mini|Risto Näätänen (2009) Risto Kalervo Näätänen (* 14. Juni 1939 in Wyborg; † 5. Oktober 2023 in Helsinki) war ein finnischer kognitiver Psychologe und emeritierter Professor an der Universität Helsinki.Kimmo Alho; Carles Escera; Teija Kujala; Erich Schröger; Mari Tervaniemi; István Winkler: Hirooki Yabe: In Memoriam: Risto Näätänen (1939–2023). In: Psychphysiology, 2024, 61 (5), e14504, abgerufen am 31. Juli 2026.Kimmo Alho; Teija Kujala; Liisa Keltikangas-Järvinen: Risto Näätänen (* 14.6.1939 † 5.10.2023) auf Finnische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 30. Juli 2026.

Leben Er wurde als Sohn eines Offiziers geborenUniversity of Tartu Institute of Psychology: In Memoriam. Professor emeritus Risto Näätänen auf University of Tartu, abgerufen am 31. Juli 2026. und begann 1958 sein Psychologiestudium an der Universität Helsinki. Hier erwarb er 1963 seinen Master-Abschluss und promovierte 1968 mit seiner Dissertation über die neuronalen Mechanismen der selektiven Aufmerksamkeit. 1975 wurde er zum Professor für Allgemeine Psychologie ernannt. 1983 erhielt er eine fünfjährige Forschungsprofessur, die vom finnischen Forschungsrat finanziert wurde, und wurde ausnahmsweise mehrmals wiederernannt. Anfang der 1980er-Jahre übernahm er die Leitung der psychophysiologischen Forschungsgruppe am Psychologischen Institut der Universität Helsinki. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag auf den neuronalen Mechanismen der auditiven selektiven Aufmerksamkeit, die sich in der Verarbeitungsnegativität (PN) widerspiegelt, sowie des auditiven sensorischen Gedächtnisses, das mithilfe der Mismatch-Negativität (MMN) untersucht wurde. In den 1990er Jahren wurde diese Gruppe zur Cognitive Brain Research Unit erweitert, mit breiteren Forschungsinteressen und zusätzlichen Methoden der Hirnforschung, darunter Magnetoenzephalographie (MEG), transkranielle Magnetstimulation (TMS), Positronenemissionstomographie (PET) und funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI). 2007 schied er nach Erreichen des Höchstalters von 68 Jahren aus dieser Position aus. Anschließend setzte er seine Karriere als George-Soros-Professor für Psychologie (im Bereich der kognitiven Neurowissenschaften) an der Universität Tartu und als Gastprofessor am Zentrum für Funktionell-Integrative Neurowissenschaften der Universität Aarhus fort.

Werk 1965–1966 sammelte er im Labor von Donald B. Lindsley an der University of California, Los Angeles Elektroenzephalogramm-Daten (EEG) für seine 1967 fertig gestellte Dissertation. In dieser zeigte er, dass bei Verwendung einer vorhersagbaren Reizreihenfolge die ereigniskorrelierten Potenziale (EKPs) auf beachtete Reize von langsamen Potenzialverschiebungen und Amplitudenänderungen im EEG überlagert wurden. Diese EEG-Effekte waren mit der Antizipation des beachteten Reizes verbunden und traten bereits vor dessen Einsetzen auf. Die Studie belegte, dass in diesem Paradigma mit fester Reizreihenfolge die beobachteten Unterschiede zwischen EKPs auf beachtete und unbeachtete Reize auf Antizipation und nicht auf selektive Aufmerksamkeit zurückzuführen sind. Damit konnte er eine neue Theorie der neuronalen Grundlagen der Aufmerksamkeit entwickeln. Die Erkenntnisse, die er mit Sprache, Musik und melodieartigen Mustern gewann, ermöglichten ihm die Ausarbeitung einer Theorie über Lernen und die Interaktion zwischen Langzeit- und sensorischem Gedächtnis.

Er gilt als Entdecker der Mismatch Negativity (MMN), eine automatische Gehirnantwort auf eine unerwartete Veränderung in einer Abfolge von Reizen; diese tritt unabhängig von der Aufmerksamkeit einer Person auf und wird mittels Elektroenzephalografie (EEG) oder Magnetenzephalografie (MEG) gemessen. Seine Studien mit der Mismatch-Reaktion (MMR) haben gezeigt, dass bereits Neugeborene über grundlegende Sprachverarbeitungsfähigkeiten verfügen, wie statistisches Lernen und das Erkennen von Regeln aus akustisch variablen Sprachsignalen. Somit haben Neugeborene die Fähigkeit, Laute zu kategorisieren, Wortgrenzen zu erkennen und zu lernen sowie einzelne Sprachströme zu identifizieren. Die schon im Fötalstadium nachweisbare MMR ist ein verlässliches Instrument zur Beobachtung der frühen auditiven und sprachlichen Entwicklung sowie des Lernvermögens von Kindern. Sie ermöglicht zudem die Feststellung atypischer Entwicklungsstörungen bei neurologischen Entwicklungsstörungen wie Autismus-Spektrum-Störungen, Sprachentwicklungsstörungen und Entwicklungsdyslexie. Seine weiteren Studien zur klinischen Anwendung des MMN konzentrierten sich zunächst auf pädiatrische und neurologische Entwicklungsstörungen, die Wiedererlangung des Bewusstseins bei komatösen Patienten, Neurologie (z. B. Alzheimer-Krankheit) und Psychiatrie (z. B. Alkoholismus und Schizophrenie). Später konzentrierte er sich auch auf die Verwendung der MMN zur Vorhersage von Psychosen bei klinisch gefährdeten Personen.

Ein weiteres Gebiet seiner Arbeit war die Verkehrspsychologie. Anfang der 1970er-Jahre schlug er diesen „Nebenweg“ seiner Karriere ein, da die Zahl der Verkehrsunfallopfer in Finnland hoch war. Damals gab es auf finnischen Autobahnen keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, und staatliche Gremien waren zu dem Schluss gekommen, dass diese die Zahl der Unfälle nicht reduzieren würden. Er überprüfte die Berichte des Komitees, entdeckte Fehler in der Interpretation der Daten und den Schlussfolgerungen der Berichte und entwickelte er auch eine Theorie des Risikoverhaltens. Seine Studie führte dazu, dass die Regierung ihre Meinung änderte und schließlich dauerhafte Geschwindigkeitsbegrenzungen auf allen Straßen Finnlands einführte.

Ehrungen/Positionen 2019: Ehrenmitgied der Hungarian Academy of Sciences 2011: Hauptpreis der Finnischen Akademie der Wissenschaften und Literatur 2007: Nordischen Preis für Forschung im Bereich der Entwicklungsstörungen des Nervensystems (zusammen mit Teija Kujala) 2000–2002: Präsident der Finnischen Akademie der Wissenschaften 2002: Preis für außergewöhnliche und preiswürdige Beiträge zur Psychophysiologie und verwandten Neurowissenschaften der Internationalen Organisation für Psychophysiologie 1997: Nationaler Wissenschaftspreis Finnlands 1995: Distinguished Contributions Award der Society for Psychophysiological Research (SPR) 1979: Alexander-von-Humboldt-Forschungsstipendium Präsident der Federation of European Psychophysiology Societies Präsident der Nordic Psychophysiological Society Präsident der Brain Research Society of Finland Mitglied der European Academy of Sciences Mitglied der International Academy of Science Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Mitglied der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften Fellow der Association for Psychological Science Ehrendoktor der Universitäten Barcelona, Tartu, Jyväskylä, St. Petersburg und der Helsinki

Privates Er war mit seiner Frau Marjatta über 63 Jahre verheiratet; aus der Ehe stammten drei Söhne. Er war ein Marathonläufer und Liebhaber der finnischen Sauna und verstarb im Alter von 84 Jahren an COVID-19 in einem Krankenhaus in Helsinki.

Publikationen (Auswahl) Monografien Mit Teija Kujala; Gregory Light: Mismatch Negativity: A Window to the Brain. Oxford Univ. Press, Oxford 2019, ISBN 978-0198705079. Attention and brain function. Routledge, Abingdon 2018, ISBN 978-1138596863. Mit Heikki Lyytinen; Evgeni N. Sokolov; John Spinks: The Orienting Response in Information Processing. Psychology Press, Abingdon 2002, ISBN 978-1135675028. Mit Walter Ritter; Judith M. Ford; Anthony W. K. Gaillard; M. Russell Harter; Marta Kutas; John Polich; Bernard Renault; John Rohrbaugh: Cognition and event-related potentials: I. The relation of negative potentials and cognitive processes. Annals of the New York Academy of Sciences, New York 1984. Mit Heikki Summala: Road-user behaviour and traffic accidents. North-Holland Publishing Company, Amsterdam 1976. Maantiekuolema: Tutkimus liikenneonnettomuuksista (dt. Tod im Straßenverkehr: Eine Studie über Verkehrsunfälle). Porvoo, Helsinki: WSOY, 1972, ISBN 951-0-00312-3.

Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge Mit Tuulia Lepistö; Rita Èeponienë; Kiyoshi Yaguch; Raija Vanhala; Anna Shestakova: Speech vs. Non-Speech Processing in Infantile Autism. In: International Journal of Circumpolar Health, 2022, 60 (sup1), 63. Mit Eira Jansson-Verkasalo; Rita Èeponienë; Sini-Maria Liimatta; Marko Kielinen; Terttu Tapio; Kalervo Suominen; Ville Jäntti; Irma Moilanen: Auditory Processing in Asperger Syndrome Children. In: International Journal of Circumpolar Health, 2022, 60 (sup1), 40. The Perception of Speech Sounds in the Human Brain as Indicated by the Mismatch Negativity (MMN). In: International Journal of Circumpolar Health, 2022, 60 (sup1), 23. Mit Eero Pekkonen; Minna Huotilainen; Heikki Katila; Jari Karhu; Jari Tiihonen: Meg-based evidence of accelerated auditory processing in schizophrenia. In: European Psychiatry, 2020, 13 (S4), 133s–133s. Mit Tuomas Teinonen; Vineta Fellman; Paavo Alku; Minna Huotilainen: Statistical language learning in neonates revealed by event-related brain potentials. In: BMC neuroscience, 2009, 10 (1), S. 1–8. Mit Connie C. Duncan; Robert J. Barry; John F. Connolly; Catherine Fischer; Patricia T. Michie; John Polich: Ivar Reinvang; Cyma Van Petten: Event-related potentials in clinical research: guidelines for eliciting, recording, and quantifying mismatch negativity, P300, and N400. In: Clinical neurophysiology, 2009, 120 (11), S. 1883–1908. Mit Petri Paavilainen; Teemu Rinne; Kimmo Alho: The mismatch negativity (MMN) in basic research of central auditory processing: a review. In: Clinical neurophysiology, 2007, 118 (12), S. 2544–2590. Mit Patrick May; Hannu Tiitinen; Risto J. Ilmoniemi; Göte Nyman; John G. Taylor: Frequency Change Detection in Human Auditory Cortex. In: Journal of computational neuroscience, 1999, 6 (2), S. 99–120. The role of attention in auditory information processing as revealed by event-related potentials and other brain measures of cognitive function. In: Behavioral and brain sciences, 1990, 13 (2), S. 201–233. Mit Terence Picton: The N1 wave of the human electric and magnetic response to sound: a review and an analysis of the component structure. In: Psychophysiology, 1987, 24 (4), S. 375–425. Mit Anthony W. K. Gaillard; Sirkka Mäntysalo: Early selective-attention effect on evoked potential reinterpreted. In: Acta psychologica, 1978, 42 (4), S. 313–329. Selective attention and evoked potentials inhumans–A critical review. In: Biological Psychology, 1975, 2 (4), S. 237–307. The inverted-U relationship between activation and performance: A critical review. In: S. Kornblum: Attention and Performance (Vol 4, S. 4–155). Academic Press, Cambridge 1973. Non-aging fore-periods and simple reaction time. In: Acta psychologica, 1971, 35 (4), S. 316–327. Selective attention and evoked potentials. In: Annales Academia Scientiarum Fennicae B, 1967, 151 (1), 1–226.

Weblinks

Risto Näätänen auf Googler Scholar, abgerufen am 31. Juli 2026. Risto Näätänen’s research while affiliated with University of Helsinki and other places auf Research Gate, abgerufen am 31. Juli 2026. Valéria Csépe: In memoriam: Risto Kalervo Näätänen (1939-2023) auf Hungarian Academy of Sciences, abgerufen am 30. Juli 2026. Risto Näätänen auf Academia Europaea, abgerufen am 31. Juli 2026. Kimmo Alho; Carles Escera i Micó; Teija Kujala; Erich Schröger; Mari Tervaniemi; István Winkler; Yabe, Hirooki: In memoriam: Risto Näätänen (1939-2023) auf Universität Barcelona vom 1. Mai 2024, abgerufen am 31. Juli 2026.

Einzelnachweise

Kategorie:Neuropsychologe Kategorie:Kognitionspsychologe Kategorie:Hochschullehrer (Universität Helsinki) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Tartu) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Aarhus) Kategorie:Mitglied der Finnischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der Academia Europaea Kategorie:Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften