mini|Pawel Nikonow (2010) Pawel Fjodorowitsch Nikonow (; * 30. Mai 1930 in Moskau; † 8. November 2025 ebenda) war ein russischer Maler, Grafiker und Hochschullehrer. Er zählte zu den Begründern des sogenannten „strengen Stils“ (russisch Суровый стиль) in der sowjetischen Malerei und wurde vor allem durch sein 1962 entstandenes Gemälde Die Geologen bekannt, das auf der Ausstellung im Moskauer Manege zur Zielscheibe der Kritik Nikita Chruschtschows wurde. Nikonow war seit 2000 Vollmitglied der Russischen Kunstakademie (korrespondierendes Mitglied seit 1997), Volkskünstler der Russischen Föderation (1994) und zweifacher Träger des Staatspreises der Russischen Föderation (2001, 2021).
Leben Nikonow wurde in Moskau als Sohn des Rotarmisten Fjodor Pawlowitsch Nikonow und der ehemaligen Smolny-Institut-Schülerin Sinaida Fischer geboren. 1929 wurde sein Vater im Zuge der sowjetischen politischen Repressionen verhaftet und nach Kasachstan verbannt; er kehrte erst 1938 nach Moskau zurück und ermutigte seinen Sohn, aus Misstrauen gegenüber jeder politiknahen Laufbahn, zur Kunst.
Von 1943 bis 1949 besuchte er die Moskauer Kunstsekundarschule, die während des Krieges in das Dorf Woskressenskoje in Baschkirien evakuiert war. Von 1949 bis 1956 studierte Nikonow am Moskauer Kunstinstitut Surikow, dessen neuer Rektor Fjodor Modorow im Zuge der Kampagne gegen den „Formalismus“ die ideologische Kontrolle über die Lehre verschärfte. Nikonow beschrieb später die beiden Hälften seiner Ausbildung als denkbar gegensätzlich: eine „hochwertige“ künstlerische Schulung durch Lehrer der alten Kultur, gefolgt von einer „Gegen-Erziehung“ am Institut.
Nikonow wurde zu einem der führenden Maler des „strengen Stils“, der sich von der idealisierten Darstellung des sowjetischen Lebens hin zu einem nüchternen Realismus wandte. Sein bekanntestes Werk, Die Geologen (1962), entstand nach einer geologischen Expedition in den Ostsajan. Gezeigt auf der Jubiläumsausstellung „30 Jahre Moskauer Künstlerverband“ in der Manege, wurde es von Chruschtschow scharf verurteilt, der erklärte, der Staat werde dafür nicht zahlen: „Sollen sie malen und verkaufen, aber nicht auf Staatskosten.“ Um sein Honorar zu behalten, unterzeichnete Nikonow eine Erklärung, die das Werk als „schöpferischen Fehlschlag“ bezeichnete, und begann bereits, die Leinwand vom Rahmen zu lösen. Der aserbaidschanische Maler Tahir Salahow rettete das beschädigte Bild, brachte es nach Baku, wo es jahrelang hing, ehe er 1987 dessen Übergabe an die Tretjakow-Galerie veranlasste.
Im Rahmen derselben Ausstellung von 1962/63 beteiligte sich Nikonow auch an der Wiederentdeckung von Malern, die in den 1930er Jahren aus dem sowjetischen Kunstleben verdrängt worden waren, darunter Alexander Drewin; ihre jahrzehntelang von den Besitzern versteckten, teils unter Sofas verwahrten Leinwände gaben dem Phänomen den Namen „Sofamalerei“. Die Kontroverse spaltete den Künstlerverband in einen konservativen Flügel und einen reformorientierten „linken MOSSCh“, dem neben Nikonow auch Wiktor Popkow, Wiktor Elkonin, Nikolai Andronow und Andrei Wasnezow angehörten; in der Folge wurde der Maler Wladimir Serow Präsident der Kunstakademie, einer Institution, die Nikonow später als Inbegriff von „allem, was am reaktionärsten und opportunistischsten“ in der sowjetischen Kunst war, bezeichnete. Daneben erfüllte Nikonow auch offizielle Auftragsarbeiten; sein Gemälde Smolny – Hauptquartier des Oktober (1965) wurde vom ursprünglichen Auftraggeber als verzerrte Darstellung der Oktoberrevolution abgelehnt, gelangte jedoch nach einem zufälligen Atelierbesuch des Direktors Wassili Puschkarjow in die Sammlung des Russischen Museums. Gemeinsam mit seinem Bruder Michail war Nikonow zudem Mitglied der informellen Künstlergruppe „Die Neun“, der auch Andronow, Boris Birger, Wladimir Weisberg und Natalja Jegorschina angehörten; die Gruppe zeigte zwischen 1961 und 1978 fünf Ausstellungen, deren erste, nominell „geschlossene“, im Jahr 1961 einen derartigen Andrang auslöste, dass sie sich zu einem spontanen Protest für das Recht der Künstler auf freies Ausstellen wandelte.
Dorfperiode und Spätwerk mini|Pawel Nikonow, 2010, im Dorf Aleksino Ab 1972 verbrachte Nikonow einen Großteil des Jahres im Dorf Aleksino nahe Kaljasin, wo er sich ein Atelier errichtete. Das dörfliche Leben, insbesondere der nach der teilweisen Überflutung Kaljasins durch den Uglitscher Stausee 1939/40 stehen gebliebene Glockenturm, wurde zum zentralen Motiv seines zunehmend expressiven, allegorischen Spätwerks. Der Kunsthistoriker Dmitri Sarabjanow schrieb, Nikonow habe bei der Darstellung des russischen Dorfes eine „dramatische Spannung“ erreicht, wie sie zuvor nicht erreicht worden sei, und dessen „großes, aber schreckliches“ Universum gezeigt. 2008 zeigte er in der Galerie Kwadrat in Sankt Petersburg die Einzelausstellung Das Dorf Aleksino als Zentrum des Universums.
Lehrtätigkeit Von 1998 bis 2006 leitete Nikonow gemeinsam mit Juri Schischkow das Atelier für Staffeleimalerei am Surikow-Institut und trat damit die Nachfolge Nikolai Andronows an, der es von 1992 bis zu seinem Tod 1998 geführt hatte. Einzigartig unter den Ateliers des Instituts nahm es Studierende bereits ab dem ersten Jahr auf und war für die Förderung der individuellen künstlerischen Suche statt eines vorgegebenen Stils bekannt. Nikonow verfolgte die Karrieren seiner ehemaligen Studierenden auch nach seinem Ausscheiden 2006 weiter: 2024 zeigte das Museum der Russischen Kunstakademie zum 30-jährigen Bestehen des Ateliers die Ausstellung Das Recht auf Irrtum mit Werken von 28 ehemaligen Studierenden.
Tod und Familie Nikonow starb am 8. November 2025 im Alter von 95 Jahren und wurde auf dem Friedhof Nikolo-Archangelskoje in Balaschicha beigesetzt. Sein älterer Bruder Michail Nikonow (1928–2010) war ebenfalls Maler; Nikonows Ehefrau Wiktoria Staryzyna und die gemeinsame Tochter Wiktoria Nikonowa (1968–2008) waren gleichfalls als Malerinnen tätig, der Sohn Andrei Nikonow wurde Arzt. 2021 zeigten Vater und Tochter posthum eine gemeinsame Ausstellung, Die Substanz des Daseins, beim Platonov Arts Festival in Woronesch.
Auszeichnungen Nikonow wurde 1997 korrespondierendes und 2000 ordentliches Mitglied der Russischen Kunstakademie. Er wurde 1981 Verdienter Künstler der RSFSR und gewann 1985 den ersten Preis der V. Internationalen Ausstellung realistischer Malerei in Sofia für sein Bild Dorfbegräbnis. 1991 erhielt er den Pjotr-Kontschalowski-Preis. 1994 wurde er Volkskünstler der Russischen Föderation „für große Verdienste um die bildende Kunst“ und erhielt 2001 den Orden der Ehre. Zweimal wurde ihm der Staatspreis der Russischen Föderation verliehen: 2002 für seinen Dorfzyklus (rückwirkend für 2001) und 2022 für seinen Beitrag zur russischen und internationalen bildenden Kunst (rückwirkend für 2021).
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Einzelnachweise
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