Quartet (Moscow) 2008 ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die am 29. Juni 2008 im Kulturzentrum DOM in Moskau entstandenen Aufnahmen erschienen im Oktober 2008 auf Leo Records.

Hintergrund In den späten 2000er-Jahren veröffentlichte Anthony Braxton eine Reihe von Alben, zum Teil Archiv-Aufnahmen (wie Ninetet (Yoshi’s) 1997 Vol. 4). Hinzu kam, dass Braxton nach Ansicht von John Eyles ständig neue Genrebezeichnungen einführte, was die Komplexität angeblich für diejenigen, die die neuen Veröffentlichungen in einen Kontext einordnen möchten, verwirrend gemacht hätte. Braxtons Ghost Trance Music (die sich zur Accelerated Ghost Trance Music weiterentwickelte) schien nun abgeschlossen zu sein; nach der Ghost Trance Music hat sich Braxton der Diamond Curtain Wall Music (Trio (Wesleyan) 2005), der Falling River Music (Quartet (FRM) 2007) und schließlich mit Echo Echo Mirror House (2013) der Echo Echo Mirror House Music zugewandt.

Das Material dieser Veröffentlichung stammt aus dem Juni 2008, als das Diamond Curtain Wall Quartet durch Europa tourte und Frankreich, Russland und Italien besuchte. Für dieses Quartett erweiterte der Bandleader das Diamond Wall Trio (Braxton, Kornettist Taylor Ho Bynum und Gitarristin Mary Halvorson) um Katherine Young am Fagott. Aufnahmen des Trios erschienen 2007 auf dem Album Trio (Victoriaville) 2007, die einzigen weiteren Aufnahmen von Diamond Wall Music 2005 auf den Alben 4 Compositions (Ulrichsberg) 2005 Phonomanie VIII und Trio (Glasgow) 2005 (beide auf Leo Records). Quartet (Moscow) 2008 enthält den Auftritt des Quartetts in Moskau. Die Fotos auf dem Cover zeigen einen strahlenden Braxton vor dem Lenin-Mausoleum und der Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz.

Das Konzert wurde von Leo Records veröffentlicht, dem britischen Label, das in den 1980er-Jahren mit einer Reihe von Alben des Ganelin Trios und anderer russischer Free-Jazz-Musiker internationale Aufmerksamkeit erregte, merkte arwulf arwulf an. Viele dieser Musiker wurden von der sowjetischen Regierung verfolgt, weil sie individuelle Wege beschritten, die rückblickend eine kreative Übereinstimmung mit dem aufwiesen, was die Braxton-Gruppe 2008 in Moskau präsentierte. In den Wochen vor seiner Ankunft in der ehemaligen UdSSR umfasste Braxtons Reiseplan unter anderem einen Besuch in West Orange, New Jersey, um mit William Parker und Milford Graves das Album Beyond Quantum aufzunehmen; eine Session mit dem Multiinstrumentalisten Ben Opie (Duets (Pittsburgh) 2008), mehrere ambitionierte Projekte mit größeren Ensembles in Pittsburgh (Septet (Pittsburgh) 2008, Ensemble (Pittsburgh) 2008) und ein Trio-Konzert in Berlin mit dem Modularsynthesizer-Spieler Andre Vida und dem Schlagzeuger Corey Fogel.

Die auf diesem Album enthaltene Performance besteht aus „Composition 367 B“ und einer dreiminütigen Zugabe. Braxton spielte Sopranino-, Sopran- und Altsaxophon und Kontrabassklarinette. Man hört ihn im Zusammenspiel mit seinem Schüler und musikalischen Partner Taylor Ho Bynum, einem versierten Kornettisten aus Boston, der auch Basstrompete, Ventilposaune, Flügelhorn und Piccolotrompete spielte. Die dritte Bläserin in dieser Gruppe war die Fagottistin Katherine Young, eine experimentierfreudige Musikerin, die Mitglied von Braxtons Falling River Quartet und seinem Tri-Centric Orchestra war. Young hat auch mit dem Flötisten Andrew Raffo Dewar Aufnahmen gemacht. Die nächste Aufnahme des Quartetts (Komposition 367 C und eine Zugabe) entstand am 1. Juli 2008 beim Candiani Summer Fest in Mestre, Italien (und wurde 2011 von Caligola Records unter dem Titel Quartet (Mestre) 2008 veröffentlicht). Braxton blieb nicht lange in Italien. Elf Tage später war er zurück in seiner Heimat Connecticut an der Wesleyan University, um zwei längere Duette mit der Pianistin Maral Yakshieva aufzunehmen.

Titelliste Anthony Braxton: Quartet (Moscow) 2008 (Leo Records – CD LR 518) Composition 367b 1:10:04 Encore 3:01

Die Kompositionen stammen von Anthony Braxton.

Rezeption Das charakteristische Merkmal der „Diamond Curtain Wall Music“ sei Braxtons Einsatz reaktiver Laptop-Elektronik (erstellt mit der Software „SuperCollider“), meint John Eyles (All About Jazz). Angesichts der jüngsten Verbreitung von Laptops und Elektronik bei Aufführungen improvisierter Musik sei diese Entwicklung Braxtons keine große Überraschung und eröffne spannende Möglichkeiten. Berichte über das Live-Erlebnis sprechen davon, dass die Computerelektronik auf der Bühne einen schimmernden Klangschleier erzeuge, der dem Namen „Diamond Curtain Wall“ gerecht werde. Bislang würde keine der Aufnahmen von DCW diese Berichte bestätigen, da die Elektronik gelegentlich zwar hörbar sei, aber kein allgegenwärtiges Element des Klangs darstellt. Auch würden die Aufnahmen keinen Hinweis darauf liefern, dass die Elektronik im Sinne einer Reaktion auf die vom Quartett gespielte Musik „reaktiv“ sei; sie klinge jedenfalls weniger reaktiv als die (von Menschen gesteuerte) Elektronik in Evan Parkers Electro-Acoustic Ensemble, um einen naheliegenden Vergleich anzuführen. Stattdessen seien es die Musiker dieses Quartetts, die aufeinander und auf die von der Elektronik gelieferten Impulse reagieren; vielleicht würde das Wesen dieser neuen Braxton-Kompositionen darin bestehen, angemessen anregende Umgebungen zu schaffen, die das Beste aus den Musikern herausholen.

Der Kritiker arwulf arwulf verlieh dem Album in Allmusic vier Sterne. Die Hinzunahme der E-Gitarristin Mary Halvorson über einem Spektrum computergenerierter Klänge würde dem ohnehin schon facettenreichen Diamond Curtain Wall Quartet zusätzliche Dimensionen verleihen.

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Einzelnachweise

Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 2008 Kategorie:Livealbum Kategorie:Anthony-Braxton-Album