Das Elend der Geopolitik ist ein zeitdiagnostisches Buch des Bremer Politikwissenschaftlers Klaus Schlichte, das 2026 in der Hamburger Edition erschien.Klaus Schlichte: Das Elend der Geopolitik. Hamburger Edition, Hamburg 2026, ISBN 978-3-98722-002-9. Darin dekonstruiert er den Begriff Geopolitik als pseudowissenschaftlich und ideologisch. Mit ihm werde Machtpolitik auf vereinfachte Weise dargestellt.

Inhalt „Fast scheint es, als habe Wladimir Putin gesiegt.“ Mit diesem Satz beginnt das Buch. Jedenfalls habe Putins Narrativ verfangen. In der Öffentlichkeit gehe es wieder um Geopolitik, um den Kampf der Großmächte, um historische Rechte. Es sei das Credo von Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern in Europa und Nordamerika, dass die Geopolitik zurück sei und es auf schlagkräftige Militärs und „Kriegstüchtigkeit“ ankomme. Keine andere Vokabel habe im Diskurs über internationale Politik eine ähnlich rasche Karriere erfahren. Geopolitik sei die einfachste Form, internationale Politik zu denken. Warum der Begriff eine derartige Renaissance erfahre, sei Thema des Buches.

Dabei werde in zweierlei Weise das Elend der Redeweise von der Geopolitik deutlich. Einerseits sei die Auffassung internationaler Politik entlang der Kategorien und Denkweisen der Geopolitik ein „intellektuelles Elend“. Es werde den Strukturen internationaler Politik in Gegenwart und Vergangenheit nicht gerecht. Andererseits führe Geopolitik ins gesellschaftliche Elend, sie vermindere die Chancen internationaler Zusammenarbeit, gefährde den Frieden und die Möglichkeit einer besseren Zukunft.

Geopolitik und Machtstaat Im ersten Kapitel Geopolitik und Machtstaat urteilt Schlichte, Geopolitik finde sich inzwischen in jedem zweiten Bericht oder Kommentar über internationale Politik – sein semantischer Gehalt habe sich dabei weitgehend verflüchtigt. In der Hochphase des Imperialismus am Ende des 19. Jahrhunderts habe er eine Denkschule bezeichnet, mit der unterschiedliche Projekte der Expansion bezeichnet wurden, wobei sich militärische und strategische Maßnahmen an geografischen Gegebenheiten orientierten. Inzwischen habe der Begriff seine Eindeutigkeit verloren, doch damals wie heute gelte: „Wer Geopolitik sagt, meint Machtpolitik.“ Schlichte betrachtet „Geopolitik als die Ideologie der Machtstaatsapologeten (...) als eine Theorie der Politik ohne Menschen.“ An ihre Stelle würde „zu homogenen Akteuren verdinglichte Staaten“ treten.

Das geopolitische Denken beruhe auf der Vorstellung vom Machtstaat. Darin werde der Staat als „Handlungssubjekt“ betrachtet. Solches Machtstaatsdenken habe nicht nur im Selbstverständnis von Großmächten überlebt, sondern habe im „machtpolitischen Realismus“ seine akademische Realisierung erfahren. Laut dieser Theorie sei die Staatsraison das vorausgesetzte „nationale Interesse“ des Staates an seinem eigenen Erhalt und der Ausdehnung seiner Machtsphäre. Solche Staatsauffassung sei an sich kriegsgeneigt, denn Kriegsfähigkeit gelte als Nachweis politischer Souveränität.

Das Elend der Geopolitik mini|Halford Mackinder, britischer Theoretiker der Geopolitik, um 1920 mini|NS-Geopolitiker Karl Haushofer (links) mit Rudolf Heß, um 1920

mini|Zbigniew Brzeziński (2014), ehemaliger geopolitischer Berater von US-Regierungen mini|Alexander Geljewitsch Dugin (2023), russischer Verfechter geopolitischer Ideen Das zweite Kapitel Das Elend der Geopolitik beginnt mit einer knappen Darstellung der Genese des Begriffs unter besonderer Beachtung deutscher Geopolitik im Kaiserreich, der Weimarer Republik und unter nationalsozialistischer Herrschaft. Von besonderer Bedeutung sei dabei Carl Schmitts Großraumkonzept, das eines der Hauptelemente der Kontinuität geopolitischen Denkens sei, in Deutschland aber auch in den USA und im postsowjetischen Russland.

Anschließend betont Schlichte, dass keine zusammenhängende theoretische Entwicklung von Geopolitik existiere. Gleichwohl gäbe es wiederkehrende Themen, die als Eckpunkte geopolitischen Denkens bis in die Gegenwart reichen, wie

die Reduktion auf Großmächte. Der Rest sei Expansionsraum oder Gefahrenzone. das Primat der Außenpolitik, bei dem innere Verhältnisse von Staaten ausgeblendet blieben, was eine soziologischen Blindheit erzeuge. der Gestus der Warnung, bei dem es nie um weniger als die Existenz der eigenen Nation gehe. Nahe verwandt damit sei das Ausrufen der »Chance« zur Sicherung oder Gewinnung von Großräumen. die Ausdehnung des Machtstaates in Einflusszonen.

Danach reflektiert der Autor Kontinuität und Renaissance geopolitischen Denkens. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sei Geopolitik im deutschen Sprachraum desavouriert gewesen. Bis zur Wiedervereinigung habe es keine positive Bezugnahme auf geopolitische Autoren und Ideen gegeben. In der Sowjetunion sei sie als „Scheinwissenschaft des Nationalsozialismus“ von den Lehrplänen verschwunden. In den USA habe sich geopolitisches Denken insbesondere an Militärakademien und in der Politikberatung auch nach 1945 bruchlos bis in die Gegenwart erhalten.

Die erste Renaissance der Geopolitik habe es in Deutschland nach der Wiedervereinigung gegeben, dabei sei es um die Rolle Deutschlands im internationalen System und um seine zentrale Lage in Europa gegangen sowie um die ersten Einsätze von Bundeswehrsoldaten außerhalb des NATO-Gebiets. Nach dem Ende der Sowjetunion sei auch in Russland eine Renaissance der Denkrichtung erfolgt. Als bekanntester russischer Verfechter von Geopolitik gelte Alexander Geljewitsch Dugin, auch wenn sein Einfluss auf Wladimir Putin geringer sei, als von westlichen Medien verbreitet. Dugin mache in seinen Arbeiten zur Eurasien-Theorie starke Anleihen bei Carl Schmitt, Karl Haushofer und besonders Halford Mackinder.

Eine zweite Renaissance geopolitischer Begriffsverwendung gebe es seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022. Dabei werde die Vokabel geopolitisch in der Publizistik fast unbewusst gebraucht und oft nichts anderes gemeint, als Machtphänomene in der internationalen Politik. Daran zeige sich, dass man keine Theorie habe, „keine Begriffe für das, was vor sich geht.“

Zum Abschluss des Kapitels folgt eine Kritik der Geopolitik:

„Der größte Fehler der Geopolitik ist auch der offensichtlichste: Von Haushofer bis Brzeziński zieht sich eine lange Reihe fataler Fehlentscheidungen, die das Elend des Krieges nur befördert haben. Das Denken in Großmachtpolitik hat sich so oft blamiert, dass das geopolitische Denken in seiner Willkür und oft fantastischen Welterklärung als politisch ernstzunehmender Ansatz der »Politikberatung« auch bei Wohlmeinenden inzwischen vollständig desavouriert sein müsste. Haushofers Vertrauen in die Kräfte germanischer Völker, Mackinders Irrtum, dass die größte Bedrohung Großbritanniens von der Sowjetunion ausgehen würde, Kissingers Festhalten am Krieg der USA in Vietnam, Brzezińskis Fehleinschätzungen zu den Dynamikern im Iran und Afghanistan, sein Rat den Beitritt der Ukraine zur EU und NATO voranzutreiben – die Liste der fatalen Fehlentscheidungen ist erstaunlich lang.“

Vier legitime Ordnungen Mit dem dritten Kapitel Vier legitime Ordnungen legt Schlichte einen historischen Abriss des Kriegsgeschehens nach 1945 vor, „eine historisch-soziologische Alternative zu den Verkürzungen der Geopolitik und zum machtpolitischen Realismus.“ Mit legitimer Ordnung ist die jeweils dominante Norm im internationalen System gemeint.

In diesem Sinne werden vier Zeitphasen genannt, die mit geopolitischen Argumenten nicht angemessen zu erklären seien:

Die Phase der Dekolonisierung von 1945 bis 1960. Zentrale Norm sei die Eigenständigkeit der vormaligen Kolonien. Wer darum kämpfte, sei ein legitimer Akteur gewesen, für die Sowjetunion und auch für die USA. Die Phase des Ost-West-Konflikts habe die der Dekolonisierung überlagert. Der Systemgegensatz habe das normative Muster überlagert und das internationale System geprägt. Alle Akteure hätten sich auf eine Seite schlagen müssen oder mühselig versuchen, neutral zu bleiben. Diese Phase habe in den 1050er-Jahren begonnen und in den frühen 1990er-Jahren geendet. Die folgenden legitime Ordnung (ab 1991 bis Mitte der 2010er-Jahre) wird als Zeit des Humanitarismus bezeichnet. Von westlichen Akteuren seien Menschenrechte zum zentralen Thema internationaler Politik gemacht worden. Die vierte Phase (ab 2015) wird Die Zeit der neuen Souveränität genannt. Staaten, die das Ziel von Interventionen gewesen seien, würden Souveränität fordern und nicht mehr abhängig von anderen sein. Beispiele seien die Ereignisse in der Sahelzone, im Osten Afrikas und im südlichen Afrika, aber auch der Konflikt um Palästina.

Die Alternative Im vierten und abschließenden Kapitel Die Alternative fragt sich Schlichte, ob ein neuer militärisch-industrieller Komplex in Deutschland entstanden sei oder entstehen könnte, weist auf Denkfabriken hin, die „oft mehr oder weniger offen als Lobby-Organisationen agieren“ und nennt die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), die Atlantik-Brücke, die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), den European Council on Foreign Relations (ECFR) sowie die Münchener Sicherheitskonferenz (MSC). In diesen Organisationen gebe es eine Vermischung von Unternehmensvertretern und ehemaligen oder aktiven politischen Amtsträgern.

Schließlich argumentiert Schlichte mit Immanuel Kant, den er als antikolonialen und antimilitaristischen Denker bezeichnet. Dessen Denken münzt er in pragmatische Regeln um.

Maxime sei „Denken, Schreiben und Handeln in weltbürgerlicher Absicht.“ Dazu seien wir als Vernunftbegabte verpflichtet und hätten auf eine Institutionalisierung des gewaltfreien Umgangs zwischen Staaten hinzuwirken.

Von Journalisten sei eine „Internationalisierung der Berichterstattung“ zu fordern. „Nicht jeder innerparteiliche Streit in Deutschland ist wichtiger als eine große soziale Entwicklung in einem Land mit Hunderten Millionen Einwohnern.“ Indonesien, Nigeria, Brasilien und Ägypten seien nicht so weit weg, wie es scheine.

Die Forderung „Go out!“ gelte für Politiker, Journalisten und Wissenschaftler, die sich mit internationaler Politik beschäftigen. Teil ihrer Laufbahn solle eine längere Fremdheitserfahrung sein. Nur so könne die Erkenntnis wachsen, dass Andere anders sind und nicht an den eigenen Standards zu messen seien.

Wissenschaftler sollten Kontingenz eingestehen: „Alle in der Wissenschaft Tätigen müssen von der Prämisse ausgehen, dass ihre Thesen auch falsch sein könnten.“

Und für alle müssen gelten, dass kein Weg am Recht vorbei führt. Die Legitimität einer politischen Ordnung könne nicht durch Zwang erzeugt werden. „Es gibt keinen Grund davon auszugehen, dass die Verwandlung von Gewaltbeziehungen in Rechtsbeziehungenn nur im Staat möglich sein soll und nicht zwischen Staaten.“

Rezeption Für Matthias Becker (Deutschlandfunk) ordnet Schlichte die aktuelle Hochkonjunktur der Geopolitik kenntnisreich ein. Treffsicher kritisiere er ihre blinden Flecken, die Fixierung auf staatliche Machtmittel im engsten Sinn, auf Waffenarsenale und Truppenstärken. Fraglich bleibe nur, ob er nicht doch das Kind mit dem Bad ausschüttet, wenn er bestimmte Interessengegensätze gleichsam zu einer Art Ansichtssache erklärt. Woher komme eigentlich die gestiegene Nachfrage nach geopolitischen Erklärungen? Manche Passagen des Buches erweckten beinahe den Eindruck, als seien schlechte Theorien und falsche Vorstellungen die Ursache dafür, dass Konflikte und Kriege um sich greifen. „So hat die berechtigte Kritik an den blinden Flecken der Geopolitiker selbst einen.“Matthias Becker: Über Geopolitik und Kriegsgefahr. In: Deutschlandfunk, 8. Juni 2026.