mini|Fanny (Flora) Florentin ca. 1941 als Krankenschwester des Griechischen Roten Kreuzes Fanny Florentin (, auch Fanny (Flora) Florentin oder Fanny (Gracia) Matalon; * 24. April 1920 in Thessaloniki; † 4. Juni 2010 in Seattle) war eine griechische jüdische Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg.

Leben

Herkunft und Familie Fanny (Flora) Florentin wuchs in Thessaloniki in einer jüdischen Familie auf. Ihre Eltern waren Irene und Moise Florentin. Sie besuchte die dortige Schule der Mission Laique Francaise. Während des Griechisch-Italienischen Krieges (Oktober 1940 bis April 1941) war sie freiwillige Krankenschwester beim griechischen Roten Kreuz in einem Feldkrankenhaus in Albanien. Oral history interview with Leon Matalon. In: United States Holocaust Memorial Museum, https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn512683, zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026.

Widerstandskampf mini|Gruppenbild von Fanny (Flora) Florentin mit jüdischen Widerstandskämpfern in Zentralmakedonien ca. 1943. (Fanny Nr. 2, Leon Matalon Nr. 3). Unter dem Eindruck der im März 1943 beginnenden Deportationen der Jüdischen Gemeinde Thessalonikis durch die deutsche Besatzung heiratete sie im April 1943 ihren langjährigen Freund Leon Matalon (), der ebenfalls aus einer dort ansässigen jüdischen Familie stammte. Einige Tage nach ihrer Hochzeit schlossen sie sich einer Gruppe von Andarten (Widerstandskämpfern) der Widerstandsorganisation ELAS an, die im Paiko-Gebirge in Zentralmakedonien operierte.

Als Krankenschwester in der 10. Division versorgte Fanny Kranke und Verwundete und bildete junge Frauen aus den Dörfern zu Schwesterngehilfinnen aus. Sie arbeitete u. a. mit einem jüdischen Arzt, Dr. Yanni, zusammen.Steven Bowman: Η Αντίσταση των Εβραίων στην κατοχική Ελλάδα. Aus dem Englischen von Isaak Benmayor, herausgegeben vom Κεντρικό Ισραηλίτικο Συμβούλιο Ελλάδος, Athen 2012, ISBN 978-960-99200-1-8. Fanny galt als unermüdliche Kämpferin: „Sie spornte erschöpfte Nachzügler an, indem sie ihnen Wasser aus einer großen Feldflasche reichte, die sie an ihrem Sanitätsrucksack trug. Sie ging am Ende der Kolonne, um denjenigen aufzuhelfen, die vor Erschöpfung zurückgefallen waren“, schrieb der Widerstandskämpfer Joseph Matsas über sie.Joseph Matsas: The Participation of the Greek Jews in the National Resistance. In: Journal of the Hellenic Diaspora, 17, 1991, S. 55–68. Zitiert in: Ιάσονας Χανδρινός: Συναγωνιστής. Έλληνες Εβραίοι στην εθνική αντίσταση. Μία έκθεση του εβραϊκού μουσείου Ελλάδος. (Ausstellung des Jüdischen Museums Griechenlands vom 16.04.2013–25.04.2014), Athen 2013, S. 9.

Haft und Befreiung Im Juni 1944 geriet Fanny in deutsche Gefangenschaft, als deutsche Truppen die Berge bei Spileo (griechisch: Σπήλαιο, Region Grevena) durchkämmten, wo sich ihr Feldkrankenhaus befand. Obwohl die Andarten frühzeitig gewarnt wurden und sich Ärzte und Krankenschwestern mit den Kranken und Verwundeten in einer Grotte verstecken konnten, wurden sie entdeckt und gefangen genommen. Um als Jüdin der drohenden Exekution durch die Deutschen zuvorzukommen, gab ihr ein Hauptmann der Andarten, Kapetanios Ypsilantis, seine Waffe und riet ihr zur Selbsttötung, was Fanny jedoch nicht befolgte. Die Deutschen brachten sie zunächst in die Stadt Ioannina, wo sie inhaftiert und durch die SS befragt wurde. Über Trikala wurde sie schließlich ins berüchtigte NS-Polizeihaftlager Pavlos MelasValos Kalogrias, Stratos N. Dordanas: Das nationalsozialistische Polizeihaftlager Pavlos Melas in Thessaloniki. Geschichte und Wahrnehmung. In: Alexandra Klei, Katrin Stoll, Annika Wienert (Hrsg.): Die Transformation der Lager. Annäherungen an die Orte nationalsozialistischer Verbrechen. Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1179-3, S. 289–308, zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026.https://arolsen-archives.org/news/keiner-hat-bislang-damit-gearbeitet/ in Thessaloniki gebracht. Die Nachricht über ihre Inhaftierung erreichte ihre Schwester MaddyListen betr. griechischer Juden in Saloniki. Bei einigen sind der Deportationsort und der Ort der Befreiung angegeben, 3.1.1.3/78780184/ITS Digital Archive, Arolsen Archives. , die Fannys Verbindungen beim Internationalen Roten Kreuz zur Kommunikation mit ihr nutzte. Als bekannt wurde, dass Fanny hingerichtet werden sollte, wurde sie von Widerstandskämpfern, die die Gefängniswachen bestochen hatten, befreit.Ρίκα Μπενβενίστε: Αυτοί που επέζησαν, Αντίσταση, εκτόπιση, επιστροφή. Θεσσαλονικείς Εβραίοι στη δεκαετία του 1940. Polis, Athen 2014, ISBN 978-960-435-455-9. Sie entging somit der Exekution im Konzentrationslager Pavlos Melas, wo allein am 6. Juni 1944 110 Häftlinge erschossen wurden.https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/pavlos-melas.html, zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026.

Rückkehr und Emigration Im Oktober 1944 wurde Fanny Florentin mit ihrem Ehemann Leon Matalon wiedervereint, der nach dem Sieg über die Deutsche Besatzung nach Thessaloniki zurückkehrte. Zunächst versuchte das Paar wieder dort Fuß zu fassen, doch die ehemals florierende jüdische Gemeinde der Stadt war nahezu zerstört. In der Zwischenzeit waren Wohnungen, Mobiliar und Besitz durch die deutsche Besatzungsmacht zumeist an christliche Einwohner versteigert worden.Anna Maria Droumbouki: Die schlimmen Zeiten sind nicht vorbei. Jüdisches Leben in Nachkriegsgriechenland 1945 –Mitte der 1980er Jahre. Leipzig 2026, ISBN 978-3-95565-763-5, S. 66. Nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung Thessalonikis war in Konzentrationslager deportiert und vernichtet worden. Von den einst ca. 56.000 jüdischen Einwohnern kehrten nur ca. 2.000 dorthin zurück. Weniger als 5 Prozent überlebten die Shoah. Mark Mazower: Salonica. City of Ghosts. Christians, Muslims and Jews 1430–1950. Harper Perennial, London 2005, S. 442. Auch Fannys Eltern wurden im April 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.Gedenkstätte Yad Vashem: Datenbank der Namen der in der Shoah Ermordeten, collections.yadvashem.org, zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026.

Im Oktober 1951 schifften sich Fanny Florentin, Leon Matalon und ihre 1947 in Thessaloniki geborene Tochter Irene auf dem Schiff „Argentina“ nach New York ein und ließen sich anschließend in Seattle nieder. Dort wurde ihr Sohn Stephen geboren.

Fanny Florentin trat als Zeitzeugin auf und berichtete über ihr Überleben der Shoah.Obituary Fanny Gracia Matalon In: Seattle Times. 13. Juni 2010 (legacy.com).

Hintergrund Im Widerstand gegen die deutsche Besatzung Griechenlands kämpften nach Schätzungen zwischen 30.000 und 60.000 Andarten, Thomas Jander: Partisanenkrieg in Griechenland. Lebendiges Museum Online / Deutsches Historisches Museum, Berlin, 6. September 2002. darunter waren zwischen 1.000 und 3.000 jüdischer Herkunft. Steven Bowman: Greek Jews against the Axis. In: Julius H. Schoeps, Dieter Bingen und Gideon Botsch (Hrsg.): Jüdischer Widerstand in Europa (1933–1945). Formen und Facetten. De Gruyter, Berlin 2016, S. 139–157, ISBN 978-3-11-041512-4. (Open Source: oapen.org PDF), S. 148. Namentlich bekannt sind rund 80 weibliche jüdische Partisaninnen, die als bewaffnete Kämpferinnen, Krankenschwestern, Kurierinnen oder Kontaktpersonen tätig waren.Greek resistance During World War II. (The Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women), zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026. In den geschlechtergemischten Kampfgruppen, die unter kommunistischer Führung der Widerstandsorganisation EAM standen, wurde die Emanzipation der Frau aus der patriarchalisch geprägten griechischen Gesellschaft propagiert. Obwohl dieser Einfluss während des griechischen Bürgerkriegs, der auf das Ende der deutschen Besatzung folgte, zurückgedrängt wurde, hielten die Frauen, die im Widerstand gekämpft hatten, an ihren neu gewonnenen Überzeugungen und Rechten fest.

Siehe auch Dora Bourla Matilda Capon Bourla Daisy Carasso Allegra Felous Sara Fortis.

Literatur Steven Bowman: Η Αντίσταση των Εβραίων στην κατοχική Ελλάδα. Κεντρικό Ισραηλίτικο Συμβούλιο Ελλάδος. Aus dem Englischen von Isaak Benmayor, Athen 2012, ISBN 978-960-99200-1-8. (PDF ). Steven Bowman: Greek Jews against the Axis. In: Julius H. Schoeps, Dieter Bingen und Gideon Botsch (Hrsg.): Jüdischer Widerstand in Europa (1933–1945). Formen und Facetten. De Gruyter, Berlin 2016, S. 139–157, ISBN 978-3-11-041512-4. (PDF ). Anna Maria Droumbouki. "Die schlimmen Zeiten sind nicht vorbei": Jüdisches Leben in Nachkriegsgriechenland 1945 – Mitte der 1980er Jahre. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2026, ISBN 978-3-95565-763-5. Joseph Matsas: The Participation of the Greek Jews in the National Resistance. In: Journal of the Hellenic Diaspora, 17, 1991, S. 55–68. Mark Mazower: Salonica. City of Ghosts. Christians, Muslims and Jews 1430–1950. Harper Perennial, London 2005, S. 442. ISBN 978-0-00-712022-2. Ρίκα Μπενβενίστε: Αυτοί που επέζησαν, Αντίσταση, εκτόπιση, επιστροφή. Θεσσαλονικείς Εβραίοι στη δεκαετία του 1940. Polis, Athen 2014, ISBN 978-960-435-455-9. Ιάσονας Χανδρινός: Συναγωνιστής. Το ΕΑΜ και οι Εβραίοι της Ελλάδας. Psifides, Athen 2020. Ιάσονας Χανδρινός: Συναγωνιστής. Έλληνες Εβραίοι στην εθνική αντίσταση. Μία έκθεση του εβραϊκού μουσείου Ελλάδος. (Ausstellung des Jüdischen Museums Griechenlands vom 16.04.2013–25.04.2014), Athen 2013. (PDF Size: 5,2 MB ).

Weblinks

Greek resistance During World War II. (The Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women), zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026. Interview mit Leon Matalon. In: United States Holocaust Memorial Museum (englisch), zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026. Liste jüdischer Widerstandskämpferinnen in Griechenland (PDF, englisch), zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026. Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945: Gedenkorte Europa 1939–1945., zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026. Ιάσονας Χανδρινός: Συναγωνιστής. Έλληνες Εβραίοι στην εθνική αντίσταση. Μία έκθεση του εβραϊκού μουσείου Ελλάδος. (Broschüre zur Ausstellung des Jüdischen Museums Griechenlands vom 16.04.2013–25.04.2014), Athen 2013 (griechisch), zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026. Συναγωνιστής: Έλληνες Εβραίοι στην Εθνική Αντίσταση, Virtuelle Ausstellung des Jüdischen Museums Griechenlands, Athen 2013 (griechisch), zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026. Συναγωνιστής: Έλληνες Εβραίοι στην Εθνική Αντίσταση, Dokumentarfilm des Jüdischen Museums Griechenlands, o. J. (griechisch), zuletzt abgerufen am 27. Juli 2026.

Einzelnachweise

Kategorie:Person des jüdischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus Kategorie:Überlebender des Holocaust Kategorie:Person (griechischer Widerstand 1941–1945) Kategorie:Griechischer Emigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Grieche Kategorie:Geboren 1920 Kategorie:Gestorben 2010 Kategorie:Frau