mini|Martin Walser (2013) 200px|zentriert|rahmenlos

Martin Johannes Walser (* 24. März 1927 in Wasserburg (Bodensee); † 26. Juli 2023 in Überlingen) war ein deutscher Schriftsteller. Bekannt wurde er durch seine Darstellung innerer Konflikte der Antihelden in seinen Romanen und Erzählungen.

Leben mini|Martin Walsers Geburtshaus am Bahnhof in Wasserburg am Bodensee (2017) mini|Plakette am Geburtshaus von Martin Walser in Wasserburg mini|Gedenktafel in Heringsdorf

Martin Walsers Eltern, der Gastwirt Martin Walser und dessen Ehefrau, eine geborene Schmid, betrieben die Bahnhofsrestauration und eine Kohlenhandlung in Wasserburg am Bodensee. Das Milieu seiner Kindheit wird im Roman Ein springender Brunnen geschildert. 1938 bis 1943 besuchte er die Oberschule bzw. Oberrealschule in Lindau; dann wurde er als Flakhelfer eingezogen und leistete von 1944 bis 1945 Wehrdienst. Am 30. Januar 1944 beantragte Walser die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 20. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.742.136).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/46770948 Walser bestritt entschieden, jemals einen Aufnahmeantrag ausgefüllt zu haben, allerdings war nach aktuellem Forschungsstand eine Aufnahme ohne eigenes Zutun nicht möglich.Armin Nolzen: „Vom ‚Jugendgenossen‘ zum ‚Parteigenossen‘. Die Aufnahme von Angehörigen der Hitler-Jugend in die NSDAP“, in: Benz, Wolfgang (Hrsg.): „Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, Fischer Verlag 2009, S. 123–150 Nach dem Reichsarbeitsdienst erlebte er das Ende des Zweiten Weltkrieges als Soldat der Wehrmacht.

Nach Kriegsende machte er 1946 in Lindau am Bodensee-Gymnasium das Abitur. Er war katholisch und studierte an der Philosophisch-theologischen Hochschule Regensburg und von 1948 bis 1951 an der Eberhard Karls Universität Tübingen Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie. 1950 heiratete er Katharina „Käthe“ Neuner-Jehle, geborene Jehle. Aus dieser Ehe gingen die Töchter Franziska, Katharina-Johanna, Alissa und Theresia hervor. Mit Maria Carlsson, der damaligen Lebensgefährtin und späteren Ehefrau des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, hatte er außerdem den Sohn Jakob Augstein. 2009 gab Jakob Augstein bekannt, dass Walser sein leiblicher Vater sei, was er 2002 nach dem Tod von Rudolf Augstein durch seine Mutter erfahren hatte. Walser und Augstein trafen sich seither häufig. Über die späte Vaterschaft merkte Walser 2017 an: „Ich hab nur gemerkt, dass diese Besuchsvaterschaft ein Immer-zu-wenig war“. Er war zudem Schwiegervater des Schriftstellers Sascha Anderson, der mit seiner Tochter Alissa verheiratet ist, und des Schauspielers Edgar Selge, des Ehemannes seiner ältesten Tochter Franziska.

Während des Studiums begann Walser 1949, für den neu gegründeten Süddeutschen Rundfunk (SDR) als Reporter zu arbeiten und Hörspiele zu schreiben. Eine zwischenzeitliche Festanstellung beim SDR ermöglichte ihm 1951 die Promotion zum Dr. phil. in Tübingen mit einer Dissertation über Franz Kafka. Zusammen mit Helmut Jedele bildete er den Kern der „Genietruppe“ des Stuttgarter Hörfunks und baute als freier Mitarbeiter den Fernsehbereich des Senders mit auf. Er führte Hörspielregie und wirkte 1953 am Buch der ersten Fernsehfilmproduktion des deutschen Nachkriegsfernsehens mit.Titel: Man erholt sich. Ein sommerliches Ferienfeuilleton. Erstausstrahlung 1955. Vgl. Harald Keller: Der Dichter als Fernsehpionier – Ein Nachtrag zum 85. Geburtstag von Martin Walser. In: Funkkorrespondenz. 29. März 2012, , sowie Jörg Magenau: Martin Walser. Eine Biographie. Aktualisierte und erweiterte Neuauflage. Rowohlt, Reinbek 2008, ISBN 978-3-499-24772-9, S. 103–106. Parallel dazu vertiefte er als Rundfunkredakteur und Autor seine Kontakte zur Literaturszene.

Ab 1953 wurde Walser regelmäßig zu den Tagungen der Gruppe 47 eingeladen, die ihn 1955 für die Erzählung Templones Ende auszeichnete. Sein erster Roman Ehen in Philippsburg erschien 1957 und wurde ein großer Erfolg. Walser lebte von da an mit seiner Familie als freier Schriftsteller erst in Friedrichshafen und dann in Nußdorf am Bodensee.

In den 1960er-Jahren setzte sich Walser, wie Günter Grass und andere, vor allem linke Intellektuelle, für die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler ein. 1964 war er Zuhörer beim Auschwitz-Prozess in Frankfurt. Er engagierte sich gegen den Vietnamkrieg.Carlo Schellemann und Martin Walser: Stationen Vietnams. Röderberg-Verlag, Frankfurt 1968. Er reiste nach Moskau und galt (auch seinem Verleger Siegfried Unseld) in den 1960er- und 1970er-Jahren als Sympathisant der Deutschen Kommunistischen Partei, der er aber nie als Mitglied angehörte. Er war mit Ernst Bloch, Robert Steigerwald u. a. befreundet. Im Jahr 1973 war er in den USA Gastdozent des Middlebury College in Vermont und der Universität Austin, 1976 Gastdozent der West Virginia University in Morgantown (West Virginia). 1988 hielt Walser im Rahmen der Reihe Reden über das eigene Land eine Rede, in der er deutlich machte, dass er die deutsche Teilung als schmerzende Lücke empfand, mit der er sich nicht abfinden wollte. Diesen Stoff machte er auch zum Thema seiner Erzählung Dorle und Wolf. Auch wenn Walser ausdrücklich betonte, dass sich seine Haltung über die Zeit nicht verändert habe, sprechen einige Beobachter von einem Sinneswandel des Autors.

Eine in Verlagsverträgen ungewöhnliche Klausel ermöglichte es Walser, nach dem Tod von Siegfried Unseld mit allen seinen Werken 2004 vom Suhrkamp Verlag zum Rowohlt Verlag zu wechseln. Insbesondere spielte laut eigener Aussage dabei die fehlende Positionierung des Verlags im Streit um seinen umstrittenen Roman Tod eines Kritikers eine Rolle. Walser hatte in diesem Zusammenhang den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einerseits als Person und andererseits als Symbol einer angeblich unredlichen Kulturszene angegriffen. Unter anderen Frank Schirrmacher kritisierte diesbezüglich ein „Spiel mit antisemitischen Klischees“.

Walser war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der Sächsischen Akademie der Künste, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und des PEN-Zentrums Deutschland.

Im Jahr 2007 gab Walser einen Großteil seiner Manuskripte als Vorlass an das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Teile davon sind im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen, dazu gehören die Manuskripte von Ehen in Philippsburg, Das Einhorn und Ein springender Brunnen. Im Juli 2022 überließ Walser den aus Entwürfen, Manuskripten und Übersetzungen seiner erzählerischen, dramatischen und essayistischen Werke sowie 75 Tagebüchern bestehenden Vorlass dem Deutschen Literaturarchiv. In: deutschlandfunk.de, 3. Juli 2022, abgerufen am 1. August 2023.Martin Walser hat sein Werk dem Literaturarchiv übergeben. In: Spiegel Online, 3. Juli 2022, abgerufen am 3. Juli 2022.

Das Literaturhaus München zeigte 2005 die von Armin Kratzert und Jörg Magenau kuratierte Ausstellung „Martin Walser. Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr“. Anlässlich Walsers 75. Geburtstag im Jahr 2002 wurde die Dokumentation Martin Walser – Eine Deutschlandreise ausgestrahlt.„In dem Augenblick, in dem ich schreibe, bin ich unsterblich“, abgerufen am 24. Januar 2025 Zu seinem 85. Geburtstag im Jahr 2012 folgte die Dokumentation Martin Walser – Ein Leben für Alle und Keinen. Zu Walsers 90. Geburtstag sendete die ARD die 90-minütige Dokumentation Mein Diesseits – Unterwegs mit Martin Walser (Buch und Regie Frank Hertweck), in der Denis Scheck gemeinsam mit Walser die wichtigen am Bodensee gelegenen Stationen dessen Lebens besucht, wie etwa sein Geburtshaus, das heute eine Ballettschule ist.

Er war Erstunterzeichner des in der Zeitschrift Emma veröffentlichten offenen Briefs an Bundeskanzler Scholz vom 29. April 2022, der sich aus Sorge vor einem Dritten Weltkrieg im Kontext des Ukraine-Konflikts gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausspricht.Offener Brief an Kanzler Olaf Scholz. Online auf www.emma.de, abgerufen am 30. April 2022.

Walser war bis zuletzt unermüdlich produktiv. Auch in seinem letzten Lebensabschnitt „legte er Jahr für Jahr einen neuen Roman vor.“Martin Ebel: Der Mann, der die Wörter liebte. Nachruf auf Martin Walser. In: Tages-Anzeiger vom 29. Juli 2023, S. 42. Martin Walser starb am 26. Juli 2023 im Alter von 96 Jahren in seinem Zuhause in Nußdorf, einem Stadtteil von Überlingen am Bodensee. Er wurde am 31. Juli 2023 in seinem Geburtsort Wasserburg auf dem Pfarrfriedhof an der Sankt-Georgs-Kirche beigesetzt. Während der Gedenkfeier in Stuttgart zu seinen Ehren erinnerte sein Freund Arnold Stadler daran, dass Walser es, vor allem in seinem letzten Lebensabschnitt, nicht mit Ideologien, sondern mit dem Humanisten Sebastian Castellio gehalten habe: „Einen Menschen töten heisst nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“

mini|Bronzebüste Martin Walser, Bildhauerin Daniela Einsdorf

Am 20. Juni 2026 wurde zum Gedenken an Martin Walser in Nußdorf ein "Martin Walser Park" eingeweiht. Der Mittelpunkt dieses Parks ist ein Bronzeportrait Walsers von der Bildhauerin Daniela Einsdorf. Dieses steht auf einer Marmorsäule mit seiner eingemeißelten Unterschrift. Ferner gestaltete Einsdorf ein Steinbuch mit einem Gedicht von Walser über den Bodensee aus "Fisch und Vogel lassen grüßen". Ein schöner Ruheplatz mit Blick auf den Bodensee ist entstanden. Die Laudatio zur Einweihung hielt der bekannte Literaturkritiker Denis Scheck.Nadine A. Brügger: Adieu, Martin Walser. In: NZZ vom 18. September 2023, S. 30 (online am 17. September 2023 auf nzz.ch, abgerufen am 18. September 2023).

Literarisches Werk mini|Gedicht aus "Fisch und Vogel lassen grüßen". Gestaltung: Daniela Einsdorf. Nußdorf, Martin Walser Park Ein immer wiederkehrendes Motiv Walsers ist das Scheitern am Leben: Seine Helden sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen an sie oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen; der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen großen Walser-Romanen wieder. Dass die Kämpfe nur in der Seele seiner Helden brodeln, während die äußere Handlung meist Nebensache bleibt, macht Martin Walser zu einem typischen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur (wie Heinrich Böll, Peter Handke oder Siegfried Lenz) und setzt ihn in Gegensatz zur angelsächsischen Literaturtradition, in der das Vorantreiben einer äußeren Handlung weit bedeutender ist.

„Immer hat Walser betont, dass sein Welt- und Menschenbild in seinen Romanen zur vollen und letzten Gültigkeit gediehen sei, nicht in seinen politischen Plädoyers und Meinungskundgebungen“, so Martin Krumbholz in einem Nachruf auf Walser. Dennoch seien die vielen Aufsätze nicht aus dem Werk Walsers wegzudenken, gehörten sie doch dank ihrem Scharfsinn und ihrer Brillanz, verbunden mit der ihnen eigenen Argumentationslust sogar zum Kernbestand.Martin Krumbholz: “In die Liebe und in die Sprache verliebt“, NZZ vom 29. Juli 2023, S. 36 (Feuilleton, Nachruf).

Auch am Theater hatte Walser Erfolg. Bereits sein erstes Stück Der Abstecher hatte in den 1960er-Jahren über fünfzig Inszenierungen. Eiche und Angora war eine erste künstlerische Auseinandersetzung Walsers mit der Zeit des Nationalsozialismus. Wie in der schwäbischen Groteske laut Hellmuth Karasek „mit dem Entsetzen Scherz getrieben“ wurde, führte zu einer kontroversen Aufnahme in der Kritik, jedoch auch zu einem ersten internationalen Theatererfolg in Wien, Zürich, Basel, Rotterdam, Skopje, Edinburgh und über ein Jahr lang ununterbrochen in Paris.Jörg Magenau: Martin Walser. Eine Biographie. Aktualisierte und erweiterte Neuauflage. Rowohlt, Reinbek 2008, ISBN 978-3-499-24772-9, S. 180–183.