Protais Mpiranya (* 30. Mai 1956 in der Zelle Shaki, Gemeinde Giciye, Präfektur Gisenyi, Ruanda, als Protais Lizahanande; † 5. Oktober 2006 in Harare, Simbabwe) war ein ruandischer Militär und von April 1993 an bis zum Ende des ruandischen Bürgerkriegs Kommandeur der Präsidentengarde der ruandischen Streitkräfte. Er gilt als einer der Haupttäter des Völkermords in Ruanda 1994 und war eine der vom Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR) und seiner Nachfolgeorganisation, dem Internationalen Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe (MICT), meistgesuchten Personen. Ihm wurden Völkermord, Beteiligung am Völkermord, Mord – auch als Verletzung der Genfer Konvention –, Vergewaltigung, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und andere schwere Verbrechen vorgeworfen. Erst 2022 konnte ermittelt werden, dass Mpiranya 2006 in Simbabwe gestorben war, wo er seit 2002 gelebt hatte. Er war der letzte vom MICT gesuchte Haupttäter des ruandischen Völkermords.
Leben
Herkunft und Ausbildung
Protais Lizahanande wurde am 30. Mai 1956 (nach anderen Angaben im Jahr 1960) in Shaki in der Gemeinde Giciye, Präfektur Gisenyi, in Ruanda geboren. Er nahm später den Familiennamen seines verstorbenen Bruders Mathias Mpiranya an. Aus derselben Region stammten auch der 1973 durch einen Putsch an die Macht gelangte Präsident Juvénal Habyarimana, Anführer des rassistisch-extremistischen Regimes in Ruanda, sowie mehrere ranghohe Vertreter der dem Regime zugrunde liegenden Hutu-Power-Bewegung im ruandischen Militär.
Von 1979 an absolvierte Protais Mpiranya eine vierjährige Ausbildung zum Offizier an der ruandischen Militärakademie École supérieure militaire. Anschließend trat er in die ruandische Gendarmerie ein. 1991 wurde er zur Präsidentengarde versetzt. Im April 1993 wurde Mpiranya das Kommando über die Präsidentengarde übertragen.
Rolle beim Völkermord und Bürgerkrieg in Ruanda
Als mit dem Abschuss des Präsidentenflugzeugs in Ruanda am 6. April 1994, bei dem Staatschef Habyarimana ums Leben kam, der Völkermord in Ruanda begann, spielte die von Mpiranya geleitete Präsidentengarde eine entscheidende Rolle bei den begangenen Verbrechen. Binnen Stunden führte sie einen organisierten Schlag gegen bedeutende Oppositionspolitiker aus, verhinderte so die Bildung einer auf breiter Basis beruhenden Übergangsregierung und ermordete politische Schlüsselfiguren, die zur Ruhe aufgerufen hatten und den Völkermord hätten verhindern können.
In den frühen Morgenstunden des 7. April 1994 ermordeten Angehörige der Präsidentengarde unter Mpiranyas Kommando die Premierministerin Agathe Uwilingiyimana. Anschließend nahmen sie zehn belgische UN-Soldaten gefangen, die Uwilingiyiamanas Residenz bewachten, und brachten auch diese um. Die Präsidentengarde ermordete weiterhin den Informationsminister Faustin Rucogoza (Mouvement Démocratique Républicain), den Vizepräsidenten des Parti Social Démocrate (PSD), Félicien Ngango, den Arbeitsminister und stellvertretenden Vorsitzenden des Parti Libéral, Landouald Ndasingwa, den Vorsitzenden des Verfassungsgerichts, Joseph Kavaruganda, und den Landwirtschaftsminister und PSD-Vorsitzenden Frédéric Nzamurambaho.
In den folgenden Tagen und Wochen beteiligte sich die Präsidentengarde an der massenhaften Ermordung und Vergewaltigung von Menschen insbesondere der Tutsi-Ethnie, oft gemeinsam mit Interahamwe-Milizen.
1994–1998: Flucht
Anfang Juli 1994 erlangte die oppositionelle, gegen die am Völkermord beteiligten ruandischen Streitkräfte kämpfende Ruandische Patriotische Front (RPF) die Kontrolle über das Land, womit der Genozid endete. Große Teile der besiegten ruandischen Armee sowie Angehörige der Regierung und zivile Flüchtlinge, vornehmlich Hutu, flohen in das benachbarte Zaire. Zu ihnen gehörte auch Mpiranya. Im September 1994 bekam er für sich und seine Familienangehörigen Reisepässe und reiste Anfang Oktober 1994 nach Kamerun ein, in dessen Hauptstadt Yaoundé er sich dann aufhielt.
Nach der Verhaftung von Théoneste Bagosora, eines führenden Planers des Völkermords, in Kamerun floh Mpiranya im März 1996 aus dem Land, bevor kamerunische Behörden seinen Wohnsitz durchsuchten. Seine Familie verblieb zunächst in Kamerun, während er selbst zwischen Zaire (ab Mai 1997 Demokratische Republik Kongo, RDC), Kongo-Brazzaville, der Zentralafrikanischen Republik und Kamerun hin- und herreiste.
1998–2002: Zweiter Kongokrieg
1998 brach in der Demokratischen Republik Kongo der Zweite Kongokrieg aus, in dem Ruanda – nun unter der Herrschaft der RPF – und Uganda die kongolesische Opposition unterstützten, wohingegen die Regierung der RDC von Simbabwe, Angola, Namibia und dem Tschad Unterstützung bekam. Viele der am ruandischen Genozid beteiligten ehemaligen Angehörigen der ruandischen Armee formierten sich unter dem Namen Forces Démocratiques de Libération du Rwanda (FDLR, „Demokratische Befreiungskräfte Ruandas“) und traten an der Seite der RDC-Regierung in den Krieg ein.
Auch Mpiranya kehrte in die RDC zurück und schloss sich den FDLR an, in denen er das Kommando über einen als „Horizont-Brigade“ bekannten Verband bekam. Er beschaffte sich Papiere unter dem falschen Namen Alain Hirwa und war in der Truppe als „Kommandant Alain“ bekannt. Bei seinen Soldaten war er beliebt. Die Horizont-Brigade galt als kampfstark. Sie wurde im Verbund mit Kräften der simbabwischen Streitkräfte (Zimbabwe Defence Forces, ZDF) im Norden der Provinzen Kasai und Katanga zur Verteidigung strategisch bedeutender Stellungen auf der Verbindungslinie Kinshasa–Lubumbashi eingesetzt, darunter Mbuji-Mayi – dessen Diamantenabbauanlagen sie gemeinsam mit den ZDF schützte –, Pweto, Kamina und Kabinda. Mpiranya hatte eine wichtige Verbindungsrolle zwischen FDLR und ZDF inne und baute Beziehungen zu einflussreichen simbabwischen Militärs auf. Mindestens einmal begab er sich bereits in dieser Zeit nach Simbabwe.
2002–2006: Flucht nach Simbabwe und Leben dort
Nachdem ab Sommer 2002 Friedensbemühungen für den Kongo zum Abzug der ausländischen Streitkräfte aus dem Land geführt hatten und die RDC insbesondere auch mit Ruanda ein Abkommen geschlossen hatte, waren die FDLR im Kongo fortan unerwünscht. Im September 2002 wurde Tharcisse Renzaho, Mpiranyas direkter FDLR-Vorgesetzter, verhaftet und dem ICTR überstellt. In demselben Monat erließ der ICTR, der bereits im Januar 2000 Anklage gegen Mpiranya erhoben hatte, öffentlich einen Haftbefehl gegen ihn. Mpiranya floh daraufhin Ende 2002 nach Simbabwe, wobei simbabwische Stellen behilflich waren. Zeugenaussagen zufolge brachte ihn ein simbabwisches Militärflugzeug von Mbuji-Mayi nach Harare. Mpiranya sorgte auch dafür, dass seine engsten Mitarbeiter ebenfalls Zuflucht dort fanden. Mpiranyas Ehefrau und Töchter verließen Kamerun über Kinshasa ebenfalls nach Simbabwe, von wo aus sie später ins Vereinigte Königreich ausreisten. Auch Mpiranyas Schwägerin verließ Kamerun und ließ sich in Simbabwe nieder.
In Simbabwe lebte Mpiranya in der Hauptstadt Harare und war weiterhin für die FDLR tätig. Es gelang ihm, einen falschen ugandischen Pass unter dem Namen James Kakule zu bekommen. Er pflegte auch weiterhin Beziehungen zu den ZDF. Mit seiner Schwägerin führte er ein Geschäft. Seine Ehefrau besuchte ihn zweimal, 2003 und 2004, das zweite Mal begleitet von den gemeinsamen Töchtern. Die Verfolgung durch den ICTR schränkte allerdings seine Bewegungsfreiheit stark ein und führte zum Verlust seines früheren Ansehens und Prestiges. Er konnte nur noch einem engen Personenkreis trauen und lebte in Angst vor Enttarnung und Ergreifung. Nach Recherchen der britischen Zeitung The Guardian lief auch sein Geschäft – ein Transportunternehmen mit zwei Kleinbussen – nicht gut. Nachdem Familienangehörige die Aufgaben der zunächst beschäftigten Angestellten hatten übernehmen müssen, fielen schließlich beide Fahrzeuge aus, und es fehlten die Mittel, sie zu reparieren. Sein Vermögen fiel großenteils der hohen Inflation in Simbabwe zum Opfer. Nachdem er in Harare ursprünglich eine Villa bewohnt hatte, musste die Familie zweimal in bescheidenere Wohnungen umziehen, zunächst in ein Appartement in demselben Viertel und dann in eine weniger wohlhabende Gegend.
Tod, Verschleierung und Aufdeckung
In der zweiten Hälfte des Jahres 2006 erkrankte Mpiranya an Lungentuberkulose und wurde unter dem Namen Ndume Sambao in ein Krankenhaus in Harare eingeliefert. Dort starb er am 5. Oktober 2006. Das Begräbnis wurde von seinen Vertrauten organisiert; seine Ehefrau reiste aus Großbritannien an. Am 17. Oktober 2006 fand eine Trauerfeier im engsten Kreis statt. Mpiranya wurde anschließend unter dem Namen Ndume Sambao auf dem Friedhof Granville am südlichen Rand Harares beerdigt.
Auch nach Mpiranyas Tod verheimlichten seine Vertrauten und seine Familienangehörigen mit einigem Aufwand seinen Tod und Bestattungsort. Unter anderem machten sie gegenüber Ermittlern Falschaussagen und instruierten andere Personen, die Kenntnis von Mpiranyas Aufenthalt und Tod in Harare hatten, diesbezüglich ebenfalls die Unwahrheit zu sagen. Mpiranyas Grabstein wurde bewusst so gestaltet, dass er nicht als ihm zugehörig zu erkennen war. Dass die Personen in Mpiranyas Umfeld den Tod und die Umstände auch weiterhin geheim hielten, führten UN-Ermittler später zum einen darauf zurück, dass sie die Moral der in der RDC verbliebenen Hutu-Kräfte nicht schwächen wollten, zum anderen darauf, dass sie fürchteten, sich damit selbst zu schaden, da mehrere von ihnen in der EU unter falschen Angaben Asyl gewährt bekommen hatten. Andererseits war bereits 2010 ein Protais Mpiranya als Autor zugeschriebenes Buch mit dem Titel Rwanda, le paradis perdu („Ruanda, das verlorene Paradies“) erschienen, in dessen Vorwort der in Frankreich lebende ehemalige ruandische Offizier Faustin Ntilikina erklärte, Mpiranya sei am 5. Oktober 2006 an einer Krankheit gestorben. Ntilikina machte jedoch weder Angaben zur Art des Leidens noch zum Sterbeort oder letzten Aufenthalt Mpiranyas.
Die Ermittler des MICT gingen bis ins Jahr 2021 davon aus, dass Mpiranya noch am Leben sei und sich in Simbabwe aufhalte. Viele Jahre lang hatten sie die simbabwischen Behörden ersucht, ihn auszuliefern. Auch nach der Entmachtung von Staatschef Robert Mugabe 2017 waren diese Versuche jedoch vergeblich geblieben. Erst im September 2021 führte die Beschlagnahmung eines Computers und anderen Materials in einem nicht öffentlich gemachten Land in Europa zu Hinweisen darauf, dass Mpiranya im Oktober 2006 in Simbabwe gestorben war. Ein Foto zeigte zudem eine Skizze für die Anfertigung des Grabsteins, die es ihnen schließlich gestattete, das Grab zu finden. Am 27. April 2022 wurde es geöffnet, und es wurden Gewebeproben entnommen. Eine DNA-Analyse bestätigte, dass es sich bei den sterblichen Überresten um diejenigen Mpiranyas handelte. Am 12. Mai 2022 konnten die Ermittler des MICT den Tod Mpiranyas bestätigen. Am 14. September schloss der MICT durch richterliche Entscheidung das Verfahren gegen Mpiranya endgültig ab.
Mpiranya war der letzte als Hauptverantwortlicher für den ruandischen Völkermord Gesuchte. Mit dem Abschluss seines Falls blieben noch fünf Beschuldigte auf der Fahndungsliste des MICT. Im Mai 2024 wurde, von der Weltöffentlichkeit wenig beachtet, bekannt, dass das Fahndungsteam unter MICT-Chefankläger Serge Brammertz mittlerweile herausgefunden hatte, dass alle noch nicht lokalisierten Gesuchten mit Sicherheit verstorben waren und damit seine Arbeit abgeschlossen war.
Schriften
Einzelnachweise
Kategorie:Militärperson (Ruanda) Kategorie:Täter des Völkermords in Ruanda Kategorie:Ruander Kategorie:Geboren 1956 Kategorie:Gestorben 2006 Kategorie:Mann