mini|295px|Paläogeographische Rekonstruktion des Reiflinger Beckens innerhalb der Wetterstein-Karbonatplattform (WCP); Hds: Tieferer Schwellenbereich der Hallstätter Fazies. Der Stern (POLZ) markiert die Lage der Fossillagerstätte Polzberg. Die Fossillagerstätte Polzberg (in historischen Sammlungen auch Schindelberg oder Pölzberg) ist eine marine Konservatlagerstätte der Obertrias in den Nördlichen Kalkalpen Niederösterreichs. Sie liegt im Polzberggraben bei Lunz am See auf dem Gebiet der Marktgemeinde Gaming. Die fossilführenden Schichten gehören zu den informell als Reingrabener Schiefer bezeichneten Ablagerungen und werden in das untere Karnium (Julium 2/Ib, Austrotrachyceras austriacum-Zone, Austrotrachyceras minor-Biohorizont) gestellt. In der Fachliteratur wird dafür ein Alter von ungefähr 233 Millionen Jahren angegeben.Alexander Lukeneder, Petra Lukeneder: The Upper Triassic Polzberg palaeobiota from a marine Konservat-Lagerstätte deposited during the Carnian Pluvial Episode in Austria. Scientific Reports 11, 16644 (2021). DOI:10.1038/s41598-021-96052-w.Alexander Lukeneder, Petra Lukeneder, Reinhard F. Sachsenhofer, Guido Roghi, Manuel Rigo: Multi-proxy record of the Austrian Upper Triassic Polzberg Konservat-Lagerstätte in light of the Carnian Pluvial Episode. Scientific Reports 14, 11194 (2024). DOI:10.1038/s41598-024-60591-9.

Die Lagerstätte ist durch die Erhaltung vollständiger und fragiler Organismen sowie verschiedener Weichgewebe gekennzeichnet. Die Sedimente entstanden in einem sauerstoffarmen Teil des Reiflinger Intraplattformbeckens während der Karnischen Pluvialepisode. Die Fossilien dokumentieren vor allem eine marine Lebensgemeinschaft aus Muscheln, Ammoniten, anderen Kopffüßern, Gliederfüßern und Fischen; einzelne Süß- oder Brackwasserformen und Pflanzenreste werden als Hinweise auf zeitweiligen Eintrag vom umliegenden Festland gedeutet.Alexander Lukeneder, Petra Lukeneder: New data on the marine Upper Triassic palaeobiota from the Polzberg Konservat-Lagerstätte in Austria. Swiss Journal of Palaeontology 142, 9 (2023). DOI:10.1186/s13358-023-00269-3.

Geographische Lage Die Aufschlüsse befinden sich am Westhang des Schindelbergs (1066 m), nördlich der Ois und rund vier Kilometer nordöstlich von Lunz am See. Tektonisch liegt die Fundstelle in der Lunzer Decke der Nördlichen Kalkalpen. Die in einer neueren Untersuchung bestimmte Position der fossilführenden Schichten lautet 47° 53′ 4,98″ N und 15° 4′ 28,15″ O; verwaltungsmäßig gehört der Fundpunkt zur Marktgemeinde Gaming im Bezirk Scheibbs.

Die historischen Bezeichnungen Schindelberg und Polzberg beziehen sich in den wissenschaftlichen Sammlungen auf dieselbe Fundregion. Die 1885 und 1909 angelegten Stollen sind heute verfallen. Das bei neueren Arbeiten untersuchte Material stammt aus denselben basalen fossilführenden Schichten; eine systematisch beprobte Grabungsstelle liegt etwa 50 Meter bachabwärts der alten Stollen.

Geologie und Alter Die Reingrabener Schiefer werden in den neueren Arbeiten ausdrücklich als informelle lithostratigraphische Einheit behandelt. Am Polzberg bestehen sie überwiegend aus dunkelgrauen bis schwarzen Ton- und Mergelsteinen sowie mergeligen Kalksteinlagen; untergeordnet treten Sandstein- und karbonatische Zwischenlagen auf. Die gesamte Abfolge erreicht ungefähr 50 Meter Mächtigkeit. Der für die außergewöhnliche Fossilerhaltung maßgebliche Abschnitt liegt in den untersten Metern unmittelbar über den Göstling-Kalken. Das hochauflösend untersuchte Profil umfasst dort etwa 3,4 Meter.

Die fossilreichen Lagen sind fein, meist millimeterdünn laminiert. Makroskopische Bioturbation fehlt weitgehend; fein verteilter Pyrit und erhöhte Gehalte an organischem Kohlenstoff und Schwefel treten in den dunklen Sedimenten auf. Die Lithologie historischer Belegstücke stimmt mit den untersten rund zwei Metern des Profils überein, wodurch historisches und neu schichtweise geborgenes Material stratigraphisch miteinander verglichen werden kann.Alexander Lukeneder, Petra Lukeneder: Taphonomic history and trophic interactions of an ammonoid fauna from the Upper Triassic Polzberg palaeobiota. Scientific Reports 12, 7455 (2022). DOI:10.1038/s41598-022-11496-y.

Die biostratigraphische Einstufung des fossilführenden Intervalls beruht vor allem auf der Ammonitenvergesellschaftung mit Austrotrachyceras minor, Paratrachyceras haberfellneri, Carnites floridus und Simonyceras simonyi. Sie weist auf Julium 2/Ib innerhalb der Austrotrachyceras austriacum-Zone hin. Conodonten aus den angrenzenden Profilabschnitten und weitere geochemische und geophysikalische Daten verfeinern die Einordnung des gesamten Polzberg-Profils.

Ablagerungsmilieu und Fossilerhaltung Während des unteren Karniums nahm der Eintrag von Ton und anderem siliziklastischem Material in das zuvor stärker karbonatisch geprägte Reiflinger Becken zu. Die 2024 veröffentlichte Multiproxy-Studie deutet die Abfolge als Reaktion auf wärmere und feuchtere Bedingungen während der Karnischen Pluvialepisode. Magnetische Suszeptibilität, Gammastrahlung, Kohlenstoffisotope und organischgeochemische Parameter zeigen einen zunehmenden terrestrischen beziehungsweise siliziklastischen Einfluss. Der relative Anteil mariner organischer Substanz nimmt in den untersuchten Reingrabener Schiefern nach oben ab.

Die Lamination und die geochemischen Redoxindikatoren belegen sauerstoffarme Ablagerungsbedingungen am Meeresboden. Einzelne Indikatoren ergeben unterschiedliche Trends, weshalb eine durchgehend einheitliche Entwicklung von dysoxischen zu anoxischen Bedingungen nicht sicher abgeleitet werden kann. Als wahrscheinliche Ursache der Sauerstoffarmut wird eine Schichtung der Wassersäule genannt. Das Ausbleiben stärkerer Bodenströmungen und grabender Organismen sowie die geringe Umlagerung der Kadaver begünstigten die Erhaltung. mini|Austriocaris carinata Neben Schalen, Knochen und Außenskeletten sind unterschiedliche Weichgewebe überliefert. Bei der Thylacocephalen-Art Austriocaris carinata wurde eine phosphatische Kutikula untersucht.Angela Forchielli, Peter Pervesler: Phosphatic cuticle in thylacocephalans: a taphonomic case study of Austriocaris from the Fossil-Lagerstätte Polzberg. Austrian Journal of Earth Sciences 106 (2013), S. 46–61 Eine Revision von 2024 dokumentierte bei Austriocaris carinata und Paraostenia cf. ambatolokobensis erhaltene Kiemen und Rumpfmuskulatur.Thomas Laville, Petra Lukeneder, Alexander Lukeneder: Revision of the thylacocephalan biota from the Upper Triassic Polzberg Konservat-Lagerstätte, Austria. Acta Palaeontologica Polonica 69(4) (2024), S. 713–730. DOI: 10.4202/app.1180.2024. Bei phragmoteuthiden Kopffüßern sind unter anderem Mantelreste, Tintenbeutel, Tinte, Armhaken und Kopfknorpel erhalten.Larisa A. Doguzhaeva, Herbert Summesberger, Harry Mutvei, Franz Brandstaetter: The mantle, ink sac, ink, arm hooks and soft body debris associated with the shells in Late Triassic coleoid cephalopod Phragmoteuthis from the Austrian Alps. Palaeoworld 16 (2007), S. 272–284. DOI:10.1016/j.palwor.2007.08.002.Petra Lukeneder, Alexander Lukeneder: Mineralized belemnoid cephalic cartilage from the late Triassic Polzberg Konservat-Lagerstätte (Austria). PLOS ONE 17(4), e0264595 (2022). DOI:10.1371/journal.pone.0264595. Auch von Austrotrachyceras wurden organische Gewebereste und Kieferelemente beschrieben.Larisa A. Doguzhaeva, Royal H. Mapes, Herbert Summesberger, Harry Mutvei: The preservation of body tissues, shell, and mandibles in the ceratitid ammonoid Austrotrachyceras (Late Triassic), Austria. In: Cephalopods Present and Past. Springer (2007), S. 221–238. DOI:10.1007/978-1-4020-6806-5_11.

Fossilinhalt Bei einer Bestandsaufnahme wurden 37 marine Gattungen und 6397 Fossilien erfasst. Die schichtweise Aufsammlung von 2021 erbrachte zusätzlich mehr als 5290 Fossilien. Diese Zahlen beziehen sich auf die jeweils untersuchten Sammlungs- und Grabungskomplexe und sollten nicht ohne Prüfung zu einer Gesamtzahl addiert werden.

Wirbellose mini|hochkant|Phragmoteuthis bisinuata Die häufigsten Makrofossilien sind dünnschalige Muscheln, insbesondere Halobia rugosa, sowie Ammoniten. Eine taphonomische Untersuchung von 3565 Ammoniten ergab eine starke Dominanz von Austrotrachyceras minor; daneben treten Paratrachyceras haberfellneri, Carnites floridus und Simonyceras simonyi auf.

Zu den coleoiden Kopffüßern gehören Phragmoteuthis bisinuata und die 2024 anhand von Polzberg-Material neu beschriebene Art Phragmoteuthis polzbergensis. Ein Exemplar von P. polzbergensis liefert den ersten eindeutigen Fossilnachweis eines zehnarmigen Phragmoteuthiden. In derselben Untersuchung wurden außerdem Reste von Mojsisovicsteuthis diskutiert.Petra Lukeneder, Dirk Fuchs, Alexander Lukeneder: Morphology, taxonomy and trophic interactions of rostrum-less coleoids from the Late Triassic Polzberg Konservat-Lagerstätte (Lower Austria). Swiss Journal of Palaeontology 143, 21 (2024). DOI:10.1186/s13358-024-00319-4.

Die Thylacocephalenfauna umfasst nach der Revision von 2024 vier Taxa: Austriocaris carinata, Paraostenia striata, Paraostenia cf. ambatolokobensis und Atropicaris? sp. Die früher als Austriocaris striata bezeichnete Art wurde dabei in die Gattung Paraostenia überführt.

Weitere Wirbellose sind Schnecken, der Zehnfußkrebs Platychela trauthi, Asseln, Kiemenfußkrebse der Gattung Euestheria, Vielborster und Conodontenreste. Die 2020 als Obtusotelson summesbergeri beschriebene Assel wurde 2021 mit der Gattung Cirolana synonymisiert und wird seither als Cirolana summesbergeri geführt. In derselben Arbeit wurde auch Discosalaputium aschauerorum als neue Art beschrieben.Mario Schädel, Timo van Eldijk, Herman Winkelhorst, Jelle W. F. Reumer, Joachim T. Haug: Triassic Isopoda – three new species from Central Europe shed light on the early diversity of the group. Bulletin of Geosciences 95(2) (2020), S. 145–166. DOI:10.3140/bull.geosci.1773.Niel L. Bruce, María de Lourdes Serrano-Sánchez, Gerardo Carbot-Chanona, Francisco J. Vega: New species of fossil Cirolanidae from the Lower Cretaceous Sierra Madre Formation, Chiapas, SE Mexico. Journal of South American Earth Sciences 109, 103285 (2021). DOI:10.1016/j.jsames.2021.103285.John Griffith: The Upper Triassic fishes from Polzberg bei Lunz, Austria. Zoological Journal of the Linnean Society 60(1) (1977), S. 1–93. DOI: 10.1111/j.1096- 3642.1977.tb00834.x.

Fische und Pflanzenreste Die Fischfauna wurde 1977 von John Griffith monographisch bearbeitet. Er beschrieb elf Arten, darunter neun neue Arten, und führte unter anderem die Gattungen Saurichthys, Polzbergia, Peltopleurus, Habroichthys, Nannolepis, Thoracopterus, Gigantopterus und Pholidophoretes an. Neuere Gesamtaufnahmen nennen außerdem einen provisorisch als „Coelacanthus“ bezeichneten Quastenflosser und den Lungenfisch Tellerodus sturii.

Tellerodus sturii wurde 1891 zunächst als Ceratodus sturii beschrieben. Jean-Pierre Lehman stellte die Art 1975 in die Gattung Tellerodus; Michel Martin revidierte das Material 1982 erneut.Friedrich Teller: Über den Schädel eines fossilen Dipnoërs Ceratodus Sturii nov. spec. aus den Schichten der oberen Trias der Nordalpen. Abhandlungen der k. k. Geologischen Reichsanstalt 15(3), Wien 1891, S. 1–38.Jean-Pierre Lehman: A propos de Ceratodus sturii Teller, 1891. Bulletin du Muséum national d’histoire naturelle, 3 e série, Sciences de la Terre 375/50 (1975), S. 241–246.Michel Martin: Revision von Tellerodus sturii (Teller) 1891. Verhandlungen der Geologischen Bundesanstalt 2 (1982), S. 21–31. Da mesozoische Lungenfische an Süßwasserlebensräume gebunden waren, wird der Einzelfund im marinen Sediment als eingeschwemmt oder umgelagert interpretiert. In dieselbe Richtung weist Euestheria, eine Form aus brackischen bis süßwasserbeeinflussten Lebensräumen.