Jüdischer Widerstand im besetzten Europa bezeichnet alle Formen der Gegenwehr von Jüdinnen und Juden gegen die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung während des Zweiten Weltkriegs. Dazu gehörten bewaffnete Aktionen wie Ghetto-Aufstände, Revolten in Vernichtungslagern und der Kampf jüdischer Partisanengruppen, ebenso Fluchthilfe, Rettungsaktionen und Untergrundarbeit. Als Widerstandsformen gelten angesichts der antisemitischen Verfolgung und Vernichtung auch Versuche der Bewahrung kultureller und religiöser Identität sowie die geheime Dokumentation von NS-Verbrechen.

Definitionen mini|alt=ein jüngerer magerer Mann mit weißem Hemd und Jackett steht vor einem Redepult und gestikuliert|Widerstandskämpfer Abba Kovner beim Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961) Der Begriff des jüdischen Widerstands hat sich in der Geschichtswissenschaft seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mehrfach verändert. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten wurde Widerstand gegen die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung meist mit bewaffnetem Kampf gleichgesetzt.

Die Debatte begann mit dem Standardwerk The Destruction of the European Jews (1961), in dem der US-amerikanische Historiker Raoul Hilberg die Strukturen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik untersuchte. Sein Befund, der organisierte jüdische Widerstand sei zahlenmäßig begrenzt gewesen, wurde als Hinweis auf eine angebliche jüdische Passivität gedeutet, obwohl Hilbergs Interesse nicht der Widerstandsforschung, sondern der Analyse des Vernichtungsprozesses gegolten hatte.

Hannah Arendt befasste sich 1963 in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem mit der politischen und moralischen Verantwortung der jüdischen Führungseliten während der Verfolgung. Während sie im bewaffneten Widerstand, vor allem beim Aufstand im Warschauer Ghetto, den Ausdruck einer jüdischen Gegenwehr würdigte, kritisierte sie die Rolle der Judenräte scharf. Damit löste sie kontroverse Diskussionen aus. Man warf ihr vor, durch die These von der „Banalität des Bösen“ Eichmann zu verharmlosen und den Judenräten eine Mitschuld an der Vernichtung zuzuschreiben.

Ab der 1970er Jahre entwickelte sich in der Holocaustforschung Israels und der Vereinigten Staaten ein erweiterter Widerstandsbegriff, der nicht nur bewaffneten Widerstand, sondern ebenso soziale, kulturelle, religiöse und individuelle Formen der Gegenwehr umfasste. Zugleich wurde festgestellt, dass jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel war. alt=Kinder versuchen an der Ghettomauer hochzuklettern, um "arischen" Teil der Stadt Lebensmittel zu organisieren|mini|Kindliche Schmuggler an der Mauer des Warschauer Ghettos, 1941Die Wende ging vor allem von dem Holocaustforscher Yehuda Bauer aus. In seinem Werk They Chose Life. Jewish Resistance in the Holocaust wehrt er sich gegen ein Verständnis von Widerstand, das nur militärische Aktionen berücksichtigt. Seine Arbeiten richten sich gegen das verbreitete Vorurteil einer angeblich jüdischen Passivität, das in der Metapher gipfelte, die Verfolgten hätten sich „wie Lämmer zur Schlachtbank“ treiben lassen. Bauer setzt dieser Sicht den Begriff Amidah (hebräisch: „Standhalten“, „Sich entgegenstellen“) entgegen. Unter Amidah versteht er alle bewussten Handlungen, mit denen jüdische Menschen sich den nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungsabsichten widersetzte und ihre Würde zu bewahren suchte. Dazu zählen unter anderem Flucht, Schmuggel, gegenseitige Hilfe, geheime Bildungsarbeit, religiöse Praxis und die Dokumentation der Verbrechen. Selbst der Versuch, den Völkermord zu überleben, habe im Judentum eine moralisch-spirituelle Dimension und sei daher eine Form von Widerstand.

Die Holocaustforscherin und Literaturwissenschaftlerin Rachel Feldhay Brenner erweitert in ihrer Studie Writing as Resistance den Widerstandsbegriff über bewaffnete oder organisierte Formen hinaus. Anhand der Schriften von Edith Stein, Simone Weil, Anne Frank und Etty Hillesum argumentiert sie, dass angesichts nationalsozialistischer Verfolgung autobiografisches Schreiben zu einem Akt der Selbstbehauptung und des Widerstands werden konnte. alt=Eine Frau mit ernstem Gesicht, weißer Strickjacke und dunklem Rock, steht vor zwei Mikrofonen an einem Redepult und stützt die Hände auf. Hinter ihr hängt eine große Landkarte.|mini|Widerstandskämpferin Hela Schüpper-Rufeisen bei der Zeugenaussage im Eichmann-Prozess Die Historikerin Nechama Tec erweiterte den Widerstandsbegriff um individuelle, alltägliche „menschliche Akte“ der Solidarität, Fürsorge und Würde, insbesondere unter den grausamen Bedingungen, unter denen Jüdinnen und Juden zu überleben versuchten. Sie definiert jüdischen Widerstand als Handlungen, die „die Macht des Unterdrückers gegenüber den Unterdrückten behindern, begrenzen oder beenden wollen“ („acts of resistance are motivated by the intention to thwart, limit or end the exercise of power of the oppressor over the oppressed)“. Das umfasst ebenso zwischenmenschliche Handlungen wie Hilfe und Unterstützung, die Aufrechterhaltung von Kultur oder Religion, die Dokumentation von Verbrechen sowie Versuche, die eigene Würde zu wahren, sofern diese Handlungen vom Ziel getragen sind, das „Ausmaß der Unterdrückung zu verringern“. Für Nechama Tec ist Widerstand jedoch mehr als individuelle Resilienz; er beinhaltet kollektives Handeln und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu etwas Größerem.

Die deutsche Holocaustforschung bezog sich erst mit zeitlicher Verzögerung auf die Ansätze der israelischen und der US-amerikanischen Holocaustforschung. Lediglich die wenig bekannt gewordenen Historiker Konrad Kwiet und Helmut Eschwege zählten bereits 1984 in ihrer Studie nicht nur organisierten oder bewaffneten Widerstand, sondern auch „nonkonformes Verhalten“ zum jüdischen Widerstand. Nonkonformes Verhalten unterteilen sie in Verweigerung (Flucht, Untertauchen, Rettung) und Abwehr (Protest, illegale Schriften, Attentate und Sabotage sowie Widerstand in Ghettos, Lagern und bei den Partisanen).

Der Holocaustüberlebende und Historiker Arno Lustiger wandte sich entschieden gegen das verbreitete Vorurteil, die europäischen Juden hätten sich während der NS-Herrschaft passiv verhalten. In seinem Werk „Zum Kampf auf Leben und Tod!“ schildert er die große Bandbreite des jüdischen Widerstands in Europa. Lustiger verweist darauf, dass der jüdische Widerstand unter Extrembedingungen stattfand: die Verfolgten waren allein auf sich selbst gestellt, ohne eigene Staaten, Streitkräfte oder Rückzugsräume. Mit der Einführung des Begriffs des „Rettungswiderstands“ erweiterte Lustiger ein Verständnis des jüdischen Widerstands, das auch Fluchthilfe und Rettung als Widerstandshandlungen würdigt. mini|alt=Passdokument mit Foto einer hübschen, ernst blickenden jungen Frau|Gefälschter Pass der Kurierin Vladka Meed (1940–1942)Nach der Jahrtausendwende setzte sich in Deutschland langsam ein erweiterter Widerstandsbegriff durch, der sich in etwa auf folgenden Begriff bringen lässt: „Handlungen von Jüdinnen und Juden, die darauf abzielen, die Pläne des Feindes in irgendeiner Weise zu durchkreuzen“.

Der Historiker Wolfgang Benz wies im Jahr 2025 darauf hin, dass jüdischer Widerstand nicht nach den Maßstäben politischer oder militärischer Widerstandsbewegungen beurteilt werden kann, ohne die vollständige Entrechtung und existenzielle Bedrohung jüdischer Menschen einzubeziehen. Dabei fasst Benz den Widerstandsbegriff eher eng: Selbstrettung gilt für ihn als Selbstbehauptung, nicht unbedingt jedoch als Widerstand.

Der Historiker Stephan Lehnstaedt (2024 und 2025) spricht von einem „vergessenen Widerstand“ und kritisiert die deutsche Geschichtsforschung und Erinnerungskultur, weil sie lange einen „Mythos der Passivität der Opfer“ gepflegt habe. Da in Deutschland die Täterforschung im Vordergrund stand, habe man wenig Interesse an der Gegenwehr von Jüdinnen und Juden gezeigt, weil man sie nur in ihrer Opferrolle wahrnahm. Für Lehnstaedt ist jüdischer Widerstand jede Handlung, die „die Macht des Unterdrückers mindern“ will, ohne dass dabei zwingend ein politisches Ziel verfolgt wird wie zum Beispiel der Sturz des NS-Regimes. In diesem Kontext kritisiert er das Verschwinden jüdischer Frauen aus der Holocaustforschung, weil Handlungen wie zum Beispiel Kuriertätigkeiten, die meist von Frauen geleistet wurden, oder die Sorge um das tägliche Überleben und die Rettung von Menschen lange Zeit unterbewertet worden seien und nicht als Widerstand gegolten hätten.

Formen des jüdischen Widerstands Jüdischer Widerstand umfasste die Aufrechterhaltung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur, Flucht- und Rettungshilfe bis hin zur Gründung von Armeen, Aufständen und bewaffnetem Kämpfen. Seine spezifischen Formen und Dimensionen waren von den jeweiligen lokalen Bedingungen abhängig.

In Westeuropa galten Jüdinnen und Juden häufiger als assimiliert und waren daher eher in nationale Widerstandsbewegungen eingebunden. In Osteuropa hingegen führten die deutschen Besatzer von Anfang an einen brutalen antisemitischen Vernichtungskrieg. Zudem weigerten sich die nationalen Widerstandsorganisationen (bis auf wenige Ausnahmen), jüdische Menschen in ihren Reihen aufzunehmen. Jüdische Untergrundorganisationen waren daher auf sich gestellt.

Geistiger, kultureller und religiöser Widerstand (Amidah) alt=stark verrostete große Milchkannen und Metallkästen|mini|Metallbehälter für Dokumente des Geheimarchivs Oneg Shabbat Trotz Verfolgung und Entrechtung versuchten Jüdinnen und Juden vor allem in den von der Außenwelt abgeschnittenen Ghettos, Bildung, Religion und kulturelles Leben aufrechtzuerhalten. Im Geheimen und unter großer Gefahr unterhielten sie Schulen und Bibliotheken, praktizierten religiöse Feiern und organisierten Konzerte und Vorträge. Zeugnisse des jüdischen Lebens und des Holocaust zu bewahren war ebenso eine Form des Widerstands („Zeugenschaft“) wie Tagebuchschreiben. Ein Beispiel dafür ist das von Emanuel Ringelblum organisierte Geheimarchiv Oneg Shabbat im Warschauer Ghetto, das heute zum Weltdokumentenerbe zählt. alt=Frauen in Schürzen kochen und reichen einem Mann und einem Mädchen einen Teller mit Suppe|mini|Suppenküche gegen Hungersnot in Łódź (Ghetto Litzmannstadt), etwa 1940–1944

Sozialer und ziviler Widerstand Trotz Unterernährung, Kälte, Krankheiten und Seuchen versuchten die in den Ghettos zusammengepferchten Jüdinnen und Juden, ihre soziale und kulturelle Strukturen so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Solidarische Aktionen und alltäglicher Widerstand waren Suppenküchen für die Hungernden, medizinische Versorgung, geheime und gefährliche Aktionen wie Lebensmittel- und Medikamentenschmuggel, die Verbreitung von Untergrundschriften sowie die Beschaffung gefälschter Dokumente. Vor allem jüdische Frauen waren an solchen Widerstandsformen beteiligt.

Rettung und Fluchthilfe Viele Jüdinnen und Juden organisierten (oft länderübergreifende) Rettungsnetzwerke. Sie unterstützten andere bei der Beschaffung falscher Papiere, halfen bei der Flucht und organisierten Verstecke. In Polen koordinierte beispielsweise die geheime jüdische Organisation Żegota gemeinsam mit nichtjüdischen Helfern die Rettung Verfolgter. Auch in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und in anderen Ländern gab es vergleichbare Rettungsnetzwerke, die jüdische Kinder oder Erwachsene mit falschen Identitäten versorgten und außer Landes oder in Verstecke brachten. Dabei waren jüdische Frauen besonders häufig als Kurierinnen (Kashariyot) sowie als Untergrund-Agentinnen aktiv, die sich getarnt auf solche gefährliche Missionen begaben.

Bewaffneter Widerstand alt=Fünf Männer und eine Frau, teilweise in Uniformen und mit Waffen, in der Mitte halten sie einen Davidstern hoch|mini|Mitglieder der Armée Juive in Espinasse, Frankreich (um 1944)