mini|Uwe Johnson (1960) Eine Reise wegwohin, 1960 ist der Titel einer 1964in: Uwe Johnsohn: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. veröffentlichen Erzählung von Uwe Johnson. Die 1959 entstandene Parallelerzählung zum Roman Das dritte Buch über Achim handelt von den Erfahrungen des Journalisten Karsch, die er auf einer Reise durch die DDR gewonnen hat, und der Kritik der Presse an seinem veränderten Deutschlandbild nach seiner Rückkehr nach Hamburg.

Inhalt Karsch, ein fast 40-jähriger Journalist, reist für seine Reportagen oft durch Westdeutschland und die Nachbarländer. Als Domizil hat er, nach dem Verkauf seiner alten Wohnung in Westberlin, im Norden Hamburgs den Dachboden eines Bauernhauses erworben und ihn als Wohnung eingerichtet. Er lebt allein. Vor acht Jahren endete in Westberlin seine Beziehung zu Karin, vor sechs Jahren trennte er sich von seiner Frau und seinem Sohn. Er fühlt sich krank, ist mit seinem Leben unzufrieden, liest seine Texte mit „Unbehagen“ und zweifelt an seinem Beruf.

In dieser Situation nimmt er 1960 die Einladung von Karin F. nach Ostdeutschland an. Nach seiner Ankunft in der sächsischen Stadt Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 35. Im Achim-Roman gibt es Hinweise auf Leipzig: Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1964, S. 50. erhält er das Angebot, eine Biographie über den mit Karin liierten Radrennfahrerstar Achim T. zu schreiben. Karsch gilt hier wegen seiner kritischen Zeitungsartikel als Kämpfer „gegen seine eigene Regierung, und zwar dem Fortschritt der Vernunft zuliebe“Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 34. und seine Aufenthaltsbewilligung für sieben Tage wird auf drei Monate verlängert. Als Gast des beliebten Sportidols und der Schauspielerin erhält er Zugang zu ihren Kreisen, er darf übers Land fahren und Verwandte in Thüringen und den alten Martin Niebuhr an der Havelschleuse in MecklenburgGesines Cresspahls Onkel, der ihn als desertierten Soldaten 1945 versteckt hat. https://literaturlexikon.uni-saarland.de/lexika/kleines-adressbuch-fuer-jerichow-und-new-york/lexikon/datensaetze-n/nie-nov/niebuhr-martin treffen.

Der „Ortsfremde“ nutzt seinen Schreib-Auftrag für eine „Entdeckung“ der Bewohner Ostdeutschlands. Da er neben Besuchen im Theater und in Sporthallen selbst bei Einkäufen nicht „mit der Gegend ins Benehmen“ kommt und „auf der Durchreise“ bleibt,Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 35. sucht er nach anderen Begegnungen: im „Beherbergungswesen“ mit seinen „Mängel[n] der Bedienung und des Vorrats“, im Leihhaus, bei Friseuren im Bahnhof usw. Dabei begegnet er den ihn oft misstrauisch betrachtenden Menschen in ihrem Alltag, darunter Nutznießer und Benachteiligte des Überwachungssystems. Ihm fällt die eigentümliche „Redeweise“ auf, der „veränderte[-] Sinn der Fremdworte“, „formelhafte[s], verzögerte[s] Sprechen“, das Schweigen oder Übergehen seiner Fragen zum Verhältnis zur Regierung, „gewundene Gespräche“: „Selbst im umgänglichen Reden der gewöhnlichen Leute fand er sich kaum unauffällig zurecht, da ihm zehn Jahre dieser Geschichte fehlten; sie erkannten ihn ohne Mühe,“ seine „sichere Rückfahrt und fremde Herkunft“.Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 39, 40, 41

Als Gegenleistung für seine Reisefreiheit erwartet man von ihm Reportagen, die für die Propaganda genutzt werden können, z. B. beim Besuch eines „Lager[s] westdeutscher Flüchtlinge“, die er, „als der angesehene Gast aus dem nämlichen Westen“ vor einer Fernsehkamera interviewen soll. Er erkundigt sich aber „auf westdeutsche Art“, fragt nach den genauen Gründen und erfährt, dass die meisten Übersiedler weniger aus politischen Gründen zurückkehren, sondern dass sie im Westen nicht zurechtgekommen sind: persönliche Beziehungen, Wohn- und Arbeitsbedingungen, Verschuldung, Haftbefehle … Ihre „Hoffnungen“, sagen sie, seien „erfunden gewesen“.: „[H]ier waren sie ganz und gar nicht mehr erreichbar, abgeschieden, zuverlässig entfernt, und mochte die Gegend eine Strafe sein, sie war doch freiwillig verhängt.“Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 51, 52. All dies wird nicht gesendet.

Missverständnisse erschweren seine Erarbeitung der Biographie Achims. Karsch hat Spaß daran, „eine Person anzusehen auf ihre Entstehung, hinter der Person ihr Leben zu finden […] einer bewussten Vergangenheit die tatsächliche zu finden, die Erinnerung einer Person mitzunehmen zurück ins Vergessene, auch sie überrascht zu sehen vor sich selbst“: „[I]hn erstaunte auch, wie viel eine Person enthielt an Geschichte der gesellschaftlichen Verhältnisse, der Kampfmethoden, des Anstands, an Mitlebenden.“Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 45. Mit dieser Herangehensweise recherchiert Karsch auch Achims Biographie. Aber als Sportstar und Mitglied der Volkskammer will er „sich nicht einstehen mit einem wirklichen Leben und schon gar nicht in Tonbandsitzungen mit einem sicheren Herrn Karsch, dem Westdeutschen. Der Journalist merkt, dass Achim sein Leben nicht den Anhängern und Verehrern „ausliefern“, sondern Verehrung und Anhang praktischer verwalten, dazu zensieren, nämlich gut nennen und als Fehler bezeichnen, was in seinem Leben doch wirklich gewesen war und auf Karschs Blättern so stehen sollte, mit allen Zeugen und Zwischenfällen.“ Karsch findet nicht „Achims Sicht“ und dieser versagt ihm am Ende die Druckerlaubnis.Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 47, 48.

Der Journalist reist zurück, besucht noch ein Flüchtlingslager in West-Berlin, Leute „mit ihrem tatsächlichen Leben, das bis jetzt und hier weggetaucht war vor dem erfinderischen Ansinnen der Staatsmacht: sie möchten noch andere werden. […] Es tat ihm leid um die Menge Wirklichkeit und Nachbarschaft, die sie zurücklassen würden im Vergessen, in der westdeutschen Entfernung. Wenige Tage hier und sie waren nicht mehr ähnlich, schon lange nicht verbündet, und mussten jeder allein sie abgeschlossene Lebenszeit vor der Aufnahmekommission einwechseln in die ausländischen Werte der verschiedenen Flüchtlingsscheine.“Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 59, 61.

Nach Hamburg zurückgekehrt, übersetzt Karsch, um Geld zu verdienen, einen italienischen Dokumentarfilm und bereitet die Textfassung seiner Reportagen vor. Auch diese Arbeit endet ergebnuislos: Seine Redaktion bestellt bei ihm einen Reisebericht über Ostdeutschland, etwas Unterhaltsames für den Sommer. Karsch dagegen denkt an „eine Analyse der Verwaltung, einen wirtschaftlichen Report in Hinsicht auf Wiedervereinigung, eine Darstellung ostdeutscher Folgen westdeutscher Politik“.Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 67 ff. Es kommt zu Diskussionen: Die Redaktion gibt zu bedenken, dass die Regierungspolitik eine Wiedervereinigung mit einem Staat, „der nicht existiert“, ablehnt. Das leuchtet ihm nicht ein, denn Ostdeutschland weise nach seiner Kenntnis der Staatstheorie die klassischen Kennzeichen eines Staates auf, und er fürchtet, dass „eine deutsche Einheit nicht einmal mehr um Neutralität zu haben“ sei.Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 72. Bei einer lokalen Fernsehrunde trägt er seine Argumente zu „dreizehn Jahre westdeutscher Politik“ gegen das „verlorene, vergessene, lebende“ Ostdeutschland vor und gebraucht das Wort „Anerkennung“ im „erkenntniskritischen Sinn“.Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 74. Karsch erhält viele Angeboten, als Redner auf Versammlungen und Diskussionsteilnehmer aufzutreten. Es kommt zum Streit auf offener Bühne und er wird beschimpft, er sei nicht „Herr seiner Wahrnehmung“ und „ostdeutsch bestochen“. Man klagt ihn des Landesverrats an und beschlagnahmt seine Manuskripte und Karteien, die Grundlagen seines Reiseberichts.

Darauf fährt Karsch zur Behandlung seiner Krankheit nach Mailand, siedelt sich dort an und schreibt „über persönliche Verhältnisse der italienischen Politik und Industrie“ oder Reiseberichte aus den Alpen „so angenehm, dass Mancher gern und lieber da wäre als alle Tage hier und in der Not der deutschen Teilung, von der öfter mal die Rede ist, mit der wir so leben.“Uwe Johnson: Eine Reise wegwohin, 1960. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 81.

Vergleich mit dem Roman Das dritte Buch über Achim Sowohl Das dritte Buch über Achim als auch Eine Reise wegwohin, 1960 handeln von der Reise des Journalisten Karsch 1960 nach Ostdeutschland. Nach Mecklenburg ist die von Johnson als »Nachtrag« und »Exkurs« zum Achim-Roman bezeichnete Erzählung, die jedoch vor dem Roman konzipiert wurde, zu zwei Drittel eine kürzere einfacher gebaute Parallelerzählung zu Achim,Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 103. allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Steht im Roman die Recherche der Biographie des Radrennsportlers Achim T. im Mittelpunkt, so sind es in der Erzählung die Eindrücke über das Leben der Menschen in der DDR, die „sprachliche -Entfremdung“ der Ost- und Westdeutschen und die wechselseitigen „Verstehensprobleme“, Karschs „krisenhafte Arbeits- und Lebenssituation“, sein Gesundheitszustands, sein „Berufsethos“: die Grundsätze seiner journalistischen Berichterstattung, die in Gegensatz geraten zu den Interessen seiner Auftraggeber sowohl in Ost- wie in Westdeutschland.

Im Unterschied zum Roman wird im letzten Drittel der Erzählung das westdeutsche Nachspiel der dreimonatigen DDR-Reise Karschs geschildert und der Erzähler ist am Ende als einer seiner Hamburger Freunde erkennbar.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 103, 105. Wie in seinen anderen Romanen so gibt es auch in der Erzählung für Johnson ein politisches Bezugsereignis: Die Spiegel-Affäre von 1962, die den „Zugriff einer staatlichen Macht zeigt, die Pressefreiheit und demokratische Rechte des einzelnen als Rhetorik widerlegt und ihn zur Emigration veranlasst.“Manfred Durzak: Politische Bestandaufnahme: Zwei Ansichten. In: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1984, S. 224.

Als Grund für die Herausgabe des älteren Manuskripts und die Hinzufügung einer Fortsetzung vermuten Blöcker und Mecklenburg, dass der Autor die „einseitige[n], antikommunistische[n] Lektüren seines Achim-Romans“ korrigieren wollte.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 103, 110. Deshalb habe Johnson „der Beschreibung einer missglückten Beschreibung“ im Roman eine weitere, die dem Beschreibenden gilt, in der Erzählung hinzugefügt.Günter Blöcker: Uwe Johnsons anderes Deutschland. In: Merkur 18, 1964, S. 590–592. Und in: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1984, S. 202.

Rezeption und Interpretation