mini|Liliane Klein-Lieber Liliane Klein-Lieber (geboren am 2. Juni 1924 als Liliane Lieber in Straßburg; gestorben am 8. Juli 2020 in Paris) war eine französische Widerstandskämpferin der Résistance und engagiertes Mitglied in mehreren Vereinigungen jüdischer Frauen. Sie setzte sich insbesondere für die Organisation Jüdische Pfadfinderinnen und Pfadfinder Frankreichs (Éclaireuses et Éclaireurs israélites de France) ein. Darüber hinaus half sie, jüdische Kinder während der Zeit des Nationalsozialismus in Frankreich vor den Behörden zu verstecken.
Leben
Kindheit Liliane Lieber ist die jüngste Tochter von Germaine Lieber, geborene Wormser, und Ernest Lieber, einem Geschäftsmann, der zum Richter am Straßburger Wirtschaftsgericht berufen wurde. Die Familie gehört dem „Liberalen Judentum“ an (Communauté juive Consistoriale). Beide Elternteile stammen aus alteingesessenen jüdischen Familien, die seit Jahrhunderten im Elsass lebten.
Anfang der 1931er Jahre trat Liliane Lieber der Jüdische Pfadfinderbewegung Frankreichs (Éclaireurs Israélites de France, E.I.F.) bei, die fortan ihre „zweite Familie“ war.Lilianne Klein-Liebe: Témoignage sur les opérations de sauvetage Nach ihren eigenen Worten lernte sie dort das kennen, „was die Begriffe Brüderlichkeit, Solidarität, Gastfreundschaft und Mut bedeuten“. Die Bedrohung für die jüdische Bevölkerung durch den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland ab 1933 war Lieber sehr bewusst, auch weil sie Freundschaften mit jüdischen Flüchtlingskindern aus Deutschland, Österreich und Polen schloss.
Zeit des Zweiten Weltkriegs Ab dem Tag der Kriegserklärung am 3. September 1939 wurde Straßburg evakuiert, ebenso wie alle Ortschaften entlang des linken Rheinufers. Für die Bevölkerung bestand jedoch keine Verpflichtung, das Grenzgebiet zu verlassen. Die Familie Lieber zog noch am 3. September nach Vichy, wo Verwandte lebten. Ernest Lieber blieb jedoch in Straßburg zurück, da er als Getreidehändler die französischen Truppen versorgen musste. Liliane Lieber setzte in Vichy ihre Schulausbildung am Collège de Cusset fort und engagierte sich weiterhin bei den Pfadfinderinnen, wo sie ihren Pfadfindernamen „Luciole“ erhielt. Nach dem Waffenstillstand am 10. Mai 1940 beteiligte sich Lieber gemeinsam mit anderen Jugendlichen an der Unterbringung zahlreicher Menschen, die im Zuge der französischen Fluchtbewegung aus den NS-besetzten Gebieten in Vichy eintrafen („Exode de 1940 en France“, siehe). Im Oktober 1941 vertrieben die Behörden die Familie Lieber aus Vichy. Diese zog zu Verwandten nach Grenoble, die das Elsass bereits nach 1870 verlassen hatten. Grenoble lag nach der Aufteilung Frankreichs bis zum 9. September 1943 in der „freien“ italienischen Besatzungszone.
Robert Gamzon, der 1923 die Pfadfinderbewegung „Éclaireurs Israélites de France“ (E.I.F.) gründeteMémorial de la Shoah: La Résistance Juive mit einem kurzen Porträt von Robert Gamzon und den Aktivitäten der EIF, rekrutierte Liliane Lieber Mitte August 1942 für das jüdische Untergrundnetzwerks La SixièmeZu La Sixième siehe: La Résistance Juive auf der Webseite Mémorial de la Shoah, um an dessen Aufbau mitzuwirken. Dieses Netzwerk versteckte jüdische Kinder und Jugendlicher vor den Nationalsozialisten, betreute sie und hielt den Kontakt unter ihnen aufrecht. Weiter beschaffte das Netzwerk den Kindern gefälschte Ausweise und Lebensmittelkarten, und versuchte deren „jüdische Identität“ während der Zeit im Untergrund zu bewahren.
Am 25. August 1942 wurde Gamzon von regierungskritischen Mitgliedern der damaligen Regierung gewarnt, dass in der gesamten „freien Zone“ Frankreichs für den 26. August umfangreiche Razzien gegen Juden und Ausländer geplant seien. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda Gamzons konnten viele Menschen gerettet werden. In diesem Zusammenhang wurde Lieber zunächst in das Kinderheim von Moissac (Maison des enfants de Moissac) entsandt, das eine der wichtigsten Zufluchtsstätten für jüdische Kinder während des Krieges war. In den Tagen nach dem 26. August versammelten sich dort viele Helfer, um gemeinsam all jenen Menschen zu helfen, die sich nach den Razzien in Lebensgefahr befanden, insbesondere den Kindern.
Später war sie unter dem falschen Namen Lyne Leclerc für La Sixième in die Region Grenoble aktiv. Das von La Sixième betreute Gebiet umfasste die Departements Isère, Savoie, Haute-Savoie sowie den Norden der Drôme. Mit Hilfe des Netzwerk-Garel und der Hilfsorganisation Œuvre de secours aux enfants arbeitete sie bis 1944 als „Sozialarbeiterin“. Lieber suchte nach sicheren Verstecken, beschaffte gefälschte Papiere und Personalausweisen sowie Lebensmittelkarten und Textilgutscheine, manchmal auch Taufscheine. Einmal im Monat besuchte sie „ihre Kinder“. „Glücklicherweise“, so berichtete Lieber, „konnten wir auf die Komplizenschaft der Schulleiter, das Wohlwollen der Bauern, die unsere Jungen für die Feldarbeit einstellten, die Unterstützung nichtjüdischer Pfadfinderbewegungen und die Solidarität protestantischer und katholischer Kreise zählen“. So ermöglichten in Grenoble die Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion, jungen Mädchen in katholischen Familien als Haushaltshilfe zu arbeiten, während Lieber in Voiron und Annecy Jungen in permanenten Lagern der Compagnons de France unterbrachte. Diese Lager wurden von der Vichy-Regierung eingerichtet und dienten der Résistance als Tarnung. Auch der Leiter des Secours National des Gebietes Dauphiné stellte Lieber Hilfsgüter zur Verfügung, ohne weitere Fragen zu stellen. Im Winter 1943/44 zog Lieber selbst mehrfach mit Kindern unter 16 Jahren an die Schweizer Grenze nach Annemasse und übergab dort die Kinder an Georges Loinger, der sie sicher über die Grenze geleitete. Im Frühjahr 1944 floh Liliane Lieber zusammen mit ihrer Mutter von Grenoble zu ihrer Familie in Genf. Doch schon im September 1944, unmittelbar nach der Befreiung der Haute-Savoie, kehrte sie nach Frankreich zurück. Sie half den versteckten Kindern dabei, ihre Familien wiederzufinden. Man geht heute davon aus, dass das Netzwerk La Sixième über 1.500 Kindern das Leben rettete.
Nachkriegszeit Nach der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung zog Lieber nach Paris, wo sie das Abitur (Baccalauréat) nachmachte und eine Ausbildung zur Sekretärin absolvierte. Im Dezember 1944 heiratete sie Théo Klein, einer der Anführer der jüdischen Widerstandsbewegung während der Besatzungszeit. Théo Klein wurde später Rechtsanwalt und Präsident des Conseil représentatif des institutions juives de France (CRIF). Bevor sich das Paar trennte, hatte es drei Söhne.
Liliane Klein-Lieber blieb auch nach dem Krieg in engen Kontakt zu Mitgliedern des Mouvement des Éclaireurs Israélites de France (E.I.F.) und engagierte sich ab Anfang 1960 im Vereinsleben. 1965 gründete sie mit drei Mitgliedern des E.I.F. den Verband Zusammenarbeit unter Frauen (Coopération féminine), in dem ehrenamtlich tätige Jüdinnen in Not geratenen Glaubensgenossen jeden Alters halfen, insbesondere Shoah-Überlebenden und Einwanderern aus Nordafrika. Die Gründung der Coopération féminine wurde vom Fonds Social Juif Unifié (FSJU) unterstützt. Die Coopération féminine gründete 1991 die Einrichtung und Dienst für Hilfe durch Arbeit (Établissement et Service d’Aide par le Travail), eine Einrichtung die Menschen mit leichter geistiger Behinderung unterstützt, indem sie sie in Arbeitsverhältnisse vermittelt.
Klein-Lieber vertrat die französischen Pfadfinderinnen bei der UNESCO. 1979 war sie gemeinsam mit Jacqueline Cousté an der Gründung des Centre national du volontariat (CNV) beteiligt. Klein-Lieber war Mitglied des Nationalen Frauenrats Frankreichs (Conseil national des femmes françaises), stand dem 1991 gegründeten Verband der versteckten Kinder (Association des enfants cachés) vor und gehörte dem Verband Ehemalige jüdische Résistancemitglieder Frankreichs (Anciens de la résistance juive en France) an. Weiter war sie Mitglied in den wissenschaftlichen Ausschüssen der Gedenkstätte Mémorial de la Shoah. Bis zu ihrem Lebensende am 8. Juli 2020 berichtete sie bei zahlreichen Gelegenheiten über den Zweiten Weltkrieg, die Shoah und die Résistance.
Ehrungen Liliane Klein-Lieber erhielt folgende Ehrungen:
Chevalière de la Légion d'honneur Croix du combattant volontaire de la Résistance Médaille de vermeil de la Ville de Paris
Publikationen Klein-Lieber Lilianne: Témoignage sur les opérations de sauvetage. In: Annales. Economies, sociétés, civilisations. 48ᵉ année, N. 3, 1993. pp. 673–678. (Online-Abruf: 2026-08-02) Actes du colloque tenu a Paris le 19 janvier 1997: „Les Eclaireurs Israelites de France durant la Seconde Guerre mondiale“ Special issue of: „Revue d'histoire de la shoah : le monde juif“, No. 161 (Sept.-Dec. 1997), S. 63–66
Einzelnachweise
Kategorie:Mitglied der Ehrenlegion (Ritter) Kategorie:Résistancekämpfer Kategorie:Person des jüdischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus Kategorie:Überlebender des Holocaust Kategorie:Zeitzeuge des Holocaust Kategorie:Judenretter Kategorie:Vereinsfunktionär Kategorie:Person der Pfadfinderbewegung Kategorie:Franzose Kategorie:Geboren 1924 Kategorie:Gestorben 2020 Kategorie:Frau