mini|250x250px|„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – sowjetisches Plakat aus Usbekistan, 1920 „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ ist ein Aphorismus aus dem Neuen Testament, der traditionell dem Apostel Paulus zugeschrieben wird. Später wurde er von John Smith in der Anfang des 17. Jahrhunderts gegründeten Kolonie Jamestown, Virginia, sowie von der internationalen sozialistischen Bewegung häufig zitiert, darunter in den Vereinigten Staaten und vom kommunistischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin während der Russischen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Auch der Chan-Meister Baizhang ist für einen ähnlichen Ausspruch bekannt, mit dem er seine Mönche ermahnte: „Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen“ ().
Neues Testament Der Aphorismus findet sich im Zweiten Brief an die Thessalonicher 3,10. Dessen Verfasserschaft wird traditionell dem Apostel Paulus (gemeinsam mit Silvanus und Timotheus) zugeschrieben. In der Lutherbibel lautet die Stelle:
10 Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. 11 Denn wir hören, dass einige unter euch unordentlich leben und nichts arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben. 12 Solchen aber gebieten wir und ermahnen sie in dem Herrn Jesus Christus, dass sie still ihrer Arbeit nachgehen und ihr eigenes Brot essen.
Die griechische Wendung (ou thélei ergázesthai) bedeutet „nicht arbeiten will“. Andere englische Übersetzungen geben dies mit „would“ (King James Version). oder „will not work“ wieder, wobei das Verb „will“ in seiner altertümlichen Bedeutung „wollen, wünschen“ verwendet wird.
Daneben existiert ein jüdisches Sprichwort, wonach ein Mensch, der nicht arbeiten wolle, auch nicht essen solle.
Jamestown Im Frühjahr 1609 zitierte John Smith den Aphorismus gegenüber den Kolonisten von Jamestown:
Landsleute, ich hoffe, die lange Erfahrung mit unserem jüngsten Elend reicht aus, um jeden dazu zu bewegen, sich unverzüglich zu bessern. Glaubt nicht, dass entweder meine Mühen oder die Geldbeutel der Geldgeber euch auf Dauer in Müßiggang und Trägheit unterhalten werden …
… der größere Teil muss fleißiger werden oder verhungern …
Ihr müsst dies nun als Gesetz befolgen: Wer nicht arbeiten will, soll nicht essen (es sei denn, Krankheit macht ihn dazu unfähig). Denn die Arbeit von dreißig oder vierzig ehrlichen und fleißigen Männern darf nicht dafür aufgebraucht werden, einhundertfünfzig untätige Müßiggänger zu unterhalten.
Sowjetunion mini|Die Losung auf einem sowjetischen Plakat aus den 1920er Jahren Nach Wladimir Iljitsch Lenin ist „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ ein notwendiger Grundsatz im Sozialismus, der Vorstufe in der Entwicklung hin zu einer kommunistischen Gesellschaft. Die Wendung erscheint in seinem 1917 veröffentlichten Werk Staat und Revolution. Mit dieser Losung erläutert Lenin, dass in sozialistischen Staaten nur produktiv tätige Menschen Zugang zu Konsumgütern erhalten dürften.
Der sozialistische Grundsatz „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ ist bereits verwirklicht; auch der andere sozialistische Grundsatz „Für das gleiche Quantum Arbeit das gleiche Quantum Produkte“ ist bereits verwirklicht. Das ist aber noch nicht der Kommunismus und beseitigt noch nicht das „bürgerliche Recht“, das ungleichen Menschen für ungleiche (tatsächlich ungleiche) Arbeitsquanta gleiche Produktmengen zuweist.
Das ist nach Marx ein „Missstand“, doch in der ersten Phase des Kommunismus ist er unvermeidlich; denn wenn wir nicht dem Utopismus verfallen wollen, dürfen wir nicht glauben, dass die Menschen nach dem Sturz des Kapitalismus sofort lernen werden, ohne jede Rechtsnorm für die Gesellschaft zu arbeiten. (Kapitel 5, Abschnitt 3, „Die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft“)
In Lenins Schriften richtete sich dies gegen die Bourgeoisie sowie gegen „diejenigen, die sich vor der Arbeit drücken“.
Während der Hungersnot im Russischen Bürgerkrieg schrieb Lenin über die praktischen Maßnahmen zur Umsetzung dieses Grundsatzes:
Es ist sonnenklar, dass wir zu seiner Durchführung erstens ein staatliches Getreidemonopol benötigen, das heißt das absolute Verbot jedes privaten Getreidehandels, die verpflichtende Ablieferung aller Getreideüberschüsse an den Staat zu einem festen Preis und das absolute Verbot, Getreideüberschüsse zu horten oder zu verbergen, gleichgültig durch wen. Zweitens benötigen wir eine strengste Erfassung aller Getreideüberschüsse, eine einwandfreie Organisation des Transports von Orten des Überflusses zu Orten des Mangels sowie den Aufbau von Vorräten für Verbrauch, Verarbeitung und Aussaat. Drittens benötigen wir eine gerechte und ordnungsgemäße Verteilung des Brotes unter allen Bürgern des Staates, kontrolliert vom Arbeiterstaat, dem proletarischen Staat; eine Verteilung, die keinerlei Vorrechte oder Vorteile für die Reichen zulässt.
Der Grundsatz wurde in der russischen Verfassung von 1918 sowie in Artikel 12 der sowjetischen Verfassung von 1936 festgeschrieben:
Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und Ehrensache jedes arbeitsfähigen Bürgers nach dem Grundsatz: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“
Während der sowjetischen Hungersnot von 1930 bis 1933 zitierte Josef Stalin Lenin mit den Worten: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Dem Wirtschaftswissenschaftler Michael Ellman zufolge beeinflusste diese Sichtweise die offizielle Politik während der Hungersnot: Menschen, die als Müßiggänger galten, wurden bei der Verteilung von Hilfsgütern gegenüber den als „gewissenhaft arbeitenden Kolchosbauern“ Eingestuften benachteiligt. In diesem Zusammenhang stellte Olga Andriewsky fest, dass sowjetische Archive darauf hindeuten, dass Hilfsgüter in der Ukraine vor allem zur Erhaltung des Kolchossystems verteilt und nur die produktivsten Arbeiter vorrangig versorgt wurden. Leo Trotzki kritisierte Stalin mit den Worten: „Der alte Grundsatz: Wer nicht arbeitet, soll nicht essen, ist durch einen neuen ersetzt worden: Wer nicht gehorcht, soll nicht essen.“
Deutsche Demokratische Republik „Arbeitsscheue“ und Arbeitserziehung In der DDR wurde die Losung nicht in derselben ausdrücklichen Form in die Verfassung aufgenommen. Arbeit galt jedoch als wesentliches Merkmal der „sozialistischen Persönlichkeit“. Während der gesamten Existenz der DDR bestanden Vorschriften, nach denen als „arbeitsscheu“ bezeichnete Menschen bestraft oder zur Arbeit gezwungen werden konnten.
Die sogenannte „Erziehung durch Arbeit“ wurde unter anderem in Spezialkinderheimen, Jugendwerkhöfen, Arbeitserziehungslagern und Einrichtungen des Strafvollzugs eingesetzt. Den Insassen wurden Arbeiten in der Produktion zugewiesen; eine Verweigerung konnte mit Strafen geahndet werden. Medizinische Betreuung, berufliche Ausbildung und Qualifizierung waren dabei nach Darstellung der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft von untergeordneter Bedeutung. Zwischen 1968 und 1977 konnte die Arbeitserziehung außerdem gerichtlich als eigene, unbefristete Strafart angeordnet werden. Sie dauerte formal an, „bis der Erziehungserfolg eingetreten ist“.
Siehe auch Kritik der Arbeit Sozialistisches Leistungsprinzip There ain’t no such thing as a free lunch Baizhang Huaihai Workfare
Einzelnachweise
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