the Middle Ages. National Gallery of Art, Washington, D.C. 1985. mit Gerhard Wolf: The Holy Face and the Paradox of Representation. Bologna 1998. mit Nicolas Bock, Sible de Blaauw und Christoph Frommel: Kunst und Liturgie im Mittelalter. Rom 2000. mit David Nirenberg: Judaism and Christian Art: Aesthetic Anxieties from the Catacombs to Colonialism. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2011. mit Ivan Foletti: Many Romes. Studies in Honor of Hans Belting. Brno 2015. mit Richard G. Newhauser: Optics, Ethics, and Art in the Thirteenth and Fourteenth Centuries. Pontifical Institute of Mediaeval Studies, Toronto 2018. mit Serena Romano: A Hub of Art In, Out, and Around Venice, 1177–1499. Brno 2020.
Literatur
Philippe Cordez, Ivan Foletti: A Convivium with Herbert L. Kessler. Sharing Objects, Sensory Experiences, and Medieval Art History. In: Convivium. Band 8, Nr. 1, 2021, S. 17–25, . Adrien Palladino: Herbert L. Kessler. A Visionary Interpreter of Medieval Visual Culture. In: Convivium. Band 8, Nr. 1, 2021, S. 240–259, .
Weblinks
Herbert L. Kessler bei der Johns Hopkins University Herbert Leon Kessler bei der University of Chicago Herbert Leon Kessler bei der American Academy of Arts and Sciences
Einzelnachweise
Kategorie:Kunsthistoriker Kategorie:Mediävist Kategorie:Hochschullehrer (Johns Hopkins University) Kategorie:Hochschullehrer (University of Chicago) Kategorie:Mitglied der American Academy of Arts and Sciences Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1941 Kategorie:Mann