Der große Baum ist ein Gemälde von Chaim Soutine von 1942. Es befindet sich im Museu de Arte de São Paulo. „Der große Baum“ ist mehr als nur eine Landschaftsdarstellung – es ist ein Zeugnis von Soutines innerer Zerrissenheit, seiner Auseinandersetzung mit existenziellen Themen und seiner unnachahmlichen Fähigkeit, Emotionen in Farbe und Form zu übersetzen.
Hintergrund Chaïm Soutine (1893–1943) zählt zu den bedeutendsten Malern der klassischen Moderne und prägte mit seinem expressiven Stil die Kunst des 20. Jahrhunderts. Soutine gilt als Einzelgänger, der sich bewusst gegen akademische Konventionen stellte und stattdessen eine radikale, emotionale Ausdrucksweise entwickelte. „Der große Baum“ entstand 1942 und gehört zu Soutines späten Werken, die – unter dem Eindruck der Judenverfolgung durch das NS-Regime im besetzten Frankreich – oft von einer düsteren, fast bedrohlichen Stimmung durchdrungen sind.
Beschreibung Das Bild zeigt einen mächtigen, aber verzerrten Baum, dessen Äste sich wie Krallen in den Himmel strecken oder sich bedrohlich über den Betrachter neigen. Die Farben sind intensiv und kontrastreich: Dunkle Grüntöne, fast schwarze Schatten und grell leuchtende Rottöne erzeugen eine unheimliche Atmosphäre. Soutines Pinselduktus ist expressiv und dynamisch – die Formen wirken wie in Bewegung, als würde der Baum unter einer unsichtbaren Last ächzen. Die Landschaft um den Baum ist unruhig, fast surreal verzerrt, was die innere Zerrissenheit des Künstlers widerspiegelt.
Provenienz Das Gemälde befand sich, bevor es vom Museu de Arte de São Paulo erworben wurde, im Bestand der Galerie Louis Carré, Paris.
Rezeption mini|Chaïm Soutine - La Sortie des écoliers à Civry (etwa 1939) Soutine malte „Der große Baum“ während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg, einer Zeit, die von existenzieller Bedrohung und Verfolgung geprägt war – Soutine, als Jude, lebte in ständiger Angst vor der Gestapo. Bäume haben in der jüdischen Tradition oft symbolische Bedeutung: Sie stehen für Leben, Wurzeln und Verbindung zur Erde, aber auch für Vergänglichkeit und Widerstandsfähigkeit. Soutines Baum wirkt jedoch nicht lebensbejahend, sondern fast wie ein Symbol für Untergang oder Widerstandskampf. „Der große Baum“ wird heute als eines seiner bedeutendsten Spätwerke betrachtet, das seine Fähigkeit zeigt, Natur nicht als idyllische Landschaft, sondern als Ausdruck innerer Zustände zu malen.
Nach Ansicht von Ettore Camesasca gilt „Der große Baum“ als Sinnbild von Soutines letzter Schaffensperiode, ein Werk also, das an die grausamsten und unmenschlichsten Ereignisse des Kriegs gebunden ist. Bereits in den in Civry-sur-Serein (Auxerre) gemalten Landschaften und den Figuren der im bäuerlichen Milieu dargestellten Jungen würde man die „schwelende und verzweifelte Drohung der Katastrophe“ bemerken. Dem gegenüber erhebt sich das „Porträt“ des Baumes im Wind als das eindringliche Symbol eines Künstlers, der wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt wurde. So würden die Sturmböen den „großen Baum“ durchtoben, „indem sie ihn in krampfartigen Anschwellungen aufblähen, denen er kaum gewachsen sein wird“. .Ettore Camesasca: Schätze des Museums Sao Paulo − Von Courbet bis Picasso. [Ausstellungskatalog] Kunsthalle Mannheim, 1988, S. 218 ff.
Literatur Maurice Tuchman, Esti Dunow, Klaus Perls: Soutine. Catalogue Raisonné. Dreisprachig (frz./engl./dt.). Taschen, Berlin 2001. Tobias G. Natter (Hrsg.): Chaim Soutine. Ein französischer Expressionist, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Jüdischen Museum Wien, Wien 2000, ISBN 3-901398-12-0.
Weblinks Chaim Soutine bei Gostevs
Einzelnachweise
Kategorie:Gemälde (20. Jahrhundert) Kategorie:Kunstwerk des Expressionismus Kategorie:Botanische Darstellung (Baum)