mini|Zentrale Allee des Friedhofs Sant’Abbondio, im Hintergrund die Friedhofskapelle von 1870, im Vordergrund Bronzeplastiken von Luciano Capriotti Der Friedhof Sant’Abbondio (italienisch Cimitero di Sant’Abbondio) befindet sich in Gentilino, einer Ortschaft der Gemeinde Collina d’Oro, im Kanton Tessin und ist ein Kulturgut von nationaler Bedeutung. Mit Werken unter anderem von Francesco Somaini, Vincenzo Vela, Giuseppe Chiattone, Margherita Osswald, Hermann Obrist und Nag Arnoldi gehört er zu den kunsthistorisch bedeutsamsten Begräbnisanlagen des Kantons. Zu den hier Bestatteten zählen Hugo Ball, Bruno Walter und Hermann Hesse.

Geschichte Gentilino bildete spätestens seit dem 16. Jahrhundert mit Montagnola die Pfarrei Sant’Abbondio. Der Friedhof befand sich ebenfalls im gemeinsamen Eigentum der beiden Gemeinden, wobei er zu zwei Fünfteln Gentilino und zu drei Fünfteln Montagnola gehörte. Die administrative Führung lag allerdings bei Gentilino. Seit der Gemeindefusion 2004 wird der Friedhof Sant’Abbondio zusammen mit dem Friedhof Agra vom Technischen Büro der Gemeinde Collina d’Oro verwaltet. Diesem untersteht seit der Eingemeindung von Carabietta 2012 auch der dortige Friedhof.

Der Friedhof liegt im Südwesten von Gentilino, unmittelbar an der Grenze zu Montagnola, die auf der Via ai Canvetti verläuft. mini|Eingang des Friedhofs mit Torbau, 1842 vollendet Er wurde zwischen 1841 und 1842 erbaut, vermutlich nach Plänen von Domenico Gilardi, auf den der klassizistische Torbau am Eingang mit vier dorischen Säulen aus Baveno-Granit und einem Dreiecksgiebel zurückgehen dürfte.Katja Bigger: Der Friedhof. In: Collina d’Oro. (= Schweizerische Kunstführer. Serie 87, Nr. 869). GSK, Bern 2010, ISBN 978-3-85782-869-0, S. 18 f. Im Tympanon steht der gereimte Zweizeiler:

Das ursprünglich hexagonale Friedhofsareal aus dieser Zeit (Gräber 1–14 und 35–45) beherbergt die ältesten Skulpturen der Anlage. Sie stammen unter anderem von Francesco Somaini, Vincenzo Vela, Alessandro Rossi, Pietro Lucchini und Cesare Berra. Die beiden bronzenen Engel der Auferstehung des römischen Bildhauers Luciano Capriotti (* 1954) am Eingang sind ein Geschenk des Ehepaars Luisa und Giuseppe Vedovato. Ihre Postamente tragen italienische Zitate aus dem Lukasevangelium, links: Perché cercate tra i morti colui che è vivo? «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?» , und rechts: Non è qui, è risorto «Er ist nicht hier, er ist auferstanden» .

1870 wurde im Nordosten die Friedhofskapelle erbaut. Die Pläne dafür stammten wohl von Gerolamo Gilardi. Finanziert wurde der Bau über ein Legat von Giuseppe Brocchi, der auch das angrenzende Grundstück vermachte, woran eine Gedenktafel von 1878 über dem Portal erinnert. Die Kapelle ist als Gegenstück zu Domenicso Gilardis Torbau konzipiert, indem ihr Säulenportikus dessen Gestaltung wiederaufnimmt. In ihrem Innern steht eine Statue des Patrons Abundius. Sowohl die beiden Bronzeplastiken von Luciano Capriotti in den Nischen des Portikus als auch die zwei davor aufgestellten Statuen des florentinischen Bildhauers Umberto Bartoli, ein Heiliger Franziskus und eine Pietà, sind Geschenke des Ehepaars Vedovato.

Um 1885 wurde der Friedhof durch einen halbrunden Bereich um die Kirche herum erweitert (Gräber 15–34 und 46–55). Die Werke auf diesem Areal stammen hauptsächlich aus der Belle Époque (Giuseppe Chiattone, Domenico Rossi, Pietro Andreoletti). Im 20. Jahrhundert erfolgten weitere Vergrösserungen.

Grabmale Auf dem Friedhof Sant’Abbondio stehen folgende bedeutenden Grabmale:Katja Bigger: Der Friedhof. In: Collina d’Oro. (= Schweizerische Kunstführer. Serie 87, Nr. 869). GSK, Bern 2010, ISBN 978-3-85782-869-0, S. 19–25, 46. +BildGrab vonJahrKünstlerNr.Anmerkungen201x201pxFrancesca Gilardi, Tochter von Domenico Gilardi1949Alessandro RossiTorbau linksDas Grabmal besteht aus einer neogotischen Ädikula mit einem marmornen Hochrelief im klassizistischen Stil, auf dem ein geflügelter Genius abgebildet ist. Pietro Vegezzi deutete die Figur als «Engel, der einen zierlichen Blumenkranz auf das Grab der Verstorbenen legt». In neuerer Zeit wurde auch eine Interpretation als Hermes, den griechischen Götterboten, der die Seelen der Verstorbenen in den Hades geleitete, nahegelegt.Carlo Bernardino Fè1951Alessandro RossiTorbau rechtsAuf dem Sarkophag kniet eine Trauernde, vielleicht die Gattin des Verstorbenen, im Gebet. Die Skulptur ist im Stil des Verismus nach Vincenzo Vela gestaltet.Martino GiorgettiAntonio Soldini1Martino Giorgetti (1830–1915) war ein Lehrer und Dichter. Geboren in Carabietta und aufgewachsen im Piemont, verbrachte er den Grossteil seines Berufslebens in Italien und kehrte erst 1897 dauerhaft ins Tessin zurück. Hier gehörte er dem äussersten Flügel der Radikalliberalen Partei an und war wegen antiklerikaler und religionskritischer Äusserungen in seiner Lehrtätigkeit wiederholt Anfeindungen der Konservativen ausgesetzt. Auf eigenen Wunsch wurde er zivil bestattet.Prof. Martino Giorgetti. In: Gazzetta Ticinese. 1. Februar 1915, S. 2 (online). Da es im Tessin noch kein Krematorium gab, wurde sein Leichnam von seinem Freund, dem Bildhauer Antonio Soldini, zur Einäscherung nach Zürich gebracht.Prof. Martino Giorgetti. In: Gazzetta Ticinese. 5. Februar 1915, S. 3 (online). Soldini schuf auch seine Porträtbüste.Enrico Triulzi8Familie von Domenico Gilardi (1785–1845), ArchitektCesare Berra (Büste Rinas)10181x181pxPietro Boffa1867Vincenzo Vela11Der Architekt Pietro Boffa (1786–1861) stammte aus Montagnola und begab sich um 1820 mit seinem Bruder Francesco, dem Schöpfer der Potemkinschen Treppe, nach Odessa im Russischen Kaiserreich, wo er 1861 starb. 1826 wurde er mit dem Orden des Heiligen Wladimir ausgezeichnet. Velas Skulptur mit dem Titel Das Gebet (La preghiera) gilt als «grösste Zierde und grösster Ruhm des Friedhofs».120x120pxFamilie von Pasquale Lucchini (1798–1892), Ingenieur und PolitikerPietro Lucchini12191x191pxBarchetta-PellegriniFrancesco Somaini13Antonio Bezzola19LucchiniGiuseppe Chiattone (Skulptur), Cesare Berra (Büste Francescas)20Bei Chiattones Skulptur handelt sich um eine Replik der Figur in der Grabnische der Familie Brusa auf dem Monumentalfriedhof Lugano.Cesare LucchiniDomenico Rossi, Luigi Giani21Pietro Andreoletti25GianinazziGiuseppe Bordonzotti26Die klassizistische Ädikula wurde für Innocente Gianinazzi (1847–1930) errichtet. Dieser wurde 1847 als Sohn eines Landwirts in Pambio geboren. Von 1885 bis 1916 stand er der Banca della Svizzera Italiana als Direktor vor. Von 1900 bis 1908 sass er zudem im Gemeinderat von Lugano. Er war verheiratet mit Virginia Donini (1854–1939) aus Gentilino. Ebenfalls hier begraben sind die Töchter Ida (1875–1915), die Egidio Viglezio heiratete und im Alter von 40 Jahren verstarb, und Elisa (1879–1880), die als Säugling starb.Dante Rossi29Bernardo Arigoni1928Due opere dello scultore Chiattone nel cimitero di Sant’Abbondio. In: Gazzetta Ticinese. 30. Oktober 1928, S. 2 (online).Giuseppe Chiattone (Büste Bernardos)32Der Baumeister Bernardo Arigoni verstarb am 10. Dezember 1927. Der Büstensockel symbolisiert seine Tätigkeit als Arbeiter. Zwei Vasen mit Bronzereliefs vervollständigen das Grabmal.De SignoriDomenico Rossi, Luigi Giani33160x160pxGargantini1912Lugano Dintorni. Note care e tristi. In: Gazzetta Ticinese. 5. November 1912, S. 2 (online).Giuseppe Bordonzotti (Architektur)34Gerolamo Battista Gargantini liess die Familienkapelle nach seiner Rückkehr aus Argentinien in seiner Heimatgemeinde Gentilino errichten. Sie ist in einem schlichten Neorenaissance-Stil gestaltet. Im Innern sitzt in nachdenklicher und trauriger Haltung eine weibliche Figur, die in der Linken das symbolische Schiff des Lebens hält. Sie wird von Porträtmedaillons von Gargantinis Eltern flankiert. Gargantini war in Argentinien reich geworden und liess von Bordonzotti 1911–1913 auch die Villa Florida in Lugano erbauen.160x160pxGiuseppe Chiattone (Skulptur)166x166pxBerra36Edward Berra Nathan (1871–1908) war aus London gebürtig und gehörte 1899 zu den Gründungsmitgliedern der AC Mailand. Als Vizepräsident, technischer Leiter der Fussballmannschaft und Kapitän der Cricket-Abteilung spielte er eine wichtige Rolle in den Anfangsjahren des Vereins. Daneben betrieb er einen eigenen Pferdestall und führte seine Pferde selbst. Am 25. September 1908 kam er im französischen Cap-d’Ail während eines Grand Prix ums Leben.Triaca-FèGiuseppe Bordonzotti38191x191pxDoniniCesare Berra (Büste Emilios)39Emilio Donini (1849–1884) war ein Uhrmacher aus Gentilino. Er wanderte als Zwanzigjähriger nach Argentinien aus und errichtete in Mercedes bei Buenos Aires eine Werkstatt. Nach dem Tod seines Vaters und seines älteren Bruders kehrte er am 18. Januar 1884 nach Gentilino zurück und starb hier am 12. Februar 1884. Ein erhaltener Nachruf legt einen Suizid als Todesursache nahe.Emilio Donini. In: Gazzetta Ticinese. 15. Februar 1884, S. 3 (online).120x120pxFamilie von Angelo Somazzi (1803–1892), Ingenieur, Architekt, Politiker und Journalist40De SignoriCesare Berra (weiblicher Kopf)41120x120pxFamilie von Demetrio Camuzzi (1858–1899), Architekt und Politiker1896–1899Ivana Aldi Molgora: I fratelli Antonio e Giuseppe tra Lugano e l’Europa. In: Rivista di Lugano. April 2016, S. 10–12 (PDF), S. 12.Luigi Vassalli (zugeschrieben)42Die weibliche Skulptur neben einer Urne ist eine Personifikation der Trauer. Sie wird auch Giuseppe Chiattone zugeschrieben.Torriani-Missori1854Francesco Somaini45Somaini stellte das Grabmal, sein vermutlich letztes Werk, 1854 in der Accademia di Brera in Mailand aus. Es wurde von Anna Torriani und deren Tochter Agnese Missori in Auftrag gegeben und stellt die beiden um ihre Gatten Giuseppe Torriani und Gregorio Missori trauernden Witwen dar, wie sie sich an einen Grabstein in Form einer Stele lehnen. Dieser wird von den Reliefporträts der Verstorbenen bekrönt.Battista Franchini1928Giuseppe Chiattone52Die Figurengruppe zeigt die Gottesmutter, wie sie Jesu als Kind schützend die Dornen einer Rose entfernt. Der architektonische Teil ist im ionischen Stil gehalten. Die Basreliefs auf dem Sockel (aus Labrador-Granit) stellen die ländliche Herkunft der Familie dar, einerseits die Härte der Arbeit, andererseits die Freuden des Familienlebens.Francesco BrocchiStefano Butti210ArigoniApollonio Pessina215126x126pxEmma Fassbind-Imfeld (1904–1957), HoteliereFiorenzo Abbondio216CasaliMario Chiattone223120x120pxBruno Walter (1876–1962), Dirigent, Pianist und Komponist248160x160pxHugo Ball (1886–1927), Schriftsteller259Dante Rossi269182x182pxFritz Huf (1888–1970), Bildhauer und MalerFritz Huf, Remo Rossi411176x176pxHermann Hesse (1877–1962), SchriftstellerHans Jakob Meyer418120x120pxCharles Eugene Lancelot Brown (1863–1924), Mitgründer der Brown, Boveri & Cie.Margherita Osswald419160x160pxOtto von Schröter1907Hermann Obrist427Obrist stellte das Grabmal 1907 im Kunstgewerbemuseum München aus, ehe es 1908 in Gentilino platziert wurde. Der Jugendstilkünstler brach dabei mit der damals üblichen figürlichen Grabplastik. Statt menschlicher Darstellungen verwendete er fliessende, naturbezogene Formen und verband Motive von Fels, Pflanzen und Architektur. Auch die spiralförmige Gestaltung der eisernen Einfriedung greift Vorstellungen von Wachstum und organischer Entwicklung auf.187x187pxEdmondo Dobrzanski (1914–1997), Maler460Eurosia Albek-PatuzzoNag Arnoldi606120x120pxFerdinando Fontana (1850–1919), SchriftstellerPaolo Troubetzkoy (Porträtbüste), Giuseppe Chiattone (Gedenktafel), Francesco Chiesa (Inschrift)620160x160pxLeo Berger (1885–1983), Bildhauer1949Leo Berger701Bernasconi-CameroniPietro Borsari704120x120pxGunter Böhmer (1911–1986), MalerGrabnische 24Mario BernasconiGrabnische 36Adolfo LinderNag Arnoldi825Fernando Lardelli (1911–1986), Maler und Mosaikkünstler855188x188pxArigoni-LuratiEs handelt sich um eine Reliefnachbildung von Giovanni Scanzis Skulptur Angelo Nocchiero (1886) am Grab der Familie Carpaneto auf dem Monumentalfriedhof Staglieno.120x120pxRiva

Literatur