mini|Uwe Johnson (1960) Geschenksendung, keine Handelsware ist der Titel einer 1964in: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main veröffentlichen Erzählung von Uwe Johnson. Sie gehört zu den Gesine-Cresspahl-Geschichten und thematisiert die Postsendungen von West- nach Ostdeutschland vor dem Hintergrund der Teilung des Landes, die sich auf materielle und psychologische „Missverhältnisse“ zwischen den Menschen in der BRD und der DDR auswirkt.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 102.
Inhalt Gesines Vater informiert seine in Düsseldorf lebende Tochter über hilfsbedürftige alte Verwandte und Bekannten, die im Gegensatz zu den Jungen noch in Ostdeutschland geblieben sind. So lernt sie die Bewohner wieder kennen an „ihren Wünsche und Gewohnheiten“ und „das alte Jerichow“ kommt „ihr gegenwärtig mit den verbeulten Reklametafeln“ und dem Postamt, aus dem jetzt ihre Pakete gebracht werden „an ihr bekannte Häuser“, am Tor des Friedhofs vorbei, „auf dessen Flügeln die Enkel von Kern […] Halbkreise f[a]hren, wie sie einmal, damals“.Uwe Johnson: Geschenksendungen, keine Handelsware. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 28.
Bei ihren Gängen, an den Schaufenstern vorbei, durch die Stadt imaginiert sie die Geschäfte in Jerichow und fühlt die in ihrem Land schlecht versorgten Adressaten ihrer Pakete hinter sich beim gemeinsamen Betrachten der reichhaltigen westlichen Auslagen: „So fand sie viele Leute wieder vor den Schaufenstern Westdeutschlands, und ein Stück vom alten Jerichow im zeitgesättigten Geruch der kleinen Delikatessengeschäfte, und alle kamen mit und sahen ihr über die Schulter“. „Die Papenbrock, Oll Klupatsch, Heinz Wollenberg, Jöche, Niebuhr, sogar die SelenbinderPersonenbeschreibungen im Online Literaturlexikon: https://literaturlexikon.uni-saarland.de/lexika/kleines-adressbuch-fuer-jerichow-und-new-york/lexikon-a-c halfen ihr ein und flüsterten ihr zu.“Uwe Johnson: Geschenksendungen, keine Handelsware. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 25.
Gesine stellt sich die hinter den freundlichen Worten verborgenen unterschiedlichen Reaktionen vor: Nicht alle können oder wollen der Wohltäterin ihre Dankbarkeit zeigen und oft wären ihnen Reis und Gewürze wichtiger als Genussmittel. „In heilen Zeiten“ hätte die Pastorswitwe Brüshaver „kein Wort gerichtet an eine Unverheiratete mit einem nicht ehelichen Kind, auch wenn sie ein Geld verdiente, das Jerichow nun allerdings so übers Haus ging wie uns der Dollar“. Und manchmal dröhnte „Schweigen […] hinter der jerichower Kirche hervor“. Der Tischler Kern würde sich zu Neujahr über „diese leichten holländischen Importen“ freuen, es könne „wohl eine Schachtel sein aus buntem Blech, du denkst dir doch wohl meine Enkelkinder, na legn Riegel Sch’lade zu.“Uwe Johnson: Geschenksendungen, keine Handelsware. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 24, 25. Für diejenigen, die sich nicht besonders bedanken, ist es in „Ordnung“, dass „die von Jerichow wie alle gewöhnlichen Leute mit denen [zusammenhalten] in schlechten Zeiten gegen die Schuldigen“. Die Ostdeutschen würden „mit dieser Art von Wirtschaft den Krieg bezahlen immer noch“, während die Westdeutschen wieder leben, und wenn einer sich „anständig“ halte, abgebe und teile, verdiene er nicht „eigens ein Lob“. Andere sind „geniert“. Sie hätten sich die Geschenke lieber selbst in einem Laden in Jerichow ausgesucht und „mit ehrlichem Geld beglichen wie früher“. Außerdem ist es ihnen „unbehaglich“, dass die Westdeutschen ihre Geschenksendungen wegen der „Bedürftigkeit ostdeutscher Empfänger“ von der Steuer absetzen dürfen.Uwe Johnson: Geschenksendungen, keine Handelsware. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 27.
In der Reihe vor der Theke des Paketpostamtes sieht Gesine an den Aufschriften „Keine Handelsware, Geschenksendung“, wie viele ihr Jerichow [haben], verlassen und verloren, „und wie viele von einer verleugneten Regierung noch den Umgang mit den eigenen Leuten sich verordnen und beschränken lassen“ bei ihren Päckchen, die sie „aus Pflichtbewusstsein, Scham, gutem Willen, gegen das Finanzamt“ zu den Geschenkfesten in den Osten verschicken.Uwe Johnson: Geschenksendungen, keine Handelsware. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 27.
Einordnung in die Gesine-Handlung Orientiert man sich an der Gesine-Biographie, wie sie in den Jahrestagen entwickelt wird, so spielt die Handlung der Erzählung in Düsseldorf zwischen 1957 (Geburt der Tochter Marie) und der Übersiedelung nach Amerika (1961). Gesines Vater, der ihr Geschenktipps für seine Bekannten gibt, stirbt 1962.
Nach Mecklenburg markieren Geschenksendung, keine Handelsware und die anderen in Karsch, und andere Prosa veröffentlichten Geschichten „den entstehungsgeschichtlichen Beginn von Johnsons epischer Ausarbeitung der Jerichow-Welt vom Früh- zum Spätwerk hin: Versuche, einen erzählerischen Zugang zu Jakobs Freundin Gesine zu finden.“Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 111.
Die Thematik der Brief- und Paketsendungen sowie der Telefongespräche von West- nach Ostdeutschald und die bürokratischen Vorschriften greift Johnson auch in seinem 1965 publizierten Roman Zwei Ansichten auf, der von einer durch den Mauerbau 1961 behinderten Beziehung handelt.
Rezeption und Interpretation Umfang und Zeitpunkt der Veröffentlichung der kleinen Texte in Karsch, und andere Prosa, vier Jahre nach dem Jakob-Roman, führten einige Kritiker zu dem Urteil, es handele sich bei den Erzählungen „um verworfene Versuche, Resteverwertung,Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 109. und ein Stück »Nachlass zu Lebzeiten«, kein Hauptwerk“.
Blöckner nimmt die Erzählungen gegenüber diesen Bewertungen in Schutz: Ein Schriftsteller wie Johnson bewege seine Themen weiter in sich und befrage sie nach der Wahrheit, „die vollständig gezeigt zu haben, er nie behauptet hatte.“Günther Blöcker: Uwe Johnsons anderes Deutschland. In: Merkur 18, 1964, S. 590–592. Und in: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1984, S. 201. Entsprechend dieser schriftstellerischen Haltung wird „am epischen Gewebe des Jakob-Romans und der Jerichow-Welt weitergesponnen.“Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 111.
Mecklenburg wendet sich gegen den „Kritiker-Topos einer nostalgisch-provinzialistischen Verengung“, der die Rezeptionsgeschichte durchziehe: „Niemals grenzte etwas in Johnsons Werk an ›Heimatkunst‹ oder gar an ›Blut und Boden‹Bezug zu den Vorbehalten westdeutscher Verleger gegen Johnsons Frühwerk: zuviel Natur, Stil und Aufbau seien eher konventionell. Walter Maria Guggenheimer: Nachwort. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 85.“. Sein Regionalismus sei „eine Dimension seines erzählerischen Realismus, seiner Intention, die Menschen […] »baben der Erde« zu zeigen, in Gegenden, »Lebensgebieten«.“Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 112.
Gerade an den kleinen überschaubaren Texten lasse sich die „künstlerische Eigenart des Johnsonschen Erzählens, das Spektrum seiner Schreibverfahren […] exemplarisch studieren“: Die „Erzählstimme schalte[-] einblendungsweise, montageartig unvermittelt auf Figurenrede um. In den schrift- und literatursprachlichen Diskurs, der manchmal ins altmodisch Gravitätische“ gerate, würden „die Stimmen der alltäglichen sozialen Welt“ eindringen, „die regionalen und ideologischen Töne, die Redensarten und das Gerede“. Typisch sei „der archaisierende biblische Ton als satirisches Verfremdungsmittel für die monologisch-autoritäre Stimme der kommunistischen Staatsmacht […] Verfremdende Stilisierungen und Mimesis der Mündlichkeit – zwischen diesen beiden Polen beweg[e] sich der Johnsonsche Erzählton“.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 98 ff. Die „epische Skizze“ Geschenksendung, keine Handelsware über die „zeitgeschichtlichen Verhältnisse“ sei charakteristisch für die Erzählweise Johnsons.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 102. mini|Dein Päckchen nach drüben (Zusatzmarke) Der Autor hat in BegleitumständeUwe Johnson: Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1980, S. 381–391. die kleine Erzählung interpretiert: Sie beleuchte „materielle und psychologische Missverhältnisse zwischen den Bewohnern der Bundesrepublik, die sich in ihrem Wirtschaftswunder einrichteten, und den Ostdeutschen, die mit der ihnen verordneten Art von Wirtschaft »den Krieg bezahlten immer noch«“: Der „Kalte Krieg der ›Liebesgaben‹ (»Dein Päckchen nach drüben«), heuchlerische Kompensation dafür, dass die Regierung Adenauer die stets im Munde geführte deutsche Einheit von Anfang an hintertrieben hatte; östliche Gegenmaßnahmen gegen den mit der »Päckchenhilfe« erweckten richtigen Eindruck, »im Osten werde ein wenig mehr gehungert«; postalische und steuerpolitische Anpassung des westdeutschen Staates an diese Maßnahmen des ostdeutschen, den es angeblich gar nicht gab.“ Nach Mecklenburg erscheint in Gesines Vorstellung der Reaktionen der Beschenkten die „regionale, kleinstädtische Stimmenvielfalt, humoristisch eingeblendet in die Erzählung, die doch diskret indirekt von der Trauerarbeit berichtet.“Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 101, 102, 103.
Anmerkungen
Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Uwe Johnson Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Postgeschichte (Deutschland) Kategorie:Deutsche Teilung