Als jüdische Displaced Persons (jüdische DPs) werden jüdische Holocaustüberlebende und jüdische Flüchtlinge bezeichnet, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Displaced Persons vor allem in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands, im besetzten Nachkriegsösterreich sowie in Italien lebten. Viele hielten sich in DP-Lagern auf; andere lebten in städtischen Zentren oder wurden in Krankenhäusern, Sanatorien, Kinderheimen und Ausbildungsstätten betreut.Juliane Wetzel: Die Lager für „jüdische Displaced Persons“ in Deutschland nach 1945. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Forschungen zum Nationalsozialismus und dessen Nachwirkungen in Österreich. Festschrift für Brigitte Bailer. Wien 2012, S. 155–157. PDF, abgerufen am 10. August 2026. Die jüdische DP-Gemeinschaft bezeichnete sich selbst als Sche’erit Hapleitah beziehungsweise Scherit-Hapleita, „Rest der Geretteten“.
Von 1945 bis 1952 lebten insgesamt mehr als 250.000 jüdische DPs zeitweilig in Lagern und urbanen Zentren in Deutschland, Österreich und Italien. Für Ende 1946 schätzt das United States Holocaust Memorial Museum ihre Zahl auf rund 250.000, davon etwa 185.000 in Deutschland, 45.000 in Österreich und 20.000 in Italien. Die Zusammensetzung dieser Bevölkerung veränderte sich stark: Zu den 1945 befreiten jüdischen Überlebenden kamen insbesondere 1946 und 1947 große Gruppen jüdischer Flüchtlinge aus Mittel- und Osteuropa.Wetzel 2012, S. 159.
Die meisten jüdischen DPs betrachteten ihren Aufenthalt in Mitteleuropa als vorübergehend. Dennoch entstanden in den Lagern und Gemeinden gewählte Vertretungen, Schulen, religiöse Einrichtungen, Berufsbildungsangebote, Gesundheitsversorgung, Kultur- und Sportorganisationen sowie eine umfangreiche jiddische Presse.Wetzel 2012, S. 161–162.Wetzel 2012, S. 166–167. Viele Bewohner strebten die Auswanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina und nach 1948 nach Israel an; andere wanderten insbesondere in die Vereinigten Staaten sowie nach Kanada, Australien und Südamerika aus.
Begriff und Ausgangslage
Der alliierte Begriff Displaced Person umfasste Menschen, die infolge des Krieges außerhalb ihrer Heimat lebten; dazu gehörten unter anderem ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene. Als die alliierten Armeen 1945 Deutschland besetzten, fanden sie im späteren Gebiet der drei westlichen Besatzungszonen 6,5 bis 7 Millionen DPs vor. Unter ihnen bildeten die etwa 50.000 bis 75.000 jüdischen Überlebenden aus Ost- und Mitteleuropa zunächst eine vergleichsweise kleine Gruppe.Wetzel 2012, S. 157.
Die alliierte Planung war zunächst auf eine möglichst rasche Repatriierung nach Staatsangehörigkeit ausgerichtet. Jüdische Überlebende wurden deshalb zunächst nicht als eigene Gruppe untergebracht, sondern gemeinsam mit nichtjüdischen Angehörigen ihrer Herkunftsländer. In der amerikanischen Besatzungszone änderte sich diese Praxis ab dem Spätsommer und Herbst 1945; in der britischen Besatzungszone lehnten die Behörden dagegen einen besonderen Status für jüdische DPs grundsätzlich ab.Wetzel 2012, S. 158–159.
Viele jüdische Überlebende wollten oder konnten nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Zu den Gründen gehörten die Vernichtung ihrer Familien und Gemeinden, politische Umbrüche und fortbestehender oder erneut auftretender Antisemitismus in Mittel- und Osteuropa. Damit bestand die jüdische DP-Bevölkerung bald nicht mehr nur aus Menschen, die 1945 in Konzentrationslagern oder auf Todesmärschen befreit worden waren.
Entstehung eigener jüdischer DP-Lager
Die Lebensbedingungen unmittelbar nach der Befreiung waren vielerorts schlecht, und die zunächst eingerichteten Lager waren auf die besonderen Folgen der Verfolgung jüdischer Überlebender nur unzureichend vorbereitet. Jüdische Vertreter protestierten insbesondere gegen die Unterbringung nach Staatsangehörigkeit und gegen das Zusammenleben mit nichtjüdischen DPs, unter denen sich auch Antisemiten und ehemalige Kollaborateure befanden.
Eine wichtige Zäsur war der Harrison-Bericht vom Sommer 1945. Nach den Protesten jüdischer DP-Vertreter und dem Bericht des amerikanischen Juristen Earl G. Harrison an Präsident Harry S. Truman wurden in der amerikanischen Besatzungszone ab Spätsommer 1945 separate DP-Lager für jüdische Überlebende eingerichtet. Ab Herbst 1945 verbesserten sich dort die Lebensbedingungen schrittweise, zugleich erhielten internationale und jüdische Hilfsorganisationen einen größeren Handlungsspielraum.
Die Besatzungsmächte verfolgten unterschiedliche Politiken. In der britischen Zone wurden jüdische DPs grundsätzlich nach ihrer Staatsangehörigkeit klassifiziert; ein eigener jüdischer DP-Status wurde dort nicht anerkannt. Dennoch entwickelte sich Belsen-Hohne zum größten jüdischen Zentrum der britischen Zone. Die Literatur nennt für seine jüdische Bevölkerung unterschiedliche Größenordnungen: Markus Nesselrodt spricht von rund 12.000 Bewohnern, während Juliane Wetzel für die Höchstphase etwa 15.000 Juden in der britischen Zone nennt, mit Belsen-Hohne als größtem Lager. In der französischen Besatzungszone lebten 1945 nur wenige tausend jüdische DPs; in der sowjetischen Besatzungszone erhielten Überlebende keinen gesonderten DP-Status.
mini|Jüdische Displaced Persons im DP-Camp Bergen-Belsen im April 1946
Flucht aus Mittel- und Osteuropa
Die jüdische DP-Bevölkerung wuchs 1946 erheblich durch eine zweite Nachkriegswanderung. Viele polnische Juden hatten die NS-Verfolgung überlebt, weil sie während des Krieges in das Innere der Sowjetunion geflohen oder deportiert worden waren. Nach ihrer Rückkehr nach Polen trafen sie auf zerstörte Gemeinden und erneute antisemitische Gewalt. Der Pogrom von Kielce vom Juli 1946, bei dem 42 Juden getötet wurden, wurde zu einem wichtigen Auslöser der Massenflucht nach Westen.
Mehr als 100.000 jüdische Flüchtlinge verließen zwischen 1945 und 1947 ihre Herkunftsgebiete östlich von Oder und Neiße und gelangten in die westlichen Besatzungszonen. Wegen der restriktiveren britischen Politik konzentrierte sich ein großer Teil dieser Zuwanderung auf die amerikanische Zone, insbesondere auf Bayern und Hessen. Bestehende Lager wurden erweitert und neue Einrichtungen geschaffen; Wetzel beschreibt für den Sommer 1946 mehr als 150.000 jüdische DPs, die von der amerikanischen Militäradministration vor allem in Bayern versorgt werden mussten.
Ein Teil dieser Bewegung wurde von der zionistischen Fluchthilfeorganisation Bricha unterstützt und organisiert. Ihre Routen führten Flüchtlinge durch Mittel- und Osteuropa über Deutschland und Österreich in Richtung Italien und zu den Mittelmeerhäfen.
Im Frühjahr 1947 setzte eine weitere größere Flüchtlingsbewegung aus Rumänien ein. Etwa 30.000 rumänische Juden gelangten nach Österreich; neben Antisemitismus nennt Wetzel die schwere Wirtschaftskrise und die Hungersnot nach dem Winter 1946/47 als Fluchtursachen. Nachdem General Lucius D. Clay bestimmt hatte, dass ab dem 21. April 1947 neu in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands gelangende Flüchtlinge wegen Überfüllung nicht mehr in den von den Vereinten Nationen betreuten Lagern aufgenommen werden sollten, wurde ein Teil der Bewegung nach Österreich umgeleitet.
Selbstverwaltung und politische Organisation
Die jüdischen DP-Lager waren nicht nur Unterkünfte unter alliierter oder internationaler Verwaltung. Bewohner bauten eigene politische und administrative Strukturen auf; auf Lagerebene entstanden gewählte Komitees und darüber hinaus Vertretungen auf Zonenebene. Die wichtigsten übergeordneten Sprachrohre in Deutschland waren die Zentralkomitees der befreiten Juden in der amerikanischen und in der britischen Zone.
Diese Selbstverwaltungsorgane vertraten die Bewohner gegenüber Militärregierungen, der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), später der International Refugee Organization (IRO), sowie jüdischen Hilfsorganisationen. Die Lagerverwaltungen organisierten je nach Standort Teile der materiellen Versorgung, des Bildungs- und Kulturwesens und des inneren Gemeinschaftslebens. Wetzel beschreibt die von den Überlebenden gegründeten Selbsthilfeorganisationen als Institutionen, die in der amerikanischen und britischen Zone bald nach der Befreiung „sämtliche Lebensbereiche“ erfassten.
Die Selbstbezeichnung Sche’erit Hapleitah verband diese Gemeinschaften mit der Vorstellung eines „Rests der Geretteten“. In den Lagern wurden Fragen nach der Zukunft der Überlebenden, Zionismus, Auswanderung und dem Wiederaufbau jüdischen gesellschaftlichen Lebens politisch und institutionell verhandelt.
Alltag, Bildung, Religion und Kultur
Nach der unmittelbaren chaotischen Versorgungsphase rückten Bildung und Kultur in vielen Lagern stärker in den Mittelpunkt. Synagogen, Schulen und Bibliotheken wurden eingerichtet; außerdem entstanden Sportvereine und Fußballligen, Theatergruppen und andere kulturelle Angebote. Jüdische Hilfsorganisationen wie das Joint Distribution Committee unterstützten die materielle Versorgung sowie Bildungs- und Freizeitangebote.
Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen war ein besonderer Schwerpunkt. Lehrer kamen zunächst unter anderem aus der Jewish Brigade, später aus den Reihen der Überlebenden und durch die Jewish Agency.Wetzel 2012, S. 166. Kindergärten und Schulen wurden gegründet, Berufsausbildungsstätten eingerichtet und Freizeit- und Sportangebote organisiert; in vielen Einrichtungen war die Vorbereitung auf eine Auswanderung nach Palästina ein ausdrückliches Bildungsziel.
Religiöses Leben wurde ebenfalls neu aufgebaut. Synagogen und andere religiöse Einrichtungen gehörten vielerorts zur institutionalisierten Lagergemeinschaft. Gleichzeitig existierte ein breites Spektrum säkularer, sozialistischer und zionistischer Gruppen, sodass die jüdischen DP-Gemeinschaften weder politisch noch religiös homogen waren.
Besonders ausgeprägt war die Presse. Wetzel nennt mehr als 40 jüdische DP-Zeitungen in Deutschland, überwiegend in jiddischer Sprache. Sie berichteten über weltpolitische Ereignisse, die Besatzungszonen, Lagerpolitik, Sport, Kultur und die Situation in Eretz Israel.
Zionismus, Bricha und Auswanderung
Für einen großen Teil der jüdischen DPs war Deutschland oder Österreich eine Zwischenstation. Zionistische Parteien und Jugendbewegungen spielten in zahlreichen Lagern eine wichtige Rolle, und Hachschara-Einrichtungen bereiteten insbesondere jüngere Bewohner auf ein zukünftiges Leben in Palästina vor. Umfragen vom Herbst 1945, die Wetzel zitiert, ergaben, dass 80 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren ihre Zukunft in Palästina sahen.
Wegen der britischen Einwanderungsbeschränkungen verlief ein Teil der Migration nach Palästina über Alija Bet, die von den britischen Mandatsbehörden nicht genehmigte jüdische Einwanderung. Die Bricha verband dabei Herkunftsgebiete in Mittel- und Osteuropa mit DP-Lagern, Transitstationen und den Ausreisewegen über Italien.
Nach der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 beschleunigte sich die Auswanderung. Zugleich eröffneten Änderungen der amerikanischen Einwanderungsgesetzgebung neue Möglichkeiten zur Aufnahme in den Vereinigten Staaten; die IRO unterstützte die internationale Neuansiedlung von DPs. Einwanderungsbeschränkungen trafen insbesondere ältere, kranke oder körperlich geschwächte Menschen und trugen dazu bei, dass ein Teil der Bewohner länger in den Lagern verblieb.
Regionale Schwerpunkte
Deutschland
Deutschland war das zahlenmäßig größte Zentrum der jüdischen DP-Bevölkerung. Für Ende 1946 schätzt das United States Holocaust Memorial Museum etwa 185.000 jüdische DPs in Deutschland. Juliane Wetzel nennt für die drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands zum Ende desselben Jahres 167.722 jüdische DPs; die Zahlen beruhen auf unterschiedlichen statistischen Erfassungen und werden hier nicht miteinander verrechnet.