Petljura-Tage bezeichnet die Verhaftungen und Morde an Juden in Lemberg, die nach der Besetzung der Stadt durch die Wehrmacht infolge des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion im Jahr 1941 stattfanden. Die Ereignisse waren mit Plünderungen jüdischer Wohnungen und der Zerstörung ihres Eigentums verbunden. Sie wurden von den deutschen Besatzungsbehörden geplant und organisiert, unter Beteiligung der ukrainischen Miliz sowie ukrainischer ziviler Milizionäre aus den Dörfern um Lemberg. Die Aktionen fanden vom 25. bis 27. beziehungsweise bis zum 28. Juli 1941 statt.

Die umgangssprachliche Bezeichnung der Ereignisse leitet sich vom Namen des ehemaligen Vorsitzenden des Direktoriums der Ukrainischen Volksrepublik, Symon Petljura, ab. Dieser wurde 1926 von Scholem Schwarzbard, einem Attentäter jüdischer Herkunft, ermordet. Zeitgenössische Darstellungen bezeichneten Schwarzbard teilweise als von der sowjetischen Geheimpolizei OGPU inspiriert oder unterstützt.

Hintergrund Am 21. Juli 1941 besuchte Heinrich Himmler Lemberg und traf dort mit dem Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebiets der Heeresgruppe Süd, General Karl von Roques, zusammen. Möglicherweise nahm auch der Höhere SS- und Polizeiführer an der Südfront, Friedrich Jeckeln, an dem Treffen teil. Über die weiteren Einzelheiten von Himmlers Besuch in Lemberg ist wenig bekannt. Der Historiker Kai Struve bringt die Anwesenheit des Reichsführers SS jedoch mit der Organisation der Petljura-Tage in Verbindung, da ähnliche Besuche Himmlers an anderen Orten der Ostfront im Sommer 1941 häufig zu einer lokalen Eskalation antijüdischer Gewalt durch die deutschen Besatzungsorgane führten.Struve 2016, S. 269–270

Es ist möglich, dass die deutschen Behörden den Ereignissen vom 25. bis 26. Juli 1941 bewusst den Anschein eines Pogroms verleihen wollten. Dies entsprach den Richtlinien Reinhard Heydrichs für die Kriegführung auf dem Gebiet der Sowjetunion, die vorsahen, antijüdische Pogrome durch die örtliche Bevölkerung zu fördern und anzustacheln. Zu diesem Zweck wurden zivile Schlägertrupps mobilisiert. Dazu gehörten ukrainische Bauern aus den umliegenden Dörfern, die mit Alkohol versorgt wurden. Den anschließenden Erschießungen gingen vielfach stundenlange Misshandlungen und schwere körperliche Gewalt gegen die Opfer voraus.Struve 2016, S. 276

Verlauf Am frühen Morgen des 25. Juli 1941 begann die ukrainische Miliz, in jüdische Wohnhäuser einzudringen, Hausdurchsuchungen durchzuführen und Verhaftungen vorzunehmen. Die festgenommenen Juden, überwiegend Männer, wurden auf die Straße getrieben und zunächst zu Polizeistationen der Miliz, von dort weiter in das Gefängnis in der Łącki-Straße gebracht.

Die Milizionäre verfügten über Ausweise, die vom Einsatzkommando Lemberg ausgestellt worden waren, für den Zeitraum vom 25. bis 29. Juli 1941 gültig waren und sie ausdrücklich zu Durchsuchungen und Festnahmen ermächtigten. Begleitet wurden sie von ukrainischen bewaffneten Schlägertrupps. Diese bestanden vor allem aus mit Knüppeln bewaffneten Bauern aus den umliegenden Dörfern, die nach Berichten zuvor von den deutschen Behörden bei einer nächtlichen, alkoholreichen Feier bewirtet worden waren. Nachdem die Täter die von Juden bewohnten Wohnungen betreten hatten, plünderten sie diese und zerstörten das Eigentum der Bewohner.Mazur, Skwara i Węgierski 2007, S. 218–219.Struve 2016, S. 277.Motyka 2006, S. 98

Immer wieder kam es zu Misshandlungen und sogar Tötungen von Juden, die von Milizionären und Schlägertrupps durch die Straßen getrieben wurden. An diesen Gewalttaten beteiligten sich vermutlich auch Angehörige sozialer Randgruppen, darunter vereinzelt Personen polnischer Herkunft. Die Vorgänge erweckten den Eindruck eines Pogroms. Nach Einschätzung des Historikers Kai Struve war die Zahl der Todesopfer in dieser frühen Phase der Ereignisse jedoch noch vergleichsweise gering.Struve 2016, S. 273

Anna Federbusch-Ophir erinnerte sich, dass die Verhaftungen anhand von Bewohnerlisten durchgeführt wurden, die den Gestapo-Behörden von den Hausmeistern der Gebäude übergeben worden warenStruve 2015, S. 422. Darüber hinaus wurden auch Juden festgenommen, die auf der Straße aufgegriffen wurden.

Die zum Gefängnis in der Łącki-Straße gebrachten Gruppen von Juden wurden im Gefängnishof von Ukrainern und Deutschen mit Knüppeln geschlagen. Nach den Misshandlungen trieb man die jeweilige Gruppe in das Gefängnisgebäude und begann anschließend damit, die nächste herangeführte Gruppe zu schlagen. Die Opfer wurden auch innerhalb der Gefängnisräume misshandelt.Struve 2016, S. 270–271

Das Heranführen neuer Opfer zum Gefängnis und die dortigen Misshandlungen dauerten bis zum folgenden Tag an. Während dieser Zeit erhielten die Inhaftierten weder Nahrung noch Wasser. So erinnerte sich der Zeitzeuge Jan Badian an die Ereignisse:

Am 26. Juli führten die Deutschen auf dem Hof des Gefängnisses eine Selektion unter den dort festgehaltenen Juden durch. Angehörige bestimmter Berufsgruppen wurden nach Hause entlassen. Auf diese Weise überlebte unter anderem der Arzt Henryk Baldinger. Den übrigen wurde befohlen, ihre Taschen zu leeren; anschließend wurden sie unter Schlägen auf bereitstehende Lastwagen verladen.

Die Opfer wurden zu den sogenannten „Sandgruben“ bei Lemberg gebracht, einer Sandgrube in der Nähe des Dorfes Lysynytschi. Dort wurden sie höchstwahrscheinlich von Angehörigen des Einsatzkommandos Lemberg erschossen.Hryciuk 2000, S. 205.

Die Exekutionen bildeten den Höhepunkt der Gewaltaktionen während der sogenannten Petljura-Tage und waren Teil der systematischen Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung durch die deutschen Besatzungsbehörden im Sommer 1941.Struve 2016, S. 271, 274

Täter Die Petljura-Tage waren von Anfang bis Ende eine von den deutschen Besatzungsbehörden organisierte Aktion. Die Misshandlungen, Plünderungen und Morde an Juden, die von eigens dafür mobilisierten ukrainischen Gruppen verübt wurden, erfolgten mit Billigung und unter Aufsicht der deutschen Stellen.Jones 1999, S. 52–53

Auch Deutsche beteiligten sich an den Misshandlungen der Opfer im Gefängnis in der Łącki-Straße. Dabei handelte es sich nicht nur um Angehörige der deutschen Sicherheitspolizei, die das Gefängnis kontrollierte, sondern auch um gewöhnliche deutsche Soldaten, denen die Teilnahme von den zuständigen Behörden gestattet wurde. Dies führte schließlich dazu, dass General Karl von Roques am 29. Juli 1941 einen Befehl erließ, der Angehörigen der Wehrmacht die Beteiligung an „Unruhen“ und „Pogromen“ untersagte.Struve 2016, S. 275

Darüber hinaus waren es die Deutschen selbst, höchstwahrscheinlich Angehörige des Einsatzkommandos Lemberg, die die Mehrzahl der verhafteten Juden hinrichteten.

Die ukrainische Miliz, die von der Bandera-Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B) aufgebaut worden war und weiterhin von ihr beeinflusst wurde, unterstand seit dem 2. Juli 1941 operativ der deutschen Sicherheitspolizei. Während der Petljura-Tage übernahmen die ukrainischen Milizionäre die Festnahme von Juden und deren Überführung an bestimmte Orte, darunter das Gefängnis in der Łącki-Straße. Sie waren außerdem an der Misshandlung der Festgenommenen beteiligt.

Die Verfolgung der Juden entsprach den damals von führenden Vertretern der OUN-B vertretenen Auffassungen. Mitte Juli 1941 erklärte Stepan Lenkawskyj auf einer Besprechung in Lemberg: „Was die Juden betrifft, werden wir alle Methoden anwenden, die zu ihrer Vernichtung dienen.“ Jaroslaw Stezko, der von den Deutschen verhaftete Leiter der nur wenige Tage bestehenden ukrainischen Regierung, befürwortete in einem damals für seine Vernehmer verfassten Lebenslauf die deutschen Methoden zur Vernichtung der Juden in der Ukraine.Struve 2016, S. 278

Nach Ansicht der Historiker Kai Struve und John-Paul Himka versuchten die Bandera-Anhänger durch ihre Beteiligung an antijüdischer Gewalt, ihre politische und ideologische Nähe zu Deutschland in der Judenfrage zu demonstrieren. Zugleich wollten sie die Deutschen davon überzeugen, die Errichtung eines ukrainischen Staates unter ihrer Führung zu unterstützen.Himka 2016, S. 304.

Eine wesentliche Rolle bei der Erleichterung und Förderung der Lemberger Pogrome spielte zudem die Propaganda der ukrainischen Nationalisten der OUN-B, die gezielt antisemitische Stimmungen in der Ukraine schürte und verstärkte.

Nach Auffassung von Kai Struve scheiterte der Versuch der Deutschen, die zivile Bevölkerung Lembergs während der Petljura-Tage in größerem Umfang in die antijüdische Gewalt einzubeziehen, weitgehend. Dies stand im Gegensatz zum Lemberger Pogrom Anfang Juli 1941, bei dem sich deutlich mehr Zivilisten an den Ausschreitungen beteiligt hatten.

Struve erklärt diesen Unterschied mit den veränderten Umständen, die Ende Juli 1941 in Lemberg herrschten. Die anfängliche Euphorie über die Befreiung von der sowjetischen Herrschaft war inzwischen abgeklungen. Zudem fehlte der Auslöser für den sogenannten „Volkszorn“, der Anfang Juli noch durch die Entdeckung der Opfer der NKWD-Gefängnismassaker in Lemberg entstanden war. Hinzu kam die wachsende Enttäuschung vieler Ukrainer darüber, dass die Deutschen die von ukrainischen Nationalisten proklamierte ukrainische Staatlichkeit nicht anerkannten.

Diese Faktoren trugen nach Struves Einschätzung dazu bei, dass die deutsche Strategie, die antijüdische Gewalt als spontane Aktion der örtlichen Bevölkerung erscheinen zu lassen und eine breitere Beteiligung von Zivilisten zu erreichen, während der Petljura-Tage deutlich weniger erfolgreich war als bei den vorherigen Ausschreitungen Anfang Juli 1941.Struve 2015, S. 430–432

Opferzahl Historiker gehen davon aus, dass während der Petljura-Tage zwischen 1000 und 2000 Menschen ermordet wurden.

Der Kommandeur des Einsatzkommandos Lemberg, Eberhard Schöngarth, berichtete, dass das Einsatzkommando Lemberg im Zeitraum vom 21. bis 31. Juli 1941 insgesamt 1726 Personen erschossen habe. Da in diesen Tagen keine anderen größeren Massenexekutionen bekannt sind, wird angenommen, dass die Mehrheit dieser Opfer während der Petljura-Tage getötet wurde.

Diese Angaben werden von mehreren Historikern als wichtiger Hinweis auf das Ausmaß der während der Petljura-Tage begangenen Verbrechen herangezogen.Struve 2016, S. 275Encyclopedia of Camps and Ghettos 2012, S. 802.

Literatur Martin Dean, Mel Hecker: Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945. T. II: Ghettos in German-Occupied Eastern Europe. Cz. A. Bloomington and Indianapolis: United States Holocaust Memorial Museum and Indiana University Press, 2012 John-Paul Himka: Pogrom lwowski w 1941 roku. Niemcy, ukraińscy nacjonaliści i miejski tłum. W: Andrzej A. Zięba: OUN, UPA i zagłada Żydów. Kraków: Księgarnia Akademicka, 2016 Grzegorz Hryciuk: Polacy we Lwowie 1939–1944. Życie codzienne. Warszawa: Książka i Wiedza, 2000 Eliyahu Jones: Żydzi Lwowa w czasie okupacji 1939–1945. Łódź: Oficyna Bibliofilów, 199 Grzegorz Mazur, Jerzy Skwara, Jerzy Węgierski: Kronika 2350 dni wojny i okupacji Lwowa 1 IX 1939 – 5 II 1946. Katowice: Unia, 2007 Grzegorz Motyka: Ukraińska partyzantka 1942–1960. Działalność Organizacji Ukraińskich Nacjonalistów i Ukraińskiej Powstańczej Armii. Warszawa: Instytut Studiów Politycznych PAN, Oficyna Wydawnicza RYTM, 2006 Bogdan Musiał: Rozstrzelać elementy kontrrewolucyjne. Brutalizacja wojny niemiecko-sowieckiej latem 1941 roku. Warszawa: Stowarzyszenie Kulturalne Fronda, 2001 Kai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine. Berlin/Boston: Walter de Gruyter GmbH, 2015. Kai Struve: Einsatzkommando Lemberg, ukraińska milicja i „dni Petlury” 25 i 26 lipca 1941 roku. W: Andrzej A. Zięba: OUN, UPA i zagłada Żydów. Kraków: Księgarnia Akademicka, 2016. И.А. Альтман: Холокост на территории СССР: Энциклопедия. Moskwa: Российская политическая энциклопедия (РОССПЭН), Научно-просветительный центр „Холокост”, 2009

Einzelnachweise