Die Geschichte jüdischer Studentenverbindungen in Würzburg ist ein Teil deutsch-jüdischer Universitätsgeschichte, die mit dem Erstarken des akademischen Antisemitismus im ausgehenden 19. Jahrhundert begann und in der nationalsozialistischen Verfolgung sein gewaltsames Ende fand. Zwischen den 1880er Jahren und den frühen 1930er Jahren bestanden in der unterfränkischen Universitätsstadt Würzburg zeitweise bis zu sieben jüdische und „paritätische“ Korporationen, was für eine Stadt dieser Größe eine hohe Dichte war. Heute sind davon nur wenige Zeugnisse erhalten geblieben.
Historischer Hintergrund Ab etwa 1880 verschärfte sich in der deutschen Studentenschaft ein antisemitisches Klima, das jüdischen Studenten die Aufnahme in etablierte Korporationen zunehmend verwehrte. In Reaktion darauf entstanden seit Mitte der 1880er Jahre neue Verbindungen zweierlei Prägung: solche, die dem Prinzip der „Parität“ – der konfessions- und abstammungsunabhängigen Aufnahme aller deutschen Studenten – verpflichtet blieben, und solche, die sich als rein jüdische Bünde explizit gegen den Antisemitismus positionierten. Beide Richtungen übernahmen zunächst die Formen des deutschen Waffenstudententums, dem sie sich weiterhin zugehörig fühlten. Daneben bildete sich ab 1895 eine zionistisch orientierte Studentenbewegung, deren Verbindungsstrukturen sich im Kaiserreich noch stark an „arischen“ Korporationen, insbesondere dem antisemitischen Verband der Vereine Deutscher Studenten (VVDSt), orientierten. Die überregionalen Zusammenschlüsse dieser Bünde – der Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens (KC, 1896), das zionistische Kartell Jüdischer Verbindungen (KJV, 1914; Zusammenschluss des Kartells Zionistischer Verbindungen (KZV, 1906) und des Bundes Jüdischer Corporationen (BJC, 1901)), der paritätischen Burschenbunds-Convent (BC, 1919), der Bund Zionistischer Korporationen (BZK, 1920 als Abspaltung des KJV entstanden und 1929 wieder mit diesem vereinigt) sowie der religiös geprägte und öffentlich zurückhaltend auftretende Bund Jüdischer Akademiker (BJA, 1906) – bildeten das organisatorische Gerüst, dem sich auch die meisten Würzburger Verbindungen anschlossen, wenngleich einzelne Bünde bewusst verbandsfrei blieben.Thomas Schindler: Steinerne Zeugnisse jüdischen Studentenlebens in Würzburg. In: Friedrich Golücke (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus, Schernfeld 1990, S. 73–85, hier: S. 73f.
Die Würzburger Korporationen Zu Beginn der 1920er Jahre bestanden in Würzburg gleichzeitig sieben derartige Verbindungen, die das gesamte Spektrum der genannten Ausrichtungen abbildeten:Thomas Schindler: Steinerne Zeugnisse jüdischen Studentenlebens in Würzburg. In: Friedrich Golücke (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus, Schernfeld 1990, S. 73–85, hier: S. 74f., 77.
Salia – Freie schlagende Verbindung, verbandsfrei, gegründet 1884, vor 1918 paritätisch. Farben: dunkelblau-silber-schwarz, dunkelblaue Mütze. Kaufte 1925 zunächst ein ungeeignetes Haus am Oberen Mainkai, 1926/27 dann das endgültige Haus in der Huttenstraße 4. Wirceburgia – Burschenbund im Burschenbunds-Convent (BC), gegründet 1885. Farben: rot-blau-weiß, hellblaue Mütze. Erwarb 1924 als erste BC-Verbindung ein eigenes Haus in der Mergentheimer Straße 22; dieses hatte zuvor der Burschenschaft Cimbria gehört. Veda – Akademisch-wissenschaftliche Verbindung, verbandsfrei, gegründet 1896, vor 1918 paritätisch. Farben: weiß-rot-grün, nur in Bier- und Weinzipfeln getragen. Kaufte 1921 ein Haus in der Gerbrunner Straße (später Dürerstraße) 2 für 200.000 Mark. Vereinigung Jüdischer Akademiker (VJA) – im Bund Jüdischer Akademiker (BJA), gegründet 1907. Besaß keine Farben, nur schwarzer Bierzipfel. Er verfügte nie über ein eigenes Verbindungshaus; die Zusammenkünfte fanden in wechselnden Gasthäusern statt, die lückenlos rekonstruiert werden können, zuletzt im „Glocke“ in der Glockenstraße. Die Mitglieder hielten ihre religiösen Studien in der Kultusgemeinde ab. Rheno-Palatia – im Kartell-Convent deutscher Studenten jüdischen Glaubens (KC), gegründet 1919. Farben: grün-weiß-violett, graue Mütze. Kein eigenes Haus, residierte im „Königskaffee“. Hatikwah – Verbindung Jüdischer Studenten im Kartell Jüdischer Verbindungen (KJV), gegründet 1919. Farben: gelb-blau-weiß, nur in Wein- und Bierzipfeln getragen. Kein eigenes Haus, Angaben zur Kneipe sind nicht ermittelbar. Ivria – Akademisch-zionistische Verbindung im Bund Zionistischer Korporationen (BZK), gegründet 1920. Farben: weiß-blau-weiß mit goldenem Davidstern. Kein eigenes Haus, untervermietete Räume in der Semmelstraße 31.
Kurzzeitig bestand mit der im SS 1928 gegründeten Damenverbindung Beruria auch eine „weibliche Ergänzung“ zur VAJ über die allerdings nichts näheres bekannt ist.Thomas Schindler: Steinerne Zeugnisse jüdischen Studentenlebens in Würzburg. In: Friedrich Golücke (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus, Schernfeld 1990, S. 73–85, hier: S. 75, Anm. 5. Während Salia, Wirceburgia und Veda auf eine gefestigte Altherrenschaft zurückgreifen konnten, standen die erst nach dem Krieg gestifteten Verbindungen als regionale Ableger größerer, andernorts stärker verwurzelter Verbände auf weit brüchigerem Fundament; von den Nöten der Nachkriegs- und Inflationszeit geschwächt, vertagten sie sich zwischen 1922 und 1927 sämtlich. Besonders ist der Fall der Wirceburgia. Obgleich sich stets auch Christen unter ihren Mitgliedern befanden, galt sie Antisemiten als „Judenverbindung“, da ein wesentlicher Teil dieser nichtjüdischen Mitglieder nach den seit Mitte der 1920er Jahre in „deutschen“ Verbänden geltenden „Arierbestimmungen“ als „Judenstämmlinge“ eingestuft wurde.Thomas Schindler: Steinerne Zeugnisse jüdischen Studentenlebens in Würzburg. In: Friedrich Golücke (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus, Schernfeld 1990, S. 73–85, hier: S. 75–77.
Häuser und Verbindungsleben Ohne eigenes Korporationshaus blieben die Vereinigung Jüdischer Akademiker sowie die drei jungen Nachkriegsverbindungen; ihr geselliges Leben spielte sich in angemieteten Kneipräumen und Gasthäusern ab – für die VJA, deren religiöse Zusammenkünfte ohnehin in den Räumen der Kultusgemeinde stattfanden, zumal die Würzburger Rabbiner Nathan Bamberger und Siegmund Hanover zu ihren Alten Herren zählten, etwa im Gasthaus „Glocke“; für Ivria und Rheno-Palatia in untervermieteten Zimmern beziehungsweise im „Königskaffee“ an der Theaterstraße.
Den drei ältesten Verbindungen hingegen gelang im Laufe der 1920er Jahre der Erwerb eines eigenen Hauses. Veda erstand 1921 ein Anwesen in der Gerbrunner-, seit 1930 Dürerstraße. Wirceburgia wiederum erwarb 1924 – maßgeblich gefördert durch den Würzburger Apotheker und Alten Herrn der Verbindung Max Mandelbaum – ein Haus in der Mergentheimer Straße, das zuvor der Burschenschaft Cimbria als Domizil gedient hatte. Das auf einem 2.100 Quadratmeter großen Terrassengrundstück gelegene Wirceburgenhaus bot einen Kneipsaal für rund 45 Personen, einen Schankraum, eine Garderobe sowie weitere Wohn- und Funktionsräume; die Faxenwohnung befand sich in einem Nebengebäude. Der geplante Ausbau zu einem zeitgemäßen Verbindungshaus scheiterte allerdings an behördlichen Vorgaben, baulichen Schwierigkeiten und finanziellen Belastungen – mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 kam das Vorhaben schließlich vollends zum Erliegen. 1935 veräußerte die Verbindung das Grundstück; die Gebäude wurden 1935/36 abgerissen und machten einer Privatklinik Platz. Heute beherbergt das Gebäude eine Außenstelle des Arbeitsamtes.
Der Altherrenverein der freien schlagenden Verbindung Salia erwarb 1925 zunächst ein Haus am Oberen Mainkai 1, das sich jedoch als ungeeignet erwies und wieder verkauft wurde. 1926 fand die Verbindung in der Huttenstraße 4 ein geeignetes Anwesen, das nach einem Umbau am 30. April 1927 den Aktiven feierlich übergeben wurde. Die neue Heimstätte stärkte die nach einer Krise seit 1923 geschwächte Verbindung. 1935 musste das Salierhaus unter dem Druck verkauft werden. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben beschädigt und in vereinfachter Form wiederaufgebaut. Es ist das einzige Haus einer jüdischen Verbindung in Würzburg, von dem heute noch bauliche Überreste erkennbar sind.Julius Frank/Julius Frank: Geschichte und Schicksale der Studenten-Verbindung Salia von 1924–1949, New York/London 1949, S. 4;Thomas Schindler: Steinerne Zeugnisse jüdischen Studentenlebens in Würzburg. In: Friedrich Golücke (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus, Schernfeld 1990, S. 73–85, hier: S. 75–79.
Verfolgung und Zerstörung Nach den Gesetzen vom April 1933, die jüdischen Studenten den Zugang zum Studium erheblich erschwerten, kam es in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1933 zu einer gewaltsamen „Aktion“ des unterfränkischen SA-Sturmbanns I/9 gegen die Häuser von Salia, Wirceburgia und Veda. Unter dem Vorwand, „Beweise“ für „marxistische Betätigung“ und „Gräuelpropaganda“ zu finden, wurden die Häuser erstürmt und besetzt, die Aktiven misshandelt, entkleidet und durchsucht. Tatsächlich wurden bei der Durchsuchung im Obergeschoss der Wirceburgia Maschinengewehrteile sowie in einer Gartengrube zwei Skelette „entdeckt“, von denen später jedoch nie wieder die Rede war. Eine Beschwerde des Philisterausschusses bei der Polizei wurde mit der Begründung zurückgewiesen, im beschlagnahmten Material seien „Beweise“ für „Auslandsverbindungen“, „Hetzarbeit und Greuelpropaganda“ gefunden worden. Erst Monate später wurde das Wirceburgenhaus zurückgegeben. Die SA hatte erhebliche Verwüstungen hinterlassen: Möbel waren zertrümmert, Sessel aufgeschlitzt und die Wände mit Schmierereien übersäht.Thomas Schindler: Steinerne Zeugnisse jüdischen Studentenlebens in Würzburg. In: Friedrich Golücke (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus, Schernfeld 1990, S. 73–85, hier: S. 82–84. Das Haus der Salia war bereits zuvor auf universitäre Weisung geräumt worden, sodass die SA dort nur ein weitgehend leeres Gebäude vorfand; die Schäden beschränkten sich daher im Wesentlichen auf Beschmierungen und die Zerstörung einiger Bilder.Julius Frank/Julius Frank: Geschichte und Schicksale der Studenten-Verbindung Salia von 1924–1949, New York/London 1949, S. 9; Thomas Schindler: Steinerne Zeugnisse jüdischen Studentenlebens in Würzburg. In: Friedrich Golücke (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus, Schernfeld 1990, S. 73–85, hier: S. 84. Das Schicksal des Korporationshauses der Veda ist unbekannt.Thomas Schindler: Steinerne Zeugnisse jüdischen Studentenlebens in Würzburg. In: Friedrich Golücke (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus, Schernfeld 1990, S. 73–85, hier: S. 84.
Der Würzburger Wingolf bemühte sich nach der Besetzung der Verbindungshäuser um die Überlassung eines der Gebäude, da er selbst über kein eigenes Domizil verfügte und deshalb keine Wohnkameradschaft einrichten konnte, wie es von der politischen Führung gefordert wurde. Die Studentenführung reagierte hierauf mit unverhohlener Häme und verwies darauf, dass es bereits eine ganze Reihe von Bewerbern gebe, Verbindungen hätten keine Sonderbehandlung zu erwarten. Schließlich wurden die Häuser jedoch den Altherrenschaften der drei Verbindungen zurückgegeben, die als Vereine weiterhin bestehen durften. Als erste erhielt die Salia ihr Haus zurück: Zwar wurde die Beschlagnahmung bereits Mitte März 1934 aufgehoben, doch räumte die SA das Gebäude erst Anfang Januar 1935.Julius Frank/Julius Frank: Geschichte und Schicksale der Studenten-Verbindung Salia von 1924–1949, New York/London 1949, S. 9f; Thomas Schindler: Steinerne Zeugnisse jüdischen Studentenlebens in Würzburg. In: Friedrich Golücke (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus, Schernfeld 1990, S. 73–85, hier: S. 84f.