Knitting Factory (Piano/Quartet) 1994, Vol. 2 ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die 1994 live im New Yorker Veranstaltungsort Knitting Factory entstandenen Aufnahmen erschienen 2000 auf Leo Records. Es ist das Folgealbum zu Knitting Factory (Piano/Quartet) 1994, Vol. 1.
Hintergrund Braxton gab Ende 1994 sein Debüt als Pianist in einer Quartettbesetzung bei einem einwöchigen Engagement in der Knitting Factory, wo das Material für dieses Album mitgeschnitten wurde. Wie bei seinen vorangegangenen Klavieraufnahmen ist Braxtons Repertoire hier „in der Tradition“, merkt Graham Lock an: „ein paar Standards sowie einige Jazzklassiker aus der Zeit von den späten 1940er- bis zu den frühen 60er-Jahren, als er sich als Jugendlicher in diese Musik verliebte“. So finden sich Stücke von Lieblingskomponisten – Miles Davis („Milestones“), Charles Mingus, Thelonious Monk, Benny Golson („I Remember Clifford“) – sowie weitere, bei denen ihn vermutlich die jeweilige Komposition anzog: „Tadd’s Delight“ von Tadd Dameron, „Blue Bossa“ von Kenny Dorham und „Little Niles“ von Randy Weston.
Titelliste Anthony Braxton: Knitting Factory (Piano/Quartet) 1994, Vol. 2 (Leo Records – CD LR 297/298) CD 1 I Love You (Cole Porter) 9:24 Little Niles (Randy Weston) 11:18 I Remember Clifford (Benny Golson) 15:28 Blue Bossa (Kenny Dorham) 12:56 Tadd’s Delight (Tadd Dameron) 11:1
CD 2 Reincarnation of a Lovebird (Charles Mingus) 17:01 For Heaven’s Sake (Donald Meyer, Elise Bretton, Sherman Edwards) 13:12 Brilliant Corners (Thelonious Monk) 12:49 Milestones (Miles Davis) 15:14 Intro to When Sunny Gets Blue (A. Braxton) 2:37 When Sunny Gets Blue (Jack Segal, Marvin Fisher) 13:21
Rezeption François Couture verlieh dem Album in Allmusic vier Sterne und meinte, diese Produktion würde sich aus Braxtons beeindruckendem Werk aus zwei Gründen abheben: Erstens sitze er selbst am Klavier; zweitens habe das Quartett Jazzstandards anstelle seiner eigenen Kompositionen gespielt. Tatsächlich habe der Saxophonist und Pianist mit diesem Klavierquartett alle Anwesenden „in die Jazzschule geführt“. Braxton überschreite – nein, transzendiere – Genregrenzen und bewege sich zwischen Swing, Cool Jazz und Bebop hin und her, ohne dabei jemals seine Liebe zum Free Jazz zu verlieren. Im Grunde genommen würde Braxton alle Jazzeinflüsse seiner musikalischen Ausbildung verarbeiten und daraus eine kraftvolle, authentische Interpretation destillieren. Die Darbietungen des Quartetts könnten mitunter sehr originalgetreu, ja fast schon mainstreamig sein. Diese Momente würden von Marty Erlichs gefühlvollem Saxophonspiel (er ist in Höchstform bei „I Remember Clifford“) und Joe Fondas Bass (mit einem mitreißenden Solo bei „Tadd’s Delight“) getragen. Aber schließlich handle es sich um Braxton, und seine subversive Musiksprache sei nie lange still. Jedes Stück verliere sich mal mehr, mal weniger im Fokus: „Ehrlich spielt vielleicht die Melodie von Cole Porters „I Love You“, doch dann löst sich die Klavierbegleitung auf, Pheeroan AkLaff beginnt, um den Rhythmus herum zu improvisieren, und allmählich gleitet die Band in den Bereich des Free Jazz ab.“ Wenn das Stück aus der Gruppenimprovisation wieder in den Vordergrund trete, sei es möglicherweise nicht mehr dasselbe, da es sich um durchgehende Sets handelt und die Band manchmal wie durch musikalische Osmose von einem Stück zum nächsten übergeht. Knitting Factory (Piano/Quartet) 1994, Vol. 2 sei „eine eindrucksvolle Jazzlektion eines Meisters“. mini|Marty Ehrlich (2011) Bereits die erste CD dieser Konzerte habe sich als eine der aufsehenerregendsten Veröffentlichungen der 1990er Jahre erwiesen, meint Graham Lock in JazzTimes. Sie markierte das erste Mal, dass man ein Braxton Piano-Quartett hören konnte, und insbesondere das erste Mal seit über 20 Jahren, dass man Braxtons Klavierspiel hörte. „Etwas Seltsames und Wunderbares“, wie Stuart Broomer es in seinen CD-Begleittexten beschreibt, „eine Art flirrendes Cluster-Stichspiel, mit Passagen komplexer rhythmischer Verflechtungen, Akkordflügen über die gesamte Klaviatur und eingestreuten dissonanten Ausbrüchen.“ Braxtons Klavierspiel mag an sich schon seltsam klingen – es habe sicherlich kein eindeutiges Vorbild –, aber der Kontext lasse es noch seltsamer erscheinen. Die [aus dem Repertoire] resultierenden Spannungen, die die Gruppe erforsche – zwischen Interpretation und Material, Erwartung und Revision – machten einen Großteil der Faszination der Musik aus.
Der Hauptkontrast [der Gruppe] würde zwischen Marty Ehrlich, dessen ausdrucksstarkes Saxophon- und Klarinettenspiel traditionelle Werte zunächst bekräftige, bevor sie sich (bis zu einem gewissen Grad) weiterentwickeln, und Braxton bestehen, dessen forschendes, turbulentes Klavierspiel Konventionen sofort aufbreche und ungeahnte musikalische Räume eröffne, so Lock weiter. Bassist Joe Fonda und Schlagzeuger Pheeroan AkLaff würden hervorragende Arbeit leisten, indem sie die gemeinsame Basis halten. Zu den Höhepunkten zählten ein reich verziertes „Reincarnation of a Lovebird“ und ein ergreifendes, zartes „When Sunny Gets Blue“. Diese Darbietungen widersetzen sich einer einseitigen Perspektive, Uniformität und einem abgeschlossenen Verständnis. In Braxtons Interpretation überraschten die alten Songs immer wieder; die Vergangenheit habe noch Zukunft.
Einzelnachweise
Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album 2000 Kategorie:Livealbum Kategorie:Anthony-Braxton-Album