Die Artillerie-Inrichtingen (deutsch: Artillerieeinrichtungen), auch bekannt unter den Namen Constructiewerkplaatsen (deutsch: Bauwerkstätten), Staatsbedrijf der Artillerie-Inrichtingen (deutsch: Staatsbetrieb der Artillerieeinrichtungen), Munitiefabriek Hembrug (deutsch: Munitionsfabrik Hembrug), Eurometaal (deutsch: Eurometall), Gereedschapswerktuigenindustrie Hembrug (kurz: Hembrug deutsch: Werkzeugmaschinenindustrie Hembrug), Artillerie Inrichtingen Armaments, ist ein niederländisches Staatsunternehmen von 1679 bis heute mit der Spezialisierung auf Waffen.

Geschichte Gründung Das Jahr 1672 war für die Niederlande das sogenannte Rampjaar, das Katastrophenjahr. Es verdeutlichte dem damaligen König Wilhelm III. von Oranien den katastrophalen Zustand der Armee der Republik der Vereinigten Niederlande. Aus diesem Grund gründete er im Jahr 1677 ein Artilleriekorps. Zwei Jahre später, am 4. August 1679, setzten sich die delegierte Räte der Provinzen Holland und Friesland zusammen und gründeten eine staatliche Lafettenmanufakur in Delft, welche für die Unterstützung des Artilleriekorps mit Ausrüstung und Material versorgen sollte. Neben dieser Fabrik wurde zusätzlich in Den Haag eine Gießerei für schwere Geschütze und in Culemborg eine Gewehrfabrik gegründet. Nachdem im Jahr 1815 die französische Zeit endete, wurde das Königreich der Vereinigten Niederlande gegründet und der Bedarf an einer starken Armee als Schutz vor Frankreich stieg. Unter der Führung von Wilhelm Friedrich Karl von Oranien-Nassau wurden die Artilleriekapazitäten ausgebaut, die Waffenproduktion neu organisiert und direkt dem militärischen Kommando unterstellt.

Delft Die Lafettenmanufaktur in Delft entwickelte sich von 1679 bis 1830 immer weiter und die Kapazitäten wuchsen an. Bereits 1813 wurde ein Dampfmaschine eingeführt, um die Produktion zu unterstützen und zu beschleunigen. Die Produktion umfasste nun nicht mehr nur Lafetten, sondern wurde um Kanonen, Feldartillerie, Gewehre und Militärfahrzeuge erweitert. Produktionen in Lüttich wurden für die Armee wurden nach der Belgischen Revolution 1830 eingestellt und die gesamte Produktion wurde in Delft zusammengefasst. Zusätzlich wurde das Unternehmen umstrukturiert und nicht zum Kerngeschäft gehörige Bereiche wie die Holzbearbeitung ausgegliedert wurden. Dadurch konnte man sich rein auf die Metallverarbeitung konzentrieren.

Die Leitung hatte damals der Oberst der Artillerie Huguenin. Neben Handfeuerwaffen und Munition wurden nun auch Präzisionsinstrumente hergestellt. Um die Maschinen für die eigene Produktion herstellen zu können, begann man 1836 mit der Herstellung von eigenen Drehmaschinen. Dadurch konnten Kosten bei der Wartung und Neubeschaffung von Maschinen und Ersatzteilen eingespart werden. So wurden im Jahr 1850 um die 500 Mitarbeiter beschäftigt und die Fertigungsqualität war sehr hoch.

Im Jahr 1860 wurde eine Fabrik für die pyrotechnische Produktion zur Herstellung von Sprengstoffen gegründet. Bereits im Jahr 1880 verfügte das Unternehmen über ein Logistikzentrum, eine pyrotechnische Schule, eine Gießerei, eine Artilleriewerkstatt, eine Sattlerei, eine mechanische Holzwerkstatt, eine Gewehrwerkstatt und eine Patronenfabrik. Vier Jahre später, 1884, wurde zusätzlich noch eine kleine Stahlgießerei in Betrieb genommen. Damit war es nun möglich, bestimmte militärische Güter aus Stahl herzustellen, welche vorher noch aus Gusseisen oder Schmiedeeisen bestanden.

Hembrug

mini|Produktion von Artilleriegranaten in Zaandam im Jahr 1912 Im Jahr 1887 wurde das Unternehmen dann umbenannt in Artillerie-Inrichtingen und erhielt das Siegelkürzen A.I. Die Produktion war nun nicht mehr auf einem Standort beschränkt, da die Gießerei für schwere Artillerie in Den Haag in Betrieb integriert wurde. Dennoch fehlte es am Standort Delft an Möglichkeiten der Expansion und man setzte sich an Pläne für einen Umzug an einen neuen Standort. Voraussetzungen waren hierbei jedoch die Nähe zur Versorgungslinie nach Amsterdam, welche als Bollwerk für die niederländische Verteidigung vorgesehen war. So fiel die Wahl auf den Standort Hemveld bei Zaandam am Nordseekanal, wo sich bereits mehrere Lagerhäuser der Marine befanden.

mini|Die ehemalige Hembrug über den Nordseekanal Im Jahr 1899 waren alle Pläne erstellt und die Vorbereitungen für einen Umzug nach Hemveld abgeschlossen und durchgeführt. Im Jahr 1904 wurde die Gießerei in Den Haag geschlossen und der Betrieb nach Zaandam verlegt. Um die Versorgung des Werks zu verbessern, wurde im Jahr 1907 eine Eisenbahn-Drehbrücke über den Kanal eröffnet, welche als Hembrug bekannt wurde. Wenig später übernahm das Unternehmen den Namen ebenfalls als Munitiefabriek Hembrug. Der Großteil der Produktion war für Niederländisch-Indien bestimmt, um die dortigen Aufstände der einheimischen Bevölkerung während des Aceh-Krieg und weiteren Konflikten niederzuschlagen.

Im Jahr 1912 wurde die Artillerie-Inrichtingen in einen Staatsbetrieb umgewandelt und als Staatsbedrijf der Artillerie-Inrichtingen bezeichnet. Dadurch wurde das Unternehmen der direkten militärischen Kontrolle entzogen. Zu diesem Zeitpunkt waren um die 1.200 Mitarbeiter im Unternehmen beschäftigt, darunter auch viele Militärangehörige.

Erster Weltkrieg Als im Jahr 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wuchsen die Belegschaft und die Produktion rasch an. Im Jahr 1917 erreichte der Unternehmen mit 8.500 Mitarbeitern den Höchststand. Die Rüstungsproduktion verzehnfachte sich aufgrund der umfangreichen Aufträge für die niederländische Armee und der hohen Verluste während des Krieges.

Zwischenkriegszeit mini|Herstellung von Flakgeschützen im Jahr 1921 Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Gründung des Völkerbundes, sank die Zahl der Beschäftigten bis 1921 auf unter 2.000 Mitarbeiter. Aus diesem Grund und der geringen Nachfrage an Waffen, erwog man die Schließung des Unternehmens. Um die Produktion weiterhin durchführen und schwarze Zahlen schreiben zu können, wurden nun alternativ Kraftfahrzeuge hergestellt und umgebaut. Weiterhin wurden 200 Mitarbeiter für den Posttransport beschäftigt. Jedoch nur bis ins Jahr 1930, da die Mitarbeiter von da an von den Postbehörden übernommen wurden.

Im Jahr 1928 wurde die Organisationsstruktur in eine Aktiengesellschaft überführt, was der Unternehmensleitung mehr operativen Spielraum verschaffte. Dadurch wuchs die Belegschaft wieder an, jedoch nur für kurze Zeit. Im Jahr 1932 wurden nur noch 1.200 Mitarbeiter beschäftigt und das Unternehmen konzentrierte sich auf die Herstellung von Drehmaschinen. Aufgrund der deutschen Aufrüstung ab 1933 wuchs auch die Nachfrage an Waffen und Ausrüstung. Dadurch stiegen die sowohl die Anzahl der Mitarbeiter, als auch die Produktionszahlen wieder deutlich an.

Zweiter Weltkrieg Als die Wehrmacht im Mai 1940 den Westfeldzug begann und in die Niederlande einmarschierte, wurden Pläne laut die Artillerie-Inrichtingen zu schließen und die Anlage und Einrichtungen zu zerstören. Nachdem die deutschen Truppen jedoch deutlich schneller als gedacht vorstießen und das Unternehmen eroberte, wurden die Pläne nicht mehr umgesetzt. Zur damaligen Zeit wurde das Werk von drei Flugabwehr-Maschinengewehrzügen verteidigt. Als neuer Leiter während der deutschen Besatzung wurde Frans den Hollander eingesetzt, welcher allerdings den Kontakt zu niederländischen Exilregierung.

Nachdem die Niederlande kapitulierten, forderten die deutschen Besatzungstruppen die unmittelbare Wiederaufnahme der Waffenproduktion. Den Hollander und seine Vorgesetzten, der General Henri Winkelman und der Generalsekretär Cornelis Ringeling, weigerten sich zunächst. Dennoch begann am 20. Juni 1940 wieder die Produktion. Die Belegschaft schrumpfte massiv und die Leitung versuchte, so viel zivile Produkte und so wenig militärisches wie möglich herzustellen. So wurden 1940 Präzisions-Werkbankschraubstöcke und Fräsmaschinen hergestellt. Darauf folgten Dreh- und Bohrmaschinen im Jahr 1941. Noch im gleichen Jahr wurden alle noch verblieben Gerätschaften und Apparaturen in Delft heimlich demontiert und versteckt. 1944 wurde die Fabrik in Delft dann fast komplett geschlossen, woraufhin die Besatzungstruppen die Anlage und das Gelände vollständig räumten.

Nachkriegszeit Nachdem die Niederlande 1945 befreit wurde, konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden. Unterstützt durch den US-amerikanischen Marshall-Plan, fertigte das Unternehmen nun Landmaschinen an, darunter Sämaschinen, Unkrautjäter und Kartoffelsortiermaschinen. Dadurch konnte die Mechanisierung der Landwirtschaft in der Nachkriegszeit vorangetrieben werden. Aufgrund des Indonesischen Unabhängigkeitskrieges und des Kalten Krieges, bestand erneut eine hohe Nachfrage an Munition und Waffensystemen, welche das Unternehmen zum Teil herstellte. Ab 1969 spezialisiert sich das Unternehmen auf die Fertigung von Präzisionsdrehmaschinen, welche unter dem Namen Mikroturn vertrieben wurden.

Eurometaal Im Jahr 1973 teilte die niederländische Regierung das Unternehmen in zwei eigenständige auf. So entstanden Eurometaal und die Gereedschapswerktuigenindustrie Hembrug. Während Eurometaal auf militärische Güter wie Granaten und Munition befasste, wurden bei der Hembrug weiterhin Präzisionswerkzeugmaschinen hergestellt. Im Jahr 1983 wurde Hembrug privatisiert, woraufhin das Unternehmen nach Haarlem umzog und die Produktion fortsetzte.

Eurometaal strebte ebenfalls den lukrativeren zivilen Markt an und fertigte Komponenten für Autos, Gabelstapler, Melkroboter, Leuchtreklamen, Segelboote und langlebige Schlösser an. Zusätzlich wurde eine Presse zur Herstellung von Münzrohlingen für die niederländischen Münzen beschafft. Einen besonderen technischen Meilenstein erreichte Eurometaal durch die Anschaffung einer 3.000 t schweren Bodenformpresse, welche hinsichtlich der Kapazität und Hublänge die größte ihrer Art in Europa war.

Eurometaal wurde vom deutschen Rüstungsunternehmen Rheinmetall übernommen und stellte 2003 die Produktion ein. Tochterunternehmen wurden ebenfalls geschlossen oder veräußert. Das Ausbildungszentrum Tetrix, welches 1939 aus der Werksschule der Artillerie-Inrichtingen hervorging, befand sich in der ehemaligen Munitionsfabrik auf dem Hembrug-Gelände in Zaandam. 2012 wurde dieser Standort aufgegeben und die Tore geschlossen.

Nach der Schließung der Tore wurde auf dem ehemaligen Gelände der Artillerie-Inrichtingen ein Museum eingerichtet. Dort konnten Besucher Informationen über die dortigen Aktivitäten erhalten, sowie Pläne für die Gegenwart und Zukunft einsehen. Ende 2017 wurde die Sammlung in das Zaans Museum überführt, wodurch das Hembrug-Museum zu einem Außenstandort wurde.

Heute mini|Das Gebäude 429, der Hauptsitz von Euromtaal, erbaut 1955 Das Unternehmen Hembrug setzte die Fertigung von Präzisionsmaschinen weiter fort. Auf dem heutigen Gelände sind heute noch zahlreiche verstreute Industriehallen erhalten geblieben und der Komplex gilt als Industriedenkmal.

Im Jahr 2015 wurde das Unternehmen Artillerie Inrichtingen Armaments erneut als Handelsname registriert und nahm 2022 die Geschäftstätigkeit im Bereich militärische Güter wieder auf. Heute sitzt das Unternehmen in Tilburg und befasst sich seit 2025 mit der Entwicklung und Produktion von Waffen, Munition und verschiedenen Arten unbemannter Systeme.

Literatur

Einzelnachweise

Kategorie:Rüstungshersteller Kategorie:Unternehmen (Zuid-Holland) Kategorie:Unternehmen (Noord-Holland) Kategorie:Unternehmensgründung 1679