Die Kolonie (chinesisch 蚁生, Pinyin yǐshēng 'Ameisenleben') ist ein Science-Fiction-Roman des chinesischen Schriftstellers Wang Jinkang. Die chinesische Ausgabe des Romans erschien im Jahr 2007. Die deutsche Ausgabe des Romans erschien am 15. Februar 2023 beim Heyne Verlag. Die Übersetzung stammt von Marc Hermann. Der Roman beschreibt eine Farm während der Kulturrevolution und ein biologisches Experiment zur Übertragung der altruistischen Natur von Ameisen auf Menschen. Gemäß einer Bemerkung zu Beginn des Buches sind zwar die Charaktere und die Handlung frei erfunden, basieren jedoch auf wahren Begebenheiten, welche Wang Jinkang während der Kulturrevolution selbst erlebt hat.

Handlung

Erstes Buch: Die Ameisen

Im Jahr 1970, inmitten der chinesischen Kulturrevolution, lebt die neunzehnjährige Guo Qiuyun mit ihrem zwanzigjährigen Freund Yan Zhe auf einer abgelegenen Reisfarm nahe der Stadt Beiyin in der Proving Henan. Beide lernten sich schon als Kinder kennen, überstanden gemeinsam die Hungersnot durch den Großen Sprung nach vorn und lernten viel über Ameisen von Yan Fuzhi, dem inzwischen verstorbenen Vater von Yan Zhe und Biologieprofessor. Yan Zhe hat von ihm einen „Schatz“ geerbt, jedoch weiß Guo Qiuyun nicht, worum es sich dabei genau handelt. Beide führen ein friedliches Leben bis Cen Mengxia, ein Mädchen der Farm, von Lai Ansheng, dem Farmleiter, vergewaltigt wird. Yan Zhe plant eine Anzeige, jedoch rät Guo Qiuyun ab: Sollte Cen Mingxia aus Scham abstreiten könnte ihm eine Gegenanzeige wegen Intrige gegen einen revolutionären Führungskader drohen. Zhuang Xuexu, ein ehemaliger Verehrer von Guo Qiuyun und ihr sowie Yan Zhe seitdem negativ gesinnt, informiert beide unerwartet, dass Lai Ansheng von ihrer Kenntnis weiß und ihn von Chen Decai und Chen Xiukuan, zwei ihm zugetane aggressive Jungen der Farm, umbringen lassen will. Yan Zhe ist wegen seines „Schatzes“ zwar völlig unbesorgt, jedoch hält Guo Qiuyun nachts versteckt Wache und hört morgens ein Gespräch von Chen Decai und Chen Xiukuan über eine weitere Vergewaltigung, wodurch ihnen mit Lai Ansheng nun die Erschießung droht. Alle drei haben daher nichts mehr zu verlieren.

Während ihrer nächtlichen Wache denkt Guo Qiuyun an ihre Schuld am Tod der Eltern von Yan Zhe: Zu Beginn der Kulturrevolution wurden Yan Fuzhi (wegen seinen Behauptungen zur kollektiven Struktur von Ameisenkolonien) und seine Ehefrau Yuan Chenlu (wegen eines zu freizügigen Urlaubsfotos) in Beiyin schnell als Feindbilder angesehen. Yan Fuzhi wird erst öffentlich denunziert und dann geschlagen. Zhuang Xuexu, damals noch Vorsitzender des Kulturrevolutionskomitees ihrer Mittelschule, ignorierte dabei aus Rache einen Aufruf von Guo Qiuyun zur Beendigung der Quälerei. Vollkommen überzeugt von der Revolution bildet sich Zhuang Xuexu nachts sogar ein, auf einem Bild des Großen Vorsitzenden Mao Zedong das Wort „Tyrann“ zu sehen und feuert die gesamte Mittelschule zur Rache an. Guo Qiuyun wird von ihren Zweifeln, ob ihre gestrige Anfrage zum Einhalt als konterrevolutionär verurteilt werden könnte, sowie von der aufgebrachten Masse gepackt und tritt unbeabsichtigt den blutbeschmierten Yan Fuzhi, was ihn hoffnungslos in den Suizid treibt. Guo Qiuyun wird absichtlich als Wache für Yuan Chenlu eingeteilt. Stattdessen ihre Schuld zu beichten, versichert sie ihr, ihrem Sohn Yan Zhe als seine Freundin beizustehen. Yuan Chenlu begeht daraufhin ebenfalls Suizid.

Zweites Buch: Die Königin

Am nächsten Tag kehren beide Chens unerwartet mit Yan Zhe zurück, sind vollkommen geläutert und ihm nun hörig. Lai Ansheng ist zunächst außer sich, verhält sich aber sofort ähnlich als Yan Zhe seinen „Schatz“ auch bei ihm anwendet: Guo Qiuyun erfährt dabei, dass es sich dabei um einen Zerstäuber mit von seinem Vater hergestellten Pheromonen handelt, welche den Ameisen zur Aufrechterhaltung ihrer altruistischen Kolonien dienen. Yan Zhe übernimmt daraufhin die Position des Farmleiters, während Lai Ansheng sich der Feldarbeit anschließt. Zwar akzeptiert die Farm den Führungswechsel dank hochlobender Worte von Lai Ansheng, jedoch sorgt wie bei den beiden Chens sein radikal geänderter Charakter für Spekulationen. Als Yan Zhe abreist, um mehr Pheronome für die ganze Farm herzustellen, fliegt seine Lüge über ein angebliches Kommunentreffen auf. Zhuang Xuexu, noch immer angewidert von Yan Zhe und Guo Qiuyun, wittert daraufhin eine Verschwörung und stiftet mit seinem Freund Cui Zhenshan sofort Unruhe bei der nächsten Versammlung. Yan Zhe kann sich jedoch geschickt herauswinden und lügt, dass das erfundene Kommunentreffen geheim gehalten wurde, um sozialen Aufruhr durch die Ausbreitung des „Tigerfiebers“ (angelehnt die Asiatische Tigermücke) zu vermeiden. Als angebliche Impfung benutzt Yan Zhe nun sein selbst hergestelltes Pheromon, wodurch nun die gesamte Farm außer ihm und Guo Qiuyun davon befallen ist und auch der letzte Widerstand durch Zhuang Xuexu und seinem Freund Cui Zhenshan verschwindet. Dabei wird beschrieben, dass Yan Zhe durch fehlende Expertise ein chemisch nicht exakt identisches Pheromon hergestellt hat (ähnlich wie verschiedene Chiralitäten von Thalidomid zum Contergan-Skandal führten), davon jedoch absolut nichts weiß.

Nach der Behandlung entwickelt sich die Farm ungewöhnlich prächtig: Aufgaben verteilen sich ohne Planung von selbst, Bewertungen und Bezahlungen werden abgeschafft und alle verhalten sich fortan mit extremer Rücksicht auf andere. Yan Zhe beginnt dadurch, sich immer mehr als Gott einer neuen Welt zu sehen. Als bekannt wird, dass Cen Mingxia bei der Vergewaltigung durch Lai Ansheng schwanger wurde, sieht Yan Zhe ihr Kind sogar als Versuchsobjekt. Als die örtliche Kommune anruft und mit Lai Ansheng sprechen will, fliegt der Führungswechsel auf und die Farm wird daraufhin von zwei Kadern untersucht, nämlich Genosse Wei und Genosse Gu. Beide sind zwiegespalten: Anders als erwartet übertrifft die Farm nun sämtliche Erwartungen, sodass sie zunächst sogar darüber hinweg sehen wollen, nicht von Lai Ansheng informiert worden zu sein und dass Yan Zhe durch seine Eltern eine kritische Vorgeschichte anhängt. Jedoch bereitet ihnen die schwangere Cen Mingxia großes Unbehagen, da Lai Ansheng für die Vergewaltigung erschossen werden sollte. Für beides besteht Meldepflicht und eine Verweigerung könnte auch schwere Folgen für sie selbst haben. Yan Zhe belauscht ihre Diskussion, besprüht beide nach ihrer Entscheidung zur Meldung ebenfalls mit dem Pheronom und lädt sie als Onkel Wei und Tante Gu auf die Farm ein. Guo Qiuyun wird dabei klar, dass nun mit unausweichlichen weiteren Untersuchungen ein Damoklesschwert über ihrer Farm hängt. Yan Zhe will derweil beide Kader als Paar zusammenführen, um weitere Kinder als Versuchsobjekte zu zeugen. Durch das Verhalten von Lai Ansheng und den beiden Chens besteht jedoch die Vermutung, dass das Pheronom den Sexualtrieb nahezu vollständig auslöscht. In einer Nacht scheint sich das zunächst widerlegen, als Lai Ansheng ein schreiendes Mädchen mit zerrissenen Kleidern anfällt, jedoch stellt sich dies als Hilfe für einen an der Wade festgebissenen Blutegel heraus. Onkel Wei vertraut Guo Qiuyun schließlich an, bei seiner Bestäubung die Luft angehalten zu haben und längst wieder nüchtern zu sein. Ihm gefällt zwar weiterhin das selbstlose Leben auf der Farm und die nun ausgelebte Liebe zu Tante Gu, doch da das Pheromon süchtig mache wie ein Opioid, will Onkel Wei eine weitere Dosis. Guo Qiuyun teilt alles mit seiner Einwilligung mit Yan Zhe und beide vermuten, dass die Wirkung entgegen ihrem Charakter wohl bei den aggressiveren Menschen wie Lai Ansheng, den beiden Chens, Zhuang Xuexu und dessen Freund Cui Zhenshan zuerst nachlässt. Yan Zhe zieht sich zur Herstellung von mehr Pheromon zurück und erteilt ein siebentägiges Annäherungsverbot. Guo Qiuyun und Onkel Wei beobachten dort tatsächlich die fünf Männer und wie sie sich dann eines Nachts nähern. Als Yan Zhe mit Atemmaske und Onkel Wei herbeieilen wird es handgreiflich und Yan Zhe besprüht alle sechs Männer mit dem Pheromon. Zurück in der Farm setzt sich der Streit jedoch fort und sowohl die sechs Männer als auch Tante Gu und eine Unbeteiligte erwürgen sich gegenseitig. Cui Zhenshan kann jedoch durch Beatmung noch gerettet werden. Wie sich herausstellt sind die beiden hergestellten Pheromone inkompatibel und sorgen, ähnlich wie Ameisen im eigenen Stamm altruistisch sind und doch gnadenlos andere Stämme angreifen, für unkontrollierbare Gewalttaten. Yan Zhe besprüht daraufhin sofort die gesamte Farm restlos mit dem neuen Pheromon, relativiert die Tode jedoch vor Guo Qiuyun als notwendige Nebeneffekte seiner Erschaffung einer neuen Menschheit. Es kommt zum endgültigen Bruch zwischen den beiden. Als Gräber für die sieben Toten ausgehoben werden verlangt Guo Qiuyun ein achtes für Yan Zhe, verkündet seinen Tod auf der ganzen sowie vollkommen hörigen Farm und sich selbst als neue Farmleiterin. Yan Zhe ist dadurch zur Flucht gezwungen. Nachts bricht eine Flut herein und zerstört die gesamte Farm, wobei Cen Mingxia durch den Stress ihr Kind frühzeitig gebärt. Guo Qiuyun erfährt daraufhin, dass Yan Zhe zurückkam, um die Farm frühzeitig zu warnen, wodurch ihr Ärger auf ihn verfliegt. Als Kader der Volkskommune einige Tage später eintreffen, kann Guo Qiuyun sich geschickt herausreden und stellt die acht Toten als aufopfernde Helden während der Katastrophe dar. Darüber hinaus hätten Genosse Wei und Genosse Gu wichtige Arbeit für das Baby von Cen Mingxia geleistet, welches nun in Pflege gegeben wird. Aufgrund der massiven Zerstörung wird die Farm endgültig aufgelöst und alle zerstreuen sich, vor allem ins nahe Beiyin.

Drittes Buch: Die Ameisenessenz

Im Jahr 2006 setzt sich die fünfundfünfzigjährige Guo Qiuyun von ihrem Beruf als Mittelschullehrerin in Beiyin zur Ruhe. Nach der Kulturrevolution erreichte sie ein Brief der erweiterten Familie von Yan Zhe, doch ihre Antwort blieb selbst unbeantwortet. Gelegentlich trifft Guo Qiuyun andere ehemalige Genossen von der Farm in Beiyin. Bei einem Abendessen mit Cui Zhenshan erfährt Guo Qiuyun, dass er und die anderen vier Männer damals überhaupt nicht Yan Zhe ermorden wollten, sondern nur süchtig nach mehr Pheromonen waren, auch um weiterhin gute Menschen zu sein. Tatsächlich haben sie sich ihm auch erst um Mitternacht genau nach Ablauf seines siebentägigen Verbotes genähert und das handgreifliche Gefecht war eine Panikreaktion durch einen gefühlten Hinterhalt in der Dunkelheit. Zudem erzählt Cui Zhenshan, kürzlich bei der alten Farm gewesen zu sein und dort riesige Scharen von Ameisen gesehen zu haben. Guo Qiuyun reist mit ihrem Ehemann Gao Ziyuan ebenfalls dorthin und findet in der frisch aufgegrabenen Erde des leeren Grabes von Yan Zhe einen Zerstäuber mit Pheromonen. Irritiert, da er wohl noch lebt, will sie später endlich selbst die Auswirkungen des Pheromons erleben, jedoch bleibt es vollkommen wirkungslos. Ungehindert kehrt Quo Qiuyun der Vergangenheit erneut den Rücken zu und macht stattdessen endlich den Führerschein. Gao Ziyuan, stark besorgt von einer erneuten Kettenreaktion, hatte heimlich das Pheromon gegen Wasser mit etwas Ameisensäure für den typischen Geruch ersetzt, wie einen teuflischen Flaschengeist versiegelt und erneut im leeren Grab von Yan Zhe vergraben, was mehrere Antworten an ihn symbolisieren soll: Im Kleinen soll seine Frau so bleiben wie sie ist und im Großen hat die Menschheit vielleicht gerade durch ihre schlechten Eigenschaften essentielles gelernt. Gao Ziyuan geht anschließend lachend davon.

Kritik