mini|Historischer Glockenturm von Wardenburg (2023) Der Wardenburger Glockenturm ist ein historisches Gebäude und Baudenkmal in Wardenburg im Landkreis Oldenburg. Er dient als Wahrzeichen des Ortes. Entgegen seinem Namen besitzt er seit 1960 keine Glocken mehr.
Lage und Umgebung Der Glockenturm befindet sich im historischen Ortskern von Wardenburg. Er steht an der Straße Am Glockenturm, die das Zentrum des nach ihm benannten Glockenturmviertels bildet.
Durch das Glockenturmviertel verläuft der Patenbergsweg, der unmittelbar nördlich am Glockenturm vorbeiführt. Der Name Patenberg geht vermutlich auf die Familie Porsenberg zurück, ein altes Bremer Rittergeschlecht, das im 14. Jahrhundert über etwa einhundert Besitzungen in Wardenburg verfügte.
Der freistehende Glockenturm ist mit der mittelalterlichen Backsteinmauer des Friedhofs der westlich gelegenen Marienkirche von Wardenburg verbunden. Die flachgedeckte Saalkirche aus geschlämmtem Backstein mit quadratischem Westturm hat ihren Ursprung in einer 1268 errichteten Kapelle. Im Torbogen des Glockenturms befinden sich die eisernen Eingangstore zum Friedhof.
Historisches Glockenturmviertel mini|Ehemalige Stellmacherei Stöver im Glockenturmviertel (2023) Als Glockenturmviertel wird das Gebiet zwischen der Oldenburger Straße im Norden, der Eelder Straße im Osten, der Friedrichstraße im Süden und der Straße Am Friedhof im Westen bezeichnet. In dem Viertel sind zahlreiche historische Gebäude erhalten geblieben.
Nördlich des Glockenturms befindet sich das denkmalgeschützte Wohn- und Wirtschaftsgebäude der ehemaligen Stellmacherei Stöver (Am Glockenturm 4), die 1913 gegründet wurde. Es handelt sich um ein ehemaliges Zweiständerhallenhaus mit Backsteinaußenmauern unter einem Schopfwalmdach, dessen Kernbau auf das Jahr 1873 datiert ist. Zum Ensemble gehört außerdem ein ebenfalls denkmalgeschütztes Fachwerkgebäude mit Backsteinausfachungen aus dem Jahr 1903. Die historische Inneneinrichtung der Stellmacherei ist vollständig erhalten.
Südlich des Glockenturms steht ein weiteres Backsteingebäude (Am Glockenturm 6), das früher als Arnkens Gasthaus bekannt war. Es diente unter anderem der Bewirtung der Gläubigen der Marienkirche nach dem Gottesdienst. Bis 1857 bestand vom Kirchhof aus ein direkter Zugang zum Gasthaus durch eine Seitentür, sodass der Weg durch den Torbogen des Glockenturms nicht erforderlich war. Das Gebäude beherbergt heute ein Blumengeschäft (Stand: 2026).
Am durch das Glockenturmviertel verlaufenden Abschnitt des Patenbergswegs befindet sich ein weiteres denkmalgeschütztes Backsteingebäude (Patenbergsweg 1), in dem heute die Gemeindebücherei untergebracht ist. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1853 und wurde 1906 umgebaut. Seine historische Dach- und Tragwerkskonstruktion ist vollständig erhalten.
Zum Glockenturmviertel gehören außerdem das 1965 errichtete und zwischen 1980 und 1982 erweiterte Rathaus, der Rathausplatz mit seinem regelmäßig stattfindenden Wochenmarkt, eine Volkshochschule aus dem Jahr 1971, eine 2006 gebaute Wohnanlage für Senioren sowie mehrere gastronomische Betriebe, darunter das 2006 eröffnete Café am Glockenturm.
Geschichte Als eines der ältesten erhaltenen Gebäude von Wardenburg blickt der Glockenturm auf eine umfassende Geschichte zurück.
Entstehungsgeschichte Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege datiert die Errichtung des Glockenturms in das 16. Jahrhundert. Teilweise wird eine frühere Errichtung bereits am Ende des 13. Jahrhunderts vermutet. Es wird angenommen, dass die Steine des Glockenturms mit den Fundamentsteinen der Marienkirche identisch sind und aus den Tonvorkommen in Oberlethe stammen. Ihre Herstellung wird den Mönchen des Klosters Hude zugeschrieben.
Im 15. und 16. Jahrhundert lag Wardenburg an der Grenze zum Hochstift Münster und zur Herrschaft Wildeshausen. In dieser Zeit wurde das unbefestigte Dorf, das auf der direkten Verbindungsstraße nach Oldenburg lag, wiederholt von der Münsterschen Armee überfallen. Die Bevölkerung suchte während solcher Angriffe Zuflucht in der Kirche oder auf dem Kirchhof, während ein Wächter vom Glockenturm aus Ausschau hielt. Dies spricht dafür, dass der Glockenturm Verteidigungszwecken diente. Eine Zerstörung im Rahmen einer Münsterschen Fehde ist für 1538 belegt.
Jüngere Geschichte mini|Glockenturm zu Wardenburg, Zeichnung von 1886 von Ludwig Fischbeck Bei einem Sturm erlitt das Gebäude 1703 erhebliche Schäden und drohte in den folgenden Jahren umzustürzen. Die Wiederherstellung des Turms begann erst 1737. Das Ortsbild und der Straßenverlauf Wardenburgs veränderten sich grundlegend, als Anfang der 1930er Jahre die Reichsstraße 69 durch den Ort geführt wurde, um die Verkehrsverbindung zwischen Oldenburg und Vechta auszubauen. Zuvor verlief die Hauptverbindung nach Oldenburg über die ehemalige Lindenallee, die unmittelbar am Glockenturm vorbeiführte und anschließend in einer engen S-Kurve in die heutige Oldenburger Straße einmündete. Mit dem Bau der neuen Straße verlor das Glockenturmviertel seine jahrhundertelange Funktion als Teil der Hauptverkehrsachse des Ortes.
In der Nachkriegszeit veranstaltete der Wardenburger Heimkehrerverband regelmäßig Gedenkaktionen am Glockenturm, um auf das Schicksal der noch in Kriegsgefangenschaft befindlichen Menschen aufmerksam zu machen. Dabei wurden im und vor dem Glockenturm große Kerzen aufgestellt, die über mehrere Stunden brannten.
Während des Orkans Quimburga im November 1972 wurde der Glockenturm beschädigt. Die Schäden wurden zunächst provisorisch behoben. In den folgenden Jahren verschlechterte sich der bauliche Zustand des Bauwerks weiter. Die Wardenburger Werbegemeinschaft verlegte in den 1990ern ihren jährlich stattfindenden Nikolausmarkt vom Glockenturmviertel auf den Parkplatz des Wardenburger Hofes. Zur Begründung verwies sie auf den schlechten Zustand des Viertels, das sie als „Schandfleck von Wardenburg“ bezeichnete.
Seit den 1980er Jahren wurden Pläne zur Sanierung des historischen Ortskerns entwickelt. Einen entsprechenden Antrag brachte zunächst die SPD-Fraktion in den Gemeinderat ein. Nachdem die Gemeinde 1992 mehrere Gebäude im Glockenturmviertel für 1,4 Millionen DM an das Wohnungsunternehmen GSG Oldenburg veräußert hatte, verzögerte sich die Umsetzung des Bebauungsplans um mehrere Jahre. Die Sanierung des Glockenturms und seines unmittelbaren Umfelds wurde schließlich 1997 abgeschlossen. Zur Unterstützung der Restaurierungsarbeiten bestand von 1991 bis 1997 unter der Leitung von Ingrid Oeltjebruns (1935–2011) der ehrenamtliche „Förderkreis zur Restaurierung des alten Glockenturms“. Für die Restaurierung des Bauwerks wurden insgesamt 170.000 DM aufgebracht.
Geschichte der Glocken mini|Marienkirche Wardenburg mit dem Glockenturm im Hintergrund (2006) Der Wardenburger Glockenturm besaß ursprünglich ein Geläut aus drei Glocken. Bei der Zerstörung der Kirche während der Fehde nahmen die Münsterschen Truppen 1538 die mittelalterlichen Glocken aus dem Turm und verkauften sie nach Bremen, wo sich ihre Spur verliert. In den Jahren 1589 und 1594 wurden insgesamt drei neue Glocken gegossen.
Im 20. Jahrhundert ist jedoch nur noch das aus der großen und der kleinen Glocke bestehende Doppelgeläut belegt, da sich die dritte Glocke bereits zuvor nicht mehr in Wardenburg befand. Bis 1960 beherbergte der Glockenturm das Geläut der Kirchengemeinde. Anschließend wurden die Glocken in den neu errichteten Turm der benachbarten Marienkirche umgesetzt.
Anfang 1956 spendeten die in die Vereinigten Staaten ausgewanderten Wardenburger Heinrich Düser und Arthur Ripken jeweils 100 US-Dollar zweckgebunden an die Wardenburger Kirchenverwaltung, um den Einbau einer elektrischen Läutanlage für die große Glocke zu ermöglichen. Bis dahin waren zum Läuten der beiden Glocken zwei Personen erforderlich. Nach der Inbetriebnahme der Anlage genügte eine Person, um die elektrische Anlage zu bedienen und gleichzeitig die kleine Glocke von Hand zu läuten. Die Anlage wurde am 4. März 1956 eingeweiht. Heute läuten in der Marienkirche drei Glocken, die im Kirchturm in einem Glockenstuhl aus Stahl übereinander hängen.
Große Glocke Die ursprünglich im Glockenturm hängende große Glocken trug die Inschrift:
Während des Ersten Weltkriegs wurde 1917 die große Glocke des Glockenturms abgenommen und zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Nach Kriegsende sammelte die Wardenburger Kirchengemeinde 3300 Mark an Spenden, um 1926 eine neue Glocke gießen zu lassen. Diese hatte ein Gewicht von 850 Kilo und einen Durchmesser von 112 Zentimetern. Sie trug die Inschrift: „Kriegsnot zerschlug mich, aus Opfern der Liebe entstand ich.“. Im Jahr 1943 wurde auch diese Glocke im Zuge des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmt, abtransportiert und eingeschmolzen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sammelte die Wardenburger Bevölkerung erneut Spenden in Höhe von 2.600 D-Mark für eine Ersatzglocke. Die Glocken- und Kunstgießerei Rincker fertigte die Glocke im hessischen Dillkreis für 3465 D-Mark an. Anfang 1953 konnte die „Heimkehrerglocke“ vom Kirchenrat am Bahnhof von Sandkrug abgeholt werden. Die Glocke hat ein Gewicht von 582,5 Kilogramm und einen Durchmesser von 101 Zentimetern und wurde mit einem Traktoranhänger transportiert. Am 11. Februar 1953 wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung durch die geöffnete Südseite des Glockenturms in den Turm eingehoben. Sie trägt die Inschrift: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Den Lebenden zur Mahnung, den Toten zum Gedächtnis.“
Mittlere Glocke Die mittlere Glocke gehörte ursprünglich ebenfalls zum Geläut des Wardenburger Glockenturms. Zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt zersprang sie und wurde anschließend nicht mehr für das Geläut verwendet. Nach einer Ausstellung im Niedersächsischem Landesmuseum Hannover (ehemals Provinzialmuseum), wo sie unter der Bezeichnung „Alte Wardenburger Glocke“ ausgestellt war, gelangte sie ins Westfälische Glockenmuseum Gescher. Im 20. Jahrhundert gehörte sie daher bereits nicht mehr zum Wardenburger Geläut, das zu dieser Zeit nur noch aus der großen und der kleinen Glocke bestand.
Kleine Glocke Die kleine Glocke blieb in beiden Weltkriegen erhalten und ist damit die älteste heute noch erhaltene Glocke des ehemaligen Geläuts des Wardenburger Glockenturms. Sie wurde ursprünglich im Jahr 1589 gegossen und trug die Inschrift „Sebold Groning von Erfurt goss mich 1594“. Nach etwa 300 Jahren musste 1807 die Glocke nach einem Sprung neu gegossen werden. Dabei wurde die Inschrift um „1807 hat Adam Levie von Dörgeloh auf Hoven die vor einigen Jahren geborstene Glocke wieder umgiessen lassen durch Alexius Petit in Gescher“ ergänzt.
Architektur und Konstruktion mini|Nordseite des Glockenturms vom Patenbergsweg aus gesehen mit mittelalterlicher Friedhofsmauer (2023) Der freistehende Glockenturm wurde aus großformatigen Backsteinen errichtet. Es handelt sich um einen Backsteinturm mit quadratischem Grundriss und einer mittig angeordneten Rundbogendurchfahrt. Den oberen Abschluss bildet ein Pyramidendach aus dem Jahr 1889.
Das erste Obergeschoss über dem Torbogendurchgang diente als Wachstube. Es ist mit einem Kamin und Wachfenstern ausgestattet und kann nur über eine schmale Treppe in gebückter Haltung erreicht werden. Das niedrige zweite Obergeschoss besteht aus einer verschalten Holzkonstruktion und bildet die Glockenstube. Sie bietet Platz für bis zu drei Glocken.
An der Nordseite des Glockenturms befinden sich mehrere Beschädigungen, die auf Artilleriebeschuss von 1538 zurückgeführt werden. Die Schäden im Bereich der Wachstube sind als entsprechende Ausbesserungen im Mauerwerk noch deutlich erkennbar. Zwei Beschädigungen im Bereich des Torbogens blieben hingegen unverändert erhalten.
Rezeption Übernahme ins Wappen