mini|Uwe Johnson (1960) Jonas zum Beispiel ist der Titel einer 1960in der italienischen Literaturzeitschrift Botteghe Oscure, Heft 25. erschienenen Erzählung von Uwe Johnson: eine parodistisch verfremdete Umgestaltung der alttestamentlichen Legende aus dem Buch Jona zu einer „modernen Parabel“.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 98.

Inhalt Die Erzählung paraphrasiert und variiert in Detail die alttestamentliche Geschichte aus dem Buch Jona.

Jehova schließt mit seinem Volk, den Juden, einen Vertrag, der über die menschlichen Kräfte geht und zeitweise in Vergessenheit gerät. In solchen Situationen beauftragt er einen Auserwählten, der „empfindlich und wissend und zweiflerisch“ Gottes Stimme hören kann, mit der Verkündigung seiner Meinung.

Als Jehova von der „Bosheit und Sünde der Stadt Ninive“ erfährt, soll Jonas die Nachricht von seinem Zorn wegen der Übertretung der Gesetze verbreiten und den nahen Untergang der Stadt verkünden. Jonas entzieht sich dieser Aufgabe und will übers Meer nach Tharsis fliehen. Jehova bringt durch einen Sturm das Schiff in Seenot und die Matrosen losen, wer sich von ihnen, um die Gewalten zu besänftigen, opfern muss. Es trifft Jonas während seines Schlafes. Aber er ist sich bewusst, dass das Los den richtigen getroffen hat, und die Mannschaft „schmeißt“ ihn ins Meer.

Jehova verhindert Jonas’ Tod, indem er ihn von einem Fisch verschlingen lässt. In dessen Magen betet der Prophet drei Tage zu seinem Herrn, dann wird er vor Ninive an Land geworfen. Er geht in die Stadt und verkündet seine Botschaft. Darauf hüllten sich die Bewohner in Trauergewänder und der König befiehlt eine Fastenzeit und die Bekehrung von „bösem Wandel“ und „Frevel“ an. Als Gott sieht, was sie tun wollen, verzichtet er auf die angekündigte Strafe.

Jonas verlässt zornig die Stadt, wirft Jehova vor, sich widersprüchlich verhalten und sein Gesetz nicht ausgeführt zu haben, und wünscht sich den Tod. Der Herr bestraft ihn mit großer Hitze und antwortet: „Warum jammert dich nicht der großen Stadt Ninive, in der hundertzwanzigtausend Menschen sind, die zwischen links und rechts noch nicht unterscheiden können, dazu die Menge Vieh?“Uwe Johnson: Jonas zum Beispiel. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 84.

Für Jonas’ Reaktion nennt der Erzähler drei Möglichkeiten: Wartet er weiter auf die Erfüllung des göttlichen Urteils und auf den Untergang der sündigen Stadt? Wählt er für sich den Tod, der ihm lieber als das Leben ist? Wird er Bürger Ninives? Die Wahl bleibt offen: „Wer weiß ?“Uwe Johnson: Jonas zum Beispiel. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 84.

Vergleich mit der Vorlage mini|Jona und der FischHerrad von Landsberg: Hortus Deliciarum (um 1175) RosenbergChristel Rosenberg: Noch einmal: Uwe Johnson, Jonas zum Beispiel. In: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1984, S. 215. stellt in ihrer Untersuchung die Texte der Zürcher Bibel und Johnsons einander gegenüber und weist auf Unterschiede v. a. am Schluss hin: Während im Jona-Buch Gott das letzte Wort hat und an seinen Propheten appelliert, dass er mit 120 000 Geschöpfen Mitleid haben solle, schließe Johnson dieses Ende aus und biete drei mögliche Reaktionen an.

Johnson hat nach Mecklenburg den Text „um alles allzu Theologische erleichtert und durch eine Reihe kleiner Veränderungen und Einschübe verfremdet“.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 107. Dabei übergehe er „die besondere theologische Ausrichtung des Jona-Buches […] dass der jüdische Prophet in eine nichtjüdische Stadt geschickt wird, mit der Jehova keinen Vertrag geschlossen hat; dass also in dieser Lehrerzählung komplizierte theologische Fragen über den israelischen Nationalgott und sein Verhältnis zur Völkerwelt ausgetragen werden.“ Johnson gehe es „um Recht und Unrecht, um das für alle Menschen Gültige“. Deshalb löse der Autor „die Geschichte aus ihrer zeitgebundenen Intention.“Ingrid Riedel: Wahrheitsfindung als epische Technik. Analytische Studien zu Uwe Johnsons Texten. München 1971, S. 203.

Für Grawe verbirgt sich „[u]nter der scheinbar bieder nacherzählten Oberfläche […] eine vollkommene Verwandlung des alttestamentarischen Textes ins Moderne. Aus dem christlichen Problem der Gnade Gottes“ werde „ein säkulares, wenn nicht politisches Problem, bezogen auf hochaktuelle Vorgänge.“ Die Titelgestalt sei „psychologisch angereichert und gerade durch die Unerkennbarkeit seines Charakters vertieft.“ Und außerdem erhalte der Bibeltext „sozialkritische Aspekte“.Christian Grawe: Literarisch aktualisierte Bibel: Uwe Johnsons Kurzgeschichte Jonas zum Beispiel. (Zuerst in Der Deutschunterricht 25, H. 2, 1973, S. 39). In: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1984, S. 210 ff.

Interpretation MecklenburgNorbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 106 ff., 107, 108. interpretiert Johnsons „kürzende Paraphrase einer biblischen Prophetenlegende“ als eine mit den Stilmitteln „parodistischer Verfremdung“ gestaltete „moderne Parabel“. Während er Jehova karnevalistisch-subversiv entmythologisiere, erhebe Johnson „diesen Jonas zum Beispiel des modernen gesellschaftskritischen Intellektuellen […] der die bekannten Schwierigkeiten mit dem Widerspruch von Theorie und Praxis und darum eine traurige Wahl hat: Er kann trotzig festhalten an der reinen Lehre, er kann in eine moralische Schweiz, hier Tarsis genannt, zu fliehen versuchen oder in den Tod, er kann aber auch zum ›Klassenfeind‹ überlaufen“. Der Intellektuelle gerate „aus dem Dogmatismus eines übereifrigen Parteimannes“ in den „Schmollwinkel der Rechthaberei“,Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 107, 108. weil er, nach Johnsons eigener Deutung,zitiert in: Wilhelm Johannes Schwarz: Der Erzähler Uwe Johnson. Bern und München, 1970, S. 95. von der Macht, mit der er sich affiliiert habe, »wegen taktischer Schwankungen sitzengelassen wird«. Auch Rosenberg schätzt den Handlungsspielraum des „Intellektuellen gegenüber einer Macht“ als „äußerst beschränkt[-]“ ein. Eine „mögliche Einflussnahme aufs Geschehen“ lasse der Autor hier nicht erkennen.Christel Rosenberg: Noch einmal: Uwe Johnson, Jonas zum Beispiel. In: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1984, S. 215.

Von diesem Ansatz aus kann man, nach Mecklenburg, Jonas als „marxistischen Intellektuellen“ identifizieren, „diesen Jehova, in zweideutiger Doppelrolle als ›Weltgeist‹ und als sozialistische Staatsmacht, sein Gesetz als dialektischen und historischen Materialismus, das Volk der Juden als die Länder des ›sozialistischen Lagers‹ und Ninive als den modernen Kapitalismus der westlichen Metropolen, der entgegen marxistischer Verkündigung seines »nahen Untergangs« rätselhaft lebensfähig zu sein scheint oder noch einmal Glück gehabt hat.“Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 108.

Rezeption Unterschiedlich wird in der Literaturwissenschaft die literarische Gestaltung der Parabel bewertet: Für Mecklenburg ist Johnsons „kürzende Paraphrase einer biblischen Prophetenlegende“ eine „leichthändig gemachte und doch ein wenig gezwungen wirkende Parodie – mehr in der Art von Brechts uneingeschüchterten Ummontierungen als im ironischen Geist Thomas Mannscher biblischer Geschichten“. Die Veränderungen und Verfremdungen möge man, „je nach Geschmack, witzig, gewaltsam oder läppisch finden“. Z. B. ersetze er Wind „werfen“ durch „drücken“ und ins Meer „werfen“ durch „schmeißen“ und mache aus „psalmodierender Blumigkeit grobiantische Derbheit“ und entmythologisiere die Heilige Schrift „im Ansatz karnevalistisch-subversiv“.

Für Grawe dagegen sind solche Formulierungen und der Wechsel der sprachlichen Ebenen (schmissen, entbot) Stilmittel der Distanz der Vorlage gegenüber und der Reflexion über den „absoluten Wahrheitsanspruch“. Dies sei das „Erzählprinzip des Textes!“. Er nennt die Erzählung ein kleines „Meisterwerk der deutschen Nachkriegsliteratur“.Christian Grawe: Literarisch aktualisierte Bibel: Uwe Johnsons Kurzgeschichte Jonas zum Beispiel. In: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1984, S. 205 ff.

Die Aussage der Parabel bewertet Mecklenburg positiv: Die hinter dem „unscheinbaren parodistischen Spielchen“ verborgene ernst gemeinte Parabel aus der Zeit um 1957Uwe Johnson: Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1980, S. 121. (s. Interpretation) zeige die „heutige Aktualität und Fremdheit des gesellschaftskritischen Schriftstellers und linken Intellektuellen Uwe Johnson.“Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 106 ff., 107, 108.

Literatur s. Anmerkungen Theo Buck: Jonas zum Beispiel: Interpretation eines Schlüssetextes. In: Text + Kritik München, Nr. 65/66, 2001. S. 83–103 Miriam Reinhard: Uwe Johnsons Jonas zum Beispiel. Ein Beispiel für das Verhältnis von Beispiel, Lektüre und Sinn. In: Johann Anselm Steiger und Wilhelm Kühlmann. In Gemeinschaft mit Ulrich Heinen (Hrsg.): Der problematische Prophet. Die biblische Jona-Figur in Exegese, Theologie, Literatur und Bildender Kunst. De Gruyter 2011, S. 335 ff.

Anmerkungen

Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Uwe Johnson Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Stoffe und Motive (Altes Testament) Kategorie:Parodie Kategorie:Buch Jona