mini|America auf der A-Seite von Bookends America ist ein Lied des amerikanischen Musik-Duos Simon & Garfunkel, das im Jahr 1968 auf ihrem vierten Studioalbum Bookends veröffentlicht wurde. Es handelt von einem jungen Paar, das auf der Suche nach „Amerika“ durch die Vereinigten Staaten reist. Das Lied hat einen autobiografischen Hintergrund in einem Roadtrip Simons mit seiner Freundin aus dem Jahr 1964.
Die erst 1972 veröffentlichte Single erreichte Position 97 in den Billboard Hot 100. Erfolgreicher war die wenige Monate zuvor veröffentlichte Cover-Version von Yes, die bis auf Position 46 stieg. Später avancierte das Lied zu einem der populärsten von Simon & Garfunkel und wurde als Kommentar zum Zustand des Landes verstanden.
Text Ein junges Liebespaar tut sich zusammen, um die USA zu bereisen. Das lyrische Ich bleibt namenlos, seine Partnerin heißt Kathy. Ihr gemeinsamer Besitz passt in eine Tasche, der Proviant besteht aus Kuchen und Zigaretten. Er ist in vier Tagen per Anhalter von Saginaw angereist. Als sie in Pittsburgh in einen Greyhound-Bus steigen, erscheint ihm Michigan schon wie ein Traum. Auf der Fahrt albern beide herum und schneiden Grimassen. Einen Mann im Gabardine-Anzug erklären sie zum Spion. Sie rauchen Zigaretten, lesen und betrachten die Landschaft. Über einem Feld geht der Mond auf. Obwohl seine Partnerin bereits eingeschlafen ist, gesteht er ihr seine Gefühle von Schmerz, Verlorenheit und Leere, für die er keinen Grund findet. Auf der New Jersey Turnpike zählt er die vielen Autos, die ebenfalls die USA bereisen.
Am Ende der Strophen wird in variierenden Formulierungen die „Suche nach Amerika“ beschworen:
Der Text steht in Blankversen, einem von Simon selten verwendeten Stilmittel.Steve Sullivan: Encyclopedia of Great Popular Song Recordings. Band 3 und 4. Rowman & Littlefield, Lanham, Maryland 2017, ISBN 978-1-4422-5449-7, S. 428. Gerry Beckley, Mitglied der Band America, kommentierte: „Es reimt sich nicht – es ist komplett in Prosa verfasst. Es gibt keine einzige Zeile, die sich reimt.“ Doch der Hörer sei so in die Geschichte vertieft, dass ihm das gar nicht auffalle. Es sei ein Beispiel, wie großartige Lieder die Regeln brechen.„There's not a rhyme in that song - the entire song is prose. There's not one line that rhymes“. Zitiert nach: Gerry Beckley. Interview von Carl Wiser auf Songfacts, 21. Oktober 2016.
Musik America steht in D-Dur in einem -Takt.Simon and Garfunkel’s Greatest Hits. Music Sales Limited, London, ISBN 0-86001-323-5, S. 34. Anders als in der Popmusik der späten 1960er Jahre üblich basiert das Lied nicht auf dem Strophe-Refrain-Bridge-Schema, sondern folgt einer mehrteiligen Liedform.Musikstück der Woche: Simon & Garfunkel: America – Ein musikalischer Roadtrip ins Herz der USA. Kommentiert von Patrick Ehrich bei der Universität Regensburg. Detailliert lässt sich die Liedstruktur herunterbrechen auf die Abfolge Intro – Strophe 1 (A) – Bridge 1 – Strophe 2 (A’) – Strophe (B) – Bridge 2 – Strophe 3 (A’’) – Bridge 1 – Strophe 4 (A’’’) – Outro. Bemerkenswert ist der häufige Einsatz von Septakkorden, die für einen leichten Anklang an Jazz sorgen. Das Stilmittel verwendete Simon bei späteren Liedern noch häufiger (etwa in So Long, Frank Lloyd Wright auf dem Album Bridge over Troubled Water). Die Stimmen der beiden Sänger sind in der Stereo-Abmischung separiert, Garfunkels Stimme liegt überwiegend auf dem rechten Kanal.Melissa Ursula Dawn Goldsmith: Listen to Classic Rock! Exploring a Musical Genre. ABC-CLIO, Santa Barbara 2020, ISBN 978-1-4408-6579-4, S. 213. Seine Oberstimme hebt sich auch musikalisch deutlich von Simons Hauptstimme ab, sucht eine Unabhängigkeit, die immer wieder für Dissonanzen sorgt. Dies unterscheidet America von den gleichförmigeren Arrangements in anderen bekannten Stücken des Duos wie etwa The Sound of Silence oder The Boxer.
Das Lied beginnt mit einem harmonisierten Summen von Simon & Garfunkel,Jacob Uitti: 3 Classic Songs That Feature Humming. In: American Songwriter, 21. Februar 2024. dem eine Twang-Gitarre antwortet. In Strophe 1 begleitet eine Kombination von melodischer und rhythmischer Akustikgitarre den Gesang. In Strophe 2 setzt eine hohe Orgel ein, die im Folgenden durch einen Leslie-Lautsprecher zu einem volleren, tieferen Klang verstärkt wird und in Strophe 4 wiederkehrt. Orgel und Bass bilden Gegenstimmen zum Gesang. In Strophe 4 gesellen sich Streicher hinzu, und laute Beckenschläge untermalen das Crescendo des Unisono-Gesangs. Im Outro ist wieder das hohe Register der Orgel und die Twang-Gitarre zu hören. In Sektion B spielt ein Saxophon, dessen Interpret ungenannt bleibt. Neben Paul Simon an der Gitarre musizieren die Studiomusiker Joe Osborn (Bass), Larry Knechtel (Orgel) und Hal Blaine (Drums).Albin J. Zak: Rock on Record. State University of New York Press, Albany 2022, ISBN 978-1-4384-8754-0, Kapitel 12.3. „America“ (1968).
Entstehungsgeschichte mini|Simon & Garfunkel, 1966 Der autobiografische Hintergrund hinter America ist ein Kurztrip Paul Simons mit seiner Freundin Kathy Chitty. Beide lebten in London, als der Produzent Tom Wilson Simon im September 1964 für letzte Vorbereitungen zur Veröffentlichung von Wednesday Morning, 3 A.M. zurück in die Vereinigten Staaten rief. Chitty begleitete Simon, und sie unternahmen eine fünftägige Autofahrt, auf der Simon seiner Freundin so viel wie möglich von seinem Heimatland zeigen wollte. Die Kathy in America hat also genau wie jene in Kathy’s Song auf dem Album Sounds of Silence ein reales Vorbild in Simons damaliger Partnerin.Marc Eliot: Paul Simon. A Life. John Wiley and Sons, 2010, Hoboken 2010, ISBN 978-0-470-90087-1, Kapitel The Calm Before the Storm.
Bob Dyer, ein ehemaliger DJ aus Saginaw, Michigan, gab an, Simon habe das Lied im Jahr 1966 geschrieben, als er das Duo für einen Auftritt im örtlichen YMCA gebucht hatte. Dabei habe Simon ihm gestanden, den weit unterbezahlten Auftrag nur angenommen zu haben, um zu erfahren, wie eine Stadt namens Saginaw aussehe.Gus Burns: Anonymous artist explains motive for Simon and Garfunkel lyrics appearing on abandoned buildings and elsewhere in Saginaw. In: The Saginaw News, 19. Dezember 2010. Is it art? or Graffiti? or Both? In: Michigan Public, 14. Dezember 2010.
America wurde am 1. Februar 1968 im Columbia Studio A von Columbia Records in New York aufgenommen. Der Termin lag am Ende der Bookends-Sessions, die sich über mehrere kurze Zeiträume von September 1966 bis Februar 1968 erstreckten. Produzenten waren Simon & Garfunkel sowie Roy Halee. Das Album wurde am 3. April 1968 veröffentlicht.Melissa Ursula Dawn Goldsmith: Listen to Classic Rock! Exploring a Musical Genre. ABC-CLIO, Santa Barbara 2020, ISBN 978-1-4408-6579-4, S. 212. Vier Singles wurden ausgekoppelt, America war jedoch nicht darunter. Erst 1972 kam es zur Single-Veröffentlichung des Liedes als Begleitung des Best-of-Albums Simon and Garfunkel’s Greatest Hits. Die Single erreichte Position 97 in den Billboard Hot 100.Jay Lustig: ‘America,’ Simon and Garfunkel. In: njarts.net, 5. September 2015.
Coverversionen mini|Yes, 1974 Noch bevor Simon & Garfunkel America als Single veröffentlichten, brachte die britische Rockband Yes im Januar 1972 eine Coverversion heraus, die bis auf Position 46 in den amerikanischen Charts stieg und damit erfolgreicher war als das Original. Yes hatten das Lied schon seit längerem in ihrem Live-Repertoire, und es belegte über die Jahre unter den meistgespielten Titeln auf Yes-Konzerten Rang 19 und unter den Coverversionen mit großem Abstand Rang 1. Sowohl Jon Anderson als auch Chris Squire waren große Fans der Harmonien von Simon & Garfunkel. Allerdings transformierten sie den Folk-Rock des Originals in ausladenden Progressive Rock, der in der Album-Version zehneinhalb Minuten währte und in der Single-Version 4:12. Die musikalische Eigenständigkeit beweist unter anderem ein Zitat des ebenfalls America betitelten Liedes aus Leonard Bernsteins West Side Story in der Langfassung.Al Melchior: The Story Behind Yes’ Remake of Simon & Garfunkel’s Late-1960s Classic “America”. In: American Songwriter, 16. August 2024.
Bert Sommer trug America 1969 beim Woodstock-Festival vor und erhielt dafür Standing Ovations.Liesl Brandner: Not Everyone Who Performed at Woodstock Is Famous 50 Years Later. Here's What Happened to One Forgotten Star. In: Time, 12. August 2019. David Bowie eröffnete das Konzert für New York City nach den Terroranschlägen vom 11. September im Oktober 2001 mit einer minimalistischen Darbietung des Liedes. Sein Landsmann Sting spielte America in mehreren Live-Konzerten sowie der gemeinsamen Tournee mit Paul Simon auf einer -Gitarre. U2 machten den Refrain von America auf ihrer Tournee 2017 zu einem Bestandteil ihrer Live-Shows, unter anderem als Zwischenspiel in Bad. First Aid Kit ehrten Paul Simon mit dem Lied 2012 beim Polar Music Prize.Dan Einav: America – Simon & Garfunkel’s 1968 anthem is steeped in national mythology. In: Financial Times, 19. November 2018.
Interpretation America ist ein Roadtrip-Song, der laut Jim Beviglia in American Songwriter ebenso viel über die Reisenden offenbart wie über das bereiste Land.Jim Beviglia: Behind The Song: “America” by Simon & Garfunkel. In: American Songwriter, 8. September 2020. Dorian Lynskey spricht im Guardian von einem „Miniatur-Roadmovie“.Dorian Lynskey: Readers recommend: songs About America. In: The Guardian, 30. Juni 2006. Der Musikführer The MOJO Collection nennt die Reise eine „ermüdende und desillusionierende Odyssee“.„a weary, disacffected odyssey“. Zitiert nach: Jim Irvin (Hrsg.): The MOJO Collection, Canongate, Edinburgh 2007, ISBN 978-1-84195-973-3, S. 126. Dabei hinterfragt Simon laut Patrick Ehrich den amerikanischen Traum. Dan Einav sieht in der Financial Times das Lied durchdrungen von amerikanischer Mythologie. Der Refrain „All come to look for America“ verweist sowohl auf das reale Land als auch auf das mythische Amerika als Hort von Freiheit und unendlichen Möglichkeiten. Simons Biograf Marc Eliot beschreibt America als „ein filmisches Panorama“ von der Suche nach einem „buchstäblichen wie metaphorischen Amerika“, dessen Schönheit und Ideale verschwunden zu sein scheinen.„a cinematic vista“, „a literal and metaphorical America“. Zitiert nach: Marc Eliot: Paul Simon. A Life. John Wiley and Sons, 2010, Hoboken 2010, ISBN 978-0-470-90087-1, Kapitel The Calm Before the Storm. Dabei verdeutlicht die Suche nach Amerika für Lynskey eindrucksvoll die schiere Größe des Landes: Großbritannien müsse man nicht suchen, es liege gleich um die Ecke hinter einem Tesco-Supermarkt.