Das Global Network of Sex Work Projects (NSWP) ist ein internationaler Verband, der sich für die Rechte und die Gesundheit von Sexarbeitenden einsetzt. Er ist eine private Not-for-Profit-Organisation, hat seinen Sitz in Edinburgh, Großbritannien und wurde 1992 offiziell gegründet.
Struktur und Mitglieder Das NSWP versteht sich als Dachverband (membership organisation), in dem sich Organisationen und Netzwerke zusammenschließen können, die von Sexarbeitenden geführt werden. Es ist in mehrere weltweite Großregionen gegliedert, deren jeweiligen Netzwerke Mitglieder des NSWP sind:
Afrika (African Sex Workers Alliance, ASWA) Asien/Pazifik (Asia Pacific Network of Sex Workers APNSW) Europa (International Committee for the Rights of Sex Workers in Europe, ICRSE) Osteuropa/Asien (Sex Workers’ Rights Advocacy Network for Central and Eastern Europe and Central Asia, SWAN) Lateinamerika (Latin America Platform of Sex Workers, PLAPERTS) sowie Nordamerika/Karibik (Caribbean Sex Work Coalition, CSWC). Das NSWP gibt Stand August 2026 die Zahl von 303 Mitgliedsorganisationen weltweit an, davon 99 in Afrika, 44 in Asien/Pazifik, 67 in Europa, 43 in Lateinamerika sowie 50 in der Region Nordamerika/Karibik.
Positionen mini|NSWP-Logo auf einem Regenschirm bei einer Pride-Demo Die von den Mitgliedsorganisationen grundsätzlich geteilten Positionen umfassen:
Akzeptanz von Sexarbeit als Arbeit Ablehnung aller Formen der Kriminalisierung und anderer rechtlicher Unterdrückung von Sexarbeit (einschließlich der Sexarbeiter, der Kundschaft, dritter Parteien, Familien, Partner und Freunde) Unterstützung von Selbstorganisation und Selbstvertretung von Sexarbeitern
Insbesondere die Ablehnung der Kriminalisierung „dritter Parteien“ ist Gegenstand der Kritik, da diese auch Bordellbetreiber und Zuhälter umfasst.
Geschichte und Aktivitäten Erste Vernetzungen fanden 1990 auf der zweiten International Conference for NGOs working on AIDS in Paris statt. Die Veranstaltung war ein alternatives Vor-Event für NGOs zur 6. Welt-Aids-Konferenz in San Francisco, da deren Besuch eine zwangsweise Offenlegung des HIV-Status vor Einreise in die USA voraussetzte. Auf der 8. Welt-Aids-Konferenz 1992 in Amsterdam wurde das Netzwerk zunächst informell gegründet und konnte nach einer bewilligten Mittelbeantragung bei der WHO seine Tätigkeit aufnehmen. Nach der Gründung knüpfte das Netzwerk Kontakte insbesondere zu Organisationen in der Asien/Pazifik-Region. Nachdem die Positionen von Sexarbeitenden in den 1990er-Jahren wenig wahrgenommen wurden, richtete das Netzwerk parallel zur 10. Welt-AIDS-Konferenz (engl. International AIDS Conference, IAC) 1994 in Yokohama eine Parallelveranstaltung aus.
Zur vierten UN-Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking bildete sich eine internationale Delegation von Sexarbeitenden, die vom NSWP geleitet wurde. Weitere Beteiligungen an internationalen Konferenzen zu den Themen HIV/AIDS, Frauenrechte und Sexarbeit folgten, wobei der Fokus auf der fehlenden Vertretung von Sexarbeitern der „Dritten Welt“ auf Themenkonferenzen mit explizit internationaler Ausrichtung lag. Diese fokussierten entgegen ihrem Anspruch auf Akteure, Repräsentanten und Verhältnisse in Ländern des globalen Westens. Weiterhin sei die Partizipation von Delegierten aus anderen Ländern durch fehlende Anreisefinanzierung, Übersetzer und willkürliche Verschiebungen oder Absagen zugesagter Redebeiträge erschwert. Die Kritik an der Ausgrenzung eines Großteils der Betroffenen aus globalen Diskursen wurde 2016 anlässlich einer Online-Konsultation von UN Women zu den Nachhaltigkeitszielen 2016 wieder aufgegriffen.
Das NSWP war an der Ausgestaltung der 2000 verabschiedeten United Nations Convention against Transnational Organized Crime and the Protocols Thereto (Palermo-Konvention) beteiligt und konnte Kompromisse durchsetzen in Bezug auf Definitionen von Menschenhandel, die als begrifflich unscharf und sexarbeits-feindlich betrachtet wurden.
2012 richtete die Organisation das „Sex Worker Freedom Festival“ in Kolkata, Indien als Alternativevent zur IAC 2012 in Washington, USA aus. Anlass waren weitreichende Einreisebeschränkungen in die USA, die eine Teilnahme für Sexarbeiter weitgehend unmöglich machten. Unter anderem UNAIDS unterstützte die Alternativkonferenz, die als offizieller Hub der IAC 2012 geführt wurde.
2015 evaluierte das NSWP ein Programm der WHO zur Reduktion von HIV/STI, das Sex Worker Implementation Tool, nachdem es bereits bei der Entwicklung mit einbezogen worden war. Eine Studie des Lancet ergab darüber hinaus, dass die Übertragungen von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten im Rahmen des Programms signifikant reduziert werden konnten. Der Communityansatz sei erfolgreich und Hemmnisse entstünden insbesondere durch Kriminalisierung und Stigmatisierung von Sexarbeit. Das Programm wurde fortgesetzt, in Kooperation von NSWP, The Lancet, der San Diego State University und der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health entstand bis 2026 eine vierteilige Reihe von Publikationen zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Sexarbeitern.
Während der Covid-19-Pandemie setzten sich UNAIDS gemeinsam mit dem NSWP für eine bessere Unterstützung von Sexarbeitenden während der pandemiebedingten Einschränkungen ein. Sexarbeiter verloren während der Pandemie nicht nur den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien, sondern verfügten dabei auch oft nicht über Zugänge zu sozialen Sicherungssystemen. Stark kritisiert wurden fortgesetzte Razzien, Festnahmen, willkürliche Covid-Testungen sowie Androhung der Abschiebung migrantischer Sexarbeitenden.
Darüber hinaus entwickelt das NSWP Briefing Papers aus der Praxis, die Datengrundlagen für weitere Forschung bilden sowie lebensnahe Handlungsanleitungen zur Verbesserung der Lebenssituation von Sexarbeitern bieten, unter anderem zu Sexual- und Reproduktionsmedizin oder dem Umgang mit Drogenkonsum.
Insbesondere im Kontext des Kampfes gegen HIV/AIDS wird dem NSWP eine bedeutsame Rolle zugeschrieben in der Verschiebung der Wahrnehmung von Sexarbeitern weg von „Krankheitsüberträgern“ hin zu einer Personengruppe, die Respekt und Solidarität verdient. Zur Verankerung des Begriffs „Sex Work“ anstelle von Prostitution in der globalen Debatte wird dem NSWP eine bedeutsame Rolle zugeschrieben.
Kritik und Kontroversen Die Begriffsverschiebung von Prostitution hin zu Sexarbeit in globalen Diskursen wird dem NSWP von anderer Seite her vorgeworfen, da damit eine Verharmlosung von Prostitution betrieben werde. Darüber hinaus gebe das Netzwerk zwar vor, Sexarbeiter zu vertreten, arbeite aber insbesondere für die Entkriminalisierung von Zuhältern und Bordellbetreibern.
2014 wurde die langjährige Vizepräsidentin von NSWP, Alejandra Gil, unter dem Vorwurf des Menschenhandels festgenommen und 2015 von einem mexikanischen Gericht zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die Organisation kritisierte im Gegenzug die mexikanische Gesetzgebung, die alle Tätigkeiten um Sexarbeit als Menschenhandel kriminalisiere und dadurch auch das Betreiben von Hilfseinrichtungen für Sexarbeiter unmöglich mache. In Mexiko sei demnach die Palermo-Konvention in nationales Recht überführt worden, wobei jedoch weder zwischen Menschenhandel und Sexarbeit noch zwischen erzwungener und freiwilliger Prostitution unterschieden wurde. Eine weitere Gesetzesänderung verwischte die Grenzen zwischen Prostitution und Menschenhandel weiter, wodurch arbeitsrechtlicher Schutz bei Sexarbeit nicht mehr gewährleistet sei, weiterhin jegliche Organisation der Sexarbeitern potentiell als Menschenhandel gewertet werden könne. In der Folge von Gils Verhaftung und Verurteilung musste APROASE, eine Hilfseinrichtung für Sexarbeitende in Mexiko-Stadt, nach Medienkampagnen, polizeilicher Repression und Morddrohungen geschlossen werden.
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Einzelnachweise
Kategorie:Organisation (Prostitution)