Der Westland 30 (gelegentlich auch Westland WG 30 oder WG.30) ist ein mittelgroßer Zivilhubschrauber, der vom britischen Luft- und Raumfahrtunternehmen Westland Helicopters entwickelt und hergestellt wurde. Er wurde aus der Militärhubschrauber-Baureihe Westland Lynx abgeleitet, mit der er ein hohes Maß an Gemeinsamkeiten aufweist.

Entwicklungsgeschichte In den 1970er Jahren waren mehrere Führungskräfte bei Westland, dessen Produktpalette traditionell auf den militärischen Bereich ausgerichtet war, bestrebt, das Angebot so zu erweitern, das es auch den Anforderungen des zivilen Sektors besser gerecht wurde. Das Unternehmen hatte kurz zuvor die Entwicklung des Lynx abgeschlossen, eines schnellen und wendigen Hubschraubers, der für militärische Betreiber konzipiert war. Dennoch war man zu dem Schluss gekommen, dass die Zertifizierung des Lynx für den zivilen Einsatz finanziell nicht sinnvoll sei. Was vor allem auf die vermeintlich geringe Attraktivität für zivile Betreiber zurückzuführen war. Gleichzeitig suchte das Unternehmen nach Nachfolgemodellen für seine Hubschrauber vom Typ Wessex und Whirlwind. Man kam zu dem Schluss, dass eine vergrößerte Version des Lynx nicht nur die Rolle als Nachfolgemodell übernehmen, sondern auch den Marktanforderungen entsprechen könnte.

Dementsprechend entschied sich Westland, eine detaillierte Studie zum zivil ausgerichteten Konzept eines großen Lynx Hubschraubers durchzuführen. Diese vereinfachte Version wurde als Westland 606 bezeichnet. Es wurde ein Mockup auf Basis einer Lynx mit der Registrierung XW836 gebaut. Diese Maschine wurde 1976 auf der Luftfahrtschau in Farnborough vorgestellt. Diese überzeugte potentielle Kunden aber nicht. So wurde das Konzept noch mal überarbeitet. Dieser trug ursprünglich die Bezeichnung WG-30 Super Lynx, erhielt später jedoch die Bezeichnung Westland 30. Dieser Hubschrauber teilte sich die dynamischen Komponenten wie das Getriebe und die Rotorblätter aus Verbundwerkstoffen mit dem Lynx und wies darüber hinaus verschiedene weitere Gemeinsamkeiten auf. Er unterschied sich in erster Linie durch die Verwendung einer neuen Zelle. Es verfügte über eine konventionell gebaute Struktur aus Aluminium. Bei einigen Elementen, wie beispielsweise dem Heckausleger, kamen Verbundwerkstoffe zum Einsatz. Das Rotorsystem der Westland 30 war zwar weitgehend identisch mit dem des Lynx. Jedoch etwas größer, weshalb die vierblättrige Hauptrotorbaugruppe zum Ausgleich mit einer geringeren Drehzahl lief. Angetrieben wurde es von zwei Rolls-Royce Gem-60-3-Turbinen, die eine Leistung von bis zu 1260 PS erbringen konnten.

Der Westland 30 wurde in erster Linie als ziviler Hubschrauber konzipiert. Im Passagierbetrieb konnte er bis zu 22 Passagiere befördern. Der Zugang zum Passagierraum erfolgte über Schiebetüren an der Seite des Rumpfes, alternativ konnte auch eine Treppe verwendet werden. Im hinteren Teil des Rumpfes befand sich ein separater Raum zur Verstauung von Gepäck. In einer Offshore-Konfiguration konnte der Westland 30-100 mit einem Einsatzradius von 250 km (bei 227 kg Treibstoff) operieren und dabei neun Passagiere hin- und 13 zurückbefördern. Darüber hinaus konzipierte Westland den WG.30 so, dass er militärische Einsätze als Rettungshubschrauber und für taktische Transporte übernehmen konnte. In militärischer Funktion konnte die Westland 30 maximal 14 Soldaten samt Ausrüstung, bis zu 17 ohne Ausrüstung oder bis zu sechs Krankentragen mit begleitendem medizinischem Personal befördern.

Westland beschloss, die Entwicklung mit voller Kraft voranzutreiben, obwohl zunächst keine staatlichen Finanzmittel für das Projekt zur Verfügung standen. Stattdessen wurde die Westland 30 vom Unternehmen eigenfinanziert. Im militärischen Bereich sollte sie mit mittelgroßen Hubschraubern wie dem in Frankreich gebauten Aérospatiale SA 330 Puma konkurrieren. Westland rechnete mit Aufträgen von zivilen Betreibern, die die Westland 30 beispielsweise als Shuttle für den Passagiertransport zwischen Flughäfen und Stadtzentren einsetzen würden. Bis 1981 wurde für die Westland 30 ein potenzieller weltweiter Markt von 400 Hubschraubern prognostiziert. Letztendlich stellte die britische Regierung Mittel zur Unterstützung des Programms bereit. mini|Der Westland WG.30 Prototyp (1980) Am 10. April 1979 absolvierte der Prototyp WG30 seinen Erstflug. Später im selben Jahr wurde er auf der Paris Air Show der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Laufe des Jahres 1981 begann die Produktion des ersten Modells, der Westland 30-100. Das Modell erhielt im Dezember 1981 die Musterzulassung der britischen Zivilluftfahrtbehörde (CAA). Die Zulassung durch die US-amerikanische Federal Aviation Administration (FAA) folgte im Dezember 1982. Die Entwicklung des Typs wurde über die Westland 30-100 hinaus fortgesetzt. Im Jahr 1983 absolvierte die 30-200, angetrieben von zwei General Electric CT7-2B-Turbinen, ihren Erstflug. Die 30-160, die mit leistungsgesteigerten Rolls Royce Gem-Turbinen ausgestattet war, flog erstmals 1984. Weitere Modelle wurden vorgeschlagen. Die Produktion dieses Typs wurde jedoch 1988 eingestellt, da Westland selbst zu dem Schluss kam, dass die Maschine ein kommerzieller Misserfolg gewesen sei.

Einsatzgeschichte Am 6. Januar 1982 wurde der erste von drei Westland 30-100 an British Airways Helicopters in Beccles ausgeliefert. Er wurde zur Unterstützung von Gasbohrinseln im südlichen Teil der Nordsee eingesetzt. Später wurde dieser Hubschraubertyp im Linienpassagierverkehr zwischen Penzance und den Scilly-Inseln eingesetzt. Er blieb auch im Dienst, als das Unternehmen 1986 zu British International Helicopter Services umfirmiert wurde. Berichten zufolge gab es innerhalb der CAA und der British Airports Authority Vorbehalte gegen die Genehmigung eines Hubschrauberdienstes zwischen Milton Keynes und dem London City Airport. mini|Westland 30 von Omniflight in Manhattan (Oktober 1987) In den Vereinigten Staaten erwarb Airspur Helicopters Inc. vier Westland 30 im Rahmen eines Leasingvertrags, um ab dem 9. Mai 1983 Linienflüge im Raum Los Angeles durchzuführen. Omniflight Helicopter Services setzte diesen Hubschraubertyp ebenfalls im Auftrag von Pan American World Airways ein und verband den John F. Kennedy International Airport mit dem Pan-Am-Hubschrauberlandeplatz an der East 60th Street im Zentrum von Manhattan. Der Flugbetrieb wurde am 1. Februar 1988 eingestellt, und die Hubschrauber wurden an Westland zurückgegeben. Der Großteil davon wurde schließlich dem The Helicopter Museum in Weston-Super-Mare gespendet.

Hauptbetreiber dieses Typs war das indische Unternehmen Pawan Hans. Im März 1986 vereinbarte die britische Regierung mit Indien die Lieferung von 21 Westland 30 für die Erdölexploration. Finanziert wurde dies durch einen britischen Zuschuss in Höhe von 65 Millionen Pfund. Indien soll zunächst gezögert haben, das Angebot anzunehmen, bis klargestellt wurde, dass die Hilfe andernfalls nicht gewährt würde. Zwischen 1986 und 1988 wurden die Hubschrauber an Pawan Hans für Offshore Einsätze im Auftrag der Oil and Natural Gas Corporation Limited (ONGC) ausgeliefert. Eine ähnliche Anzahl von Hubschraubern des Typs Aérospatiale SA 365N Dauphin wurde ebenfalls von Frankreich geliefert. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass die Westland Hubschrauber für die indischen Bedingungen ungeeignet waren. Es wurden Probleme mit den Gem Triebwerken sowie ein hoher Wartungsaufwand berichtet.

Nach zwei tödlichen Unfällen wurde die Flotte der Westland 30 von Pawan Hans 1991 stillgelegt und eingelagert. Im Laufe der 1990er Jahre wurden verschiedene Vorschläge zu ihrer weiteren Verwendung geprüft. Im Oktober 2000 wurden 19 der noch vorhandenen Hubschrauber an das britische Unternehmen AES Aerospace verkauft. Doch nachdem sechs davon bereits nach Großbritannien verschifft worden waren, platzte der Deal. Es wird angenommen, dass die Hubschrauber an Standorten sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Indien eingelagert sind. Der Einsatz der Westland 30 in Indien wurde zeitweise zu einem umstrittenen und politisch brisanten Thema. Seitdem fanden keine nennenswerten Einsätze dieses Typs mehr statt, und die CAA hatte die Zulassung im Jahr 2000 entzogen.

Varianten Westland WG 30 - Prototyp der W 30 flog mit der Registrierung B-BGHF. Westland 30-100 - Angetrieben von zwei Rolls-Royce Gem-Mk 41-1-Turbinen mit einer Leistung von jeweils 846 kW. 14 Exemplare wurden gebaut. Westland 30-100 60 - Angetrieben von zwei Rolls-Royce Gem-60-3 Turbinen mit einer Leistung von 940 kW. Auch bekannt als 30-160. 24 Exemplare wurden gebaut. mini|Westland 30-200 (1985)Westland 30-200 - Angetrieben von zwei General-Electric-CT7-2B-Turbinen mit einer Leistung von jeweils 1276 kW. Die Variante absolvierte ihren Erstflug 1983. Eine Maschine wurde gebaut. Westland 30-300 - Eine im Jahr 1986 vorgeschlagene Variante mit einem General Electric CT7- oder einem Rolls-Royce Turbomeca-RTM-322-Triebwerk. Das maximale Startgewicht wurde erhöht, und das Modell verfügte über BERP-Rotorblätter aus Verbundwerkstoff, eine Geräuschdämpfung sowie ein Glascockpit als Option. Ein einziges Exemplar wurde gebaut. Später mit einer TT300 Lackierung versehen. TT30 - Geplante Version für den taktischen Militärtransport. Ein Prototyp wurde auf diese Konfiguration umgerüstet. TT300 - Geplante Version für den taktischen Militärtransport mit 17 Sitzplätzen.

Technische Daten Kenngröße 30-100 60 Besatzung 2 Passagiere 19 Rotordurchmesser 13,31 m Rotorkreisfläche 139,14 m² Länge 15,90 m Höhe 4,72 m Leermasse 3167 kg Startmasse 5806 kg Höchstgeschwindigkeit 240 km/h Reisegeschwindigkeit 220 km/h Reichweite 472 km mit 1814 kg Fracht Überführungsreichweite 732 km Triebwerk 2 × Rolls-Royce Gem-60-3 Turbinen 940 kW Tankinhalt 1043 kg in zwei Unterflurtanks

Museum 001 – eine 30-100 mit der Registrierung G-BGHF – The Helicopter Museum in Somerset, UK 002 – eine 30-100 mit der Registrierung G-BKGD – The Helicopter Museum in Somerset, UK 003 – eine 30-100 60 mit der Registrierung G-BKKI – bei AgustaWestland in Yeovil. Ist aktuell eingelagert. 006 – eine 30-100 ursprünglich als G-BKFF registriert später in die USA verkauft. Ist dort als N5840T geflogen seit 2020 im The Helicopter Museum in Somerset, UK 007 – eine 30-200 mit der Registrierung G-ELEC – The Helicopter Museum in Somerset, UK 014 – eine 30-100 mit der Registrierung N114WG (ex Omniflight Helicopter Services) – The Helicopter Museum in Somerset, UK 020 – eine 30-300 mit der Registrierung G-HAUL mit TT300 Lackierung – The Helicopter Museum in Somerset, UK

Literatur D. J. James: Westland Aircraft since 1915. Putnam, 1991. ISBN 0-85177-847-X John W. R. Taylor: Jane's All The World's Aircraft 1982–83. London: Jane's Yearbooks, 1982. ISBN 0-7106-0748-2 Stanley McGowen: Helicopters: An Illustrated History of Their Impact. ABC-CLIO, 2005. ISBN 1-85109-468-7 Giorgio Apostolo: The Illustrated Encyclopedia of Helicopters. Crescent. ISBN 978-0517439357

Weblinks

Westland 30 auf aviastar.org Produktionsliste der Westland 30 Westland 30 auf airhistory.net

Einzelnachweise

Kategorie:Erstflug 1979 Kategorie:Hubschrauber Kategorie:Westland Aircraft