Six Compositions (Ghost Trance Music) 2001 (auch Six Compositions (GTM) 2001) ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die am 6. und 7. Januar 2001 an der Wesleyan University, Middletown, Connecticut entstandenen Aufnahmen erschienen 2004 auf Rastascan Records.

Hintergrund Vor dem Album Six Compositions (Ghost Trance Music) 2001 hatte Braxton bereits eine Reihe von Werken der Ghost Trance Music (GTM) geschaffen, einer Ritualmusik, die sich durch repetitive, meditative Strukturen und eine offene, prozessorientierte Formensprache auszeichnet.Tatjana Mehner: Zusammenkommen in der Musik: Kobe Van Cauwenberghe zu «Ghost Trance Music». Neue Zeitschrift für Musik 181 Nr. 5 (2020), S. 22–24 Die Box umfasst sechs GTM-Kompositionen, die auf vier CDs verteilt sind und insgesamt über dreieinhalb Stunden Musik bieten. Die Stücke, darunter „Composition No. 286“ in mehreren Teilen, sind geprägt von hypnotischen Repetitionen, kollektiver Improvisation und einer tiefen spirituellen Dimension, die Braxton selbst als „Geistermusik“ bezeichnet.

Die Stücke sind für verschiedene Besetzungen arrangiert, wobei die Anzahl der Musiker im Laufe der Sessions von zehn auf zwei abnimmt. In der über 90-minütigen „Composition 286“ ermöglicht das Tentett Braxton, die Collage-Strategie anzuwenden, die er in den 1980er-Jahren mit seinem klassischen Quartett entwickelt hatte, die Einbindung früherer Kompositionen in die Aufführung.

Titelliste Anthony Braxton: Six Compositions (Ghost Trance Music) 2001 (Rastascan Records – BRD 050)

CD 1 Composition No. 286 (+ 147, 20, 69D, 256, 173, 6J, 162, 23A) Part 1 24:02 Part 2 16:03

CD 2 Part 3 32:30 Part 4 19:31

CD 3 Composition No. 277 (+ 40L) Composition No. 287 (+ 40D) 31:26

CD 4 Composition No. 278 (+ 48) 18:59 Composition No. 289 24:33 Composition No. 195 18:26

Die Kompositionen stammen von Anthony Braxton.

Besetzung Composition No. 286 (+ 147, 20, 69D, 256, 173, 6J, 162, 23A), Composition No. 277 (+ 40L): Kontrabass – Matthew Sperry; Schlagzeug, Marimba, Vibraphon, Perkussion, Streichinstrumente, Klavier, Synthesizer, Elektronik – Gino Robair; Gitarre – John Shiurba; Sopraninosaxophon, Sopransaxophon, Es-Altsaxophon, F-Altsaxophon Baritonsaxophon, Es-Klarinette, B-Klarinette, Kontrabassklarinette – Anthony Braxton; Sopraninosaxophon, Tenorsaxophon, Baritonsaxophon, Kontrabassklarinette, Flöte – Scott Rosenberg; Trompete, Stimme – Greg Kelley, Trompete, Taschentrompete, Flügelhorn, Trumphone, Muschel, Tenorflöte, Marimba – Taylor Ho Bynum Composition No. 287 (+ 40D): Kontrabass – Matthew Sperry; Schlagzeug, Marimba, Vibraphon, Perkussion, Streichinstrumente, Klavier, Synthesizer, Elektronik – Gino Robair; Gitarre – John Shiurba; Sopraninosaxophon, Tenorsaxophon, Baritonsaxophon, Kontrabassklarinette, Flöte – Scott Rosenberg Composition No. 278 (+ 48): Schlagzeug, Marimba, Vibraphon, Perkussion, Streichinstrumente – Gino Robair; Gitarre – John Shiurba; Sopraninosaxophon, Sopransaxophon, F-Altsaxophon, Es-Altsaxophon, Basssaxophon, Kontrabasssaxophon – Anthony Braxton Composition No. 289: Altsaxophon, Baritonsaxophon – Jesse Gilbert; Altsaxophon, Tenorsaxophon – Justin Yang; C-Melody-Saxophon, Baritonsaxophon – Dan Plonsey; Sopraninosaxophon, Sopransaxophon, F-Altsaxophon, Es-Altsaxophon – Anthony Braxton Composition No. 195: Gitarre – John Shiurba; Sopraninosaxophon – Anthony Braxton

Rezeption Brian Olewnick verlieh dem Album in Allmusic vier Sterne. Er erläuterte dazu, aufgenommen etwa sechs Jahre nach seinen ersten Ausflügen in die Welt der Ghost Trance Music, zeige diese umfangreiche Vier-CD-Box deutliche Fortschritte in Braxtons Interpretation dieses Genres, auch wenn ihr im Allgemeinen die ekstatische Qualität der früheren Veröffentlichungen auf Braxton House fehle. Zwar sei das für GTM typische, gleichmäßige Pulsieren vorhanden, doch seien die Tempi größtenteils eher langsam und marschartig. Dies verleihe einigen Stücken eine gewisse Schwerfälligkeit und steht im Gegensatz zu der nervösen und lustvollen Euphorie der vorherigen Alben. mini|Gino Robair (2008) Das Werk für Tentett würde eine gewisse Lockerheit (oder Weite) besitzen, die – kurioserweise – stark an einige Sun-Ra-Aufnahmen aus den 1960er-Jahren erinnere, so Olewnick. Die übrigen fünf Kompositionen seien für Besetzungen vom Quintett bis zum Duo gesetzt, und was ihnen an Klangfülle fehle (eigentlich nicht viel), würden sie durch formale Klarheit wettmachen. Hier träten die individuellen Beiträge in den Vordergrund, und besonders hervorzuheben seien die Leistungen des Perkussionisten Gino Robair und des Gitarristen John Shiurba. Letzterer steuere, zusammen mit dem Trompeter Greg Kelley auf dem ersten Stück, frische, unkonventionelle, freie Improvisationen bei – ein Element, das sich wunderbar in Braxtons Gesamtkonzept einfüge, aber zuvor überraschenderweise unterrepräsentiert gewesen wäre. Die Stücke seien bemerkenswert abwechslungsreich, selbst innerhalb der von Braxton vorgegebenen strengen Formen. Ein herausragendes Beispiel sei das extrem lange und verschlungene Thema aus „Composition No. 287“. Das abschließende Duett (Don Van Vliet gewidmet) zwischen Braxton und Shiurba sei ein Wunderwerk an Komplexität: Die komponierten Linien würden sich zart miteinander verflechten, die improvisierten Abschnitte wänden sich wie Ranken von den zentralen Linien ab. „Six Compositions [GTM] 2001“ sei Musik von Tiefe und Fantasie und beweise, dass Braxton auch nach über drei Jahrzehnten seiner Karriere noch immer in der Lage sei, neues und aufregendes Terrain zu entdecken.

Am besten sei es, [bei der Rezeption der Musik] jeglichen Intellektualismus beiseite zu lassen: „Einfach laufen lassen, das aufnehmen, was man kann, und den Rest auf sich wirken lassen“, meint Mark Corroto in All About Jazz. Diese neueste 4-CD-Veröffentlichung würde Braxtons weitere Auseinandersetzung mit der „Ghost Trance Music“ dokumentieren. Aufgeteilt in Besetzungen als Tentett, Quintett, Quartett, Trio und Duo entfalte sich die Musik wie eine Zwiebel (eigentlich eher wie eine Artischocke): Während die Musiker nach und nach abgetrennt werden, komme die Essenz der GTM zum Vorschein.

Was dieses Wesen ausmacht, solle man besser nicht fragen, meint Corroto. Die Theorie und Anwendung von GTM werde zwar in den Liner Notes „enthüllt“, letztlich müsse man es selbst herausfinden. „Einfach ausgedrückt klingt dieser kuriose Ansatz so, als würde die Musik aus den Bugs-Bunny-Trickfilmen erklingen, wenn die Figuren durch Flure schleichen und Treppen hinauf- oder hinunterlaufen“. Auf dieser Grundlage würde das Tentett verschiedene Kompositionen (wie die Nummern 147, 20, 69D, 256, 173, 6J, A62 und 23A) rund um dieses Thema spielen. Der 90-minütige erste Titel erstrecke sich über zwei CDs und biete einige herausragende Soli von Gino Robair und Greg Kelley.

Bevor man sich an das Tentett wage, würde es sich empfehlen, Braxtons „GTM“ in kleineren Häppchen mit seinem Saxophonquartett (Jesse Gilbert, Dan Plonsey, Justin Yang und Braxton selbst) zu genießen, so Corroto. Man könne sich vom Thema mitreißen lassen und die anspruchsvollen, aber auch mitreißenden Soli genießen. Anschließend gebe es Trio- und Quintettversionen, die den Hörer noch tiefer in die Materie eintauchen ließen. Die reduzierte Version, ein Duett zwischen Braxton und dem Gitarristen John Shiurba, sei schlichtweg ein Genuss. Die einzige Möglichkeit, Braxtons Theorie der „Ghost Trance Music“ darzulegen, besteht nach Ansicht von Mark Corroto darin, die Worte des Richters am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, Potter Stewart, zu paraphrasieren, der einmal über Pornografie sagte: „Ich kann Ihnen nicht sagen, was es ist, aber ich werde es erkennen, wenn ich es sehe.“

Einzelnachweise

Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 2004 Kategorie:Anthony-Braxton-Album