Das 19. Jahrhundert war eine Zeit der Änderungen, vom Glauben an den Fortschritt geprägt, dies betraf Politik, Wirtschaft, Technik und Gesellschaft. Auch die Stellung der Frau änderte sich fundamental. Waren die Frauen im 19. Jahrhundert in Europa zu Anfang noch gegenüber den Männern benachteiligt und meist von ihnen abhängig, wurden sie im Laufe des Jahrhunderts gleichberechtigter, wenn auch die formale Gleichberechtigung erst im 20. Jahrhundert erreicht wurde.

Auslöser vieler Änderungen war die Französische Revolution, die zwar im 18. Jahrhundert stattfand, deren Auswirkungen aber erst im 19. und 20. Jahrhundert voll wirksam wurden. Ebenso wichtig war die Industrielle Revolution, die von England aus ganz Europa veränderte. In unterschiedlichen Ländern war die Entwicklung unterschiedlich, hier sollen die Gemeinsamkeiten in den Ländern West- und Mitteleuropas vorgestellt werden.

Das 19. Jahrhundert Das 19. Jahrhundert wird oft als „Langes Jahrhundert“ (Eric Hobsbawm) bezeichnet, weil die Epoche mit der Französischen Revolution 1789 begann und mit dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 endete.

Die Epoche wurde in Europa in verschiedene Abschnitte unterteilt:

Romantik in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, in ganz Europa Biedermeier in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland Belle Époque in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich Viktorianisches Zeitalter in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien Wilhelminismus (1890–1918) in Deutschland.

Ausgangssituation Traditionell waren die Frauen in Europa benachteiligt. Es gab Frauen, die hohe Positionen erreichten wie z. B. Elisabeth I. (1533–1603), Maria Theresia (1717–1780) oder Katharina die Große (1719–1796), dies waren aber Ausnahmen. Oft waren die Frauen durch das Lex Salica von der Erbschaft der Königs- oder Adelspositionen ausgeschlossen. Auch in der bürgerlichen Gesellschaft war der Mann das bestimmende Geschlecht, ebenso in der bäuerlichen Familie und ganz besonders in der Kirche, speziell der katholischen. Auch im Judentum waren die religiösen Verpflichtungen und Aufgaben der Frau auf Heim und Familie beschränkt.

In Kunst und Wissenschaft gab es bedeutende Frauen wie die Malerin Angelika Kauffmann (1741–1807), die Schriftstellerinnen Germaine de Staël (1766–1817) und Jane Austen (1775–1817) oder die Unternehmerin Amélie de Berckheim (1766–1855), die die Firma De Dietrich nach der Französischen Revolution rettete. Ebenso die Wissenschaftlerinnen Émilie du Châtelet (1706–1749), Mathematikerin und Caroline Herschel (1750–1848), Astronomin. Diese Beispiele zeigen, dass die Frauen den Männern keineswegs unterlegen sind, wenn sie nur die Gelegenheit haben, sich zu beweisen. Heute selbstverständlich, war dies zu jener Zeit umstritten (s. u.).

In vielen Ländern schrieb das Gesetz die Inferiorität der Frauen gegenüber den Männern fest. Die Vorstellung von der Unterlegenheit der Frau wurde in wissenschaftlichen, politischen und religiösen Diskursen gerechtfertigt. Frauen müssten vor allem auf die Rollen als Ehefrau und Mutter vorbereitet werden.

Die Französische Revolution In Kontinentaleuropa änderte sich die politische Situation durch die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege. Auch England war dadurch betroffen. Wichtig waren die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin als Ergänzung der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die Frauenrechte traten nur nie in Kraft. Frauen wie Madame Roland und Olympe de Gouges, die sich politisch engagierten, starben unter der Guillotine. mini|Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin

Das Bild der Frau Die Aufteilung der Menschheit in Männer und Frauen war seit der Aufklärung allgemein akzeptiert. Auch ihre Rolle in der Gesellschaft war festgefügt, die Frau war für Arbeiten im Haus, für Kindererziehung und die Pflege von Angehörigen zuständig, für die Erwerbsarbeit außerhalb des Heims war der Mann zuständig. Diese Unterschiede waren durch die Natur des Menschen und nicht durch soziale Umstände und Vorurteile begründet. Die „Berufung des Weibes“ war die Sorge um das Heim und die Familie, welches aber nicht als Arbeit im eigentlichen Sinn gewertet wurde. mini|Porträt einer Mutter mit drei Kindern Der Frau wurde Passivität und Hingabe zugeschrieben, sie sei zudem ihren Emotionen stärker ausgesetzt und stark intuitiv geprägt. Diese Eigenschaften führten dazu, dass Frauen in jeglicher Hinsicht als unselbständig gesehen werden mussten und des Beistands und Schutzes des Mannes bedurften. Damit war die führende Rolle des Mannes festgelegt. In der Ehe ergänzten sich Mann und Frau, die Frau hatte Bereiche, die ihr zugeordnet waren: Haushalt und Kinder. Sie war von der Erwerbsarbeit „befreit“. Angemessene Arbeiten waren die Handarbeiten: Nähen, Stricken und Sticken. Allerdings benötigte der Haushalt im 19. Jahrhundert viel Arbeit, moderne Haushaltsmaschinen gab es noch nicht. Die Hausfrau musste die meisten Gerichte selbst zubereiten, auch die Konservierung von Früchten und Gemüsen zählte zu ihren Aufgaben. Das Bürgertum stellte für diese Arbeiten Dienstpersonal ein, so dass der Frau Zeit für musische Tätigkeiten blieb.

Auch in der (Populär-)Wissenschaft wurde die Zuordnung der Aufgaben zu den Geschlechtern sowohl aus der Bibel als auch durch das Beispiel bei „Natur-Völkern“ begründet. Frauen sollten sich vollkommen in die Häuslichkeit zurückziehen, denn zu jeglicher Betätigung außer Haus sei es stets nur im Zusammenhang mit politischen Unruhen gekommen. Selbst „weibliche“ Arbeiten außerhalb des Hauses wurden als nur scheinbar mit dem weiblichen Geschlechtscharakter vereinbar betrachtet. Innerhalb ihres Heimes sollte die Frau Behaglichkeit verbreiten und ihrem Mann einen Rückzugsort von der rauen Außenwelt bieten. Die strikte Trennung zwischen weiblichen und männlichen Sphären war gottgegeben. Allerdings wurden diese Ansichten schon in der Mitte des Jahrhunderts als veraltet angesehen.

Ein Beispiel für das Frauen-Stereotyp ist Schillers Gedicht Das Lied von der Glocke (1799): „Der Mann muß hinaus / Ins feindliche Leben,/ ... / Die züchtige Hausfrau, / Die Mutter der Kinder, / Und herrschet weise / Im häuslichen Kreise...“ mini|Schiller Die Glocke, Illustration von Ludwig Richter Auch in der modernen italienischen Oper, dem Verismo, enden die Frauengestalten meist tragisch, z. B. La Bohème, Aida und La traviata. Genauso in der Literatur: Frauen, die selbstbestimmt leben wollten wie Effie Briest, Anna Karenina und Madame Bovary endeten im Selbstmord.

Im 19. Jahrhundert änderte sich die Darstellung der Frau in der Malerei, insbesondere in der Aktmalerei. Die Darstellung des menschlichen Körpers ist schon immer eines der wichtigsten Themen der Kunstgeschichte. In der Romantik begann man die Realität darzustellen, oft dramatisch. Exotik und Harems Fantasie waren beliebt, Sexualität wurde thematisiert. Courbets L'Origin du Monde (1866) trieb den realistischen, sexualisierten Blick auf die Spitze. Im Impressionismus löste sich der Körper in Farben und Pinselstrichen auf. Die Themen wurden realistischer, statt mythologischen Göttinnen und Nymphen wurden Prostituierte und badende Landfrauen dargestellt. Manchmal diente auch der nackte weibliche Körper als Provokation wie in Manets Das Frühstück im Grünen (1863). Eine Ausstellung im Jahr 2002 hieß „Prüderie und Leidenschaft. Der Akt in viktorianischer Zeit“ und thematisierte den Zwiespalt im 19. Jahrhundert. Mit der Erfindung der Fotografie wurde der weibliche Akt ein beliebtes Motiv. Für (junge) Frauen wurde Malermodell ein einträglicher Beruf, z. B. Suzanne Valadon und Emma Dobigny.

Die katholische Kirche nutzte die Stellung der Frauen, um der Entfremdung der Gesellschaft von der Kirche entgegenzuwirken. Sie verteidigte die Rechte, die den Frauen in der traditionellen Gesellschaftsordnung zustanden. Damit bekämpfte sie Bewegungen wie die Säkularisierung in Frankreich und den Kampf gegen den Ultramontanismus in Deutschland. Die Kirche förderte den Marienkult und viele der neuen Heiligen waren Frauen, z. B. die Heilige Bernadette von Lourdes und die Heilige Theresia vom Kinde Jesus und vom heiligen Antlitz.

Diese Beschreibung trifft auf das Klein- und Großbürgertum zu, die Unterschicht, die Bauern und später die Proletarier, waren mit dem Überleben beschäftigt.

Das 19. Jahrhundert war auch das Jahrhundert der Auswanderung aus Europa nach Amerika, Australien und Neuseeland. Obwohl unter den Auswanderern auch Familien waren, war die überwiegende Mehrzahl (junge) Männer. Dies führte zu einem Frauenüberschuss in Europa, offensichtlich hatte diese Entwicklung aber keine Auswirkung auf die Stellung der Frau.

Politik Traditionell waren die Frauen von der Macht ausgeschlossen, Herrscher waren, mit wenigen Ausnahmen, Männer (Lex Salica). Die Töchter dienten als Bindeglied zwischen adligen Familien, ihr Einfluss auf die Gattenwahl war gering. So war die Heirat der ältesten Tochter Victoria der englischen Königin mit dem späteren Kaiser Wilhelm von Deutschland ein politischer Akt, der die freundlichen Beziehungen der beiden Länder bestärken sollte. Die wichtigste Funktion der Frau war es, ihrem Mann einen Thronfolger „zu schenken“.

Da die Frauen weder aktives noch passives Wahlrecht hatten, waren sie für die politischen Parteien, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts bildeten, von wenig Interesse. Aus Sicht der Männer war der Alleinvertretungsanspruch vorteilhaft. Manche Frauen beteiligten sich in politischen Parteien, mit der Hoffnung, ihre Interessen durchsetzen zu können. Andere versuchten in traditionellen Vereinigungen in der Kirche und im Sozialwesen Einfluss auf politische Macht-Strukturen gewinnen zu können. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Petitionswesen zu einem Instrument der benachteiligten Klassen, auch der Frauen. Damit konnte nicht nur Druck auf die Herrschenden ausgeübt werden, sondern auch die öffentliche Meinung beeinflusst werden. In Deutschland war Louise Otto-Peters, die Gründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, einflussreich. Sowohl die Demokratisierung der Politik als auch die Frauenemanzipation wurden vom liberalen Bürgertum vorangetrieben, die Emanzipation kam aber langsamer voran.

Das 19. Jahrhundert war auch das Zeitalter des wissenschaftlichen Fortschritts, nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in den Sozialwissenschaften. Während in den Wirtschaftswissenschaften nicht nur nach einer Erklärung für die Funktion der Wirtschaft gesucht wurde, sondern auch nach Wegen, das Leben der benachteiligten Klasse zu verbessern, z. B. Karl Marx, beschränkte sich die Soziologie weitgehend darauf, die Gesellschaft zu beschreiben. Vorschläge, das Schicksal der Frauen, die offensichtlich benachteiligt waren und immerhin 50 % der Bevölkerung ausmachten, blieben fast vollständig aus. August Bebel veröffentlichte 1879 das erfolgreiche Buch „Die Frau und der Sozialismus“, in dem er beschreibt, dass die Befreiung der Frauen nur durch die Lösung der „sozialen Frage“ möglich sei.mini|Die Frau und der Sozialismus von August Bebel

Wahlrecht Wählen durften nur Männer mit Grundbesitz oder einem bestimmten Einkommen, Frauen hatten kein Wahlrecht, siehe Liste der Länder nach Einführungsjahr des Frauenwahlrechts. Als Begründung wurde angegeben, dass der Mann als Familienoberhaupt für die ganze Familie abstimmt. Außerdem fürchtete das Bürgertum nach der Französischen Revolution und den Revolutionen 1848/1849, dass revolutionäre Bewegungen die Macht übernehmen könnten. Den Frauen als dem „schwachen Geschlecht“ traute man nicht zu, eine überlegte Wahlentscheidung zu treffen.