Transsubjektivität ist eine philosophische Bezeichnung für die Überwindung subjektiver Voreingenommenheiten bei Beratungen. In der Erkenntnistheorie des Kritischen Realismus ist das Transsubjektive eine unabhängig vom Subjekt gedachte Seinssphäre.

Transsubjektivität im Kritischen Realismus Innerhalb der Strömung des Kritischen Realismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts ein Ansatz, der sich gegen den Idealismus und Subjektivismus des Neukantianismus richtete:

Für Edmund König ist das Transsubjektive ein „relativ Transzendentes“, etwas, das vom Subjekt der Erkenntnis unabhängig ist und das den Inhalt des logischen „Bewußtseins überhaupt“ bildet, alles das also, was Allgemeingültigkeit besitzt und daher nicht in einem einzigen Subjekt gründet.Edmund König: Über die letzten Fragen der Erkenntnisstheorie und dem Gegensatz des transcendentalen Idealismus und Realismus. In: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, NF 103, 1894, S. 41.Thomas Blume: Transsubjektivität; das Transsubjektive. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie.

Johannes Volkelt wollte in der Debatte um den subjektiven und objektiven Anteil der Erkenntnis einen Ausgleich schaffen und entwickelte einen subjektivistischen Transsubjektivismus.Gottfried Gabriel: Volkelt, in: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2. Auflage. Band 8: Th – Z. Stuttgart, Metzler 2018, ISBN 978-3-476-02107-6, S. 344 Es sei die Anerkennung einer außersubjektiven Wirklichkeit, eines „transsubjektiven Minimums“ notwendig. Johannes Volkelt: Gewißheit und Wahrheit, München 1918, S. 231–268.

Nicolai Hartmann bezeichnet eine „Seinssphäre“ als transsubjektiv, „die vom Bewußtsein aus nach innen zu gesehen über das Subjekt hinausliegt“.Thomas Blume: Transsubjektivität; das Transsubjektive. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Diese Seinssphäre sei mit Subjektbedingungen identisch, „mit denen das Subjekt also in einer Sphäre transsubjektiver Seinsrelationen wurzelt“.Nicolai Hartmann: Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis. Walter de Gruyter & Co, Berlin und Leipzig 1925, S. 130. Subjekt wie Objekt sind jeweils in ein Beziehungsgefüge eingebettet, in einen Zusammenhang koexistierender und miteinander interagierender Dinge.

Transsubjektivität in der Erlanger Schule Die Transsubjektivität gilt als Basisidee der Philosophie der pragmatischen Begründung der konstruktiven Erlanger Schule:

Das Moralprinzip der Transsubjektivität wurde Ende der 1960er Jahre von Paul Lorenzen und Jürgen Mittelstraß entwickelt.Paul Lorenzen: Normative Logic and Ethics (= BI-Hochschultaschenbücher. 236). Bibliographisches Institut, Mannheim u. a. 1969. S. 82 f. Es wurde der Versuch gemacht, „auf einer individual-ethischen Basis von Personen, die (private) Konflikte beraten, zu einem Vernunftprinzip zu kommen“.So Paul Lorenzen in der Rückschau: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie. 1987, S. 250. Das Prinzip der Transsubjektivität bedeutet, beim Argumentieren die eigene Subjektivität zur Disposition zu stellen. Der Terminus Transsubjektivität wurde von Lorenzen und Mittelstraß eingeführt, um praktische Orientierungen in Abgrenzung zur bloßen wissenschaftlichen Intersubjektivität zu betonen. Der Gesprächspartner soll nicht lediglich als Mittel der eigenen subjektiven Zwecke betrachtet werden.Friedrich Kambartel: transsubjektiv/Transsubjektivität. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Zweite Auflage. Band 8, S. 109 f. Für Oswald Schwemmer ist die Transsubjektivität die Negation des Festhaltens an den subjektiven Begehrungen.Oswald Schwemmer: Philosophie der Praxis. Versuch zur Grundlegung einer Lehre vom moralischen Argumentieren in Verbindung mit einer Interpretation der praktischen Philosophie Kants. Suhrkamp, Frankfurt 1971 (Dissertation); Neuausgabe mit einem Nachwort ebd. 1980, S. 126f. Das Verträglichmachen der Vielfalt von Zwecken durch politische Beratungen führte Lorenzen etwa ab 1980 zu einem modifizierten Begriff der Transsubjektivität. Sie ist die „negative Präzisierung der Orientierung des Argumentierens am allgemeinen freien Konsens.“Paul Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie. 1987, S. 251. Gesetze sollen aus der stets drohenden Bürgerkriegsgefahr herausführen. Wird bei der Gesetzgebung ein verträgliches System von Lebensformen beachtet, darf die freie Zustimmung aller Bürger zu den Gesetzen erwartet werden.Paul Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie. 1987, S. 248.

Der Begriff Transsubjektivität wird von Intersubjektivität abgegrenzt. Der Methodische Kulturalismus beispielsweise erachtet es als unzureichend, wenn eine Aussage intersubjektiv wissenschaftlich genannt werden könnte, weil sie allgemein Zustimmung fände. Wissenschaftlichkeit nämlich könne nicht von zufälligen Konsensen in Argumentationsgemeinschaften abhängen. Mit „Transsubjektivität“ meint Peter Janich eine über jede Subjektivität hinausgehende Unabhängigkeit der Daten.Peter Janich: Was ist Wahrheit? Eine philosophische Einführung. Beck, München 1996, 2000 (BsR 2052), ISBN 3-406-41052-9, S. 70 ff.

Bei Harald Wohlrapp wird die Zustimmungs- bzw. Konsensausrichtung, die der Begriff des Argumentierens enthält, zur Einwandfreiheit abgeschwächt: Eine These sollte als argumentativ gültig nicht erst dann betrachtet werden, wenn alle zustimmen können, sondern wenn alle Einwände abgearbeitet sind. Wohlrapp behauptet die Möglichkeit, den eigenen Standpunkt zur Disposition zu stellen und in Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen in Richtung auf eine weniger beschränkte Weltsicht von innen heraus weiterzuentwickeln. In diesem Zusammenhang verweist Wohlrapp auf das Prinzip der Transsubjektivität, das eine vernünftige Bestimmung des Argumentierens in den Fokus rücke und den wichtigen Aspekt des Vertrauens beinhaltet.Harald Wohlrapp: Der Begriff des Arguments. Eine philosophische Grundlegung. 3. Aufl., Freiburg 2025, S. 524–555.

Einzelnachweise

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