Das Pogrom von Boryslaw war ein Pogrom, das am 3. und 4. Juli 1941 von deutschen Soldaten und ukrainischen Nationalisten (OUN) unter Beteiligung der Zivilbevölkerung an den jüdischen Einwohnern von Boryslaw verübt wurde.

Hintergrund mini|Boryslaw mit seinen Ölbohrtürmen in den 1920er-Jahren Mit Schreiben vom 29. Juni 1941 (später als Einsatzbefehl Nr. 1 bezeichnet) forderte Reinhard Heydrich unter Bezugnahme auf eine Besprechung vom 17. Juni die Chefs der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD auf, in den neu besetzten Gebieten Pogrome auszulösen. Antikommunistische und antijüdische Selbstreinigungskräfte sollten „spurenlos“ ermuntert und in die richtigen Bahnen gelenkt werden, ohne dass diese örtlichen „Selbstschutzkreise“ sich auf Anordnungen und politische Zusicherungen berufen könnten. Die erste Zeit der Besetzung sollte im Benehmen mit den militärischen Dienststellen dazu genutzt werden.

Ende Juni 1941, vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Boryslaw während des Deutsch-Sowjetischen Krieges wurden Einwohner der Stadt und umliegenden Dörfer verhaftet und im örtlichen NKWD-Gebäude festgehalten. Häftlinge die sich noch in Gefängniszellen befanden wurden bei der Annäherung der deutschen Truppen getötet. Opfer waren 42 bis 44 Häftlinge, in der Mehrheit Ukrainer, mehr als ein Dutzend Polen und eine Deutsche. Die Sowjets ließen bei ihrer Flucht die Leichen der Ermordeten im Keller des Gebäudes sowie in einer Grube auf dem Innenhof zurück. Die Entdeckung der Leichen der NKWD-Opfer nach der Besetzung Boryslaws durch die Deutschen am 1. Juli 1941 führte zu einem Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung. Entsprechend dem antisemitischen Stereotyp des sogenannten „jüdischen Bolschewismus“ wurden die Juden pauschal für die Verbrechen der sowjetischen Herrschaft und den Kriegsausbruch verantwortlich gemacht.

Verlauf Am 3. Juli 1941 erschienen nach Zeugenaussagen mit Erlaubnis der „Gestapo“ auf den Straßen von Boryslaw ukrainische Bauern aus den umliegenden Dörfern, die mit landwirtschaftlichen Werkzeugen bewaffnet waren und offensichtlich auf etwas warteten. Gegen Mittag des 3. Juli verbreitete sich in Boryslaw die Nachricht von der Entdeckung der Leichen der Opfer des Gefängnismassakers im Gebäude des NKWD. Zu steigenden Spannungen führten auch Berichte über das Pogrom im nahegelegenen Drohobytsch. Die OUN-B dürfte nach Einschätzung von Kai Struve bei der Organisation der örtlichen ukrainischen Miliz und Administration eine Rolle gespielt haben.

Nach Aussage eines Zeugen, Koppel Holzman, war das Signal zum Beginn des Pogroms der Befehl, Juden herbeizuholen, damit sie die Leichen waschen sollten. Ein anderer Zeuge, Alfred Jasiński, berichtete hingegen, das Pogrom sei von einem hochrangigen deutschen Offizier ausgelöst worden, den er für einen General hielt. Dieser sei aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug ausgestiegen und habe vor mehreren von Juden geborgenen Leichen der NKWD-Opfer eine Ansprache an die versammelte Menge gehalten. In dieser Rede habe er der Stadtbevölkerung erlaubt, Rache für das von den Kommunisten begangene Unrecht zu nehmen. Nach seiner Ansprache soll die Menge zu Brettern, Knüppeln und Steinen gegriffen haben und durch die Stadt gezogen sein.

Das Pogrom breitete sich rasch auf das gesamte Stadtgebiet von Boryslaw aus. Die Täter plünderten die Wohnungen der jüdischen Einwohner und verstauten die geraubten Gegenstände in Säcken. Dinge, die sie nicht mitnehmen konnten oder deren Verwendungszweck ihnen unbekannt war, wurden zerstört.

Ein weiteres Merkmal des Pogroms waren Demütigungen, Spott und öffentliche Erniedrigungen der Opfer. So setzten zwei Jugendliche Irene Horowitz einen Eimer auf den Kopf und brachen dabei in Gelächter aus. Mehrere religiöse Juden wurden gezwungen zu tanzen und Kunststücke vorzuführen, um sie vor den Augen der Menge lächerlich zu machen.

Vor dem ehemaligen NKWD-Gebäude bildete die Menge ein Spalier, durch das jüdische Männer gehen mussten, die von ukrainischen Milizionären sowie von Zivilisten, die sich spontan den Aktionen der Miliz angeschlossen hatten, zur Arbeit herangeführt wurden. Die Menschen im Spalier, darunter Frauen und Jugendliche, schlugen die Juden mit Knüppeln, Stahlrohren und Äxten. Diejenigen, die unter den Schlägen zusammenbrachen, wurden an den Beinen auf den Hof des Gebäudes geschleift. Die getöteten Juden wurden am Tor zu einem Leichenhaufen aufgeschichtet. Das Gelände sei von Deutschen umstellt gewesen und die Juden wären von organisierten Gruppen (ukrainischer Miliz oder OUN-Kampfgruppen) herbeigebracht worden.

Aus Erinnerungen und Zeugenaussagen geht hervor, dass uniformierte Deutsche während des Pogroms Juden erschossen. Am 3. Juli endete das Pogrom mit dem Beginn der Ausgangssperre, doch am Morgen des 4. Juli flammte die Gewalt erneut auf. Diesmal wurden neben Männern auch jüdische Frauen zur Arbeit an den Leichen herangetrieben. Sie wurden gezwungen, die getöteten Juden auf einem Leichenhaufen aufzuschichten.

Gegen Mittag des 4. Juli wurde das Pogrom durch den deutschen Stadtkommandanten unterbrochen, der eine Bekanntmachung erließ, in der Morde und Plünderungen unter Androhung der Todesstrafe verboten wurden. Die Deutschen entließen daraufhin die Juden, die zur Arbeit im ehemaligen NKWD-Gebäude gezwungen worden waren. Gleichzeitig zwangen sie jedoch Juden, insbesondere jüdische Frauen, die Spuren des Pogroms zu beseitigen.

Der brutalen Gewalt stand eine relativ große Hilfsbereitschaft der polnischen und ukrainischen Bevölkerung für die Juden gegenüber. Die Gewalt aller beteiligten Gruppen (zivile Bevölkerung, ukrainische Miliz und deutsche Soldaten und Polizisten) beruhte auf einem hohen Maß an Freiwilligkeit und erfolgte als Akt individueller Entscheidung. Auch ukrainische Milizionäre warnten Juden oder ließen sie entkommen. Berichte über Zerstörungen und Verwüstungen von Synagogen in Boryslaw gibt es nicht. Die Gewalttaten in Boryslaw waren für die Einwohner psychologisch zum einen Vergeltung für die mit den Juden als Trägern und Nutznießern identifizierten sowjetischen Herrschaft und Verbrechen und zum anderen eine Feier der Befreiung vom sowjetischen System und die symbolische Umkehr der bisherigen Ordnung.

Opferzahl und Täter Laut Kai Struve schwanken die Schätzungen zur Zahl der Opfer des Pogroms zwischen 160 und 400 Toten. Deutsche Stellen gingen von 350 ermordeten Juden aus; dieselbe Zahl wird auch in den Enzyklopädien Chołokost na territorii SSSR und Encyclopedia of Camps and Ghettos genannt.Холокост на территории СССР 2009, S. 9Encyclopedia of Camps and Ghettos 2012, S. 755. Die außerordentliche staatliche Kommission der Sowjetunion ermittelte eine Mindestzahl von 230 Opfern.

Kai Struve nennt die folgenden Tätergruppen: Uniformierte Deutsche, vermutlich Angehörige des Polizeibataillons 303 der Ordnungspolizei, da sich dessen Kommandeur Heinrich Hannibal und weitere Ordnungspolizisten zumindest zeitweise beim NKWD-Gebäude aufhielten. Die ukrainische Miliz und OUN-Kampfgruppen Zivilisten, die sich dem Pogrom spontan anschlossen und an den Übergriffen beteiligten Witold Mędykowski gibt unter Berufung auf Zeugenaussagen an, dass sich vor allem Ukrainer und in geringerem Maße auch Polen am Pogrom beteiligten. Einer der jüdischen Zeugen nannte zudem eine Gruppe von Roma als Beteiligte an den Gewalttaten.

Aufarbeitung Der von der OUN ernannte Bürgermeister Mykola Terlec’kyj wurde Anfang 1946 von amerikanischen Besatzungsbehörden festgenommen, da ihm von Überlebenden die Organisation des Pogroms vorgeworfen worden war. Nach zweijähriger Untersuchungshaft wurde er Ende 1947 in einem Prozess in München freigesprochen. In Ermittlungsverfahren Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre stritten Angehörige des Polizeibataillons 303 ab, an Gewalttaten oder Exekutionen in Boryslaw beteiligt gewesen zu sein. Zahlreiche Aussagen belegen die zentrale Rolle uniformierter Deutscher bei dem Geschehen um das NKWD-Gebäude. Die deutschen Polizisten versuchten zur eigenen Entlastung die alleinige Verantwortung auf die Ukrainer abzuschieben.

Literatur Witold Mędykowski: W cieniu gigantów. Pogromy 1941 r. w byłej sowieckiej strefie okupacyjnej. Jerozolima: 2018.

Kai Struve: Pogrom w Borysławiu 3–4 lipca 1941 r.. W: August Grabski (red.): Pogromy Żydów na ziemiach polskich w XIX i XX wieku. T. 4, Holokaust i powojnie (1939–1946), Cz. 1, Pogromy okresu Zagłady. Warszawa: Instytut Historii PAN, 2019. И.А. Альтман (red.): Холокост на территории СССР: Энциклопедия. Moskwa: Российская политическая энциклопедия (РОССПЭН), Научно-просветительный центр «Холокост», 2009. Martin Dean, Mel Hecker (red.): Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945. T. II: Ghettos in German-Occupied Eastern Europe. Cz. A. Bloomington and Indianapolis: United States Holocaust Memorial Museum and Indiana University Press, 2012

Einzelnachweise

Kategorie:Holocaust in der Ukraine Kategorie:Ukrainische Kollaboration Boryslaw Kategorie:Kriminalfall 1941 Kategorie:Rajon Drohobytsch Kategorie:Geschichte (Oblast Lwiw) Boryslaw