Georg Habenicht (* 27. Juni 1967 in Oldenburg) ist ein deutscher Kunsthistoriker und Historiker.

Leben

Habenicht wurde als Sohn eines Oberstaatsanwaltes und als jüngstes von fünf Kindern kurz nach seinem Zwillingsbruder Stefan geboren. Schon in jungen Jahren begann er, sich für die Baukunst und darstellende Kunst insbesondere des Mittelalters zu begeistern. Zu seinen Schulfreunden zählte Martin Revermann.

Er studierte ab dem Sommersemester 1988 zunächst in Konstanz, später in Marburg und schließlich in Göttingen bei Hartmut Boockmann, Karl Arndt und Matthias Thiel Mittlere und Neuere Geschichte, Kunstgeschichte und Historische Hilfswissenschaften.

Besonders prägend war für Habenicht in Göttingen ein philosophischer Salon, dem neben seinem Zwillingsbruder auch Jens Meyer (später tätig bei der Stiftung Wissenschaft und Politik) und die angehenden Juristen Dietmar Buschhaus und Michael Neef angehörten.

1999 wurde er mit einer Studie über Die ungefassten Altarwerke des ausgehenden Mittelalters und der Dürerzeit promoviert.eDiss 2002, http://hdl.handle.net/11858/00-1735-0000- 0006-B385-4 Gemeinsam unter anderem mit Harald Wolter-von dem Knesebeck war er Teilnehmer beim Graduiertenkolleg Kirche und Gesellschaft im Hl. Römischen Reich des 15. und 16. Jahrhunderts der Universität Göttingen.

2002 wechselte Habenicht in die Wirtschaft, wo er für den Filmverleiher und Medienkonzern Kinowelt, gegründet von Michael und Rainer Kölmel, tätig war.

2014 erschien sein Standardwerk zu den spätmittelalterlichen Flügelaltären Die Heilsmaschine – Der Flügelaltar und sein PersonalVgl. dazu Bünz, Enno: Rezension über: Georg Habenicht, Die Heilsmaschine. Der Flügelaltar und sein Personal, Petersberg: Imhof, 2014, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte, 87 (2016), S. 376-83. https://www.recensio-regio.net/rezensionen/zeitschriften/nasg/87-2016/ReviewMonograph502468970/@@generate-pdf-recension?language=de, an dem Habenicht zehn Jahre schrieb.

2020 erschien Habenichts Abhandlung Ablass – Wertpapier der Gnade. Wie es zur Reformation kommen musste.

2023 griff er auf Anfrage in den Naumburger Bilderstreit ein. Er konnte durch eigene archivalische Recherchen im Naumburger Stiftsarchiv den durch Holger Kunde und Matthias Ludwig entdeckten Befund bestätigen, dass auf dem Hochaltar im berühmten Naumburger Westchor ein gemaltes Hochaltarretabel von der Hand Lucas Cranachs stand. Die erhaltenen Flügel des Retabels verband der Leipziger Maler Michael Triegel in freier Nachahmung zu einem neuen Altaraufsatz, der für Furore sorgte. Aufgrund der Stellungnahme Habenichts wurde das nach Klosterneuburg bei Wien evakuierte Cranach-Triegel-Retabel Ende 2023 wieder im Westchor aufgestellt.Habenicht 2023; dazu auch Berndt Hamm, Denkmalpflege auf dem Prüfstand. Georg Habenicht inszeniert ein Drama über Kunst, Wissenschaft und Verblendung: Die skandalöse Entfernung des Triegel-Cranach-Altarbildes aus dem Naumburger Dom. In: Neues Archiv für Sächsische Geschichte 94, 2023.

Habenicht lebt in Warendorf. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kunstwissenschaft

In lebenslanger Auseinandersetzung hat Habenicht sich der Kunst des Spätmittelalters und insbesondere dem Flügelretabel, dessen künstlerischem Leitmedium, verschrieben.

In seiner Dissertation befasste er sich mit den ungefassten, unbemalten und nichtvergoldeten Schnitzretabeln, die mit Namen wie Veit Stoß und Tilman Riemenschneider verknüpft sind. Er konnte philologisch nachweisen, dass der in der früheren Forschung als Kronzeuge herangeführte Beleg für gewollte Holzsichtigkeit, der lateinische Anniversareintrag des Nürnberger Karmeliter-Priors Andreas Stoß, als solcher nicht sticht.Habenicht 1997

In späteren Publikationen vertiefte Habenicht das Wissen um die ungefassten Altarretabel entscheidend.Habenicht 2016 So identifizierte er nicht weniger als 191 Altarretabel oder größere Skulpturengruppen, die vor 1540 über dem Altar im Kirchenraum ohne Fassung und Bemalung aufgestellt wurden, was etwa einem Anteil von 30 Prozent aller neu angefertigten Schnitzretabeln entsprach.Habenicht 2923, S. 169 Ihr unfertiger Zustand beförderte die Spendenbereitschaft der Gläubigen, sodass schließlich die Fassung, Bemalung und Vergoldung erfolgen konnten, die in der Regel doppelt so teuer waren wie alles Schnitzwerk. Die Dauer der provisorischen Aufstellung lag bei durchschnittlich rund zehn Jahren, konnte aber auch 40 Jahre und mehr betragen.Habenicht 2023, S. 169

Habenicht gelang außerdem der Nachweis, dass die unfertigen Flügelretabel liturgisch voll funktionsfähig waren und gewandelt wurden. Auch die ungefassten Altarretabel standen die meiste Zeit mit verschlossenen Flügeln, obschon die Außenseiten nackt waren, das heißt keine Gemälde trugen.Habenicht 2021, S. 298–321; Habenicht 2023, S. 182; Frank Matthias Kammel (Hg.), Veit Stoß, Tilman Riemenschneider und der Münnerstädter Altar: Kunst & Kapitalverbrechen. München 2020, S. 41–44 (Matthias Weniger)

Geschichtswissenschaft Habenicht erstpublizierte zahlreiche Quellen, darunter das Mesnerpflichtbuch zu Tilman Riemenschneiders Altarretabeln in der fränkischen Reichsstadt Windsheim.Habenicht 2001, S. 1–27

2017 entdeckte er im Stadtarchiv Nördlingen Akten zu einer Plenarablassfeier der Reichsstadt aus dem Jahr 1480. Das Konvolut beinhaltet den Aufbruch der Nördlinger Delegation nach Rom, die Verhandlungen dort, die Rückkehr, Protokolle über Beratungen zum weiteren Vorgehen, die Korrespondenz mit Augsburger Druckern, reitenden Boten, welche den Plenarablass in ganz Süddeutschland anschlugen, Sicherheitskonzepte, Durchführung der Feierlichkeiten sowie Listen und Abrechnungen aller Art. Singulär sind die erhaltenen Plakate mit den Namen der Beichtväter. Sie wurden mit Wachs an die Beichtstühle geheftet. Die Nördlinger rechneten mit 40.000 Besuchern und ließen dazu 57.205 Ablassmedien drucken.Habenicht 2020 Das Material beinhaltet die umfassendste Überlieferung einer Plenarablassfeier diesseits der Alpen. Habenicht überließ seine umfangreichen Transkriptionen des Quellenmaterials dem Historiker und Ablassexperten Hartmut Kühne, der es 2027/28 publizieren wird.

In seiner Publikation zum Ablass von 2020 legt Habenicht dar, dass der verbriefte Ablass, der sogenannte Beichtzettel, eine Gutschrift beziehungsweise einen Schuldschein beinhaltet, vergleichbar mit einem Geldschein. Infolgedessen funktionierte das päpstliche Ablasssystem wie ein Kreditinstitut. Wie jedes moderne monetäre Fiatfinanzsystem basierte auch das Ablasssystem auf Kredit, sprich: Schuld und Glaube. Eine Konsequenz der Fiat-Architektur ist die Neigung zur Blasenbildung. Habenicht interpretiert die Reformation deshalb als Wertpapierblase, die Martin Luther zum Platzen gebracht hat. Habenicht vertiefte seinen monetären Ansatz in dem Essay 1521. Europas erster Wertpapierkollaps.Habenicht 2022 Beide Werke wurden von prominenter finanzökonomischer Seite rezipiert; Thomas Mayer beurteilte sie als genial.Thomas Mayer, „Wertpapier der Gnade“ – die Lehren aus dem Ablasshandel für unsere Geldpolitik. In: WELT vom 27. März 2021, https://www.welt.de/finanzen/article229215425/Thomas-Mayer-Was-Ablasshandel-und-Geldschwemme-gemeinsam-haben.html; Thomas Mayer, Die Kirche geschöpfte Gnade, die EZB, Geld – Jetzt droht uns das Beichtbrief-Fiasko. In: WELT vom 7. Oktober 2022, https://www.welt.de/wirtschaft/plus241402233/Die-Kirche-schoepfte-Gnade-die-EZB-Geld-Jetzt-droht-das-Beichtbrief-Fiasko.html?icid=search.product.onsitesearch

Werke Selbständige Publikationen (Monographien)

Die ungefassten Altarwerke des ausgehenden Mittelalters und der Dürerzeit. Georg-August-Universität Göttingen: eDiss 2002, http://hdl.handle.net/11858/00-1735-0000-0006-B385-4

Die Heilsmaschine – Der Flügelaltar und sein Personal. Petersberg 2014.

Das ungefasste Altarretabel. Programm oder Provisorium. Petersberg 2016.

Im Bildsturm. Zum Standort von Kunstgeschichte und Geschichte. Petersberg 2017.

Ablass: Wertpapier der Gnade. Wie es zur Reformation kommen musste. Petersberg 2020.

1521. Europas erster Wertpapierkollaps. Petersberg 2022.

Der Naumburger Bilderstreich zum Triegel-Cranach-Altar. Ein Kunststück in fünf Aufzügen. Petersberg 2023.

Denkwende. Petersberg 2023.

Unselbständige Publikationen (Auswahl)

Anmerkungen zum ungefassten Zustand des sogenannten Bamberger Altars. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte Bd. 60, 1997, S. 482–513.

Gottesdienstliches Leben in Windsheim vor der Reformation. Die Windsheimer Kirchner- und Organistenordnung. Edition in: Zeitschrift für Bayerische Kirchengeschichte Bd. 70, 2001, S. 1–27.

Die Einwölbung der Kirche St. Peter und Paul in Görlitz (1490–1497). In: Tomasz Torbus (Hg.), Die Kunst im Markgraftum Oberlausitz während der Jagiellonenherrschaft. Studia Jagellonica Lipsiensia Bd. 3. Ostfildern 2006, S. 47–60.

Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen II, Westfalen. Wissenschaftliche Leitung: Ursula Quednau, München 2011 (Mitautor).

Riemenschneider uncolored. In: Gregory Bryda and Katherine Boivin (Ed.), Riemenschneider in situ. Brepols Publisher Turnhout 2021, p. 298–321.

Riemenschneider im Würzburger Dom: Hochaltarciborium, Kolossalkruzifix und weitere Hauptwerke. In: Enno Bünz, Wolfgang Weiß (Hg.), Bischof Lorenz von Bibra (1495–1519) und seine Zeit. Herrschaft, Kirche und Kultur im Umbruch. Echter Verlag, Würzburg 2021, S. 469–529.

Der Bordesholmer Altar als Investitionsruine.In: Uta Kuhl (Hg.), Der Bordesholmer Altar. Publikation zur internationalen Tagung 2022 in Schleswig. Petersberg 2023, S. 166–187.

Hochkultur trifft Denkmalpflege — Die Wurzel des Naumburger Welterbestreits. In: Katrin von Welck und Andreas Ranft (Hg.), Das Cranach-Triegel-Retabel im Westchor des Naumburger Doms. Geschichte — Deutung— Wirkung. Petersberg 2023.

Weblinks https://www.imhofverlag.de/buecher/1521-europas-erster-wertpapierkollaps/ https://www.youtube.com/watch?v=SCAFMY2owwk

Einzelnachweise

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