Der Getreue Eckart oder Treue Eckart (auch in den diversen Namensvarianten von „Eckart“ wie „Eckhart“, „Eckehard“ usw.) ist eine Figur mit Wurzeln in der germanischen Sagenwelt, zugleich ein Stoff der Literatur und Kunst. Er erscheint unter zwei Aspekten, nämlich einmal relativ konkret als eine der Figuren der Thidrekssaga, des Sagenkreises um Dietrich von Bern, zum anderen als eine eher undeutliche Gestalt, verknüpft mit den Sagen um das Wilde Heer, Frau Holle bzw. Frau Venus und den Venusberg und somit auch den sagenhaften Tannhäuser, das heißt, der Getreue Eckart ist sowohl eine Gestalt der Helden- als auch der Volkssage.
Der Getreue Eckart und die Sagen um Dietrich von Bern
Im Sagenbuch von Ludwig Bechstein erscheint der Getreue Eckart in beiden Aspekten, zunächst entsprechend der Thidrekssaga unter Nr. 29 Vom treuen Eckart. Dort wird er als ein Held und Herzog im Breisgau aus dem sagenhaften Geschlecht der Harlungen beschrieben, Vormund zweier junger Harlungen, Neffen des Ermanarich und Vettern des Dietrich von Bern. Verleitet von einem bösen Ratgeber und getrieben von Gier nach dem Erbe der Harlungen, dem Harlungenhort, zu dem auch das sagenhafte Brisingamen, der Zaubergürtel der germanischen Liebesgöttin Freya, gehören soll, bringt Ermanarich seine Neffen um. Der Getreue Eckart rächt die beiden Knaben, indem er Ermanarich erschlägt. Der Harlungenhort wird in einen Berg verzaubert, den Bürglenberg bei Breisach, und der Getreue Eckart wurde als dessen Wächter bestellt, der jeden warnt, der sich unrechtmäßig des Schatzes bemächtigen will. „Darum sei im Volke das Sprüchwort entstanden: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann. Ob aber das derselbe treue Eckart sein soll, der im Thüringerlande vor des Hörseelberges Höhle sitzt und vor dem wütenden Heere warnend wandelt, bleibt in dem Dunkel der alten Sagen geheimnisvoll verhüllt“, heißt es bei Bechstein.
Die Quellen der Sage sind in mehreren Texten der Heldenepik überliefert, nämlich Dietrichs Flucht zusammen mit der RabenschlachtHugo Kuhn: ‚Dietrichs Flucht‘ und ‚Rabenschlacht‘. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 2. De Gruyter, Berlin 1980, ISBN 3-11-007699-3, Sp. 116–127., Ermenrichs TodWalter Haug: Ermenrikes dot. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 2. De Gruyter, Berlin 1979, ISBN 978-3-11-022248-7, Sp. 611–617. und in Alpharts Tod.Kurt Ruh: Alpharts Tod. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 1. De Gruyter, Berlin 1978, ISBN 978-3-11-022248-7, Sp. 258–262. Im sogenannten Prosa-Heldenbuch liest sich das so:
Weitere epische Texte, in denen Eckart auftritt, sind Biterolf und Dietleib (Mitte 13. Jahrhundert), der Rosengarten zu Worms (13. Jahrhundert) und Wolfdietrich (Anfang 13. Jahrhundert).
Was die Verortung der Sage betrifft, so ist der Getreue Eckart offenbar mit dem Breisgau und der Stadt Breisach verbunden. Ob der Eckartsberg mit dem in der Sage als Ort des Harlungenhorts erwähnten Bürglenberg oder Burglenberg identisch ist, bleibt unklar. Ebenso unklar ist, ob der Flurname des Eckartsbergs überhaupt etwas mit der Sagengestalt zu tun hat, zumal Breisacher Bürger mit entsprechenden Namen – Eggehardus bzw. Eghart – im Mittelalter belegt sind.
Der Getreue Eckart als Warner der Volkssage mini|Der treue Eckart und die bierholenden Kinder (Buchillustration von 1860)
Der Getreue Eckhart des Volksglaubens erscheint in der Sagensammlung von Bechstein zweimal, nämlich zuerst als Nr. 459 Von Frau Venus und dem wilden Heer. Frau Venus in ihrem Berg erscheine den prospektiven Besuchern voll Huld und werde daher Frau Hulda genannt, zu ihrem Leidwesen und als eine Art Höllenstrafe müsse sie jedoch das Wilde Heer anführen, das von Bechstein als eine Art Gruseltruppe beschrieben wird, die in den kältesten Winternächten durch die Lande zieht. „Vor dem Heere her schritt ein Greis am weißen Stabe, der hieß die Leute aus dem Wege gehen, daß sie nicht Schaden litten, den nannte man den treuen Eckart, und brachte das Sprüchwort von ihm auf: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann“, heißt es bei Bechstein. Dieses mit der Rolle des Getreuen Eckart als Warner verknüpfte Sprichwort ist vielfach bezeugt.Christian Egenolff: Sprichwörter / Schöne / Weise Klugredenn. Darinnen Teutscher vnd anderer Spraach-en Höfflichkeit […] In Etliche Tausent zusamen bracht. Frankfurt am Main 1552. Nachdruck Berlin 1968, . Laut dem Sprichwörter-Lexikon von Karl Friedrich Wilhelm Wander soll der Getreue Eckart nicht nur vor dem mythischen Venusberg gesessen und die dort eintreten Wollenden gewarnt haben, sondern auch vor Frauenhäusern, d. h. vor Bordellen.Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Band 1. Leipzig 1867, . Bechstein hat den getreuen Eckart und das Sprichwort auch in seinem Faustus-Gedicht verwendet:
Es tönt von heilger Freundschaft die Sage wundervoll, Von Freundschaft, die treusorgsam und rettend walten soll. Es giebt ein schönes Sprüchwort; Heil, dem man's sagen kann: „Du bist der treue Eckart, Du warnest Jedermann!“
Der treue Eckart folgte dem Herrn in Lust und Pein, Er ging mit dem Tanhäuser zum Venusberg hinein. Der treue Eckart sitzt noch am Zauberbergesschacht, Und warnet wer hinein will, und hält gar ernste Wacht.
Der treue Eckart wandelt dem wilden Heer voran, Das über Wälder hinbraust auf luftger Wolkenbahn. Wer immer mag im Weg sein, wo's Heer vorüberwogt, Zur Seite treten heisst ihn warnend der treue Vogt.Ludwig Bechstein: Faustus. Ein Gedicht. Leipzig 1833, .
Die zweite Bechstein-Sage Nr. 501 „Frau Holle und der treue Eckart“ findet sich auch in Bechsteins Thüringer SagenbuchLudwig Bechstein: Thüringer Sagenbuch. Erster Band. C. A. Hartlebens Verlags-Expedition, Wien und Leipzig 1858, S. 66. und in den Deutschen Sagen der Gebrüder Grimm. Der Getreue Eckart erscheint wieder in der Rolle des Warners, indem er beim thüringischen Dorf Schwarza zu Weihnachten vor der von Frau Holle angeführten Wilden Jagd warnt. Deren Teilnehmer haben ein paar Bauernkindern die Bierkrüglein ausgetrunken, welche sie aus der Schenke geholt hatten. Der Getreue Eckart macht sie ihnen wieder voll und verspricht, sie würden immer voll bleiben, solange die Kinder über das Geschaute Schweigen bewahrten. Das Bier soll auch besonders gut gewesen sein, als wäre es englisches Ale oder Tölzer Bier. Die Kinder halten aber nur 3 Tage aus, dann erzählen sie es den Eltern und die Bierkrüge versiegen.Brüder Grimm: Deutsche Sagen. Winkler, München , .
In Johann Fischarts Geschichtklitterung von 1575 wird der Treue Eckart zusammen mit Tannhäuser und dem Sachsenheimer, Verfasser der Mörin, im Venusberg lokalisiert.Johann Fischart: Geschichtklitterung (Gargantua). Text der Ausgabe letzter Hand von 1590. Hrsg. von Ute Nyssen. Rauch, Düsseldorf 1963, . Fischart ist es auch, der in De Magorum Daemonomania: Vom Aüßgelasnen Wütigen Teüffelsheer, seiner Übersetzung von Jean Bodins De la démonomanie des sorciers, den Venusberg bei Breisach lokalisiert.„Dieweil man bei vns Teutschen vil geschriben Gedichts vom Venusberg bei Brisach/und ihren darinn schlaffenden Rittern/singet vnd vmbtragét.“ In: De Magorum Daemonomania: Vom Aüßgelasnen Wütigen Teüffelsheer Allerhand Zauberern Hexen vnnd Hexenmeistern Vnholden Teuffelsbeschwerern Warsagern Schwartzkünstlern Vergifftern Augenverblendern etc. Wie die vermög aller Recht erkant eingetrieben gehindert erkündigt erforscht Peinlich ersucht vnd gestrafft werden sollen. Bernhart Jobin, Straßburg 1591, .
Und im Peter von Stauffenberg von Fischart und Bernhard Schmidt (1588)Ernewerte Beschreibung vom Herrn Peter von Stauffenberg. In: Johann Fischarts Werke. Band 1. Union Deutsche Verlags-Gesellschaft, Stuttgart 1895, . heißt es: Oder wollen wir wecken auff Im Venusberg den schlaeffrigen Hauf, Den Tanhaeuser, und Sachssenheymer, Die doch darbei sind gute Reimer, Sampt jres Treuen Eckarts Zwerg, Der sie bei Brisach fuehrt inn Berg?
Adaptionen
Zu Fischarts Zeit hatte die Folge der Adaptionen des Eckart-Stoffs als Teil der Geschichten um Tannhäuser und Venusberg schon längst begonnen. In Hermann von Sachsenheims Verserzählung Die Mörin., belegt um 1453, wird ein betagter Ritter in das Inselreich der Königin Minne-Venus entführt. Dort wird er vor Gericht gestellt. Anklägerin ist die Königin, vertreten durch die titelgebende „Mörin“ (also dunkelhäutige) Brunhilt, vorsitzender Richter ist Tannhäuser, der Gemahl der Königin, und Eckart ist hier der Verteidiger des Ritters.Dietrich Huschenbett: Hermann von Sachsenheim. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Verfasserlexikon. Band 3. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin 1981, ISBN 978-3-11-022248-7, Sp. 1096–1101.
Zu Anfang des 16. Jahrhunderts, fast zeitgleich mit den ersten Drucken der Tannhäuser-Ballade, erscheint die Figur des Getreuen Eckart mehrfach in den Schwänken und Fastnachtsspielen des Nürnberger Meistersingers Hans Sachs, namentlich im Hoffgesindt Veneris („Hofgesinde der Venus“) von 1517. Ein weiteres Fastnachtsspiel, in dem der Getreue Eckart erscheint, ist Jörg Wickrams Der trew Eckart (1532). Hier ist der greise Mahner und Wahner Eckart ein komischer Moralist und so erscheint er auch in weiteren Stücken des 16. Jahrhunderts, namentlich bei Jakob Ruf (1538), Valentin Boltz (1550), Bartholomäus Ringwaldt (1582) und Jakob Ayrer (1598).
In seiner Erzählung Der getreue Eckart und der Tannhäuser von 1799 unternimmt es Ludwig Tieck, die Stoffe der Helden- und der Volkssage miteinander zu verbinden. Der Text besteht dementsprechend aus zwei Teilen, das Material der Heldensage um den Getreuen Eckart im ersten Teil wird dabei hauptsächlich in Balladenform wiedergegeben, im zweiten, vier Jahrhunderte später spielenden Prosateil um den Tannhäuser ist Eckart dann der schattenhafte Warner der Volkssage.Erstdruck: Romantische Dichtungen. Frommann, Jena 1799. Neuere Ausgabe: Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden. Band 2. Winkler, München 1963, Die Balladenteile veröffentlichte Tieck 1821 dann noch einmal in seinen Gesammelten Gedichten.Ludwig Tieck: Gedichte. Faksimile-Druck nach der Ausgabe von 1821–1823. Heidelberg 1967. Band 2, , .
Johann Wolfgang Goethe dagegen hatte sich in seiner Balladenfassung Der getreue Eckart (1813) an der von Bechstein überlieferten Sage orientiert mit den Kindern und den ausgetrunkenen Bierkrüglein, die auf wundersame Weise vom Getreuen Eckart wieder gefüllt werden.Johann Wolfgang von Goethe: Der getreue Eckart. In: Berliner Ausgabe. Poetische Werke. Band 1, Berlin 1960ff, . Ein paar Jahre zuvor hatte schon Goethes Schwager Christian August Vulpius den Sagenstoff um die Frau Holle, die Wilde Jagd und den Treuen Eckart in seinem Roman Frau Holda Waldina die wilde Jägerin aufgegriffen.Christian August Vulpius: Frau Holda Waldina die wilde Jägerin. Langbein und Klüger, Arnstadt 1805 ().Yannik Behme: Frau Holda Waldina die wilde Jägerin. In: Alexander Košenina (Hrsg.): Andere Klassik – Das Werk von Christian August Vulpius (1762–1827). Hannover 2012, S. 101f.
In einem Dramenfragment von Ludwig Uhland, das 1809 als Teil einer Bearbeitung des Volksbuchs König Eginhard von Böhmen entstand, taucht der Treue Eckart als Figur auf.Erstdruck 1812. Ludwig Uhland: Schildeis. In: (ders.): Gedichte. 6. Auflage. Stuttgart 1859, .
Bei Heinrich Heine schließlich wird die Gestalt des Getreuen Eckhart in den Elementargeistern von 1837 behandelt, wo am Ende Heine eine eigene Fassung der Tannhäuser-Ballade gibt. Dort heißt es über den Eingang des Venusbergs:
Zudem taucht der Treue Eckart kurz im dritten Tableau von Heines Ballett-Libretto Die Göttin Diana auf, wo er einen Zweikampf mit dem Geliebten der Diana ausficht, der eben zurück in den Venusberg will, und diesen niedersticht. „Der treue Eckart wackelt täppisch zufrieden von dannen, wahrscheinlich sich freuend, wenigstens die Seele des Ritters gerettet zu haben“, heißt es am Ende der Szene.Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 7. 2. Auflage. Aufbau, Berlin und Weimar 1972,