mini|Das Kornhaus in Waldshut, Südseite Das Kornhaus in Waldshut ist ein unter Denkmalschutz stehendes historisches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Das markante Bauwerk am Rande der historischen Altstadt diente ursprünglich als Getreidespeicher und Handelsplatz. Nach einer wechselvollen Nutzungsgeschichte im 20. Jahrhundert und einer umfassenden Sanierung von 2019 bis 2023 beherbergt es heute die Stadtbibliothek Waldshut sowie Räumlichkeiten der Kulturförderung.
Lage Das Kornhaus befindet sich in der Bismarckstraße 12 in Waldshut in unmittelbarer Nachbarschaft zum historischen Oberen Tor dem Wahrzeichen der Waldshuter Oberstadt.
Architektur und Stil Das Bauwerk wurde als funktionales Zweckgebäude im Stil des Historismus entworfen. Der wuchtige, symmetrisch gegliederte Putzbau besticht durch eine schlichte, repräsentative Würde. Da die Konstruktion für die Lagerung schwerer Getreidesäcke in den oberen Stockwerken ausgelegt war, weist das Gebäude im Inneren eine enorme Traglastfähigkeit auf. Stilprägend für die Fassade sind die architektonischen Einfassungen aus rötlichem Buntsandstein an den Fenster- und Türgewänden.
Geschichte Bau und ursprüngliche Funktion Das Gebäude wurde in den Jahren 1862 bis 1864 unter der Leitung des damaligen Großherzoglich-Badischen Bezirksbauamtes nach Plänen von Joseph Thomas Cathiau (1832–1921)Hans Jakob Wörner: Zur Baugeschichte Waldshuts im 19. Jahrhundert. In: Stadt Waldshut-Tiengen (Hrsg.): Geschichte der Stadt Waldshut. Band 2: Waldshut im 19. Jahrhundert. Lebensbilder aus einer großherzoglichen Amtsstadt. S. 114 für rund 42.000 Gulden errichtet. Da die landwirtschaftliche Produktion in der Region am Hochrhein und im Südschwarzwald florierte, benötigte die Stadt einen zentralen Umschlag- und Lagerplatz für Getreide. Seine ursprüngliche Funktion als reines Kornhaus verlor das Gebäude jedoch im Zuge der Industrialisierung und veränderter Handelswege im späten 19. Jahrhundert rasch an Bedeutung. Dies obwohl das Gebäude erst nach der Eröffnung (1856) unweit der Hochrheinbahn und des Bahnhof Waldshut erstellt wurde und einen eigenen Gleisanschluss mit Drehscheibe erhielt.
Nutzungswandel im 20. Jahrhundert In den folgenden Jahrzehnten erlebte das Gebäude radikale Transformationen: Bildungsstätte (1880–1958): Über sieben Jahrzehnte zog das Waldshuter Gymnasium (das heutige Hochrhein-Gymnasium) in die Räumlichkeiten ein, da die alten Schulgebäude in der Altstadt nicht mehr ausreichten. Zum Schulbetrieb gehörte eine eigenständige Schulbibliothek für die Schüler. Industriestätte: Nach dem Auszug der Schule im Jahr 1958 nutzte zeitweise das Textilunternehmen Schiesser die Freiflächen als Produktions- und Textilfertigungsstätte. Jugend- und Vereinsarbeit: In den späteren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zog unter anderem das Jugendcafé „JuCa“ ein. Zudem nutzten lokale Vereine die Räume im dritten Obergeschoss.
Verhinderter Abbruch und Kulturstiftung Um das Jahr 1980 war der bauliche Zustand des Kornhauses so marode, dass im Waldshuter Gemeinderat Pläne für einen vollständigen Abriss diskutiert wurden, um Platz für eine neue Verkehrsplanung zu schaffen. Eine Bürgerinitiative verhinderte den Rückbau und setzte die Einstufung als geschütztes Kulturdenkmal durch.
Die Waldshuter Zahnärztin und Kunstmäzenin Inge Freytag (1913–1995), die 1931 selbst als Schülerin im Kornhaus den Scheffelpreis erhalten hatte, erwarb das Gebäude im Jahr 1978 von der Stadt. Sie verhinderte damit den Abriss und nutzte die oberen Etagen fortan als privaten Wohnsitz und etablierte einen kulturellen Salon für Kunst- und Literaturschaffende. Ihre Zahnarztpraxis verblieb in der Waldshuter Innenstadt. Nach ihrem Tod ging das Haus testamentarisch in das Eigentum der von ihr gegründeten Dr.-Inge-Freytag-Stiftung über, die das Kornhaus für literarische und künstlerische Events nutzte.
Kornhauskeller Unter dem Gebäude befindet sich ein weitläufiger, historischer Gewölbekeller. Von 1930 bis 1994 nutzte die Weinhändlerfamilie Walde den sogenannten „Kornhauskeller“ als zentrales Weinlager, was an die historische Rolle Waldshuts als regionale Weinbau-Metropole erinnert. In den Folgejahrzehnten etablierte sich das Gewölbe als feste Location für Kleinkunst, Jazzkonzerte, Ausstellungen und Wein-Stadtführungen.
Generalsanierung Zwischen 2019 und 2023 investierte die Stadt Waldshut-Tiengen rund 4,7 Millionen Euro in eine umfassende, denkmalgerechte Generalsanierung nach Entwürfen des Freiburger Architekten Meinhard Hansen. Neben der energetischen Modernisierung und Brandschutzauflagen stand die Barrierefreiheit im Fokus. Da der Einbau eines Aufzugs im Inneren die historische Bausubstanz beschädigt hätte, wurde an der Außenseite ein moderner, minimalistischer Treppen- und Aufzugsturm aus weißem Sichtbeton angebaut, was in der lokalen Öffentlichkeit zu architektonischen Diskussionen führte. Beim Umbau musste zudem Rücksicht auf die Alpensegler genommen werden, eine seltene Vogelart, die unter dem Dach des Kornhauses nistet.
Neueröffnung als Stadtbibliothek Im Mai 2023 wurde das Kornhaus feierlich neu eröffnet. Seitdem beherbergt es auf zwei Etagen die Stadtbibliothek Waldshut. Die Innenarchitektur wurde zu einem modernen „Open Library“-Konzept umgewandelt. Als erste Bibliothek in Baden-Württemberg führte Waldshut hierbei das sogenannte „Flexi-Bib“-System ein, das registrierten Nutzern über smarte Zugangstechnologien den Einlass und die Ausleihe auch außerhalb der regulären Personalzeiten ermöglicht. Bereits zuvor wurde das Gebäude als Schulbibliothek genutzt. Die Dr.-Inge-Freytag-Stiftung nutzt die Räumlichkeiten zudem weiterhin in Kooperation mit Schulen für die regionale Jugend- und Leseförderung.
Siehe auch Liste der Kulturdenkmale in Waldshut-Tiengen
Literatur Stadt Waldshut-Tiengen (Hrsg.): Geschichte der Stadt Waldshut. Band 1: Waldshut, die habsburgische und vorderösterreichische Stadt bis zum Übergang an Baden. 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2009, ISBN 978-3-89870-507-3. Stadt Waldshut-Tiengen (Hrsg.): Geschichte der Stadt Waldshut. Band 2: Waldshut im 19. Jahrhundert. Lebensbilder aus einer großherzoglichen Amtsstadt. 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 1999, ISBN 3-933784-10-7. S. 114 Stadt Waldshut-Tiengen (Hrsg.): Geschichte der Stadt Waldshut. Band 3: Waldshut im 20. Jahrhundert. Konstanten und Umbrüche seit dem Ersten Weltkrieg. 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2004, ISBN 3-89870-161-1
Einzelnachweise
Kategorie:Kulturdenkmal im Landkreis Waldshut Kategorie:Bauwerk in Waldshut-Tiengen Kategorie:Bauwerk des Historismus Kategorie:Erbaut in den 1860er Jahren Kategorie:Bibliothek in Baden-Württemberg