Wie ich die Dinge sehe (teilweise auch unter dem deutschsprachigen Titel Wie ich die Sache sehe, Originaltitel: My Side of the Matter) ist die vorletzte Episode innerhalb des Erzählbandes Baum der Nacht und andere Erzählungen von Truman Capote. Erstmals abgedruckt wurde der Text 1945 in dem US-Literaturmagazin Story.Thomas Fahy: A Tree of Night and Other Stories. In: Thomas Fahy: Understanding Truman Capote. University of South Carolina Press, Columbia SC 2014. ISBN 978-1-61117-341-3. S. 16–42. Hier S. 32. Kurzbeschreibung Der sechzehnjährige Ich-Erzähler Mr. Sylvester heiratet die gleichaltrige Marge nach nur vier Tagen Bekanntschaft. Kurz darauf ist Marge schwanger; Sylvester gibt seine Stellung auf und zieht mit ihr zu ihren Tanten Eunice und Olivia-Ann auf eine Baumwollplantage. Dort wird er von den Tanten und teils auch von Marge verachtet: Er darf nicht im Haus schlafen, bekommt schlechtes Essen, und Marge wird gegen ihn aufgehetzt. Nach mehrmonatigem Nervenkrieg eskaliert die Situation und es kommt zu Handgreiflichkeiten, bewaffnet mit Regenschirm, Fleischermesser und Bürgerkriegs-Säbel. Marge wird ohnmächtig, Sylvester nutzt die Ohnmacht und verbarrikadiert sich im Wohnzimmer. Inhalt Der sechzehnjährige Ich-Erzähler Mr. Sylvester hat im Februar des Jahres der HandlungDie Handlung endet damit, dass Sylvester sich im August im Wohn- oder Klavierzimmer verbarrikadiert hat (Capote, Wie ich die Dinge sehe, S. 161–162); die Hochzeit erfolgte sechs Monate zuvor (S. 149). in Mobile die gleichaltrige Marge geehelicht, „nach einer Bekanntschaft von vier Tagen“. Drei Monate später verkündet Marge, dass sie „in anderen Umständen“ wäre. Sylvester gibt seine „ausgezeichnete Stellung als Bankangestellter“ auf und reist mit Marge zu deren beiden Tanten: Eunice und Olivia-Ann, die eine Baumwollplantage betreiben. „Als ich dieses Haus zum erstenmal sah, war ich sehr beeindruckt, muß ich sagen. Es ist groß und gelb und hat richtige Säulen an der Vorderfront, und der Garten ist von roten und weißen japanischen Rosen umsäumt.“ Beeindruckt ist Sylvester auch von der ihm zugedachten Begrüßung: Tante Eunice meint zu Marge, sie hätte sich „wohl den Kleinsten vom ganzen Wurf erwischt. Das ist doch kein Mann!“ Tante Olivia-Ann sekundiert: „Komische Idee von diesem kleinen Zwerg, herumzulaufen und zu behaupten, daß er ein Mann sei. Bah, der ist nicht mal männlichen Geschlechts.“ Ein wenig später wundert sich Olivia-Ann über die beiden Sechzehnjährigen: „Wie kann ein Mädchen von einem Mädchen ein Kund bekommen?“ Bei seiner Ehefrau schlafen darf Sylvester ebenfalls nicht; stattdessen erhält er ein Feldbett auf der Veranda. „Den Mai, Juni, Juli und fast den ganzen August über hab‘ ich mich auf dieser verfluchten hinteren Veranda herumgedrückt und bin vor Hitze fast umgekommen“. Das Essen, dass ihm die beiden Südstaaten-Tanten vergönnen, findet er ebenfalls beklagenswert, denn in jener Zeit hat er „fast ausschließlich von kalten Yamwurzeln und übriggebliebener Grütze gelebt“. Das allerdings empfindet er nicht als das Schlimmste. Sondern das, „was Eunice mit Marge angestellt hat, schlägt wirklich dem Faß den Boden aus. Sie hat das Mädchen in der schändlichsten Weise gegen mich aufgehetzt, das ist mit Worten nicht zu beschreiben. Ha, Marge war auch schon so weit, daß sie frech zu mir wurde, aber ich verabreichte ihr eine Tracht Prügel und machte dem somit ein Ende.“

Abgesehen davon, dass Sylvester während seines Aufenthalts Tante Olivia-Ann ein freundliches Alibi dafür gab, dass sie absichtlich Eunices Kanarienvogel ins Freie verscheuchte, ist die Stimmung alles in allem nicht die beste, als es am „Sonntag, dem 12. August dieses Jahres“ zur Eskalation kommt. „Genau um zwei Uhr“ weilt Sylvester am Klavier „im Wohnzimmer“, ist „völlig mit mir selbst beschäftigt, komponierte ein Lied“. Olivia-Ann kommt in den Raum: „Hör sofort mit diesem höllischen Spektakel auf! […] Es ist nicht dein Klavier, es ist mein Klavier“. Sylvester weist Olivia-Ann im Hinblick auf den entfleuchten Kanarienvogel darauf hin, „daß ich im Besitz von ein paar recht interessanten Geschichten bin“, woraufhin sich Olivia-Ann empört und anschließend den Raum verlässt. Sie kommt mit Verstärkung wieder, nämlich Eunice, Marge und der schwarzen Bediensteten Bluebell, die bekundet, sie habe genug davon, Sylvesters „schmutziges Waschwasser auszuschütten“, woraufhin Sylvester Oliva-Anns Regenschirm nimmt und ihn Bluebell „über den Kopf“ schlägt, „daß er in zwei Stücke zerbrach.“ Olivia-Ann bekundet, ihr Fleischermesser holen zu wollen, Sylvester reißt sie zu Boden, Eunice schreit: „Er bringt sie um!“ Die einzige wirkliche Waffe im Raum hängt an der Wand: ein Bürgerkriegs-Säbel von Eunices Papa. „Marge nimmt also Papas Säbel und gibt ihn Eunice. Da red mir noch einer von Weibertreue!“ Anschließend „rast Eunice durch die Gegend und schlägt wie wild mit dem Säbel ihres Papas um sich. Irgendwie ist es mir gelungen, auf das Klavier zu flüchten. Darauf steigt Eunice auf den Klavierhocker“ und bedroht Sylvester weiter mit dem Säbel. „Inzwischen hat sich Bluebell erholt. Sie ist davongelaufen, um mit Olivia-Ann zusammen im Vorgarten Gottesdienst zu halten. Ich nehme an, daß sie auf meinen Leichnam gewartet haben, und Gott weiß, ob sie ihn nicht bekommen hätten, wenn Marge nicht ohnmächtig geworden wäre“, die man dann auf ihr Zimmer brachte, so dass Sylvester die Zeit nutzte, sich im Wohnzimmer zu verbarrikadieren, zusammen mit einem „Fünf-Pfund-Karton mit Sweet-Love-Candy […]. Manchmal kommen sie an die Tür und klopfen und schreien und bitten. O ja, sie sind auf einen ganz anderen Ton verfallen. Aber was mich betrifft – ich spiele von Zeit zu Zeit ein Liedchen auf dem Klavier. Sie sollen wissen, daß es mir gutgeht“, endet der Text. Textanalyse Bei Wie ich die Dinge sehe handelt es sich um eine in Ich-Form erzählte Kurzgeschichte. Hauptort der Handlung ist die fiktive Gemeinde Admiral’s Mill in Alabama, und zwar im äußersten Osten dieses US-Bundesstaates.Es wird erwähnt, dass Olivia-Anns Klavierlehrer aus Columbus (Georgia) anreise (Capote, Wie ich die Dinge sehe, S. 157). Hinzu kommt, dass Sylvester und Marge am ersten Abend ihres Aufenthalts „nach Phoenix City ins Kino“ wollen (evtl. für Phenix City, S. 153) und Bluebells Klageton „bis Eufala und wieder zurück“ erschalle (evtl. für Eufaula, S. 159). Aus der Rede von einem „so gut wie neuen 1934er Chevrolet“ und einem Film mit Judy Garland lässt sich schließen, dass die Handlung in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre stattfindet. Themen Zentrale Themen der Kurzgeschichte sind Demütigung in familiären Beziehungen, das „Problem […] der männlichen Angst vor weiblicher Macht“,„issue of […] male anxiety about female power“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories. S. 41. Männlichkeitsbilder und Bodyshaming („kein Mann“, „Zwerg“), Gewalt und Eskalation, Isolation und Entfremdung. Die Perspektive des Ich-Erzählers bringt hierbei Ironie und unzuverlässiges Erzählen mit sich: Selbst beschimpft und gedemütigt, verwendet er in seiner Erzählung demütigende Bezeichnungen, minimiert eigenes Fehlverhalten (z. B. Prügel gegen Marge) und präsentiert seine Sicht als Fakten. Hauptfiguren Mr. Sylvester: Dieser 16-jährige Ich-Erzähler ist nach eigenem Bekunden „ein bißchen untersetzt, aber ich hab‘ ja auch noch nicht meine volle Größe.“ Verdächtig oft erwähnt er seine für Marge aufgegebene „ausgezeichnete Stellung als Bankangestellter“, die er in dem 342 Einwohner zählenden Tanten-Wohnort Admiral’s Mill nicht ausüben zu können vorgibt, so dass er lieber am Klavier komponiert. Marge: Diese 16-jährige Ehefrau von Sylvester „sieht nicht besonders aus, hat keine gute Figur und kein bißchen Verstand. Aber Marge ist naturblond, und das erklärt vielleicht alles.“ Eunice: Diese Tante von Marge ist „ein dickes, altes, fettes Weib mit einem Hinterteil, das gut seine zwei Zentner wiegt“ sowie „Nilpferdhüften“. Sie pflegt ihre Scheinarmut: Zwar hat sie „eine Menge Geld“, gibt aber vor, „sie hätte keins“, wogegen neben der großangelegten Behausung ein Zufallsfund des Ich-Erzählers von 1000 US-Dollar „in einem Blumentopf“ spricht. Olivia-Ann: Diese 52-jährige Tante von Marge „geht einem nicht so auf die Nerven wie Eunice, denn sie ist von Natur aus ein Halbidiot“, spricht „mit ihrer dröhnenden Stimme, die sich anhört wie der Schrei eines Esels bei der Paarung“ und ist „ganz blass und mager und hat einen Schnurrbart“. Rezeption „Grotesk“ nannte der Anglist Wolfgang G. Müller im Metzler-Lexikon amerikanischer Autoren diese Satire.Wolfgang G. Müller: Capote, Truman. In: Bernd Engler, Kurt Müller (Hrsg.): Metzler-Lexikon amerikanischer Autoren. Metzler, Stuttgart 2000. ISBN 3-476-01654-4. S. 119–122. Hier S. 120. Auch der Literaturwissenschaftler Thomas Fahy (Long Island University) entdeckte den „Humor“ in dieser Erzählung, meinte jedoch: „Der Humor entsteht zum Teil aus dem Kontrast zwischen den Vorurteilen des Erzählers und den Tatsachen, die er unbeabsichtigt über sich selbst in Bezug auf seine eigene Faulheit, seinen Rassismus und seine Frauenfeindlichkeit offenbart“,„humor comes in part from the contrast between the narrator's biases and the facts that he unintentionally reveals about himself concerning his own laziness, racism, and misogyny“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories. S. 41. wobei Fahy nicht weiter thematisiert, dass der vom Ich-Erzähler betriebenen finanz- und gewichtsbezogenen Stigmatisierung Eunices, der geringen Meinung über die Intelligenz von Marge und Olivia-Ann sowie der Beschimpfung von Bluebell als „Niggerweib“ die eigene Beschimpfung als „Zwerg […] nicht mal männlichen Geschlechts“ und „Mädchen“ vorangeht sowie als solche empfundene Demütigungen hinsichtlich Verpflegung und Unterkunft. Literatur Thomas Fahy: A Tree of Night and Other Stories. In: Thomas Fahy: Understanding Truman Capote. University of South Carolina Press, Columbia SC 2014. ISBN 978-1-61117-341-3. S. 16–42. Deutschsprachige Textausgaben Wie ich die Sache sehe. In: Truman Capote: Baum der Nacht. Alle Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner. Kein & Aber, Zürich 2014. ISBN 978-3-0369-5920-7. S. 74–90 Wie ich die Dinge sehe. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 149–162. Wie ich die Dinge sehe. In: Truman Capote: Gesammelte Erzählungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1970. ISBN 3-498-09054-2. S. 53–64. Wie ich die Dinge sehe. In: Baum der Nacht und andere Erzählungen. Aus dem Amerikanischen übertragen von Liselotte Fassbinder. Limes-Verlag, Wiesbaden 1957. S. 150–163. Weblinks Volltext (spanischsprachig) Einzelnachweise Truman Capote: Wie ich die Dinge sehe. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 149–162.

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