Die Autorité de sûreté nucléaire et de radioprotection (ASNR) ist die französische Behörde für nukleare Sicherheit und Strahlenschutz. Sie leistet die Forschung und Aufsicht für alle zivilen kerntechnischen Anlagen in Frankreich. Die ASNR entstand am 1. Januar 2025 durch die Zusammenlegung der Autorité de sûreté nucléaire (ASN) mit dem Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire (IRSN).
Geschichte
Vor der Gründung der ASNR war die Zuständigkeit für nukleare Sicherheit und Strahlenschutz in Frankreich auf zwei staatliche Einrichtungen aufgeteilt: das Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire (IRSN) mit etwa 1600 Beschäftigten im Angestelltenstatus war für die wissenschaftliche Expertise zuständig, die Autorité de sûreté nucléaire (ASN) mit etwa 500 beamteten Mitarbeitern für die Ausarbeitung von Vorschriften, die Entscheidung über Einrichtung und Betrieb und die Aufsicht über die Anlagen. Diese Struktur war nach der Katastrophe von Tschernobyl von 1986 und unter Berücksichtigung der Lehren aus ihr geschaffen worden.
Im Februar 2023 beschloss Staatspräsident Emmanuel Macron, die beiden Einrichtungen zu verschmelzen. Das Vorhaben stieß sowohl innerhalb der Einrichtungen, insbesondere des IRSN, dessen Betriebsrat das Projekt ablehnte, als auch in Politik und Öffentlichkeit auf erhebliche Kritik. Die Gegner des Projekts befürchteten unter anderem den Verlust der wissenschaftlichen Unabhängigkeit und Einschränkungen bei der transparenten Veröffentlichung von Forschungsergebnissen.
Schließlich wurde dennoch am 21. Mai 2024 das entsprechende Gesetz nach umfangreichen und turbulenten Debatten vom Parlament mit den Stimmen von Macrons Lager, der bürgerlichen Rechten und des Rassemblement National verabschiedet, und am 1. Januar 2025 entstand die ASNR. Ihr Gründungspräsident wurde Pierre-Marie Abadie, der kurz zuvor, im November 2024, die Nachfolge von Bernard Doroszczuk an der Spitze der ASN angetreten hatte. Abadie war zuvor Leiter der Regierungsagentur ANDRA gewesen, die für die Entsorgung und Lagerung radioaktiven Abfalls zuständig ist. Seine Berufung war vom IRSN begrüßt worden, stieß jedoch bei Gegnern des Endlagerungsprojekts Cigéo, das die ANDRA unter seiner Leitung vorantrieb, auf Kritik aufgrund eines möglichen Interessenkonflikts in seiner neuen Tätigkeit. Ein Teil der Belegschaft des IRSN wechselte im Zuge der Organisationsänderung zur staatlichen Forschungseinrichtung CEA.
Organisation
Die ASNR hat die Rechtsform einer Autorité administrative indépendante (AAI, deutsch etwa „unabhängige Verwaltungsbehörde“). Ihr Hauptsitz ist in Montrouge (Département Hauts-de-Seine) bei Paris. Sie ist in die 11 geographischen Bereiche (Divisions) Bordeaux, Caen, Châlons-en-Champagne, Dijon, Lille, Lyon, Marseille, Nantes, Orléans, Paris und Straßburg aufgeteilt. Dienststellen befinden sich zudem an den Forschungsstandorten Fontenay-aux-Roses und Cadarache, in Le Vésinet für die Umweltüberwachung sowie in Cherbourg, Les Angles und auf Tahiti.
Geleitet wird die ASNR von einem Gremium aus fünf Kommissaren, dem Collège, das Strategie und Doktrin vorgibt und öffentlich zu wichtigen Fragen Stellung nimmt. Es wird geleitet vom Präsidenten der ASNR, der vom Staatspräsidenten ernannt wird. Von den vier weiteren Kommissaren sind zwei ebenfalls vom Staatspräsidenten ernannt sowie jeweils einer vom Senat und von der Nationalversammlung. Das Collège legt dem französischen Parlament Rechenschaft ab. Das Mandat seiner Mitglieder währt 6 Jahre, und sie können nur in Ausnahmesituationen abberufen werden.
Die Leitung und Organisation der Divisionen und sonstigen Einheiten der ASNR obliegt dem Comité exécutif („Exekutiv-Komitee“) unter der Leitung des Generaldirektors. Außer ihm gehören dem Komitee noch zwölf weitere Mitglieder an. Mit Stand vom August 2026 wird das Amt des Präsidenten von Pierre-Marie Abadie bekleidet. Generaldirektor ist Olivier Gupta.
Mit Stand vom Januar 2026 hatte die ASNR 2082 Mitarbeiter, darunter sowohl beamtete (Fonctionnaires) als auch Angestellte. Dazu gehörten mehr als 360 Inspektoren für nukleare Sicherheit und Strahlenschutz, 60 promovierte Wissenschaftler und über 100 Doktoranden und Postdoktoranden. Das Jahresbudget 2026 betrug 366 Millionen Euro.
Aufgaben Die ASNR stellt im Namen des französischen Staats die Überwachung der zivilen Nuklearanlagen und kerntechnischen Aktivitäten sicher und nimmt Aufgaben im Bereich der Begutachtung, Forschung, Ausbildung und Information der Öffentlichkeit wahr.
Die Überwachungsaufgaben erstrecken sich auf technische sowie Verwaltungs- und Organisationsaspekte. Die ASNR trifft Entscheidungen, erlässt Vorschriften, überprüft Anlagen vor Ort und sanktioniert gegebenenfalls Fehlverhalten und Missstände. Sie ist zuständig für Kernkraftwerke, den Umgang mit Kernbrennstoffen und radioaktivem Abfall, den Transport radioaktiven Materials, nuklearmedizinische Einrichtungen, Anlagen in Forschung und Industrie, in denen ionisierende Strahlung erzeugt wird, und vieles mehr.
Die ASNR berät die Regierung bei der Ausarbeitung von Erlassen. Sie bearbeitet und entscheidet alle Anträge auf Einrichtung und Betrieb von Nuklearanlagen, mit Ausnahme von grundsätzlichen Entscheidungen über Großprojekte wie die Errichtung oder Demontage großer kerntechnischer Anlagen.
Sie beurteilt die Risiken für Gesundheit und Umwelt, die von den Anlagen und Aktivitäten in ihrem Kompetenzbereich ausgeht, und ist zuständig für die Überwachung der Umweltradioaktivität sowie für die Aufsicht über Dosimetrie zur Sicherheit von Personen, die in ihrer beruflichen Tätigkeit ionisierter Strahlung ausgesetzt sind. Sie erfasst und überwacht zentralisiert die Daten der Umweltradioaktivitätsmessungen im Land. Sie stammen von staatlichen Stellen, öffentlichen Einrichtungen, Betreibern kerntechnischer Anlagen oder anderen Einrichtungen.
Bei nuklearen Zwischenfällen beurteilt sie Art und Schwere des Vorfalls und die abzusehenden Folgen und berät andere Behörden bezüglich zu ergreifender Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung. Sie überwacht die vom Betreiber ergriffenen Notfallmaßnahmen und informiert Medien und Öffentlichkeit sowie internationale Organisationen. Generell ist sie für die Information der französischen Öffentlichkeit zu Strahlenschutz und nuklearer Sicherheit zuständig. Zu ihren Aufgaben gehört auch die berufliche Aus- und Fortbildung von Personen, die mit ionisierender Strahlung arbeiten.
Die Behörde betreibt Forschung – auch in Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen im In- und Ausland – im Bereich der nuklearen Sicherheit und der Einflüsse ionisierender Strahlung auf Umwelt und menschliche Gesundheit. Sie koordiniert unter anderem das Projekt Pianoforte, die europäische Partnerschaft für die Strahlenschutzforschung, an dem rund 120 Partner aus 22 Mitgliedstaaten der Europäischen Union und assoziierten Ländern beteiligt sind. Ziel des Projekts ist es, die Aktivitäten und Innovationen der Mitgliedsstaaten in der Strahlenschutzforschung voranzutreiben. Das Projekt startete im Mai 2022 und läuft bis Mai 2029.
Weblinks Website (französisch, englisch)
Einzelnachweise
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